Gesellschaft | In der Streitergasse

Kulturelle Auf- oder Abrüstung

Im Mittelpunkt stehen zwei unterschiedliche, vergleichbare Orte: das ehemalige Kasernenareal in Schlanders und die Festung Franzensfeste. Was macht sie so besonders?
Andy Odierno
Foto: Andy Odierno
  • Mitte Mai findet in Schlanders das denk.Mal-Festival der Kreativkultur statt, Mitte Juni eröffnet in Franzensfeste die diesjährige Fort Biennale. Beide von vielen Händen und für viele Soldaten gebauten Kasernenareale haben Geschichte geschrieben. Vor allem auch der Umgang mit ihnen in der Gegenwart. Das SALTO-Podcast-Gespräch zieht sich entlang von Denkmalschutz und Baukultur über den professionellen Umgang mit historischen Großstrukturen von der Vergangenheit in die Gegenwart.

  • Hannes Götsch: „Es gab schon Systemfehler vom Übergang vom Staat auf die Provinz und an die Gemeinde Dass ein solches Ensemble als Ganzes nicht unter Schutz gestellt wird, wäre in anderen Ländern und Nachbarländern nicht vorstellbar.“ Foto: Andy Odierno
  • Hannes Götsch schildert zunächst die internationale Anerkennung für Schlanders und die BASIS, die mit einem europäischen Preis für innovative Entwicklung im Kleinhandel ausgezeichnet wurde. Doch während die BASIS international als Vorzeigeprojekt wahrgenommen wird (vor wenigen Wochen gab es zudem noch eine Anerkennung beim Architekturpreis 2026), stößt sie nicht nur bei alten weißen Männern und längst überholten Ideen eifriger „Immobilienfritzen“ auf Vinschger Gegenwind, sondern auch in der eigenen Gemeindestube in Schlanders und im Landtag.
     

    Eine rein immobiliengetriebene Überbauung bringe nur kurzfristig Rendite, aber keine nachhaltige Entwicklung für Schlanders und das Vinschgau.


    Veränderungsprozesse bräuchten Zeit, gerade wenn sie in historisch belasteten Räumen stattfinden, ist Götsch überzeugt und bleibt weiterhin optimistisch. Er wünscht sich weiterhin einen Ort mit Campus-Charakter, mit einer Mischung aus leistbarem Wohnen, Werkstätten, Bildung und öffentlichem Raum. Eine rein immobiliengetriebene Überbauung bringe nur kurzfristig Rendite, aber keine nachhaltige Entwicklung für Schlanders und das Vinschgau.

  • Karin Dalla Torre: „Wir haben ja auch einen umfassenden Unterschutzstellungsvorschlag vorgelegt, der leider nicht die Zustimmung der Landesregierung gefunden hat.“ Foto: Andy Odierno
  • Karin Dalla Torre bestätigt, dass das Kasernenareal aus denkmalpflegerischer Sicht eindeutig schutzwürdig wäre, allein schon die wunderbar und hochwertig gefertigten Treppenaufgänge. Eine umfassende Bauforschung habe gezeigt, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Militärkomplex handelt, sondern um ein Ensemble mit architektonischer Qualität und besonderer landschaftlicher Einbindung. Das Landesdenkmalamt habe zwar einen Vorschlag zur Unterschutzstellung eingebracht, der jedoch von der Landesregierung nicht angenommen wurde. Formal stehe derzeit nichts unter Schutz. Die Politik wußte es mal wieder besser? Oder war der Druck der Baulobby zu groß?
     

    Historische und politische Belastungen durch neue Nutzungen transformieren.


    Als positives Beispiel nennt Dalla Torre die Umnutzung des ehemaligen Alumix-Gebäudes in Bozen. Auch dieses historisch belastete Gebäude sei nicht nur erhalten, sondern mit Universität, Technologiepark und Kultur neu besetzt worden. Das zeige, so Dalla Torre, dass historische und politische Belastungen durch neue Nutzungen transformiert werden können.

  • Hannes Egger: „Ich weiß, was es körperlich bedeutet, viele Stunden in diesen Gemäuern zu sein.“ Foto: Andy Odierno
  • Im zweiten Teil der SALTO-Streitergasse geht es um die Festung Franzensfeste, das altösterreichische Militärensemble in der geografischen Mitte des Landes. Anders als in Schlanders ist hier eine kulturelle Nutzung sogar Auflage. Hannes Egger spricht über die kommende Biennale in der Festung, die unter dem Titel Reclaiming Collective das Thema Gemeinschaft und Kollektivität verhandelt.
     

    Statt die gesamte Anlage bespielen zu wollen, konzentriert sich das Kuratorenteam, dem Egger angehört, bewusst auf wenige Bereiche. 


    Der Kurator und Künstler beschreibt die Besonderheit und Schwierigkeit des Ortes. Die Festung „verschlinge“ vieles, was in sie hineingetragen wird, deshalb müsse man mit ihr arbeiten, nicht gegen sie. Diese Erkenntnis habe bereits die Manifesta 2008 geprägt, die stark mit Klang statt mit visueller Überfrachtung gearbeitet habe. Auch die neue Biennale folgt diesem Ansatz. Statt die gesamte Anlage bespielen zu wollen, konzentriert sich das Kuratorenteam, dem Egger angehört, bewusst auf wenige Bereiche. Themen wie Spiel, Tanz und Synchronität sollen Formen des Zusammenkommens erfahrbar machen.

  • Ob in der Basis oder in der Franzensfeste: Themen wie Spiel, Tanz, Musik und Gespräche sollen Formen des Zusammenkommens erfahrbar machen. Foto: Andy Odierno
  • Ein Teil der Ausstellung wird beispielsweise verschiedene Tanz-Communities Südtirols zusammenbringen. Die Festung wird somit 2026 mitunter zu einer Art Disco (und die Kapelle im Kasernenhof wohl schon bald dem lokalen wie internationalen Heiligen Giorgio Moroder geweiht werden). Kunst und Kultur machen es möglich. Tanzend.

  • Es diskutieren in der Streitergasse:

    Karin Dalla Torre (Landeskonservatorin)
    Hannes Götsch (BASIS Vinschgau Venosta)
    Hannes Egger (Künstler und Kurator)

  • Zur Folge - all'episodio:

     

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