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Am 12. April wäre Frieda Schuster Oberegelsbacher 100 Jahre alt geworden. Eine Frau, deren Lebensweg beispielhaft zeigt, wie Mut, Beharrlichkeit und ein tiefes Verantwortungsgefühl eine ganze Gemeinschaft prägen können. Heute, mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Geburt, wirkt ihr Engagement weiter – in den Strukturen, die sie aufgebaut hat, in den politischen Wegen, die sie für Frauen geöffnet hat, und in der Erinnerung vieler Kinder, die sie mit Herz und Verstand unterrichtet hat.
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Ein Leben zwischen Krieg, Neubeginn und Verantwortung
Geboren 1926 in Schlanders, wuchs Frieda Schuster in einer Zeit auf, in der politische Unsicherheit, Faschismus und gesellschaftliche Umbrüche den Alltag bestimmten. Als Kind besuchte sie die Katakombenschule in Schlanders und als Tochter einer Optanten-Familie erhielt sie ihre Ausbildung an der Lehrerinnenbildungsanstalt in Innsbruck – bis das Schulgebäude im Dezember 1943 zerbombt wurde. Der Vater wollte sie nun daheim behalten. Sie kämpfte unter Tränen für eine Fortsetzung der Ausbildung. Die Schule musste ins Zillertal ausweichen, wo Frieda kurz vor Kriegsende ihren Matura-Abschluss machte. Mehrere ihrer Lehrerinnen nahmen sich das Leben.
Noch im selben Jahr kehrte sie unter abenteuerlichen Umständen in den Vinschgau zurück und begann in Kortsch zu unterrichten. 48 Schülerinnen in einer Klasse, von der vierten bis zur achten Schulstufe – eine Aufgabe, die Kraft und Ausdauer verlangte. Lehrmittel waren kaum vorhanden. Zehn Jahre blieb sie in Kortsch, bevor sie nach Schlanders wechselte. In jenen Jahren setzte sie sich auch für das SOS-Kinderdorf ein, sammelte Spenden und warb Mitglieder.
1958 heiratete sie den Lehrer August Oberegelsbacher, wurde Mutter von vier Kindern – darunter ein Sohn mit Down-Syndrom – und blieb dennoch berufstätig. Ihre Unabhängigkeit, sagte sie später, sei ihr immer wichtig gewesen. Ein Hausmädchen und die Hilfe ihrer Mutter Kreszentia machten dies möglich. Nach 29 Dienstjahren ging sie mit 48 in Pension. Doch für Frieda war das kein Rückzug, sondern ein Aufbruch.
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Als Frau in die Politik
Als man sie bat, für den Gemeinderat zu kandidieren, zögerte sie zunächst. Hieß es doch auch „Was hat denn eine Frau im Gemeinderat verloren?“. So manche Missstände in der Schul- und Sozialpolitik, die männlich dominierte Gemeindepolitik und die schleppende Entwicklung der „Lebenshilfe“ ließen sie nicht los.
„Zuerst die Männer, dann die Rindviecher und dann erst die Frauen“
Und sie wollte etwas Grundsätzliches verändern: „Zuerst die Männer, dann die Rindviecher und dann erst die Frauen“ – diese Wertigkeitsskala, sagte sie später, habe sie nicht akzeptieren wollen.
1974 kam der Durchbruch: Sie wurde als erste Frau in den Gemeinderat von Schlanders gewählt, und das gleich als Drittplatzierte. Im Gemeindeausschuss übernahm sie die Bereiche Schule, Kultur und Soziales. Unter ihrer Verantwortung entstanden die erste Gemeindebibliothek, die ersten Kinderspielplätze, die Erweiterung des Kindergartens, ein Schulbau am Sonnenberg. Zudem wirkte sie als Friedensrichterin in der Gemeinde Schlanders.
Sie scheute keine Konflikte – sogar ein Misstrauensantrag gegen den amtierenden Bürgermeister und dessen Amtsenthebung gingen auf ihr politisches Engagement zurück.
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Pionierin der Frauenbewegung und der Lebenshilfe
Über ihre Gemeinderatstätigkeit hinaus war Frieda Schuster Oberegelsbacher eine treibende Kraft der Frauenbewegung in Schlanders. Die von ihr organisierten Frauentreffen wuchsen stetig, sodass sie 1976 den ersten SVP-Ortsfrauenausschuss gründete – unterstützt von Landesfrauenreferentin Waltraud Gebert Deeg.
Fast zwanzig Jahre lang wirkte sie zudem im Vorstand der Lebenshilfe Vinschgau. Sie setzte sich unermüdlich für Menschen mit Behinderung ein und spielte eine entscheidende Rolle beim Bau des „Haus der Lebenshilfe“ in Schlanders. Anfang der 1980er Jahre erkundete sie erstmals systematisch im Vinschgau, den Bergregionen und den Nebentälern, wo überall Menschen mit Beeinträchtigung lebten, die von einer neuen Struktur profitieren konnten.
Frieda Oberegelsbacher erachtete die Förderung von Bildung und Ausbildung, besonders auch von Mädchen und Frauen, für unerlässlich. So ermöglichte sie gemeinsam mit ihrem Mann durch einen bescheidenen und selbstlosen Lebensstil den drei Töchtern ein Universitätsstudium und bestärkte sie auf ihrem Lebensweg.
Sie war in der Familie eine liebende Ehefrau und Mutter und organisierte viele herrliche Sommerurlaube für ihre Lieben, zu denen manchmal auch ein Kind aus schwierigen familiären Verhältnissen mitgenommen wurde.
Für ihr Engagement erhielt sie 1993 die Verdienstmedaille des Landes Tirol, 2007 folgte die Ehrenurkunde der Gemeinde Schlanders.
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Wissenschaftliche Anerkennung – und ein Platz im kollektiven Gedächtnis
Dass Frieda Schuster Oberegelsbacher heute auch wissenschaftlich gewürdigt wird, ist ein bedeutender Schritt: Sie wurde in das Verzeichnis der Forschungsarbeit „Frauenbiografien und Straßennamen“ des Kompetenzzentrums für Regionalgeschichte der Freien Universität Bozen aufgenommen – ein Projekt, das Frauen sichtbar macht, die Südtirol geprägt haben.
Gerade zum 100. Geburtstag ist diese Aufnahme ein starkes Zeichen: Ihr Name gehört zu denjenigen, die erinnert, erzählt und gewürdigt werden sollen.
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Ein Appell an die Frauen von heute
Friedas Lebensweg zeigt, wie viel eine einzelne Frau bewirken kann – selbst in Zeiten, in denen ihr kaum Raum zugestanden wurde.
Ihr Beispiel ruft uns zu: Seid euch eures Wertes bewusst. Öffnet die Augen. Bildet euch eine Meinung. Mischt euch ein. Übernehmt Verantwortung. Gestaltet Politik und Gesellschaft mit.
Frauen wie sie haben Türen geöffnet, die heute selbstverständlich erscheinen. Doch sie bleiben nur offen, wenn auch neue Generationen von Frauen hindurchgehen – mutig, selbstbewusst und solidarisch.
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Ein Jahrhundertleben, das weiterleuchtet
Zum 100. Geburtstag erinnern wir uns an eine Frau, die nicht nur für ihre Zeit, sondern auch für unsere Gegenwart Bedeutung hat. Frieda Schuster Oberegelsbacher hat Spuren hinterlassen – in Schlanders, im Vinschgau, im Herzen vieler Schulkinder, in der Lebenshilfe, in der Frauenbewegung und in der politischen Kultur Südtirols.
Ihre Geschichte ist ein Vermächtnis. Und eine Einladung an uns, mit Herz, Mut und Engagement weiterzugehen.
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