40 Jahre Arbeit: dann Armut
-
In Italien wurde die Rente vor dreißig Jahren revolutioniert. Die Dini-Reform von 1995 sollte das Rentensystem des Landes stabilisieren. Die Reform bestand darin, dass man vom Leistungs- zum Beitragsprinzip wechselte. Früher wurde die Rente nach dem Durchschnittsgehalt der letzten Arbeitsjahre und den Dienstjahren berechnet. Im neuen System zählt nur noch, was man während seines Lebens tatsächlich eingezahlt hat. Das klingt erst einmal gerecht. Wenn man aber genauer hinsieht, stellt man fest, dass es auch ein Mechanismus zur Herstellung von sozialer Ungleichheit ist.
Die Idee war damals sicherlich gut, war aber auf den damaligen Arbeitsmarkt zugeschnitten. Heute ist der Arbeitsmarkt aber anders als in den 90er Jahren. Viele Menschen haben unsichere Arbeitsverhältnisse, Niedriglöhne und unfreiwillige Teilzeitarbeit. Für viele werden daher nur geringe Beiträge eingezahlt, und diese bekommen deshalb im Alter eine niedrige Rente. Das Beitragssystem sollte auch die Rente flexibel machen. Wer früher in Rente gehen wollte, sollte das dürfen – gegen weniger Geld. Die Reform sah ursprünglich einen Übergang zwischen 57 und 65 Jahren vor.
Als die Flexibilität konkret zur Sprache kam, griff die Haushaltspolitik ein. Italien hat heute eines der strengsten Rentensysteme in Europa. Die Altersgrenzen wurden aufgrund der steigenden Lebenserwartung immer weiter nach oben geschraubt. Wer früher aufhören möchte, muss zusätzlich eine Rente vorweisen können, die mehr als das Dreifache des Sozialgeldes beträgt. Das betrifft meist nur Menschen, die ihr Leben lang gut verdient haben. Wer arm ist, muss weiter hart arbeiten.
Die höhere Lebenserwartung gilt aber nicht für alle gleichermaßen. Wer arm ist, schwer arbeitet oder in schlechten Verhältnissen lebt, stirbt früher. Wenn das Rentenalter für alle gleichermaßen erhöht wird, beeinträchtigt diese Erhöhung jene, die ohnehin schon benachteiligt sind, meist stärker. Auch werden die eingezahlten Beiträge in eine monatliche Rente umgerechnet. Dabei werden Koeffizienten verwendet, die für alle gleich sind. Wer statistisch gesehen eine kürzere Lebenserwartung hat, bekommt daher insgesamt weniger Geld, auch wenn er gleich viel eingezahlt hat. Langlebigkeit hat laut Statistik auch mit Geld zu tun, und damit ist das System für höhere Einkommen geeigneter.
Es gibt verschiedene Vorschläge, wie man das ändern könnte. Einer davon ist, dass man schon mit 63 in Rente gehen kann, aber mit weniger Geld, und zwar für den Teil, der nach dem alten Recht berechnet wird. Da für neue Rentner immer weniger Jahre im alten System anfallen, wäre dies zwar ein Auslaufmodell, über dessen Gerechtigkeit kann man allerdings streiten. Aber unbeschadet davon wäre vor allem für schwere Arbeiten mehr Flexibilität wichtig. Zwischen einem Manager, der im Büro meist länger durchhält, und einem Bauarbeiter bestehen gravierende Unterschiede!
Der zweite Vorschlag ist die Garantierente. Das ist ein Mindestbetrag, der sich am Beitragssystem orientiert, aber nach unten abgesichert ist. Sie soll mit der Dauer der Arbeit und dem Rentenalter steigen. Das würde die Leute dazu bringen, zu arbeiten und einzuzahlen, und wäre gleichzeitig ein Sicherheitsnetz. Wir fordern schon lange eine Reform in diese Richtung, weil sie eine Antwort auf die veränderte Arbeitswelt darstellen würde.
Außerdem muss man überlegen, wie man das System in Zukunft finanziert. Heute wächst die Wirtschaft dort, wo kaum Menschen beschäftigt werden, wie in digitalen Plattformen und in automatisierten Prozessen, besonders stark. Wenn immer mehr Wertschöpfung ohne Arbeit entsteht, fehlt dem System das Geld. Langfristig wird es nicht anders gehen: Man muss mehrere Arten von Einkommen zur Kasse bitten.
Die Zusatzrente ist keine allgemeingültige Lösung, denn sie ist momentan nur auf Menschen ausgerichtet, die viel verdienen und fest angestellt sind. Wer ein schlechtes Arbeitsverhältnis hat, kann sich schlichtweg keine Zusatzrente leisten. Auch beziehen fast alle Mitglieder die angesparte Summe auf einmal, statt jeden Monat eine Rente zu beziehen. Es ist de facto nur eine andere Art, den TFR anzusparen und auszuzahlen. Es ist kaum eine regelmäßige zusätzliche Einkommensquelle im Alter.
Das System ist stabiler als je zuvor. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass die Rentenausgaben in den nächsten Jahrzehnten sinken werden, obwohl die Bevölkerung altert. Die Rentenbeträge werden in Zukunft geringer ausfallen. Diese Tatsache ist bereits seit vielen Jahren bekannt. Die finanzielle Nachhaltigkeit hat man daher mit sozialer Unsicherheit erkauft.
Das eigentliche Problem der nächsten Jahre ist nicht die Staatspleite durch die Renten, sondern die stille Verarmung einer Generation, die ein Leben lang gearbeitet hat – oft unter schlechten Bedingungen. Das Beitragssystem hat die öffentlichen Haushalte entlastet, aber die Risiken auf jene abgewälzt, die sie am wenigsten kontrollieren können. Wir brauchen eine Kurskorrektur: mehr Flexibilität, eine Mindestsicherung und eine zeitgemäße Finanzierung. Und den Mut, zuzugeben, was die Zahlen längst zeigen: Ein theoretisch gesehen korrektes System sorgt nicht automatisch für Gerechtigkeit im Alter.
Ein Beitrag von Alfred Ebner
-
Weitere Artikel zum Thema
Gesellschaft | DemenzaL’Alzheimer avanza. I loro diritti no.
Gesellschaft | RentenZusatzrente: Der Markt greift jetzt zu
Gesellschaft | Non autosufficienzaCura familiare: finalmente legge, ma…
Früher ist mit 80 % vom…
Früher ist mit 80 % vom letzt-bezogenen Gehalt in Rente gegangen. Das hat dazu geführt, dass im letzten halben Jahr die Löhne kfäftig angehoben wurden, wenn man den Chef nicht umgebracht hat oder mit dem herum-liegenden Geld verschwunden ist!
Inzwischen wurde vom Peterlini die zentral verwaltete Abfertigungs-Kasse erfunden, die in guten Ertrag-reichen Jahren Alles auffrisst + in weniger gutenJahren vom eingezahlten Kapital frisst!
Die bettel-arm gemachten…
Die bettel-arm gemachten unteren Schichten, aber auch eine Mittelschicht die jeden Kreuzer 2 mal umdrehen muss, „sind eine Schande für die derzeitigen Regierenden die sich bei jedem Hauch von Inflation, sich selber einen dicken INFLATIONs-AUSGLEICH verpassen ...!“