Kultur | Nachgelesen

Hut ab Hager

Die Süddeutsche Zeitung befragte Heinz Peter Hager zu René Benkos Machenschaften in Bozen. Wer schweigt, stimmt zu. Oder: Angriff ist die beste Verteidigung?
SALTO

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Die traditionelle Redewendung „Angriff ist die beste Verteidigung“ hört man immer wieder – insbesondere in Zeiten, wenn Fußbälle bei Weltmeisterschaften rollen. Aber nicht nur. Auch in der Politik und im Journalismus bedient man sich dieser Taktik.

Es mag vielleicht Zufall sein, dass just zwei Tage nach dem Erscheinen eines größeren Artikels zweier namhafter und mehrfach ausgezeichneter Wirtschaftsjournalisten der Süddeutschen Zeitung zum Hager-Benko-Bozen-Schlamassel namens Waltherpark das Tagblatt der Südtiroler mit dem Artikel Hotelriese fasst in Südtirol Fuß nachlegt. Um vielleicht den nachvollziehbaren Angriff aus dem Ausland zu verteidigen? Genaues weiß man nicht.
 

Der Begriff „Staubsauger“ war intern die Bezeichnung für diese Praxis des schnellen „Upstreamings“ von Geld.

Freischütz Hager: Neben Frei.Wild hat Südtirol nun auch einen Freischütz. Der Artikel „Wie die Ermittlungen gegen Benko in Italien verpuffen“ erschien auch im Schweizer Tagesanzeiger. Screen SZ

In der Reportage Wie die Ermittlungen gegen Benko in Italien verpuffen schreiben die Autoren Michael Kläsgen und Uwe Ritzer über „das riesige Einkaufszentrum mit Hotel, Tiefgarage, einigen Freizeiteinrichtungen und mehr als 100 Wohnungen.“ Sie berichten auch über Christoph Schöller – ein „alter Freund“ Benkos – und über Heinz Peter Hager, den „Freischütz“, der im Sinn der Oper von Carl Maria von Weber den Pakt mit dem Teufel eingeht und dort „nicht ungestraft“ davonkommt. „Allerdings: Was die Strafe anbetrifft, hinkt die Realität im Moment noch der Oper hinterher“, schreiben die Wirtschaftsjournalisten.

Dass die geschäftlichen Beziehungen zwischen Hager und Benko (bis zum Bruch) sehr eng waren, lässt sich einerseits einfach und glaubhaft nachzeichnen und nacherzählen, andererseits liegt dennoch gar einiges im Dunkeln. Und ob dabei wirklich alles so sauber zuging, fragen sich nicht nur Kläsgen und Ritzer. Wenige Tage zuvor veröffentlichte das Duo unter dem Titel Der Trick mit dem Staubsauger eine Recherche über abstruse Machenschaften innerhalb der Signa-Gruppe zu einem möglichen System, bei dem Investoren- und Projektgelder nicht zweckgebunden in Immobilien flossen, sondern systematisch innerhalb des Konzerns nach oben verschoben wurden. Der Begriff „Staubsauger“ war intern die Bezeichnung für diese Praxis des schnellen Upstreamings von Geld. Mit dem Ausdruck sollte klar kommuniziert werden, dass eingehende Gelder sofort in die Konzernzentrale gezogen werden – oder wohin auch immer.

Neue „Motelkette“: Motel statt Hotel. Schon wieder eine Kette. SALTO/HM

Zu den Vorwürfen in Bozen über „Schmiergeldzahlungen, Scheinrechnungen, Amtsmissbrauch, Dokumentenfälschungen, Bestechlichkeit, Weitergabe von Amtsgeheimnissen oder illegale Parteispenden“ sowie zur „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ bestreiten Benko und Hager alles was geht. „Letzterer ließ eine ausführliche SZ-Anfrage zu den Verfahren und seiner Rolle in Italien unbeantwortet“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Und: „In Kürze könnte jedoch die Entscheidung fallen, ob möglicherweise Anklage gegen ihn, Benko und andere Beschuldigte erhoben wird.“ 
 

Wie häufig hatte er Kontakt zu politischen Entscheidungsträgern in Südtirol, im Trentino und am Gardasee?


Illegale Methoden? Raffinierte Machenschaften? Der Artikel berichtet über weiterlaufende Geschäfte, versteckte Geflechte, über Bürgermeister, Gemeinderäte und Parteispenden. Wer sitzt am Ende „auf der Anklagebank“? Oder gibt es sogar ein politisches „Beben mit unvorhersehbaren Auswirkungen“? Kläsgen und Ritzer zitieren einen Insider: „Vielleicht will man dieses Risiko nicht eingehen, zumal Benko ja keinen Schaden mehr anrichten kann.“ 

Dennoch bleiben viele Fragen. Etwa: Wie würde Herr Hager seine tatsächliche Entscheidungsbefugnis bei Signa Italia beschreiben? Oder: Welche Entscheidungen hat er selbst getroffen, welche wurden von René Benko oder anderen auf Konzernebene vorgegeben? Und: Wie häufig hatte er Kontakt zu politischen Entscheidungsträgern in Südtirol, im Trentino, am Gardasee?

Bevor vielleicht irgendwann Antworten folgen, wird wohl erstmal weitergebaut. In Bozen. Für Bozen. Mit Freischütz Hager (und Robert Pichler) und über die Motel One-Hotelkette. 

Angriff ist eben die beste Verteidigung.