Gesellschaft | Pandemie

Beschädigte Beziehungen

Die neue Eurac-Studie widerspricht dem Bild einer gespaltenen Gesellschaft, aber zeigt angeschlagene persönliche Beziehungen auf.
Geralt via Pixabay

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Die Corona-Pandemie hat Südtirol nicht in zwei unversöhnliche Lager gespalten. Sie hat jedoch tiefe Spuren in den persönlichen Beziehungen hinterlassen. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Studie „Gesellschaftliche Kohäsion nach der Pandemie“ von Eurac Research.

Die Forschenden untersuchten, wie die Bevölkerung heute auf die Pandemie und den politischen Umgang mit ihr zurückblickt. Dafür werteten sie mehr als 4.000 Medienberichte und über 500 amtliche Dokumente aus, führten elf Gruppendiskussionen mit insgesamt 86 Menschen und befragten repräsentativ 1.424 Personen. Ergänzend wurden elf Expertinnen und Experten interviewt, um Handlungsempfehlungen für die Politik zu entwickeln.

Das zentrale Ergebnis widerspricht einem Bild, das die öffentliche Debatte während der Pandemie stark geprägt hatte: jenem einer Gesellschaft, die sich in Maßnahmenbefürworter und Maßnahmengegner, Geimpfte und Ungeimpfte oder „Vernünftige“ und „Querdenker“ aufgeteilt habe.

Die Daten zeigen stattdessen eine breite gesellschaftliche Mitte. 78 Prozent der Befragten lassen sich keinem klaren Lager zuordnen. Sie vertreten zu den verschiedenen Streitfragen der Pandemie unterschiedliche, teilweise unentschiedene oder zurückhaltende Positionen. Nur rund elf Prozent gehören zwei kleinen Gruppen an, die sich sowohl in ihrer Deutung der Pandemie als auch in der Bewertung der politischen Maßnahmen deutlich gegenüberstehen.

Diese Gegensätze lassen sich jedoch nicht eindeutig auf Sprachgruppe, Bildungsniveau oder den Unterschied zwischen Stadt und Land zurückführen. Die beiden Gruppen scheinen laut Studie vielmehr bereits bestehende politische und gesellschaftliche Grundhaltungen in die Bewertung der Pandemie übertragen zu haben.

Die Spaltung wurde aber trotzdem erlebt

Dass sich in den Daten keine zwei großen gegnerischen Lager erkennen lassen, bedeutet jedoch nicht, dass die Erfahrung gesellschaftlicher Spaltung eingebildet gewesen wäre. 62 Prozent der Befragten erinnern die Pandemie als eine Zeit der Spaltung. Etwas mehr als die Hälfte ist der Ansicht, dass diese bis heute fortbesteht.

Der Grund dafür liegt laut Studie vor allem im persönlichen Umfeld. 74 Prozent berichten von Konflikten über Fragen der Pandemie im privaten oder beruflichen Bereich. Bei 41 Prozent haben sich Beziehungen aufgrund dieser Auseinandersetzungen dauerhaft verschlechtert.

Die eigentlichen Brüche verliefen damit weniger zwischen zwei klar voneinander abgegrenzten gesellschaftlichen Blöcken als durch Familien, Freundeskreise und Arbeitsplätze. Wer die Gesellschaft als gespalten wahrnahm, hatte in der Regel selbst wiederholt gestritten. Unter diesen Personen waren es 65 Prozent. Von jenen, die keine Spaltung erkennen, berichteten hingegen nur acht Prozent von wiederkehrenden Auseinandersetzungen.

„Die Diskussionskultur ist uns total abhandengekommen“

Die Forschenden sprechen deshalb von einem strapazierten Beziehungsgefüge. Die Wahrnehmung der Spaltung habe einen realen Kern – dieser liege aber in beschädigten persönlichen Beziehungen und nicht in zwei geschlossenen Meinungslagern.

Erklärt wird die Vielzahl der Konflikte auch mit der damaligen Diskussionskultur. Fragen wie Lockdown, Maskenpflicht oder Impfung waren im Alltag allgegenwärtig. Ihnen auszuweichen oder keine klare Position einzunehmen, war kaum möglich.

Gleichzeitig folgte die öffentliche Debatte häufig einer Lagerlogik. Zweifel, Nachfragen oder abwägende Aussagen wurden demnach weniger nach ihrem konkreten Inhalt beurteilt als danach, welcher Seite sie vermeintlich zuzuordnen waren. „Die Diskussionskultur ist uns total abhandengekommen“, sagte eine Person in den Gruppendiskussionen.

Zur Verschärfung hätten unter anderem die Moralisierung der Impfdebatte und eine teilweise zugespitzte Medienberichterstattung beigetragen. Wer sich äußerte, musste damit rechnen, als Befürworter oder Gegner eingeordnet zu werden. Gerade dieser Bekenntniszwang habe viele persönliche Beziehungen belastet.

Breite Mitte: 78 Prozent der Befragten lassen sich keinem klaren Lager zuordnen. Diagramm/Eurac Research

Kritik an der Umsetzung

Auch der rückblickende Blick auf die politischen Maßnahmen fällt differenzierter aus, als es die Vorstellung zweier Lager vermuten lässt. Die Mehrheit stellt die Gefährlichkeit des Virus nicht grundsätzlich infrage: 58 Prozent halten Covid-19 für deutlich gefährlicher als eine gewöhnliche Grippe. 53 Prozent gestehen der Politik zu, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben. Knapp die Hälfte erkennt zudem den Nutzen der Impfungen an.

Deutlich kritischer fällt hingegen die Bewertung der konkreten Umsetzung aus. 51 Prozent empfinden den damaligen Druck, sich impfen zu lassen, rückblickend als zu hoch. 50 Prozent sind der Meinnung, dass Menschen mit Zweifeln zu schnell stigmatisiert wurden. 44 Prozent halten einzelne Maßnahmen im Nachhinein für überzogen.

Diese Kritik kommt nicht nur von Personen, die der Pandemiepolitik grundsätzlich ablehnend gegenüberstanden. Auch viele Menschen, die sich aus eigener Überzeugung impfen ließen, empfanden den Impfdruck als zu groß. Zustimmung zur grundsätzlichen Notwendigkeit von Maßnahmen und Kritik an ihrer Ausgestaltung schließen sich somit nicht aus.

Viele fühlten sich übergangen

Besonders schwer wiegt laut der Studie das Gefühl vieler Menschen, während der Pandemie weder ausreichend gesehen noch gehört worden zu sein. Politische Entscheidungen orientierten sich vor allem an Infektionszahlen und epidemiologischen Kennwerten. Andere soziale Rollen und Lebenslagen gerieten dabei in den Hintergrund.

Berufstätige Mütter kämpften gleichzeitig mit Arbeit, Betreuung und Homeschooling. Chronisch Kranke wurden als Risikogruppe bezeichnet, ohne als Betroffene in Entscheidungen einbezogen zu werden. Beschäftigte im Verkauf hielten die Grundversorgung aufrecht, fühlten sich aber kaum gewürdigt. Kunst- und Kulturschaffende erlebten die Einteilung in „systemrelevante“ und „nicht systemrelevante“ Tätigkeiten als Abwertung ihrer Arbeit.

Kinder und Jugendliche verloren über längere Zeit ihre sozialen Kontakte. In Pflegeheimen waren Besuche teilweise untersagt, selbst der Abschied von Sterbenden wurde erschwert oder verhindert. Besonders ausgeprägt war das Gefühl der Ausgrenzung bei nicht geimpften Personen, die durch den Green Pass zeitweise von Teilen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen waren.

Die Studie deutet diese Erfahrungen als Missachtung. Gesellschaftlicher Zusammenhalt beruhe wesentlich darauf, dass Menschen das Gefühl hätten, als gleichwertige Mitglieder der Gemeinschaft wahrgenommen zu werden, deren Lage und Beiträge zählen. 69 Prozent der Befragten halten eine kritische Aufarbeitung der Pandemie für wichtig.