Die Gesundheitsreform beginnt erst jetzt
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Jetzt S+ abonnierenEine kleine Wunde, eine Verbrennung, Rückenschmerzen oder ein Insektenstich: Beschwerden, mit denen viele bislang direkt in die Notaufnahme gingen. Seit dem 15. Mai gibt es in Bozen dafür eine weitere Anlaufstelle. Das Bozner Gemeinschaftshaus Löw-Cadonna ist eines von insgesamt 12 Gemeinschaftshäusern, die bis 2028 in Betrieb gehen sollen. In der Struktur wurde auch ein Ambulatorium für kleine Dringlichkeiten eingerichtet. Behandelt werden dort leichtere Beschwerden, die nicht die Mittel eines Krankenhauses erfordern. Wohnortnah und niederschwellig.
An Kritik mangelt es hinsichtlich der neuen Strukturen, die im Zuge der PNRR-Fördermittel realisiert wurden, jedoch nicht. Die Fragen, die im Raum stehen, erscheinen durchaus berechtigt. Wer soll in den neuen Strukturen arbeiten? Wie hoch fallen die Betriebskosten aus? Kreiert man neue Bedürfnisse oder entlastet man die Notaufnahmen wirklich?
SALTO hat einen Blick in die Struktur geworfen und mit den Verantwortlichen gesprochen. Einige dieser Fragen bleiben nach wie vor offen. Aber der Eindruck war ein positiver. Das Gemeinschaftshaus wird gut besucht und die Menschen, die dort arbeiten, investieren viel Leidenschaft. Sie glauben an das Projekt. Ein Projekt, das Medizin und Soziales unter einem Dach vereint, direkten Austausch zwischen Kolleginnen und Kollegen verschiedener Disziplinen ermöglicht und seine Tore und Räume den Menschen des Ortes öffnen soll. Ein Haus für die Menschen.
Was hat sich verändert?
Im Gemeinschaftshaus arbeiten nach Angaben der Geschäftsleitung 37 Ärztinnen und Ärzte und allein im ersten Monat wurden 1.086 Zugänge verzeichnet, im Schnitt etwa 50 am Tag. Im zweiten Monat waren es rund 1.500 Zugänge. Nur ein kleiner Teil der Patienten musste anschließend doch an die Notaufnahme überwiesen werden. Auch auf die Landtagsanfrage des Team-K-Abgeordneten Franz Ploner wurden Zahlen zu den Häusern in Brixen und Klausen ausgegeben: Brixen verzeichnet 300 Zugänge, davon wurden sechs Menschen an die Notaufnahme weitergeleitet. In Klausen gab es 135 Zugänge, davon 5 Weiterleitungen.
Ob damit die Notaufnahme tatsächlich spürbar entlastet wird, lässt sich nach den ersten Monaten allerdings noch nicht sagen, erklärt Alessandra Capici, die geschäftsführende Direktorin des Dienstes für Basismedizin und wohnortnahe Gesundheitsversorgung in Bozen.
Sie erklärt uns auch die Neuerungen: Der frühere Gesundheitssprengel erbrachte nach Angaben der Verantwortlichen jährlich rund 150.000 medizinische Leistungen. „Fachärzte aus der Kardiologie, Dermatologie, Neurologie, HNO, Urologie und Onkologie waren bereits hier tätig. Hinzugekommen sind nun die Basismedizin, Pflege, Radiologie, Hebammen und Sozialdienste“, erklärt Paola Sperindé, Pflegedienstleiterin für Rehabilitation, Hygiene und öffentliche Gesundheit sowie territoriale Dienste im Gesundheitsbezirk Bozen. Den Mehrwert des Ambulatoriums sieht sie vor allem darin, „dass die Ärztinnen und Ärzte, anders als im ärztlichen Bereitschaftsdienst, nicht allein arbeiten, sondern von einer Pflegekraft unterstützt werden“. Eine der Hauptinnovationen am Konzept sei auch der Anspruch, die verschiedenen Gesundheitsleistungen stärker miteinander zu verbinden.
„Ziel ist eine 360-Grad-Versorgung.“
Wer das Haus betritt, soll möglichst viele Antworten an einem Ort finden. Ein praktischer Ansatz, wie Loredana Rodighiero, Pflegekoordinatorin des Gesundheitssprengels Bozen Zentrum–Bozner Boden–Rentsch, erklärt: „Eine Patientin mit Diabetes könnte künftig nicht nur vom Diabetologen untersucht werden, sondern im selben Haus auch Blut abnehmen und Röntgenaufnahmen durchführen lassen sowie von einer spezialisierten Pflegekraft begleitet werden.“ Das Zentrum soll vor allem chronisch Kranke dauerhaft betreuen, und zwar außerhalb des Krankenhauses.
Das gesundheitspolitische Kalkül ist hier, dass sich das Krankenhaus stärker auf akute und komplexe Fälle konzentriert. Vorgesehen sind zunächst strukturierte Versorgungswege für Diabetes, Herzinsuffizienz, chronisch obstruktive Lungenerkrankungen und rheumatische Krankheiten, erklären die anwesenden Ärztinnen und Führungskräfte im Gruppeninterview. Eine Maßnahme, die ihres Erachtens in der Praxis durchaus Sinn mache.
Auch der wiedereröffnete Blutabnahmedienst gehört zum Ausbau. Während der Pandemie war er geschlossen worden. Die stellvertretende Koordinatorin des Gemeinschaftshauses Ingrid Marinello erklärt, dass die Wartezeiten bei der Blutabnahme im Territorium durch den zusätzlichen Dienst von zeitweise rund zehn auf weniger als fünf Tage gesenkt werden konnten. Bei fachärztlichen Leistungen bleibe die Lage dagegen differenzierter. In einzelnen Bereichen fehlt es an Ärzten. Fällt etwa der einzige verfügbare Urologe krankheits- oder urlaubsbedingt aus, kann der Dienst im entsprechenden Ambulatorium noch nicht aufrechterhalten werden.
„Jetzt muss man es konsequent umsetzen“
Auch aus dem Gespräch mit einem dort tätigen Facharzt, der anonym bleiben möchte, geht hervor, dass Gemeinschaftshäuser grundsätzlich der richtige Weg seien. Auf die Umbenennung und Renovierung des früheren Gesundheitssprengels müssten nun jedoch eine angemessene Ausstattung und die konkrete Umsetzung der diagnostisch-therapeutischen Betreuungspfade folgen.
Die Idee, chronisch kranke Menschen außerhalb des Krankenhauses und gemeinsam mit den Hausärztinnen und Hausärzten zu betreuen, sei nicht neu. Die entsprechenden diagnostisch-therapeutischen Betreuungspfade (PDTA) seien seit Jahren vorgesehen und zu einem großen Teil bereits ausgearbeitet. In der Praxis seien sie bislang jedoch nur unzureichend umgesetzt worden. „Jetzt ist die Gelegenheit, sie im Gemeinschaftshaus umzusetzen“, betont der Facharzt. Dafür brauche es eigens ausgebildete Pflegekräfte und spezialisierte Teams für die unterschiedlichen Krankheitsbilder. „Wenn man Qualität in diese Ambulatorien bringen will, muss man sie gut ausstatten.“ Erst dann sei jene ganzheitliche Betreuung möglich, die das Konzept der Gemeinschaftshäuser vorsieht.
„Das Krankenhaus darf nicht länger als einzig verlässlicher Ort medizinischer Versorgung wahrgenommen werden.“
Auch das Ambulatorium für kleine Dringlichkeiten hält der Facharzt, der selbst viele Jahre in der Notaufnahme tätig war, grundsätzlich für eine zielführende Strategie. Verbesserungsbedarf sieht er jedoch bei der instrumentellen Diagnostik. Es brauche unter anderem Ultraschall, radiologische Diagnostik, Röntgen- und Labormöglichkeiten. Das sei auch deshalb notwendig, weil künftig der ärztliche Bereitschaftsdienst (Guardia Medica) in das Ambulatorium integriert werden soll. Die dort tätigen Ärztinnen und Ärzte müssten über eine Ausstattung verfügen, die es ihnen ermöglicht, zuverlässig behandeln zu können.
Der These, man würde mit „kleinen Dringlichkeiten“ neue Bedürfnisse schaffen, anstatt Zugänge abzubauen, steht er skeptisch gegenüber. Die meisten Menschen würden bei akuten Beschwerden ohnehin nach einer schnellen Lösung suchen. Entscheidend sei deshalb, sie an die passende Anlaufstelle zu lenken. Eine harmlose Magen-Darm-Erkrankung gehöre nicht automatisch in die Notaufnahme. Gleichzeitig müsse der Bevölkerung vermittelt werden, dass eine Behandlung außerhalb des Krankenhauses nicht schlechter sei. Andernfalls würden viele Menschen auch weiterhin mit kleineren Beschwerden direkt ins Krankenhaus gehen. „Darin liegt vermutlich die größte kulturelle Aufgabe der Reform: Das Krankenhaus darf nicht länger als einzig verlässlicher Ort medizinischer Versorgung wahrgenommen werden“, erklärt der Facharzt.
Zusätzliche Dienste, gleicher Personalbestand
Die Umbenennung und der Ausbau des ehemaligen Gesundheitssprengels zum Gemeinschaftshaus gingen mit einer Ausweitung der medizinischen Angebote einher. Ein größeres Team wurde dafür bislang jedoch nicht aufgebaut. Die neuen Dienste seien mit „Iso-Ressourcen“, also grundsätzlich mit dem bereits vorhandenen Personal, organisiert worden. Beschäftigte wurden neu eingeteilt, Dienstpläne angepasst und Pflegekräfte auf zusätzliche Aufgaben vorbereitet.
Nur weil die Struktur steht, heißt das nicht, dass nicht mehr daran gebaut werden muss.
Im Gespräch ist die Leidenschaft spürbar, mit der die Verantwortlichen die Idee einer wohnortnahen und ganzheitlichen Versorgung vorantreiben. Niemand sprach von Überarbeitung. Zwischen den Zeilen wird aber auch deutlich, wie viel dieser Aufbau den Beschäftigten abverlangt. Angemessene und verlässliche Personalressourcen würden ihnen nicht nur die notwendige Entlastung verschaffen, sondern auch dazu beitragen, die gemeinsame Vision dauerhaft auf eine tragfähige Grundlage zu stellen. Dennoch ist hier das Argument schlagkräftig: Nur weil die Struktur steht, heißt das nicht, dass nicht mehr daran gebaut werden muss.
Die ersten Monate zeigen letztendlich: Das Ambulatorium wird genutzt, die Bevölkerung nimmt das Angebot an und einzelne Leistungen können näher am Wohnort erbracht werden. Noch ist es zu früh, um Schlüsse über das Gelingen oder Scheitern der Gemeinschaftshäuser zu ziehen, aber die Leidenschaft der Menschen, die in der Struktur arbeiten, macht Hoffnung.
Wenn es auch noch gelingt,…
Wenn es auch noch gelingt, erfahrene Basis/Gemeinde-Ärzte zur Mitarbeit in den Gemeinschs-Häusern zu bewegen, wird die Gesundheits-Versorgung der Bürger verbessert!
Der Artikel ist inhaltlich…
Der Artikel ist inhaltlich sehr interessant, äußerst positiv besetzt, aber viel zu lang!
Ich möchte einen Aspekt aus…
Ich möchte einen Aspekt aus dem Beitrag herausstreichen: Der Autor betont das persönliche Engagement und die Begeisterung der dort tätigen Mitarbeiter.
Was den allgemeinmedizinischen Teil angeht, ist aber geplant, dass eine Vielzahl von Ärzten dort nur stundenweise tätig ist.
Ich halte das für problematisch, weil man so nie den Teamgeist und die Identifikation aufbauen kann, die dafür notwendig ist, so eine Struktur aufs höchste Niveau zu führen.