Immer schön sachte: Reflexartig die Frauenkarte zu spielen, schadet dem Kampf um Gleichberechtigung und Gleichbehandlung. Bild: Canva/ Montage SALTO
Gesellschaft | Fritto Misto

Sachte mit der Frauenkarte!

Sensibilität für Diskriminierung ist zu begrüßen. Aber bitte nicht reflexartig.

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Vor einigen Wochen kam ich mit einem schwarzen Wanderhändler ins Gespräch, bald wollte er mir Firlefanz für die Kinder „schenken“, ich lehnte dankend ab. Die Stimmung schlug schlagartig um: „È perché sono nero!?“, rief er erbost, und uff, dachte ich. Nix wegen nero, ich brauche nicht noch mehr Traggelen im Haus, aber zu spät: Nun war ich also Rassistin.

Der Vorfall kam mir in den Sinn, als sich in den letzten Tagen, zweifellos dem Sommerloch geschuldet, die Meldung über die Bestellung von Helen Seehauser zur neuen Direktorin des Touriseums und die Reaktionen darauf in den Gazetten breitmachten. Ich will jetzt nicht alles aufrollen, Sie können es gern hier nachlesen, aber ganz kurz: Frau Seehauser war zuvor jahrelang Direktorin beim Amt für Zeremoniell, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit im Südtiroler Landtag, dort nicht unumstritten, es gab einen anonymen (sehr unschön) Brief mit noch unschöneren Vorwürfen an die Medien. Die Vorwürfe wurden intern untersucht, konnten laut dem damaligem Landtagspräsidenten Arnold Schuler nicht bestätigt werden, sodass Seehauser in ihrem Amt bestätigt wurde. 

„Wären es Paula Rösch und Hanna Heiss gewesen, würde die Kritik als legitim empfunden (wenn auch schnell mit dem Attribut ‚Zickenkrieg‘ versehen).“

Diese jedoch hatte mittlerweile, der Turbulenzen um ihre Person vermutlich überdrüssig, einen anderen Job ins Auge gefasst, den sie auch bekommt: Mitte Juli wird bekannt, dass Seehauser ab 1. November die lang vakante Stelle als Direktorin des Touriseums in Meran besetzen wird. Fachliche Voraussetzungen für die Führung eines Museums hat die Geisteswissenschaftlerin keine, auch keinerlei Erfahrung in diesem Bereich: Das neue Führungskräftegesetz macht es möglich. Was bei deren Bestellung nun ausschlaggebend ist, ist nicht die Expertise im Fachbereich, sondern Führungs- und Managementkompetenzen, sodass fachfremde Personen problemlos an die Spitze von Bereichen gelangen können, mit denen sie bis dato nichts am Hut hatten. 

Dies anzukreiden, also Seehausers mangelnde fachliche Eignung und Erfahrung für den Job, erdreisteten sich nun zwei Fachleute, die am Aufbau des Touriseums maßgeblich mitgewirkt haben und daher verständlicherweise in Sorge um dessen ohnehin schon auf wackligen Beinen (Besucherschwund) stehende Zukunft sind. Ihr Manko? Sie sind beide männlich und nicht mehr ganz jung, und sofort tut sich das allzu oft leider auch zutreffende Bild von den privilegierten alten weißen Männern auf, die der jüngeren Frau das Amt nicht zutrauen oder gönnen.

Schön blöd. Wären es Paula Rösch und Hanna Heiss gewesen, die die Bestellung Frau Seehausers kritisierten, würde die Kritik als legitim empfunden (wenn auch schnell mit dem Attribut „Zickenkrieg“ versehen), so aber meldeten sich sowohl die Direktorin des Betriebs Landesmuseen Angelika Fleckinger, als auch der Landesbeirat für Chancengleichheit empört zu Wort: Fleckinger zeigte sich in einer Aussendung verwundert, „dass gerade in diesem Fall erneut die Kompetenz und das Entwicklungspotenzial einer Frau infrage gestellt werden“, während man Männern alles zutraue. Der Landesbeirat zeigte sich „in Sorge“ darüber, dass „bei Frauen Kompetenz häufiger markiert und hinterfragt [wird], wodurch der Fokus von Leistung zu geschlechterbezogener Bewertung verschoben wird“. 

Nun kenne ich zumindest einen der beiden Herren gut genug um versichern zu können, dass er diesbezüglich über jeden Zweifel erhaben ist – und die Ernennung eines unerfahrenen Helge Seehausers mindestens ebenso vehement abmahnen würde. Und wurde nicht auch die Bestellung des Informatikers Florian Zerzer zum Chef der Raumordnung allseits scharf kritisiert? Der meines Wissens als Mann durch die Welt geht?  

Wachsamkeit in diesen Belangen ist gut, sie ist auch nötig. Frauen werden nach wie vor benachteiligt und diskriminiert; nicht nur, wenn es um die Karriere geht. Reflexartig aber aufzuschreien, sobald sich bestimmte - mehr oder weniger zufällige - Konstellationen ergeben (Männer/Frau, schwarz/weiß, etc.), schadet dem Kampf um Gleichberechtigung und Gleichbehandlung aber viel mehr, als es ihm nützen würde. Die zu Unrecht des Sexismus oder Rassismus Bezichtigten werden entnervt schweigen, Diskussionen werden abgewürgt, ja unmöglich gemacht, wenn man die Argumente der Kritiker mit einem Pauschalvorwurf, dessen Nichtigkeit zu beweisen ja geradezu aussichtslos ist, niederknüppelt. 

Es ist diskriminierend und sexistisch, wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechts mit Argusaugen beobachtet und härter angegangen werden. Es ist aber nicht minder diskriminierend, wenn sie aufgrund ihres Geschlechts paternalistisch in Watte gepackt und nur mit Samthandschuhen angefasst werden sollen. Wie es sich verhält, das gilt es von Fall zu Fall abzuwägen: Wer die Frauenkarte allzu oft zückt, obwohl die ausschlaggebenden Faktoren nichts mit dem Geschlecht zu tun haben, der nutzt sie ab, macht sie wertlos und spielt so wiederum nur dem Patriarchat in die Hände.