Gesellschaft | Drusus-Kaserne

Kein Überschreiben, sondern Prozess

Seit der Machbarkeitsstudie vor zehn Jahren haben sich die Voraussetzungen für die Entwicklung des Areals stark verändert – jetzt ist es Zeit, neue Leitlinien zu entwickeln und Potenziale nachhaltig zunutzen
Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
Aus der Fotoserie ‚Landing on Earth‘ des Kameramanns und Fotografen Alexander Fontana, im Dialog mit Katharina Volgger
Foto: Aus der Fotoserie ‚Landing on Earth‘ des Kameramanns und Fotografen Alexander Fontana, im Dialog mit Katharina Volgger
  • Die BASIS Vinschgau leistet in vielfacher Hinsicht einen bedeutenden Beitrag zum zeitgenössischen architektonischen und städtebaulichen Diskurs. Auf dem Gelände der ehemaligen Drusus-Kaserne entsteht eine neue Form von Öffentlichkeit – nicht ausschließlich durch planerische Setzungen, sondern durch gelebte Praxis, Aneignung und kontinuierliche Weiterentwicklung. Die Transformation des Areals zu einer Infrastruktur des Austauschs zeigt beispielhaft, wie Architektur nicht nur als gebaute Form, sondern als sozialer Prozess wirksam wird. Nicht große Einzelgesten, sondern „Place Making“ als kollektiver und langfristiger Prozess prägt die besondere Qualität dieses Ortes. Die BASIS Vinschgau ist damit Architektur im Gebrauch – ein Raum, der aktiv von unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren gestaltet wird und gerade dadurch seine gesellschaftliche und räumliche Relevanz entfaltet. Dieser soziale und räumliche Prozess war ausschlaggebend für die Vergabe des Sonderpreises (Architekturpreis Südtirol 2026).

  • Seit der vor rund zehn Jahren erarbeiteten Machbarkeitsstudie haben sich die Rahmenbedingungen für die Entwicklung des Areals wesentlich verändert

     

    Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass sich das ausgezeichnete Projekt und sein Potenzial auf das gesamte Areal beziehen – auf mögliche bauliche Weiterentwicklungen ebenso wie auf den verantwortungsvollen Umgang mit dem Bestand und die Qualitäten der bestehenden und zukünftigen Freiräume. Gebäude, Freiräume und Nutzungen bilden hier eine räumliche und soziale Einheit, deren Qualität sich nur im Zusammenhang entfalten kann. Politik und Verwaltung tragen in diesem Prozess eine besondere Verantwortung: Sie sind nicht nur Rahmengeber, sondern selbst Teil der Entwicklung. Mit der Weiterentwicklung des Kasernenareals hat Schlanders die Chance, eine beispielhafte Rolle in Südtirol und darüber hinaus einzunehmen und ein Modell für eine zukunftsfähige Transformation bestehender Strukturen zu etablieren. Infrastruktur, Expertise und ein bereits aktives Netzwerk sind vorhanden; das gesamte Areal und dessen Umfeld sollten daher konsequent in den Entwicklungsprozess einbezogen werden.

  • Für die Erweiterung des Schulzentrums in Schlanders benötigt das Land Südtirol ein Drittel des großen seitlichen Riegelgebäudes der Drusus-Kaserne, dessen teilweisen Abbruch die Gemeinde vertraglich zugesichert hat. Auf Vorschlag der Bürgermeisterin wurde in der letzten Gemeinderatssitzung jedoch nicht über den vorgesehenen Teilabbruch, sondern über den vollständigen Abbruch dreier Gebäude (Palazzina Comando, der Villa Wielander, der Palazzina Misurat) abgestimmt.

    Mit 15 Stimmen dafür, einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen hat der Gemeinderat von Schlanders vergangene Woche daher für den Abbruch votiert. Somit bleibt vorerst nur der Palazzina Tagliamento erhalten

    Der Artikel richtet sich an EntscheidungsträgerInnen die Teil eines bedeutenden Prozesses werden können.

  • Seit der vor rund zehn Jahren erarbeiteten Machbarkeitsstudie haben sich die Rahmenbedingungen für die Entwicklung des Areals wesentlich verändert. Neben sozioökonomischen Entwicklungen betrifft dies insbesondere den gestiegenen Stellenwert von Ressourcenschonung und dem Erhalt sogenannter grauer Energie, die im bestehenden Gebäudebestand gebunden ist. Gleichzeitig haben Fragen der sozialen Infrastruktur sowie der gemeinschaftlichen Nutzung von Räumen deutlich an Bedeutung gewonnen. Mit der BASIS Vinschgau ist inzwischen ein einzigartiges Projekt auf dem Gelände entstanden, das dem gesamten Tal eine bedeutende soziale und kulturelle Infrastruktur bietet und dessen Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Dieses gewachsene Potenzial sollte daher als Ausgangspunkt weiterer Planungen verstanden werden und nicht isoliert betrachtet werden.

     

    sein Potenzial auf das gesamte Areal beziehen – auf mögliche bauliche Weiterentwicklungen ebenso wie auf den verantwortungsvollen Umgang mit dem Bestand und die Qualitäten der bestehenden und zukünftigen Freiräume

     

    Auch das Verständnis von Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaft hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Gefragt sind heute vielfältige Wohn-, Arbeits- und Infrastrukturmodelle, die unterschiedlichen Bedürfnissen und Lebensrealitäten gerecht werden und neue Formen der Verbindung von Wohnen, Arbeiten und gemeinschaftlichen Nutzungen ermöglichen. Der Fokus liegt zunehmend auf dem Weiterbauen im Bestand und auf der Nutzung von Synergien mit bestehenden Einrichtungen, etwa mit angrenzenden Bildungs- und Infrastruktureinrichtungen wie dem Schulzentrum.In diesem Zusammenhang erscheint es sinnvoll, die bisherigen Planungsgrundlagen zu aktualisieren und in einem kooperativen Werkstattverfahren weiterzuentwickeln. Vergleichbare Prozesse wurden beispielsweise beim Fabric-Areal in Lörrach oder beim Schenoni-Areal in Brixen erfolgreich umgesetzt. Es geht dabei nicht darum, grundlegende Entscheidungen neu zu verhandeln, sondern gezielt Anpassungen vorzunehmen und vorhandene Potenziale zeitgemäß weiterzuentwickeln. Es wäre schade, eine solche wertvolle Gelegenheit ungenutzt zu lassen.

  • Foto: Simon Oberhofer

    Katharina Volgger, katharinavolgger .studio. Lehrende Berlin International for Applied Sciences, ehem. Universität der Künste Berlin und Technische Universität Darmstadt. Vizepräsidentin der Architekturstiftung Südtirol. Jurymitglied des Architekturpreises 2026. Redaktion Turris Babel. u. a. ehemals als Projektleitung des städtebaulichen Verfahrens der ehem. Essohochhäuser in Hamburg für BeL Sozietät für Architektur tätig, wo auch feld72 Architekten involviert war.

  • Vor diesem Hintergrund erscheint ein vorschneller oder umfassender Abbruch zentraler Gebäude des Ensembles – wie etwa der Palazzina Comando, der Villa Wielander, der Palazzina Misurata oder eines der den Hof rahmenden Längsbauten – nicht als zielführender Weg. Nach unserem Kenntnisstand könnten notwendige Flächen für infrastrukturelle Erweiterungen, etwa im Zusammenhang mit schulischen Nutzungen, auch durch gezielte und präzise Teilabbrüche geschaffen werden, ohne die grundlegende räumliche Struktur des Ensembles zu zerstören. Ein differenziertes Vorgehen würde es ermöglichen, funktionale Anforderungen zu erfüllen und gleichzeitig den architektonischen und städtebaulichen Wert der bestehenden Gebäude zu bewahren. Insbesondere die charakteristische Hofstruktur mit ihren flexibel nutzbaren Langhäusern stellt ein wertvolles räumliches Gerüst dar, das langfristige Anpassungen und vielfältige Nutzungen ermöglicht und daher als tragende Qualität des Areals verstanden werden sollte

     

    Der Fokus liegt zunehmend auf dem Weiterbauen im Bestand und auf der Nutzung von Synergien mit bestehenden Einrichtungen

  • Orte wie die BASIS Vinschgau besitzen bereits heute eine bemerkenswerte regionale und internationale Ausstrahlung und stehen exemplarisch für Entwicklungen, die derzeit sowohl „top down“ als auch „bottom up“ im Bereich der Kreativwirtschaft entstehen. Solche Orte sind für die Attraktivität des Wirtschafts- und Lebensstandortes Südtirol von grundlegender Bedeutung. Sie schaffen Räume für Innovation, Kooperation und kulturellen Austausch und tragen dazu bei, junge Menschen vor Ort zu halten und neue Akteurinnen und Akteure anzuziehen. In vielen größeren Städten wird mit erheblichem Aufwand versucht, vergleichbare Strukturen zu etablieren, während mit der BASIS Vinschgau und ähnlichen Initiativen bereits hochwertige Grundlagen vorhanden sind. Dieses Potenzial sollte gestärkt und langfristig gesichert werden.

    Der sensible und verantwortungsvolle Umgang mit dem baulichen Bestand ist zudem ein zentrales Thema der aktuellen Architektur- und Stadtentwicklungsdebatten sowie der europäischen Nachhaltigkeitsstrategien. Die Weiterentwicklung bestehender Strukturen ist nicht nur eine Frage kultureller Identität, sondern zunehmend auch eine ökologische und ökonomische Notwendigkeit. Aus Gründen der Ressourcenschonung wird heute verstärkt angestrebt, mit vorhandenen Strukturen zu arbeiten, anstatt sie zu ersetzen. Gleichzeitig gilt es, die Fehler vergangener Jahrzehnte nicht zu wiederholen, in denen aus kurzfristigen Überlegungen wertvolle Alltagsarchitekturen unwiederbringlich verloren gingen.

  • Foto: Michael Obex

    Michael Obrist, Ordentlicher Professor an der TU Wien und Leiter des Instituts für Architektur und Entwerfen als auch der Forschungsabteilung für Wohnbau und Entwerfen der TU Wien. Gründungspartner von feld72 Architekten. Co-Kurator des Österreichischen Pavillions der Biennale Venedig 2025, welcher die Wohnfrage anhand des Systems Wiens als auch Roms thematisierte

  • Es ist daher von großer Bedeutung, die anstehenden Entscheidungen mit der notwendigen fachlichen und politischen Sorgfalt zu treffen, damit irreversible Eingriffe nicht langfristige Schäden für die Entwicklung des Standortes verursachen – auch im Hinblick auf dessen Außenwahrnehmung. In den letzten Jahren hat sich durch neue Unternehmen, innovative Arbeitsformen und qualitätsvolle Architektur ein zeitgemäßes Bild Südtirols entwickelt, das von einer jungen internationalen ebenso wie von einer lokalen Generation als dynamischer und lebenswerter Raum wahrgenommen wird. Wir möchte Sie daher ermutigen, den eingeschlagenen Ansatz nochmals zu reflektieren und die Chance für eine qualitätsvolle, nachhaltige und langfristig tragfähige Weiterentwicklung des gesamten Areals zu nutzen.