Gesellschaft | Interview

„Altersarmut wird tabuisiert“

Vera Tronti Harpf ist die erste Ombudsfrau für Seniorinnen und Senioren: Sie befürwortet die Altersteilzeit und warnt vor den Folgen einer „radikalen Digitalisierung“.
Bild: Seehauserfoto

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SALTO: Frau Tronti Harpf, Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren für die Südtiroler Volksanwaltschaft, was sind die häufigsten Anliegen?

Vera Tronti Harpf: In den letzten fünf bis zehn Jahren hat sich ganz klar der Trend abgezeichnet, dass sich immer mehr ältere Menschen an die Volksanwaltschaft wenden. Das zeigt sich besonders in den Sprechstunden unserer Büros im ganzen Land, weil sie zu den letzten Orten zählen, zu denen man persönlich hingehen kann. 

„Es ist für sie eine Frage der Würde, nun plötzlich zum Beitragsempfänger zu werden, weil die Pension nicht reicht.“

Wie meinen Sie das genau?

Also ich kann noch persönlich meine Beschwerde vorlegen, ich kann meine Unterlagen zeigen und das wünschen und fordern die Senioren ein. 

Weil Schwierigkeiten mit der Digitalisierung bestehen? 

Das spielt sicher auch eine Rolle, denn mittlerweile kommt man ja fast nirgends mehr hin ohne irgendeine Vormerkung auf irgendeiner Plattform. Die Fragen der Senioren betreffen nicht nur Pflege und Gesundheit, sondern eine vielfältige Bandbreite. Das hängt auch vom Alter ab, ein 65-Jähriger kann noch rüstig sein, ein 100-Jähriger braucht hingegen eher Pflege. Es geht aber auch um Sachwalterschaft, Raumordnung, Wohnungen und Betrugsfälle. 

Zur Person

Vera Tronti Harpf wurde kürzlich vom Landtag zur ersten Ombudsfrau für Seniorinnen und Senioren ernannt. Die 58-jährige Juristin arbeitet bereits seit mehr als 20 Jahre für die Volksanwaltschaft und ist auch Mediatorin der Handelskammer Bozen. Die Mutter von drei Kindern lebt in Bozen.

Für das Jahr 2027 wurde erneut der Maximaltarif in Pflegeheimen auf 84 Euro pro Tag erhöht, wie stehen Sie dazu?

Es ist grundsätzlich ein Riesenproblem, dass Altersarmut noch immer tabuisiert wird. Wir sollten uns als Gesellschaft deshalb Gedanken darüber machen, wie Menschen ihren Lebensabend ohne fremde Hilfe bestreiten können. Denn viele haben ihr ganzes Leben lang gearbeitet und es ist für sie eine Frage der Würde, nun plötzlich zum Beitragsempfänger zu werden, weil die Pension nicht reicht. Zudem kostet hochwertige Pflege. Schon heute stehen Betten in Südtiroler Pflegeheimen leer, weil das Personal fehlt. 

In den letzten zehn Jahren hat sich der Pflegezeitraum verdoppelt, heute werden ältere Menschen im Durchschnitt zehn bis 13 Jahre lang gepflegt…

Es ist anzunehmen, dass sich der Pflegezeitraum weiter verlängert, einfach weil die Medizin die Lebensdauer verlängern kann. Hier eine Patientenverfügung auszufüllen, halte ich für sehr wichtig. Die Frage wäre aber, wie ich älter werden kann, ohne den Pflegezeitraum für mich zu verlängern und vielleicht sogar zu verkürzen. 

Vera Tronti Harpf: „Was sicherlich stimmt, ist, dass die Isolation alter Menschen schneller zu Pflegebedarf führt.“ Seehauserfoto

Durch einen gesunden Lebensstil und viel Sport? 

Ja, wenn es so einfach wäre, dann würden wir alle 100 Jahre alt werden und das in gesundem Zustand. Welche Faktoren die Gesundheit im Alter beeinflussen, ist Gegenstand vieler Spekulationen und wissenschaftlicher Theorien. Was sicherlich stimmt, ist, dass die Isolation alter Menschen schneller zu Pflegebedarf führt. 

Wie kann diese Isolation vermieden werden?

Ich mache Ihnen ein Beispiel. Wenn ich auf eine radikale Digitalisierung setze, dann lasse ich keinen analogen Weg mehr zu. Diese Tendenz ist derzeit zu beobachten. Ich habe gerade von einer Gemeinde gehört, in der man nicht mehr parken kann ohne App. Ein Senior kann dort dann nicht mehr sein Parkticket bezahlen, wenn er einen Ausflug machen will. Solche kleinen Dinge führen dazu, dass sich Menschen zurückziehen. Dann hängt es auch von der Familienkonstellation ab, in der ein Mensch eingebettet ist. 

„In einer nicht verbesserbaren Situation kann ich verstehen, wenn jemand seinem Leben ein Ende setzen möchte.“

Könnte es helfen, Menschen länger im Arbeitsleben zu halten?

Ja, hier gibt es durchaus interessante Modelle wie zum Beispiel die Altersteilzeit. Wer möchte, muss dann nicht automatisch in Pension gehen, sondern kann weiter seinen Beitrag leisten, wenn auch nicht in Vollzeit. Körperlich anstrengende Arbeiten wie auf der Baustelle oder im Kindergarten sind allerdings aus meiner Sicht nicht für die Altersteilzeit geeignet. 

Braucht Südtirol eine eigene Regelung für den medizinisch assistierten Suizid?

Es wäre wünschenswert, wenn es diese Option gäbe. Dann muss man nicht auf eine Regelung auf nationaler Ebene warten. Auch wenn ich der Meinung bin, dass es diese Möglichkeit braucht, soll das nicht heißen, dass sich dann jeder für diese Möglichkeit entscheiden muss. Aber in einer nicht verbesserbaren Situation kann ich persönlich verstehen, wenn jemand seinem Leben ein Ende setzen möchte.