Die Versuchung der 2/3-Mehrheit!
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Nun ist das kaum zu glaubende Ereignis doch noch eingetreten: Viktor Orbán, der seit 16 Jahren in Ungarn regierende Ministerpräsident von der Fidez-Partei, ist von Péter Magyar und dessen Tisza-Partei mit einem Erdrutschsieg abgewählt worden!
Orbán und seine Günstlinge haben es wohl mit der Selbstbereicherung übertrieben, noch dazu haben sie die wirklichen Probleme Ungarns komplett vernachlässigt: Gesundheitswesen, Wirtschaft und Bildung sind offene Baustellen ohne Aussicht auf guten Abschluss.
Aber warum hat es so lange gedauert, bis Orbán besiegt werden konnte? Schon vor vier Jahren, unter dem Herausforderer Marki-Zai sah es fast nach Machtwechsel aus, aber es ist letztlich nicht gelungen!
Der Grund liegt im Wahlgesetz, das Viktor Orbán in den vergangenen Jahren konsequent auf einen massiven Mehrheitsbonus für die stärkste Partei hin umgemodelt hat. Ein zunächst moderater Mehrheitsbonus hat ihm 2014 den Wahlsieg erlaubt und vor allem die zur Verfassungsänderung notwendige 2/3-Mehrheit verschafft. Ab da ging es im Stakkato weiter: Auch ganz normale Verwaltungsgesetze wurden immer häufiger als Verfassungsgesetze formuliert und beschlossen. Es wurde klar, dass damit die Macht von Fidesz immer mehr zementiert werden sollte!
Die letzte Korrektur am Wahlgesetz sah noch mehr Einzelwahlkreise vor, viele kleine, vorzugsweise am Land, unter gleichzeitiger Reduzierung von Wahlkreisen im städtischen Bereich, wo Orbán weniger Wähler hatte. 106 Sitze von 199 werden über diese Wahlkreise ermittelt, in denen das Prinzip des „the winner takes it all“ gilt. Nur 93 Sitze wurden nach dem reinen Verhältniswahlrecht zugeteilt. Insgesamt hat Orbán in den 16 Jahren über 700 Änderungen am Wahlgesetz durchgeführt, alle zu Gunsten seiner Fidesz!
So konnte Orbán mit sicherer Verfassungsmehrheit von zuletzt 135 Sitzen alles tun und lassen, was er und seine Fidesz wollten!
Péter Magyar, der selbst aus der Fidesz kommt, wusste das und hat daher das Unmögliche angestrebt und auch geschafft, nämlich die gesamte Opposition zu einen und zu überzeugen, dass in den Einzelwahlkreisen nur ein einziger Kandidat der Opposition antreten darf, um die Stimmen wirklich zu konzentrieren. Und das ist gestern gelungen!
Was aber ist jetzt die Konsequenz aus dieser Wahl?
Macht Magyar einfach mit dieser bequemen Sitzmehrheit im Parlament weiter, wie es Orbán bisher tat? Er muss das ja fast, um all die rechtsstaatlichen Verformungen, die Orbán mit Verfassungsgesetz geschaffen hat, mit einem ebensolchen wieder abzuschaffen. Das wäre ja durchaus notwendig.
Aber dann bräuchte es den wahren Demokratiehelden Péter Magyar: Er müsste, nach Räumung des Augiasstalles, das Wahlgesetz zurückführen auf einen mitteleuropäischen Standard! D.h. er müsste den gewaltigen Mehrheitsbonus (er selbst hat gestern mit 53% der Stimmen 70% der Sitze erlangt) wieder zurechtstutzen, damit das Parlament in etwa dem prozentuellen Wahlstimmenergebnis entspricht. Diese 70% der Parlamentssitze entsprechen einem Bonus von fast +30% gegenüber dem Wahlstimmenergebnis! Das erfordert ein Höchstmaß an ethischer Gesinnung und Korrektheit, weil er ja damit für die nächste Wahl in 4 Jahren seine eigene Position schwächt, bzw. einen Wahlsieg schwieriger macht.
Aber es würde Ungarn ermöglichen, von diesem brutalen, asymmetrischen 2-Parteiensystem (eine sehr große an der Regierung – eine sehr kleine in der Opposition) wieder zurück zu einem ausgewogeneren Kräfteverhältnis zu kommen, wo eben auch einmal eine Koalition notwendig ist um regieren zu können oder um eine Verfassungsmehrheit bei wichtigen Gesetzen zu erlangen! Denn es tut einem Land nicht gut, wenn gewisse politische Gruppierungen – immer innerhalb des Verfassungsbogens - keine Chance haben, je mitzuregieren.
Diese Wahl in Ungarn zeigt uns, wie gefährlich es ist, wenn Regierungen starke Mehrheitsboni einführen wollen, immer unter dem Motto: „dann gibt es stabilere Verhältnisse“. Die Verhältnisse werden dann so stabil, dass der Wechsel fast ausgeschlossen wird und es den Machthabern ermöglicht, autoritäre Regierungsweisen zu implementieren!
Alle rechten Parteien in Europa sind dieser Versuchung ausgesetzt, auch unsere hier in Italien, selbst die SVP in Südtirol will Wahlkreise so einrichten, dass sie auf ewig die paar Parlamentssitze aus Südtirol bekommt!
Insofern ist das Wahlergebnis in Ungarn ein wahrhaft europäisches Signal mit großer Wirkung auf Europa und die Welt!
Sehr aufschlussreich, wie…
Sehr aufschlussreich, wie sich Orban gezielt und stetig seine Machtposition zurechtgezimmert hat.
Der Bezug zu Italien ist…
Der Bezug zu Italien ist absolut angebracht. Ich habe mich schon gefragt, ob unsere Volkspartei für ihre Alleinvertretung in Rom bereit ist, sogar eine Gefahr für die Demokratie in Italien in Kauf zu nehmen. Im Entwurf des neuen Wahlgesetzes, das Meloni mit der SVP abgestimmt hat, um deren Zusttimmung zu erhalten, sollen nur bei uns die Einmannwahlkreise bleiben. Damit spielt sich die Entscheidung darüber, wer nach Rom geht, weiterhin ausschließlich innerhalb der SVP ab. Das Volk, auch der SVP-Wähler, kann nur mehr abnicken. Für dieses Privileg akzeptiert die SVP eine demokratiepolitisch höchst fragwürdige Mehrheitsprämie, die dem siegreichen Listenbündnis, das mind. 40% der Stimmen erhält, 55% der Sitze verschafft. Das Verfassungsgericht hat ein solches Ausmaß einer Siegprämie bereits in der Vergangenheit für unverhältnismäßig erklärt. Mit 55% der Sitze kann eine Regierungsmehrheit ab dem 4. Wahlgang alleine den Staatspräsidenten wählen und verfügt über die für Verfassungsänderungen notwendige absolute Mehrheit. Dass eine Minderheitenpartei einem potentiell autoritären Systemwandel (Einführung des Premierat mit großen Befugnissen der Exekutive und einem Parlament, das zu deren Vollzugsorgan degradiert wird) den Weg mit bereiten will, ist mehr als bedenklich. Zudem führte dieser Parteiegoismus dazu, das die Stimmen in Südtirol und dem Trentino (als einzige in ganz Italien) nicht für die Vergabe dieser alles entscheidenden Mehrheitsprämie zählen. Ich weiß von vorneherein, wer meinen Wahlkreis gewinnen wird und dass ich nicht zum Erfolg eines der beiden Lager auf gesamtstaatlicher Ebene beitragen kann. Wozu dann noch wählen gehen?, fragen sich dann so manche und der SVP wirds recht sein, denn ihre Wähler werden schon wieder brav den Namen des vorab auserkorenen Kandidaten hinschreiben. Es heißt, die Ministerpräsidentin wäge noch ab, ob ihr nicht doch, das aktuelle Wahlrecht mehr zupass käme, für Südtirol änderte das jedoch nichts.
Die Machthaber in verschiedenen Ländern schneidern sich das Wahlrecht unverschämt zum eigenen Vorteil zu, das haben Meloni, Salvini und die SVP mit Orban und Trump gemein. Für mitteleuropäische Verhältnisse ist so ein Vorgehen einfach nur beschämend und besorgniserregend.
Ein Artikel aus dem ORF zum…
Ein Artikel aus dem ORF zum selben Thema:
https://orf.at/stories/3426741/
Ja dass wenn versucht wird…
Ja dass wenn versucht wird durch allerhand Maßnahmen den politischen Gegner von der Macht fernzuhalten, sich dies schnell gegen einen selbst richtet, wenn sich die Verhältnisse umkehren, das sollte denen zur Warnung dienen die Volkes Stimme konsequent ignorieren und auszutricksen versuchen.
Was Magyar betrifft so wage ich eine Prognose , die aber bekanntlich schwierig ist, wenn sie die Zukunft betrifft:
Magyar ist ein Populist vor dem Herrn, vor allem aber ein Opportunist. Er wird das was ihm nützt beibehalten und für sich verwenden, anderes kann womöglich weg.
Das Streben für das Allgemeinwohl nehme ich ihm nicht ab.
Womöglich wurde der Teufel mit Belzebub ausgetrieben.
Aber wir werden sehen.
Antwort auf Ja dass wenn versucht wird… von Milo Tschurtsch
„... ein Opportunist. Er…
„... ein Opportunist. Er wird das was ihm nützt beibehalten und für sich verwenden, ...“ Also genau wie alle andere heutzutage, rechts und links!