Wo bleibt die Gleichstellung?
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Südtirol spricht gerne von Gleichstellung. Doch wer den Alltag vieler Frauen im Land kennt, weiß: Die Lebensrealitäten unterscheiden sich massiv – besonders zwischen öffentlichem Dienst und Privatwirtschaft.
Statt sich an einzelnen unglücklich formulierten Aussagen eines Bürgermeisters festzuhalten, wäre zu erwarten, dass unsere Gleichstellungsrätinnen jene strukturellen Unterschiede thematisieren, die den Alltag tausender Frauen tatsächlich prägen. Gleichstellung darf nicht dort enden, wo die eigene Berufsrealität beginnt.
Frauen arbeiten aber oft unter Bedingungen, für die es bis heute keine passenden Betreuungsstrukturen gibt.
Während viele Beschäftigte im öffentlichen Dienst mit planbaren Arbeitszeiten und langen Ferienzeiten rechnen können, arbeiten Frauen im Tourismus, im Handel, in der Landwirtschaft und in Familienbetrieben genau dann, wenn andere frei haben: abends, an Wochenenden, an Feiertagen und während der Hauptsaison. Diese Frauen sichern einen wesentlichen Teil der Wertschöpfung unseres Landes – arbeiten aber oft unter Bedingungen, für die es bis heute keine passenden Betreuungsstrukturen gibt.
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Besonders deutlich zeigt sich die Ungleichheit bei der Karenz: Bis zu drei Jahre im öffentlichen Dienst stehen oft nur wenigen Monaten in der Privatwirtschaft gegenüber. Wenn Gleichstellung ernst gemeint ist, braucht es eine einheitliche Karenzregelung von einem Jahr für alle.
Das bedeutet: eine maßvolle Verlängerung der Karenz in der Privatwirtschaft und gleichzeitig eine Anpassung im öffentlichen Bereich. Einseitige Wahlversprechen helfen hier nicht weiter – sie passen nicht zur Arbeitsrealität im Land. Wenn wir weiterhin auf der Komfortschiene bleiben und notwendige Anpassungen vermeiden, braucht man sich nicht zu wundern, dass der Fachkräftemangel immer schwieriger zu bewältigen ist.
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Hinweis
Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag. Er spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
Der Beitrag wurde von uns leicht gekürzt.
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Durch eine einheitliche Karenzzeit von einem Jahr stünden hunderte gut ausgebildete heimische Fachkräfte deutlich früher wieder zur Verfügung – auch in Bereichen wie der Pflege, wo Personal besonders dringend gebraucht wird. Damit ließen sich viele Ersatzlösungen von außen vermeiden und vorhandene Potenziale im eigenen Land endlich besser nutzen.
Das Tourismusland Südtirol braucht eine ganzjährige und ganztägige Kinderbetreuung: sieben Tage die Woche, auch an Wochenenden und Feiertagen.
Eine einheitliche Karenzregelung ist nur dann wirklich tragfähig, wenn gleichzeitig eine ganzjährige und ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut wird – sieben Tage die Woche, auch an Wochenenden und Feiertagen. Gerade in einem Tourismusland wie Südtirol sollte eine solche Betreuung selbstverständlich sein. Mit den bestehenden tourismusbezogenen Einnahmen und Abgaben wäre ein solcher Ausbau auch realistisch finanzierbar. Wenn ein Teil der touristischen Wertschöpfung gezielt in solche Betreuungsstrukturen investiert wird, profitieren alle: junge Familien werden spürbar entlastet, wertvolle heimische Fachkräfte bleiben dem Arbeitsmarkt erhalten, und der Tourismus wird nicht länger als Belastung wahrgenommen, sondern als sichtbarer Beitrag zur Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Genau darin könnte auch ein neues, glaubwürdiges Marketing für Südtirol liegen – eines, das mehr Aufmerksamkeit schaffen würde als jede noch so aufwendig gestaltete Imagekampagne.
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Es darf nicht darum gehen, Familien vorzuschreiben, wie sie ihr Leben gestalten sollen. Entscheidend ist, echte Wahlfreiheit zu ermöglichen. Es muss alles darangesetzt werden, dass Frauen sich mit ihren Kindern nicht aus Mangel an Vereinbarkeit vom Partner abhängig machen müssen. Frauen sollen selbst entscheiden können, ob sie zuhause bleiben möchten oder beruflich unabhängig bleiben wollen.
Mit flexiblen, gestaffelten Arbeitszeiten und verlässlichen Betreuungsmodellen – für Mütter genauso wie für Väter – ist diese Wahlfreiheit sehr wohl möglich. Voraussetzung dafür ist jedoch die Bereitschaft, bestehende starre Strukturen zu hinterfragen und auch Schritte zurückzugehen, um gemeinsam wieder vorwärtszukommen. Mit unveränderten Arbeitsmodellen wird echte Vereinbarkeit nicht gelingen.
Viele der Probleme, über die heute laut geklagt wird, sind hausgemacht. Der Fachkräftemangel ließe sich zumindest teilweise entschärfen, wenn endlich Rahmenbedingungen geschaffen würden, die Frauen eine frühere Rückkehr in den Beruf ermöglichten, statt strukturelle Lücken dauerhaft mit Arbeitskräften von außen zu überdecken.
Ein weiterer Punkt sind die Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst. Warum müssen Bürozeiten weiterhin fast ausschließlich zwischen 9 und 12 Uhr beziehungsweise bis 17 Uhr stattfinden? Warum gibt es nicht längst gestaffelte Modelle – etwa von 7 bis 14 Uhr und von 14 bis 21 Uhr? Solche Lösungen würden Familien echte Wahlmöglichkeiten eröffnen. In vielen Fällen könnte Betreuung innerhalb der Familie organisiert werden, ohne zusätzliche Strukturen aufbauen zu müssen.
Auch das lange Sommerloch im Schul- und Kindergartenbereich passt längst nicht mehr zur Arbeitsrealität vieler Familien.
Statt endlich flexible Arbeitszeiten und ganzjährige Betreuungsangebote in jedem Dorf aufzubauen, wird über Vier-Tage-Woche und längere Karenzzeiten für Väter diskutiert – also darüber, noch mehr Arbeitskräfte aus dem Erwerbsleben herauszunehmen.
Die finanziellen Mittel für den öffentlichen Bereich entstehen schließlich zu einem großen Teil in der Privatwirtschaft.
Die Privatwirtschaft kann diese Entwicklung nicht unbegrenzt mittragen. Gleichstellung funktioniert nur, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruht. Die finanziellen Mittel für den öffentlichen Bereich entstehen schließlich zu einem großen Teil in der Privatwirtschaft. Wer diese Grundlage trägt, darf auch erwarten, dass Unterstützung und Rahmenbedingungen in gleichem Maß zu den arbeitenden Familien zurückkommen.
Gerade deshalb muss sich der öffentliche Dienst stärker an der Arbeitsrealität der Privatwirtschaft orientieren – nicht umgekehrt. Nur so wird es möglich sein, den hohen sozialen und wirtschaftlichen Standard in Südtirol langfristig zu sichern und auch künftig zu finanzieren.
Solange solche naheliegenden Lösungen nicht umgesetzt werden, verschärft sich die Schieflage weiter: Arbeitszeit wird reduziert, Betreuung bleibt unzureichend organisiert und die Belastung jener steigt, die die Wertschöpfung im Land tragen. Unter diesen Bedingungen ist es kein Zufall, dass sich immer mehr Menschen das Leben kaum noch leisten können.
Es ist höchste Zeit, dass die Realität der Frauen in der Privatwirtschaft endlich genauso ernst genommen wird wie jene im öffentlichen Dienst.
Echte Gleichstellung bedeutet nicht gleiche Schlagworte für alle.
Echte Gleichstellung bedeutet gleiche Chancen im Alltag. -
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Im „öffentlichen Dienst ist…
Im „öffentlichen Dienst ist man wegen der trägen bei Untätigkeit, bei Schaffung von passenden Einrichtungen + der Angst vor den sich rabiat an den Schul-Kalender klebenden Tanten,“ auf recht großzügige - aber nicht aus-reichende Karenz-Zeiten gekommen ..., „von denen die privat-Angestellten nur träumen dürfen ...!“
Wegen „den -l e e r-stehenden Einrichtungen (am Nachmittag + im Sommer) ...!!! ...???,“ werden zu viele Frauen gezwungen den Beruf auf zu geben ...!, „mit weit-reichenden Folgen für die sozialen Bindungen + den Lebens-Abend in bitterer Armut ...!“
Sehr guter Artikel…
Sehr guter Artikel.
Gleichstellung für Frauen bedeutet nicht (nur), ihnen männliche Berufs- und Arbeitswelten zu erschließen, sondern dass sie anderen Frauen, etwa in der öffentlichen Verwaltung, bei Arbeitszeit- und Lohnmodellen gleichgestellt sind.
Das hat übrigens auch einen positiven „Impact“ für Männer. Wenn Frau ihrem Beruf oder gar ihrer Berufung nachgehen kann, Kinder haben kann, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Freizeit haben kann, dann funktionieren auch Beziehungen und Ehen besser. Bestenfalls steigt die Geburtenrate, und der Fachkräftemangel löst sich von selbst. Ebenso wird das Verhältnis zwischen Mann und Frau neu definiert. Beide sind auf Augenhöhe, der Respekt voreinander ist gegeben, Trennungen und Scheidungen nehmen ab.
Also eine Win-win-Situation.
Und noch etwas, die Autorin fragt sich in Bezug auf Bürozeiten: „Warum gibt es nicht längst gestaffelte Modelle – etwa von 7 bis 14 Uhr und von 14 bis 21 Uhr?“
Richtig, das frage ich mich schon seit Jahrzehnten, und es tut sich nichts. Außer, dass in der öffentlichen Verwaltung übergreifend seit Kurzem der Freitagnachmittag frei ist (und die Mitarbeiter dafür von Montag bis Donnerstag unflexibler sind und mehr Stunden leisten müssen), hat sich nicht viel getan. Die Homeoffice-Modelle finde ich hingegen gut. Sie wären aber, so vermute ich, nicht eingeführt worden, hätte es die Corona-Zeit nicht gegeben.