Gesellschaft | Kindergärten

„Mehrsprachigkeit ist längst etabliert“

Ist Südtirol reif für die Mehrsprachigkeit in Kindergärten und Schulen? Noch blockt die Landesregierung, aber der Druck „von unten“ wächst.
Kindergarten
Foto: pixabay, tolmacho
  • Nicht nur das Lehrpersonal, auch die Eltern protestierten in den vergangenen Monaten. Speziell in Villanders erhoben Eltern deutschsprachiger Kindergartenkinder zu Beginn des Jahres ihre Stimmen. Die Forderung: Eine italienischsprachige Pädagogin im deutschsprachigen Kindergarten, um frühzeitig und alltagsnah mit der Zweitsprache in Kontakt zu kommen. 

    Viele Eltern vermissen im Dorfalltag nämlich den praktischen Zugang zur italienischen Sprache. Sie wünschen sich für ihre Kinder bessere Möglichkeiten die italienische Sprache zu erlernen, als sie selbst hatten. 

    Was zunächst wie ein Sonderwunsch klingt, hat sich rasch zu einer grundsätzlichen bildungspolitischen Debatte ausgeweitet: Nachbargemeinden, wie Kastelruth oder Lajen äußerten ähnliche Begehren. Die Landesregierung hat diese jedoch bislang abgeblockt.

  • Eltern fordern Mehrsprachigkeit, Land bremst

    Der deutsche Bildungslandesrat Philipp Achammer hatte sich damals zurückhaltend gezeigt. Es fehle an einer gesetzlichen Grundlage für den Einsatz von Personal anderer Sprachgruppen. Zudem warnte er davor, die Kinder in jungen Jahren sprachlich zu überlasten. Vorrang habe im Kindergarten, so der Landesrat, der Aufbau der ersten Bildungssprache.

    Sieglinde Fink, Sprecherin der Villanderer Elterninitiative, argumentierte: „In italienischsprachigen Kindergärten, etwa im ‚Mille Colore‘ in Brixen, arbeiten seit Jahren deutschsprachige Pädagoginnen voll integriert im Alltag. Dort spricht niemand von Überforderung der Kinder.“ 

    Die Opposition griff das Argument der Villanderer Eltern auf. Die Eisacktaler Grünen brachten das ladinische Modell ins Spiel, in dem der Umgang mit drei Unterrichtssprachen seit Jahrzehnten selbstverständlich sei. Der Team-K-Landtagsabgeordnete Alex Ploner will in einer aktuellen Landtagsanfrage wissen, wie das italienische Bildungsressort diese unterschiedliche Herangehensweise bewertet und warum ein mehrsprachiger Ansatz im deutschsprachigen System auf rechtliche und pädagogische Vorbehalte stößt, während die italienische Schule seit Jahren entsprechende Modelle praktiziert.

  • Antwort Galateos auf Landtagsanfrage

    Die Antwort vom italienischen Bildungslandesrat Marco Galateo: „Mehrsprachigkeit ist in den italienischsprachigen Kindergärten längst etabliert, zuerst mit der deutschen Sprache, dann mit der englischen. Seit über 20 Jahren gehört ein Konzept zum Bildungsangebot, das Kinder spielerisch an Deutsch und später auch an Englisch heranführt. Dieses Modell ist fest in den pädagogischen Alltag integriert und zielt darauf ab, Neugier für Sprachen zu wecken und sprachliche Kompetenzen früh zu fördern“. 

    Auf die Frage, ob Daten zu besagtem mehrsprachigen Ansatz des italienischen Systems vorliegen, verweist Galateo auf die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation durch die Freie Universität Bozen im Jahr 2016. Zudem lief von 2020 bis 2022 mit „LangApp“ ein weiteres Forschungsprojekt, das die Qualität des Erlernens von zwei oder mehr Sprachen in den Kindergärten analysierte. Das Ergebnis der Langzeitstudie zeigt auf: Entscheidend für das Erlernen ist die Qualität des Sprach-Inputs, also wie gezielt und pädagogisch fundiert Sprache durch das Kindergartenpersonal vermittelt wird.

    In Meran wird die Einführung eines zweisprachigen Kindergartens nun konkret diskutiert: Stadträtin Antonella Costanzo erklärt: Das Projekt soll als zusätzliches Bildungsangebot breit abgestimmt, wissenschaftlich begleitet und überparteilich umgesetzt werden. 

    Sterzing ging einen Schritt Richtung Mehrsprachigkeit bereits im letzten Jahr und wagte einen nie zuvor dagewesenen Umschwung in seinem Schulressort. Mit Chiara Martorelli übernahm erstmals eine Angehörige der italienischen Sprachgruppe nicht nur die italienischen Kindergärten und Schulen, sondern auch jene der deutschen Sprachgruppe.

    Diese Beispiele zeigen, dass Südtirol den Willen für einen Paradigmenwechsel durchaus zu haben scheint.