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Jetzt S+ abonnieren!Persönliche Assistenz soll Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. In Südtirol gibt es dafür zwar seit Jahren eine rechtliche Grundlage, doch die praktische Umsetzung bleibt schwierig. Das neue Pilotprojekt selAví will das ändern.
Nicht betreut werden, sondern selbst bestimmen, wann, wo, wie und von wem man Unterstützung bekommt, um seinen Alltag zu meistern. Das ist der Grundgedanke persönlicher Assistenz. Für Menschen mit Behinderung kann sie den Unterschied machen zwischen einem Alltag, der von vorgegebenen Strukturen bestimmt wird, und einem Leben, in dem die eigene Entscheidung im Mittelpunkt steht.
Heute wurde im Haus Guggenberg in Brixen das Pilotprojekt selAví vorgestellt. Es soll Menschen mit Behinderung in Südtirol dabei unterstützen, persönliche Assistenz kennenzulernen, zu beantragen, aufzubauen, im Alltag zu organisieren und sich mit Gleichgesinnten darüber auszutauschen. Träger des Projekts ist Kolping Südtirol VFG, finanziert wird es über den Europäischen Sozialfonds ESF+. Während der zweijährigen Laufzeit sollen 20 Personen begleitet werden.
Am Leben orientiert
Hinter selAví stehen die Selbstvertreterinnen und -vertreter Anna Faccin, Heidi Ulm, Silvia Rabanser und Max Silbernagl. Fachlich begleitet wird das Projekt vom Kolping-Projektleiter Anton van Gerven. Das Team erklärt, dass es nicht darum gehe, ein weiteres Betreuungsangebot zu schaffen, sondern darum, Menschen mit Behinderung dabei zu unterstützen, selbst über ihren Alltag zu entscheiden.
Denn persönliche Assistenz unterscheidet sich grundlegend von klassischen Betreuungsmodellen. Die assistenznehmende Person entscheidet nämlich selbst, welche Unterstützung sie braucht: im Haushalt, bei der Körperpflege, in der Freizeit, im Studium oder im Berufsleben. Die Assistenz richtet sich nicht nach der Logik einer Einrichtung, sondern nach dem Leben der betroffenen Person.
„Nur 20 Personen nehmen diese Möglichkeit wahr.“
In Südtirol gibt es die Möglichkeit, persönliche Assistenz zu beantragen, aber nur wenige nehmen dies auch in Anspruch. „Denn auf 1.000 Personen, die in der Tat das Recht auf eine Persönliche Assistenz hätten, nehmen de facto nur 20 Personen diese Möglichkeit wahr“, erklärt Anna Faccin, Präsidentin des Vereins für Schmetterlingskinder DEBRA. Das liege nicht nur daran, dass viele Betroffene gar nicht wissen, dass persönliche Assistenz möglich ist. Es liegt auch an den Hürden, die mit dem derzeitigen Modell verbunden sind. Wer persönliche Assistenz in Anspruch nimmt, wird faktisch selbst zur Arbeitgeberin oder zum Arbeitgeber. Die betroffene Person muss Assistenzen suchen, anstellen, Verträge abschließen, Lohnabrechnungen organisieren, Krankenstände, Urlaub und steuerliche Pflichten mitdenken.
Genau hier setzt selAví an
Das Projekt bietet Beratung, Peer-to-Peer-Gespräche, Informationen zur Finanzierung und Unterstützung bei der Organisation. Menschen, die sich für persönliche Assistenz interessieren, sollen nicht allein vor Formularen, Voraussetzungen und offenen Fragen stehen. Sie sollen mit Personen sprechen können, die diese Erfahrung selbst gemacht haben, erklärt Heidi Ulm, Mitglied im Südtiroler Monitoringausschuss. Sie beschreibt selAví deshalb als Anlaufstelle für Menschen, die persönliche Assistenz überhaupt erst kennenlernen wollen. Die Gesetze könne das Projekt nicht ändern, wohl aber wolle man Orientierung geben: Wer kommt für den Beitrag infrage? Welche Voraussetzungen braucht es? Wie funktioniert die Antragstellung? Und ist persönliche Assistenz überhaupt der richtige Weg für die jeweilige Person?
Gerade die Peer-Beratung sei entscheidend, weil viele Menschen mit Behinderung gar nicht wüssten, was selbstbestimmtes Leben im Alltag konkret bedeuten könne.
Nicht unbekannt, aber doch zu wenig!
Soziallandesrätin Rosmarie Pamer erkennt die zentrale Herausforderung an: In Südtirol gebe es zwar Gesetze, Dienste, Einrichtungen und Beiträge, aber noch keine Struktur, die persönliche Assistenz so organisiert, dass sie für viele Menschen tatsächlich nutzbar wird. Pamer verweist auf das Modell der Tiroler Nachbarn. Dort übernimmt eine Organisation die Anstellung und Vermittlung der Assistentinnen und Assistenten. In Südtirol müsse nun geklärt werden, wie ein solches Modell rechtlich, arbeitsrechtlich und finanziell umgesetzt werden kann.
„Wer rund um die Uhr Unterstützung braucht, kommt mit dem Beitrag oft nicht aus.“
Der bestehende Beitrag für selbstbestimmtes Leben sei bereits um 23 Prozent erhöht worden, erklärt Pamer. Auch die Kosten für die Lohnbuchhaltung könnten inzwischen berücksichtigt werden. Trotzdem nutzen weiterhin nur wenige Menschen diese Möglichkeit. Das zeigt für die Landesrätin, dass es nicht reicht, nur am Beitrag zu schrauben. Es braucht eine andere Schiene, betont die Landesrätin: „Es ist nicht gut, dass der oder die Betroffene auch Arbeitgeberin und Arbeitgeber sein muss. Wir haben keine Struktur, niemanden, der die Aufgaben für sie übernimmt. Wir müssen sehen, wie man das anders organisiert über Vereine oder Genossenschaften.“
Silvia Rabanser, Direktionsmitarbeiterin im Sozialdienst, bestätigt das. Es sei problematisch, wenn Menschen mit Behinderung einerseits bei sehr persönlichen und intimen Tätigkeiten auf Assistenz angewiesen sind und andererseits gleichzeitig als Arbeitgeberinnen und -geber auftreten müssen. Zudem blickt sie kritisch auf das bestehende System. Zwar sei es „wichtig, dass es den Beitrag für persönliche Assistenz gibt, aber es handelt sich um eine Rückerstattung. Die Betroffenen müssen die Kosten zunächst vorstrecken, alles dokumentieren und ihren Bedarf gegenüber den zuständigen Stellen darlegen. Die Realität des Alltags lässt sich aber nicht immer einfach in Formulare zwängen“.
Nach Angaben von Silvia Rabanser kann der anerkannte Jahresbetrag im Höchstfall bei rund 64.000 Euro inklusive Pflegegeld liegen. Die Leistung wird jedoch individuell berechnet und als Rückerstattung bis zu einem vom Sozialsprengel festgelegten Höchstbetrag ausbezahlt. Im Jahr 2025 wurden laut Provinz durchschnittlich eine finanzielle Leistung in der Höhe von 23.500 Euro ausbezahlt. „Es stimmt auch, dass der Beitrag nochmals erhöht worden ist. Wer aber rund um die Uhr Unterstützung braucht, kommt mit dem Beitrag oft nicht aus“, so Rabanser.
Langfristig soll selAví deshalb mehr sein als eine Beratungsstelle, erklärt sie: „Ziel ist der Aufbau einer Struktur, die persönliche Assistenz vermittelt und organisiert. Denkbar wäre etwa ein Verein, eine Genossenschaft oder eine andere Organisation, die Assistentinnen und Assistenten anstellt und sie an Menschen mit Behinderung vermittelt.“ Damit würde die Arbeitgeberrolle nicht mehr allein bei den Betroffenen liegen, betont sie.
Die kommenden zwei Jahre sollen deshalb nicht nur dazu dienen, einzelne Personen zu beraten. Sie sollen auch zeigen, wie persönliche Assistenz dauerhaft in Südtirol verankert werden kann. Dazu gehören ein Assistenzpool, ein Online-Tool zur Organisation, der Austausch mit Fachstellen im In- und Ausland sowie die Vernetzung mit Diensten, Verwaltung und Politik.
Kommentare
Des isch amol a tolle…
Des isch amol a tolle Initiative! Und höchst notwendig - Personen, de eigentlich die kognitiven Fähigkeiten hätten, sich ihr Leben selber zu organisieren, sein oft gezwungen, in an Einrichtung zu leben, wo va dr Struktur viel schon vorgegeben isch und wenig Möglichkeiten für a individuelle Lebensgestaltung sein