Der Wiener Verein dérive (der Name wird französisch ausgesprochen) betreibt seit dem Jahr 2000 interdisziplinäre Stadtforschung und gibt auch eine Zeitschrift heraus, die vierteljährlich erscheint. Christoph Laimer ist Mitglied des Vereinsvorstandes und Chefredakteur der Zeitschrift. Wir haben ihn zum Interview getroffen.
Guten Tag, Herr Laimer! Wollen Sie den Verein kurz vorstellen?
Der unabhängige Verein dérive – Verein für Stadtforschung wurde vor mittlerweile 26 Jahren gegründet und hatte zu Beginn eigentlich keine andere Aufgabe, als die Zeitschrift herauszubringen. Das Anliegen der Zeitschrift war und ist es immer noch, sich aus gesellschaftspolitischer Perspektive mit Fragen der urbanen Gesellschaft und des urbanen Raums zu beschäftigen. Und das in einer Form, die sich nicht auf eine Disziplin konzentriert, wie es Architekturzeitschriften und ähnliche Publikationen häufig tun. Sondern mit einen inter- bzw. transdisziplinären Ansatz. Das heißt, uns war es von Anfang an ein Anliegen, sowohl aus der städteplanerischen Perspektive auf das Thema zu blicken als auch aus der Perspektive der Soziologie oder der Geografie oder der Ökonomie oder auch aus künstlerischer Perspektive. Der Gedanke dahinter ist, dass man im urbanen Raum gesellschaftliche Entwicklungen sehr frühzeitig erkennen kann, deshalb hat es uns interessiert uns mit diesen zu beschäftigen.
Was genau versteht man eigentlich unter Stadtforschung?
Stadtforschung ist ein Begriff, der im deutschsprachigen Raum disziplinär nicht eindeutig zuordenbar ist und keine so große Tradition hat, wie. im angloamerikanischen Raum etwa die Urban Studies. Im Deutschen kennt man eher die Begriffe Stadtsoziologie, Städtebau oder Stadtplanung. All das sind Disziplinen, die sich mit dem städtischen Raum auseinandersetzen. Wir verwenden den Begriff Stadtforschung in einem weiten Sinn, weil Städte vielfältig und divers sind und es deswegen einen breiten Zugang braucht. Bei dérive interessiert uns die Stadt als gesellschaftlicher und sozialer Raum. Stadtforschung wie wir sie verstehen und anwenden, sieht sich an, welche Phänomene und Entwicklungen in der Stadt sichtbar sind und versucht diese zu erklären, zu diskutieren und an unsere Leserinnen und Leser zu vermitteln. Wir setzen uns beispielsweise immer wieder mit der Wohnungskrise auseinander oder mit Fragen zum öffentlichen Raum oder – so wie in der nächsten Ausgabe – mit dem Thema Design und Stadt. Und wo wir schon bei den Heften sind: eine der letzten Ausgaben drehte sich um das Thema Spekulation. Manchmal hingegen haben wir auch eher philosophische Perspektiven, wie zum Beispiel bei unseren letztjährigen Ausgaben zum Thema Zeit.
Sie geben eine Zeitschrift heraus, die vor allem textbasiert ist. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja, wir haben uns bewusst dazu entschieden, eine textlastigere Zeitschrift zu machen. Als wir begonnen haben – und zum Teil ist das heute auch noch so – gab es gerade im Bereich Stadt und Architektur viele Zeitschriften, die stark auf das Medium Bild setzten und versucht haben, ihre Themen über Bilder zu vermitteln. Da erschien es uns nicht notwendig, noch eine Zeitschrift in dieser Art zu publizieren. Wir verstehen dérive nicht als akademische Zeitschrift, aber die meisten unserer Autorinnen und Autoren kommen aus dem akademischen Umfeld, das hat auch dazu beigetragen, dass Text das Mittel unserer Wahl geworden. Wobei man dazu sagen muss, dass der Verein dérive nicht nur die Zeitschrift herausgibt, sondern wir darüber hinaus eine Radiosendung produzieren, die auf der dérive Website auch als Podcast zur Verfügung steht, und das jährliches Festival urbanize! mit Stadtführungen, Filmvorführungen, Diskussionen, Workshops und noch einigem mehr veranstalten. Also wir versuchen sehr vielfältige Formate anzubieten.
Mehr Informationen zu „Radio dérive“ gibt es hier.
Mehr zum „urbanize!“ Festival hingegen hier. 2026 findet das Festival vom 13. bis zum 18. Oktober statt und hat den Titel „Reclaim the Streets!“
Einen Auszug des Heftes veröffentlichten zum Thema Wohnen in Tirol wir bereits im Dezember.
Wie alltäglich oder praxisnah sind die Themen, mit denen Sie sich auseinandersetzen? Inwiefern betrifft Stadtforschung alle Menschen?
Wohnen ist ein Thema, das uns von Anfang an sehr beschäftigt hat und das ist ein Thema, das wirklich alle Menschen betrifft. Vor ein paar Jahren haben wir etwa eine Ausgabe zum Thema Wohnungslosigkeit gemacht sozialer und kommunaler Wohnbau sowie die Leistbarkeit des Wohnens sind zentrale Themen in unseren Heften und es gibt zahlreiche weitere Themen, die alle Menschen betreffen. Zum Beispiel: Wie kann der öffentliche Raum genutzt werden? Oder auch das Thema Klima, das in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist.
Sie sitzen in der Großstadt Wien. Inwiefern können aber auch kleinere Städte und Dörfer von Stadtforschung profitieren?
Unsere Redaktion ist in Wien, das stimmt. Aber unsere Arbeit dreht sich nicht nur um große und auch nicht um ganz bestimmte Städte, bei uns stehen Themen im Fokus. Von den 104 Heften, die bisher erschienen sind, haben vielleicht 2-3 wirklich eine Stadt portraitiert. Themen wie Wohnen oder Mobilität betreffen eine Großstadt genauso wie eine kleinere Stadt. Bei einem Dorf mag das zum Teil anders sein, aber gerade die Verkehrsproblematik ist etwas, was Dörfer stark betrifft. Wir haben etwa auch ein Heft zum Thema Stadt–Land veröffentlicht. Urbane Lebensformen und die urbane Gesellschaft beschränkt sich nicht nur auf Großstädte, sondern betreffen einen Großteil der Gesellschaft.
Die Zeitschrift wurde vor mittlerweile 26 Jahren gegründet. Wie hat sich ihre Arbeit in dieser Zeit verändert?
Die Zeitschrift hat sich insofern verändert, als dass sie in den ersten zehn Jahren ein weitgehend ehrenamtliches Projekt war. Irgendwann merkten wir, dass der Arbeitsaufwand angesichts des Qualitätsanspruchs, den wir uns selbst stellten, nicht mehr bewältigbar war. Deswegen haben wir 2010 angefangen, einige Aufgaben zu bezahlen. Ab dem Zeitpunkt haben wir auch angefangen zusätzliche Formate und Projekte zu starten, wie eben die Radiosendung oder das urbanize! Festival. Das Konzept der Zeitschrift ist eigentlich relativ stabil geblieben, sie ist von Anfang an vierteljährlich und mit Schwerpunktthemen erschienen und auch der interdisziplinäre Ansatz war von Anfang an da. Bei den Themen gab es immer mal wieder welche, die in gewissen Jahren wichtiger waren als in anderen, oder die ein paar Jahre später wieder aufgetaucht sind und es immer noch tun könnten.
Welche Herausforderungen stellen sich Ihnen bei der Arbeit?
Die Finanzierung der Zeitschrift ist eine andauernde Herausforderung. Wir orientieren nicht an Trends, es geht uns ausschließlich um die Qualität der Inhalte. Sowas ist nicht unbedingt leicht zu ‚verkaufen‘.
Ebenso ist es unser Anspruch und eine Herausforderung an uns selbst, die Zeitschrift inhaltlich so zu gestalten, dass sie nicht nur für akademisch gebildete Menschen oder für Menschen, die sich wissenschaftlich mit einem Thema beschäftigen, lesbar ist, sondern, dass sie für alle Menschen verständlich ist, die Interesse an der urbanen Kultur und Gesellschaft haben.
Gibt es etwas, das Sie sich für die Zukunft wünschen?
Eines unserer großen Anliegen ist die Demokratisierung der urbanen Gesellschaft. Das heißt, wir treten für eine Stadtgesellschaft ein, in der die Bevölkerung im Mittelpunkt steht und das Leben und die Lebensbedingungen in der Stadt mitgestalten kann. Eine Stadt in der alle – wie eine bekannte Forderung, die auf den französischen Stadttheoretiker Henri Lefebvre zurückgeht, lautet – ein Recht auf Stadt haben und dieses verwirklichen können. Das ist eine Aufgabe, die nie vorbei sein wird und der wir uns immer widmen werden.
Neugierig geworden?
Mehr zum Verein und der Zeitschrift dérive gibt es auf der Website. Dort finden sich auch viele Texte zum gratis Lesen, sowie ein Probeheft, das man gratis herunterladen kann. Die Redaktion ist auch immer auf der Suche nach neuen Autorinnen und Autoren, die gerne etwas beitragen möchten, oder Expertise zu einem bestimmten Thema haben.
Kommentare
Mit Ausnahme der…
Mit Ausnahme der Vergewaltigung - durch MUSSLINI mit dem walschen Corso di Libertà + HAGER & BENCO, hat die Stadt Bozen seit dem Bürgermeister PERATHONER die Zukunft total verschlafen ... ...!"