„Jedes Hotel weniger kann Chance sein“

Overtourism
Junge Menschen wollen ein Hotel in Südtirol kaufen, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und Gemeinschaft zu fördern. Noch ist das Kollektiv kaleido:coop auf der Suche.

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Seit einigen Wochen hängen südtirolweit Flugblätter im öffentlichen Raum: Auf Blättern in greller Neonfarbe steht: „HOTEL GESUCHT“. Sogar auf dem Hauptsitzgebäude des Hoteliers- und Gastwirteverbands (HGV) in Bozen wird das ungewöhnliche Wohnungsinserat an einem Sommerabend im Juni projiziert. 

Hinter dem Projekt steht eine Gruppe von rund zehn unter 35-Jährigen, sie kommen aus Südtirol, Deutschland, Österreich und den USA. Weil niemand von ihnen den eigenen Namen in den Medien lesen möchte, sind sie als „kaleido:coop“ bekannt. Sie wollen Eigentum und Wohnen, aber auch Tourismus neu denken. Unsere Fragen hat das Kollektiv schriftlich beantwortet. 

SALTO: Wieso wurde diese Initiative ins Leben gerufen?

kaleido:coop: Mit unserem Projekt möchten wir ein konkretes Beispiel dafür schaffen, wie Gebäude dem spekulativen Immobilienmarkt entzogen und langfristig für gemeinschaftliches, leistbares und selbstverwaltetes Wohnen genutzt werden können. Dabei geht es uns nicht nur um ein einzelnes Hausprojekt, sondern auch um eine gesellschaftliche Diskussion: Wer entscheidet eigentlich darüber, wie viel Tourismus es in Südtirol gibt? Wer profitiert davon und wer trägt die Folgen?

Das Banner am HGV-Sitz: Ob es auch die HGV-Funktionäre beim Verlassen des Gebäudes gesehen haben? Foto: kaleido:coop

Sagen Sie es uns…

Wir sehen, dass große Teile der Südtiroler Bevölkerung nicht angemessen am Tourismus teilhaben. Viele Menschen tragen die negativen Konsequenzen: steigende Lebenshaltungskosten, hohe Preise, Verkehr, Lärm, Wasserknappheit. Während sich manche Orte vollkommen auf touristische Bedürfnisse ausrichten, bleiben die finanziellen Gewinne hingegen oft bei Wenigen. Unser Projekt möchte eine kreative und praktische Antwort auf diese Entwicklungen sein. Ein Anstoß und ein Anfang: Wir wollen ausprobieren, wie gemeinschaftliches Wohnen, solidarische Eigentumsformen und eine Umstrukturierung touristisch genutzter Immobilien konkret aussehen kann. So versuchen wir einen Beitrag dazu zu leisten, dass Südtirol wieder ein Lebensraum für die Menschen wird, die hier wohnen, arbeiten und bleiben wollen, und nicht nur eine Marke für den Tourismusmarkt.

Wieso ein Hotel kaufen und nicht irgendein anderes leerstehendes Gebäude?

Eine ehemalige Hotelinfrastruktur eignet sich aus mehreren Gründen besonders gut für unser Vorhaben. Die Architektur vieler kleinerer Beherbergungsbetriebe ist bereits auf eine Form des gemeinschaftlichen Wohnens angelegt: Es gibt größere Räume für Begegnung, gemeinsames Essen und Austausch, gleichzeitig aber auch viele kleinere private Rückzugsräume – meist mit eigenem Bad und Balkon. Diese Struktur lässt sich gut in ein solidarisches Hausprojekt übersetzen, ohne dass neu gebaut oder intensiv umgebaut werden muss.

 

„Heute sind private Hotels für die Bewohnerinnen und Bewohner von Städten und Dörfern geschlossene Räume.“

 

Das klingt schön, aber nicht sonderlich wirtschaftlich… 

Wir sehen in Südtirol aktuell eine Veränderung durch den Generationenwechsel: Bei kleineren und mittelständischen touristischen Betrieben übernimmt die jüngere Generation den Betrieb nicht mehr – auch, weil sie im Wettbewerb mit großen neuen Luxushotels kaum bestehen können. Was wir beobachten ist, dass solche Häuser von größeren Betrieben aufgekauft werden, entweder um weiter zu expandieren oder um Mitarbeiterunterkünfte daraus zu machen. Wir sehen einen anderen Weg: Ein ehemaliger touristischer Betrieb muss nicht automatisch wieder touristisch und profitorientiert geführt werden. Er kann auch zu dauerhaftem, leistbarem und gemeinschaftlichem Wohnraum werden – und das ohne große Umstrukturierungskosten und jahrelangen Bauvorhaben. 

Das Inserat: Die Flugblätter wurden auch in ausgedruckte Südtiroler Zeitungen geschmuggelt. Foto: kaleido:coop

Wieso sollten sich Besitzer eines Hotels auf so ein innovatives und wohl auch riskantes Projekt einlassen?

Heute sind private Hotels für die Bewohnerinnen und Bewohner von Städten und Dörfern geschlossene Räume. Hotels und Gasthäuser waren schon seit jeher wichtige soziale Räume und haben viel Potenzial, das von allen genutzt werden könnte! Soziale Treffpunkte können entstehen, an denen sich Menschen ohne Konsumzwang aufhalten können, zum Beispiel Gruppen, Vereine und interessierte Mitmenschen.

Soll das Projekt gezielt junge Menschen ansprechen?

Politikerinnen und Politiker stellen oft die Frage nach dem sogenannten „Brain-Drain“: Zurzeit ist es so, dass viele Menschen, die hier geboren sind oder hier leben möchten, sich mit den niedrigen Löhnen kein sicheres Leben aufbauen können. Das führt zu Abwanderung. Gleichzeitig wird der daraus entstehende Arbeitskräftemangel oft dadurch beantwortet, dass Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben werden, die dann häufig unter schwierigen Bedingungen arbeiten und leben müssen. Für sie ist es aufgrund niedriger Löhne, schlechter Arbeitszeiten und mangelnder aktiver Einbindung nahezu unmöglich, wirklich Teil der Gesellschaft zu werden. Für uns ist deshalb klar: Südtirol braucht nicht mehr Tourismus, sondern eine ehrliche Debatte darüber, wie viel Tourismus dieser Region guttut. Jedes Hotel weniger kann auch eine Chance sein für Wohnraum, für Gemeinschaft und für ein gutes Leben vor Ort.

„Wir leben in Zeiten der Krise, jetzt braucht es krisentaugliche Lösungen.“

Was sind die nächsten Schritte?

Nach langem Suchen und unterschiedlichen Gesprächen suchen wir aktuell nach einem Hotel! Nachdem wir in Zusammenarbeit mit Studierenden aus dem Masterstudiengang „Ecosocial Design“ an der Uni Bozen Graphiken und Informationsmaterial erarbeitet haben, werden wir weiterhin auf Plattformen und bei Veranstaltungen unser Projekt vorstellen und es wachsen lassen. Jetzt im August sind wir auf unterschiedlichen Veranstaltungen vertreten, zum Beispiel auf dem Dingsdo Festival in Lajen und auf dem Klimacamp in Altrei. 

Wie beurteilen Sie die Wohnbaureform gegen die Wohnungsnot? 

Wir sind keine Expertinnen, aber auch keine Spezialisten, wenn es um die Wohnraumreform geht. Aus unserer Perspektive geht jedoch klar aus der Debatte hervor, dass wieder nach Legitimationen gesucht wird, auch sehr teuren Wohnraum zu schaffen. Eigentlich braucht es hier aber eine Umdeutung unserer Vorstellung von Wohnen und Eigentum. Wäre die Reform wirklich radikal und transformativ, dann müsste sie es möglich machen, mehr Immobilien dem spekulativen Markt zu entziehen, und mehr Anreize für einen kollektiven Besitz schaffen. Die Gebäude sollten den Menschen gehören, die darin wohnen. Die Reform schafft Anreize, die zur Bereicherung von Investoren, Banken und Baufirmen führen. Wenn die Politik aktiv in den Markt eingreift, werden Geldflüsse gelenkt. Diese Umleitung von Geld hat jedoch nichts mit Umverteilung zu tun, denn diese sieht anders aus: Wohnen ist ein Menschenrecht und niemand anderes soll sich daran bereichern.

Gemeinsam ein Hotel kaufen: Das Projekt wurde bereits auf Veranstaltungen öffentlich diskutiert. Foto: kaleido:coop

Keine einzigen positiven Worte?

Vorbildhaft ist, dass die Wohnraumreform sogar das Wort „Cohousing“ zweimal erwähnt. Hier geht es jedoch, um eine sehr genormte Version des gemeinsamen Zusammenlebens. Sobald die öffentlichen Hand und Gelder in ein Projekt eingebunden werden, wird schnell klar, dass das Projekt über mehrere Jahre (30 Jahre) gebunden sein muss und gemeinnützige Zwecke erfüllen soll. Diese Bindungen haben einen Steuerungscharakter und sollen gewährleisten, dass ein gefördertes Objekt nicht Spekulationen verfällt. Aus unserer Perspektive wirkt diese Steuerung sehr einschränkend und einschüchternd: Denn Unterstützung kommt nur dann, wenn man einen Businessplan für die nächsten 30 Jahre vorweist und sich genau an die Fördervorgaben hält. Wir leben in Zeiten der Krise, jetzt braucht es krisentaugliche Lösungen. Stabilität und „weiter wie bisher“ ist neben den Folgen des Klimawandels und der globalen Situation eher ein Wegsehen als ein Angehen von Problemen. Wenn wir hier junge Menschen anziehen und attraktiven Wohnraum in Südtirol schaffen wollen, braucht es andere Anreize als eine Wohnung zu kaufen und sich für über 30 Jahre zu verschulden. 

Anregungen und Ideen für die Initiative an [email protected]

Kommentare

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Profil für Benutzer Paul Schöpfer
Paul Schöpfer Mo., 03.08.2026 - 21:45

Die Idee ist wirklich interessant. Ohne politische Hilfe und entsprechende Anpassung unserer Raumordnung geht’s nicht.

Da ist es wenig hilfreich den Artikel in die Rubrik „Overtourismus“ einzuordnen.

Mo., 03.08.2026 - 21:45 Permalink
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Salto User
Josef Fulterer Di., 04.08.2026 - 06:43

Da die m2 / m3-Preise bei Hotels meistens unter den Bau-Kosten liegen, „würde sich diese Form des Wohnens von jungen Menschen bis zum Erwerb der eigenen Wohnung, sogar recht gut rechnen.“
Die 2 Bett-Zimmer WC + Dusche ausgestattet, könnten mit lang-Zeit-Mieten vergeben werden oder auch ohne Kataster-Eintragung, mit Voraus-Zahlungen zur ersten Vermögens-Bildung mit eingesetzt werden.
Die Gemeinschafts-Räume würden je nach Bedarf, der Haus-Gemeinschaft zur Verfügung stehen + könnten ein von der Jugend gewünschte offene Gemeinsamkeit ermöglichen!

Di., 04.08.2026 - 06:43 Permalink
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Profil für Benutzer Andrés Carlos Pizzinini
Andrés Carlos … Di., 04.08.2026 - 10:20

Diese Vorstellung ist bereits in Südtirol Realität: im ehemaligen Kurhaus Guggenberg in Brixen. Seit mehr als einem Jahr leben hier Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und in verschiedenen Lebenssituationen beisammen. Die Tatsache, dass es architektonisch gesehen früher ein Beherbergungsbetrieb war, bringt tatsächlich Vorteile mit sich: Die Initiatoren von „kaleido:coop“ haben richtig gesehen. Gleichzeitig müssen die Problematiken einer solchen Wohnform luzide erkannt werden. Sozialromantik bringt nichts, wie mich meine tägliche Arbeit als Koordinator in der Struktur lehrt.
Andrés Pizzinini
Koordinator in Guggenberg

Di., 04.08.2026 - 10:20 Permalink