Gesellschaft | Interview

„Besser spät als nie!“

Südtirol hat ein neues feministisches Onlinemagazin namens studio pink: Chefredakteurin Sarah Meraner will auf Augenhöhe zuhören und sucht männliche Redakteure.
Sarah Meraner: Sie leitet das neue feministische Onlinemagazin studio pink. Bild: Thomas Zelger

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SALTO: Frau Meraner, gab es einen Moment, der Sie zur Feministin gemacht hat?

Sarah Meraner: Bevor ich Mutter geworden bin, habe ich mich sehr wenig mit diesen Themen auseinandergesetzt. Dann habe ich als Mama zum ersten Mal die strukturelle Ungleichheit am eigenen Leib gespürt. Je mehr ich dann später als Journalistin über feministische Themen geschrieben habe, desto mehr habe ich bemerkt, wie umfassend diese Fragen sind und wie viele Bereiche unseres Lebens von geschlechtlichen Ungleichheiten geprägt sind – von Medikamententests, die lange hauptsächlich an männlichen Körpern durchgeführt wurden, bis hin zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen, um nur zwei Beispiele zu nennen.     

„Natürlich ist es höchste Zeit, dass die Männer jetzt auch in die Gänge kommen.“

Kürzlich haben Sie gemeinsam mit Julia Ganterer und Sarah Filippi ein eigenes feministisches Magazin mit dem Namen „studio pink“ gegründet…

Auslöser war der Themenabend zu sexualisierter Gewalt im Oktober letztes Jahr, bei dem wir unter anderem die Studie der Uni Innsbruck vorgestellt haben. Erstmals haben Studien wie diese, aber auch die Studie TRACES, sexualisierte Gewalt in Südtirol zum Thema gemacht. Eine der Forscherinnen und Autorinnen der Innsbrucker Studie, Julia Ganterer, ist Mitgründerin von studio pink. Sie, Sarah Filippi und ich haben uns als Kollektiv zusammengeschlossen und das Magazin gegründet, um noch tiefer in feministische Themen einzutauchen. 

Wieso?

Wir wollen dazu beitragen, dass die Debatte um sexualisierte Gewalt nicht wieder abflacht, sondern weitergeführt wird. Und natürlich möchten wir auch weitere Themen um intersektionalen Feminismus vorantreiben. Dafür werden wir zukünftig auch weitere Themenabende, Workshops und Kulturabende veranstalten. Das Magazin ist ein Teil des großen Ganzen.

Zur Person

Sarah Meraner, Jahrgang 1987, wohnt in Eppan und ist Mutter zweier Söhne. Die freiberufliche Redakteurin, Autorin und Künstlerin gründete heuer mit Sarah Filippi und Julia Ganterer das Onlinemagazin studio pink, das sie leitet. Außerdem ist sie Redaktionsleiterin der Bezirkszeitungen WIR und PLUS. Meraner schreibt vor allem über Feminismus, Gleichberechtigung, Sexualität und weitere Tabus. 

Wie beurteilen Sie denn das Bewusstsein zu sexualisierter Gewalt in Südtirol?

Es ist ein schwieriges, sehr komplexes und vielschichtiges Thema und umso mehr haben wir uns gefreut, dass so viele zum Themenabend gekommen sind. Gleichzeitig gibt es aber noch viel Arbeit zu tun. Erst kürzlich meinte eine Bekannte mir gegenüber, dass sexualisierte Gewalt in Südtirol ja kein Thema sei. Deshalb ist es so wichtig, nicht darauf zu warten, dass Menschen zu uns kommen, sondern wir mit den Themen auch zu ihnen. 

Dürfen auch Männer für das studio pink schreiben?

Ja, natürlich. Unser Karikaturist ist ein Mann und wir würden es auf jeden Fall begrüßen, wenn wir weitere männliche gelesene Personen hätten, die für uns schreiben. Gesellschaftlicher Wandel kann nur gemeinsam funktionieren – Feminismus bringt ja allen etwas. 

„Die Freiheit sollte darin liegen, dass jede Frau entscheiden kann, bei den Kindern daheim zu bleiben, Karriere zu machen oder beides.“

Der Grüne Landtagsabgeordnete Zeno Oberkofler hat mit seinen europäischen Parteikollegen ein Manifest für ein neues Männerbild verfasst – kommen sie damit nicht reichlich spät?

Ich würde sagen, besser spät als nie! Natürlich ist es höchste Zeit, dass die Männer jetzt auch in die Gänge kommen. Deshalb finde ich die Initiative super und hoffe, dass sich viele männlich gelesene Personen angesprochen fühlen. Die Offenheit und das Hinschauen helfen einem, die eigenen Gewohnheiten und Sichtweisen zu ändern, und sich nicht von diskriminierenden Narrativen beeinflussen zu lassen. Als Mann die eigenen Privilegien zu hinterfragen und – zumindest teilweise – abzulegen ist natürlich schwierig, aber langfristig der einzige Weg, um echte Gleichberechtigung zu erreichen. 

Die drei Gründerinnen: v.l. Julia Ganterer, Sarah Filippi und Sarah Meraner; Thomas Zelger

Viele setzen sich in Südtirol seit Jahren für eine bessere Kinderbetreuung ein, doch die Politik scheint sich vor den Gewerkschaften der Lehrkräfte und Kindergärtnerinnen zu fürchten… 

Wir haben sehr viele engagierte Menschen und Organisationen in Südtirol, die sich für diese Thematik einsetzen und hartnäckig sind. Zum Glück. Sicherlich stoßen hier verschiedene Interessen aufeinander, das steht nicht in Zweifel. Trotzdem muss sich etwas ändern, damit die Frau und die Familie nicht immer auf der Strecke bleiben. Um das Problem an der Wurzel anzupacken, braucht es deshalb eine bessere Betreuung. Das merke ich als zweifache Mama vor allem im Sommer, es ist pure Hektik! Die Freiheit sollte darin liegen, dass jede Frau entscheiden kann, bei den Kindern daheim zu bleiben, Karriere zu machen oder beides – und alle drei Wege müssen gleichermaßen möglich sein. Umgekehrt gilt das auch für die Väter…

Sie klingen etwas skeptisch…

Leider hängt die Frage der Kinderbetreuung auch davon ab, wer von den Elternteilen im Beruf mehr verdient. Dank des Gender-Pay-Gaps ist das meistens immer noch der Mann. 

SVP-Politiker Matthias von Wenzl erklärt in einem SALTO-Communitybeitrag, dass Feminismus Männer zu Unrecht häufig unter Generalverdacht stellt. Stimmt das?

Feminismus ist derzeit sehr politisch und emotional aufgeladen, was ich sehr schade finde. Schauen wir uns die Kriminalstatistik an, dann sind die Täter meistens männlich, auch bei sexualisierter Gewalt. Natürlich gibt es auch weibliche Täterinnen, nur sehr viel weniger. Deshalb brauchen wir Männer, die sich angesichts einer solchen Faktenlage nicht angegriffen fühlen, sondern anfangen zu reflektieren. Dafür braucht es auf beiden Seiten die Bereitschaft, zuzuhören und nicht vorschnell zu urteilen.