„Besser spät als nie!“

Interview
Südtirol hat ein neues feministisches Onlinemagazin namens studio pink: Chefredakteurin Sarah Meraner will auf Augenhöhe zuhören und sucht männliche Redakteure.

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!

Jetzt S+ abonnieren!

SALTO: Frau Meraner, gab es einen Moment, der Sie zur Feministin gemacht hat?

Sarah Meraner: Bevor ich Mutter geworden bin, habe ich mich sehr wenig mit diesen Themen auseinandergesetzt. Dann habe ich als Mama zum ersten Mal die strukturelle Ungleichheit am eigenen Leib gespürt. Je mehr ich dann später als Journalistin über feministische Themen geschrieben habe, desto mehr habe ich bemerkt, wie umfassend diese Fragen sind und wie viele Bereiche unseres Lebens von geschlechtlichen Ungleichheiten geprägt sind – von Medikamententests, die lange hauptsächlich an männlichen Körpern durchgeführt wurden, bis hin zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen, um nur zwei Beispiele zu nennen.     

„Natürlich ist es höchste Zeit, dass die Männer jetzt auch in die Gänge kommen.“

Kürzlich haben Sie gemeinsam mit Julia Ganterer und Sarah Filippi ein eigenes feministisches Magazin mit dem Namen „studio pink“ gegründet…

Auslöser war der Themenabend zu sexualisierter Gewalt im Oktober letztes Jahr, bei dem wir unter anderem die Studie der Uni Innsbruck vorgestellt haben. Erstmals haben Studien wie diese, aber auch die Studie TRACES, sexualisierte Gewalt in Südtirol zum Thema gemacht. Eine der Forscherinnen und Autorinnen der Innsbrucker Studie, Julia Ganterer, ist Mitgründerin von studio pink. Sie, Sarah Filippi und ich haben uns als Kollektiv zusammengeschlossen und das Magazin gegründet, um noch tiefer in feministische Themen einzutauchen. 

Wieso?

Wir wollen dazu beitragen, dass die Debatte um sexualisierte Gewalt nicht wieder abflacht, sondern weitergeführt wird. Und natürlich möchten wir auch weitere Themen um intersektionalen Feminismus vorantreiben. Dafür werden wir zukünftig auch weitere Themenabende, Workshops und Kulturabende veranstalten. Das Magazin ist ein Teil des großen Ganzen.

Zur Person

Sarah Meraner, Jahrgang 1987, wohnt in Eppan und ist Mutter zweier Söhne. Die freiberufliche Redakteurin, Autorin und Künstlerin gründete heuer mit Sarah Filippi und Julia Ganterer das Onlinemagazin studio pink, das sie leitet. Außerdem ist sie Redaktionsleiterin der Bezirkszeitungen WIR und PLUS. Meraner schreibt vor allem über Feminismus, Gleichberechtigung, Sexualität und weitere Tabus. 

Wie beurteilen Sie denn das Bewusstsein zu sexualisierter Gewalt in Südtirol?

Es ist ein schwieriges, sehr komplexes und vielschichtiges Thema und umso mehr haben wir uns gefreut, dass so viele zum Themenabend gekommen sind. Gleichzeitig gibt es aber noch viel Arbeit zu tun. Erst kürzlich meinte eine Bekannte mir gegenüber, dass sexualisierte Gewalt in Südtirol ja kein Thema sei. Deshalb ist es so wichtig, nicht darauf zu warten, dass Menschen zu uns kommen, sondern wir mit den Themen auch zu ihnen. 

Dürfen auch Männer für das studio pink schreiben?

Ja, natürlich. Unser Karikaturist ist ein Mann und wir würden es auf jeden Fall begrüßen, wenn wir weitere männliche gelesene Personen hätten, die für uns schreiben. Gesellschaftlicher Wandel kann nur gemeinsam funktionieren – Feminismus bringt ja allen etwas. 

„Die Freiheit sollte darin liegen, dass jede Frau entscheiden kann, bei den Kindern daheim zu bleiben, Karriere zu machen oder beides.“

Der Grüne Landtagsabgeordnete Zeno Oberkofler hat mit seinen europäischen Parteikollegen ein Manifest für ein neues Männerbild verfasst – kommen sie damit nicht reichlich spät?

Ich würde sagen, besser spät als nie! Natürlich ist es höchste Zeit, dass die Männer jetzt auch in die Gänge kommen. Deshalb finde ich die Initiative super und hoffe, dass sich viele männlich gelesene Personen angesprochen fühlen. Die Offenheit und das Hinschauen helfen einem, die eigenen Gewohnheiten und Sichtweisen zu ändern, und sich nicht von diskriminierenden Narrativen beeinflussen zu lassen. Als Mann die eigenen Privilegien zu hinterfragen und – zumindest teilweise – abzulegen ist natürlich schwierig, aber langfristig der einzige Weg, um echte Gleichberechtigung zu erreichen. 

Die drei Gründerinnen: v.l. Julia Ganterer, Sarah Filippi und Sarah Meraner; Foto: Thomas Zelger

Viele setzen sich in Südtirol seit Jahren für eine bessere Kinderbetreuung ein, doch die Politik scheint sich vor den Gewerkschaften der Lehrkräfte und Kindergärtnerinnen zu fürchten… 

Wir haben sehr viele engagierte Menschen und Organisationen in Südtirol, die sich für diese Thematik einsetzen und hartnäckig sind. Zum Glück. Sicherlich stoßen hier verschiedene Interessen aufeinander, das steht nicht in Zweifel. Trotzdem muss sich etwas ändern, damit die Frau und die Familie nicht immer auf der Strecke bleiben. Um das Problem an der Wurzel anzupacken, braucht es deshalb eine bessere Betreuung. Das merke ich als zweifache Mama vor allem im Sommer, es ist pure Hektik! Die Freiheit sollte darin liegen, dass jede Frau entscheiden kann, bei den Kindern daheim zu bleiben, Karriere zu machen oder beides – und alle drei Wege müssen gleichermaßen möglich sein. Umgekehrt gilt das auch für die Väter…

Sie klingen etwas skeptisch…

Leider hängt die Frage der Kinderbetreuung auch davon ab, wer von den Elternteilen im Beruf mehr verdient. Dank des Gender-Pay-Gaps ist das meistens immer noch der Mann. 

SVP-Politiker Matthias von Wenzl erklärt in einem SALTO-Communitybeitrag, dass Feminismus Männer zu Unrecht häufig unter Generalverdacht stellt. Stimmt das?

Feminismus ist derzeit sehr politisch und emotional aufgeladen, was ich sehr schade finde. Schauen wir uns die Kriminalstatistik an, dann sind die Täter meistens männlich, auch bei sexualisierter Gewalt. Natürlich gibt es auch weibliche Täterinnen, nur sehr viel weniger. Deshalb brauchen wir Männer, die sich angesichts einer solchen Faktenlage nicht angegriffen fühlen, sondern anfangen zu reflektieren. Dafür braucht es auf beiden Seiten die Bereitschaft, zuzuhören und nicht vorschnell zu urteilen. 

Kommentare

Bild
Profil für Benutzer Johannes Engl
Johannes Engl Di., 04.08.2026 - 20:56

Ich werde es lesen. Also ist Ihr „niemand wird es lesen“ bereits widerlegt.
Was sind Sie doch für ein negativer, bissiger, ... ach diese Netiquette ... Aloisius!

Di., 04.08.2026 - 20:56 Permalink
Bild
Profil für Benutzer Herta Abram
Herta Abram Mi., 05.08.2026 - 08:29

Bravo!!!
auszug Buch „Prägung“ von Christian Dittloff, dort steht der wunderbare Satz:
„Das Patriarchat versteckt sich vor aller Augen. Patriarchale Strukturen und Kulturen sind überall und gleichzeitig und sie sind seltsam unsichtbar. So normal, dass sie nicht einmal auffallen.“
Dass man eine solche Studie, die ja genauso viel über Männer wie über Frauen aussagt, rezipieren kann, ohne über Männer und Männlichkeit überhaupt nur ein Wort zu verlieren, ist schon erstaunlich....echt viel zu tun...in allen Richtungen!

Mi., 05.08.2026 - 08:29 Permalink
Bild
Profil für Benutzer Meister Haus
Meister Haus Mi., 05.08.2026 - 20:04

... „männlich gelesene Personen“ ... das sagt schon Einiges. Das heißt, ihr denkt, dass es eigentlich kein biologisches Geschlecht gibt, sondern dass es nur um sozial konstruierte Definitionen geht. Ich glaube, der wirkliche Feminismus hat verstanden, dass der Hype um diese Ideologie den Frauen im Grunde geschadet hat. Denn um welche hart errungenen Rechte von Frauen und der Kampf um ihre Realisierung geht es dann, wenn jeder Gimpel sich ins Standesamt begeben und sich als Frau eintragen lassen kann mit allen dazugehörigen Rechten (zumindest in Deutschland und anderswo)?

Mi., 05.08.2026 - 20:04 Permalink
Bild
Profil für Benutzer Martin Daniel
Martin Daniel Do., 06.08.2026 - 05:51

Im Unterschied zum traditionellen Feminismus ist diese 3. Welle der postmodernen Theorie (worauf die Verwendung des Begriffs „intersektional“ hinweist) in Theorie und Praxis inkohärent, in Widersprüchen gefangen und mit Schubladen arbeitend. Dieser identitätspolitische Feminismus spricht von der „Kriminalstatistik“, wonach die meisten Täter männlich sind, „auch bei sexualisierter Gewalt“, lässt aber außen vor, dass bei Gewaltkriminalität weitaus die meisten Opfer männlich sind (in Dtl. 2024 an die 70%: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1561134/umfrage/opfer-vo…), dass schwere Gewaltdelikte mehrfach überproportional von apriori als Opfergruppe definierten Zuwanderern ohne dt. Staatsbürgerschaft begangen werden (2024 Anteil ausländischer Tatverdächtiger 41-42% bei 15% der Bevölkerung und bei den im Beitrag genannten Sexualdelikten 37%, bei Gruppenvergewaltigungen sogar bei 50%: https://www.kriminalpolizei.de/ausgaben/2024/detailansicht-2024/artikel…), für deren (Eintritts- und Bleibe-)Rechte sich die Propagistinnen dieser Theorie besonders einsetzen, weil sie diese für eine zu schützende Minderheit in prekärer Lage wegen Migrationserfahrung und/oder Religionsangehörigkeit halten. Und bei deren Übergriffen reflexartig auf die „einheimische“ häusliche Gewalt verweisen. Alice Schwarzer benennt diese Problematiken offen, ebenswo wie sie die Relativierung der Geschlechtsdefinition kritisiert, die die Errungenschaften jahrzehntelanger Kämpfe zu unterlaufen droht, wenn Männer sich von heute auf morgen, allein auf eine geänderte innere Einstellung stützend, als Frau deklarieren und sich dadurch Zugang zu deren Schutzräumen (Umkleiden, Gyms, Saunen, Internate, Gefängnisse etc.) oder Geschlechterquoten (oder frühere Verrentung) verschaffen können. (Und wird dafür von ebendiesen Propagistinnen heftigst angefeindet). Dass diese neue Zeitschrift diese Genderfluidität befürwortet, schließt sich, wie vorheriger Kommentar unterstreicht, aus der Verwendung des Begriffs „männlich gelesene Personen“. Es ist dies ein identätspolitischer Feminismus, der eine lesbische, aus dem Nahen Osten stammende Uniprofessorin mit in die intersektionale Mehrfach-Opferschublade steckt, während einheimische Niedriglohnarbeiter, die im heruntergekommenen Wohnblock leben, in jene des privilegierten weißen Mannes fallen. Eine Theorie, die Letztere lange genug in die Fänge der Rechtspopulisten getrieben hat und von der die Beeinflusser sozialer Trends (insbes. progressive Milieus in den USA, Unis, Medien) inzwischen wieder zu einer realitätsnäheren materiellen Gerechtigkeitsthematik zurückgekehrt sind.

Do., 06.08.2026 - 05:51 Permalink
Bild
Profil für Benutzer Herta Abram
Herta Abram Do., 06.08.2026 - 09:04

Antwort auf von Martin Daniel

Martin Daniel, anbei gibt ein Männerforscher antworten: Was wäre, wenn Feminismus nicht mehr nötig wäre?
https://offenegesellschaft.org/es-gibt-keine-maennliche-erbschuld-aber-…
Und Buchtipp: „Jungs wir schaffen das“
https://bundesforum-maenner.de/veranstaltung/jungs-wir-schaffen-das-mar…

Oder, Markus Theunert googln, zu Männer- und Feminismusthemen- könnte aufschlussreich werden...

Do., 06.08.2026 - 09:04 Permalink
Bild
Profil für Benutzer Johannes Engl
Johannes Engl Do., 06.08.2026 - 21:59

Antwort auf von Martin Daniel

Ach Herr Daniel! Lassen Sie die Leute doch einfach mal anfangen zu schreiben, bevor Sie alles in Ihre vorgefertigte Wortflut-Schublade zu stecken versuchen.
Lassen Sie doch Menschen die Männer oder Frauen „lesen“, wie es ihnen als stimmig vorkommt.
Wer sich nicht als Standard „lesen“ kann, hat es meist eh schon schwer genug.

Do., 06.08.2026 - 21:59 Permalink