Politik | Interview

Mehr als Urzìs kühnste Träume

Julia Unterberger hält den neuen Zuschnitt der Senatswahlkreise für problematischer als den Ersten, verteidigt aber die SVP: „Urzì zieht das gegen unseren Willen durch.“
SVP-Senatorin Julia Unterberger plädiert für eine ausgewogenere Betrachtungsweise der Wahlkreisreform. Bild: Seehauserfoto

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SALTO: Frau Senatorin, der neue Vorschlag, den Wahlkreis Bozen auf Bozen, Leifers, Branzoll und Pfatten zu verkleinern und alle übrigen Gemeinden des bisherigen Wahlkreises Meran zuzuschlagen, kommt morgen in den Senat?

Julia Unterberger: Nein, morgen fängt die Generaldebatte an. Erst wenn diese abgeschlossen ist, werden die Abänderungsanträge behandelt.

Was passiert jetzt im Senat?

Am Mittwoch, 9. September, beginnt im Senat zunächst die Generaldebatte über die Wahlrechtsreform, erklärt die SVP-Senatorin Julia Unterberger. Der Antrag der SVP, die bereits von der Abgeordnetenkammer beschlossene Änderung des Wahlkreises Bozen-Unterland wieder zu streichen, hat von der Regierung ein negatives Gutachten erhalten. Positiv bewertet wurde hingegen der neue Vorschlag der Regierungsparteien: Demnach soll der Senatswahlkreis Bozen künftig nur noch aus Bozen, Leifers, Branzoll und Pfatten bestehen. Die endgültige Entscheidung leigt beim Senats-Plenum.

Sie haben diese Variante bereits als „schlimmer als die erste“ bezeichnet. Was ist aus Ihrer Sicht konkret problematisch?

Das Unterland Überetsch wollte unbedingt eine Lösung, bei der der Bezirk zusammenbleibt. Dieser neue Vorschlag von Urzi trägt diesem Anliegen Rechnung. Im neuen Wahlkreis ist der Anteil der italienischen Volksgruppe noch bedeutend höher und die deutsche Volksgruppe verliert an Einfluss. Eine solche Lösung hätte sich Urzi in seinen kühnsten Träumen nicht vorzuschlagen getraut.

Würde sich also der neue Wahlkreis Meran vom Reschen bis nach Salurn erstrecken und den Vinschgau, das Burggrafenamt sowie große Teile von Überetsch und Unterland umfassen? Ist ein solch enormer Wahlkreis noch sinnvoll vertretbar?

Das ist kein Problem. Alle ParlamentarierInnen vertreten selbstverständlich ganz Südtirol.

„Mit einer etwas ausgewogenen Herangehensweise verstehen alle, dass das nicht unser Vorschlag war, sondern dass Urzi ihn gegen unseren Willen durchzieht.“

Die SVP scheint an Vertrauen verloren zu haben. Gibt es eine Möglichkeit, dieses wiederzugewinnen, und könnte so ein Wahlkreis auch den Vorteil haben, vielleicht sogar die Zustimmung zur SVP stärken?

Wie kommen Sie darauf, dass die SVP an Zustimmung verliert? Die neuesten Umfragen sagen das Gegenteil. Die Reaktion auf den Vorstoß von Urzi wurde von der Opposition bewusst angefeuert. Dabei ist leider das sehr gute Ergebnis, das SVP-Parteiobmann Dieter Steger für Südtirol insgesamt erzielen konnte, völlig in den Hintergrund getreten.

Und was ist mit den entrüsteten Bürgerversammlungen der Unterlandler Bevölkerung? Die Schützen sind zornig und auch der frühere SVP-Senator Oskar Peterlini kritisiert die geplante Wahlkreisreform. Das ist doch harsche Kritik, nicht?

Dass es im Unterland Proteste gegeben hat, ist evident. Von welcher Seite diese kommen und ob die SVP deswegen Stimmen verliert, ist zu sehen. Mit einer etwas ausgewogenen Herangehensweise verstehen alle, dass das nicht unser Vorschlag war, sondern dass Urzi ihn gegen unseren Willen durchzieht.

Plan B erntete bereits Kritik

Hinter dem Streit steht nicht nur die geografische Einteilung, sondern die sprachliche Zusammensetzung der Wahlkreise. Alessandro Urzì begründet seinen Vorstoß damit, die Wahl eines italienischsprachigen Senators abzusichern. Ein Wahlkreis aus Bozen, Leifers, Branzoll und Pfatten hätte nach Einschätzung des Politologen Günther Pallaver gegenüber der RAI einen italienischsprachigen Bevölkerungsanteil von rund 75 bis 80 Prozent. Die Chancen eines deutschsprachigen Kandidaten wären entsprechend geringer. Der neue Vorschlag würde den Bozner Wahlkreis noch eindeutiger nach Sprachgruppen strukturieren als die zuvor beschlossene Variante. Kritiker sprechen deshalb von einer erneuten „Ethnisierung“ der Wahlkreise.

Nach dem neuen Vorschlag würde ein großer Teil des Vinschgaus, des Burggrafenamts sowie von Überetsch und Unterland in einem westlichen Senatswahlkreis zusammengefasst. In der politischen Debatte ist deshalb von einem Wahlkreis „von Reschen bis Salurn“ die Rede.

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