Gesellschaft | Schule & Kultur

Wie der Lehrerprotest die Kultur lähmt

Beim 2. Runden Tisch „Spotlight“ fehlten die Lehrer. Ihr Boykott bringt die Kultur in Not, während Schüler auf wichtige Bildungs- und Kulturevents verzichten müssen.
Leere Plätze: Die Initiativgruppen der Lehrpersonen sagen kurzfristig ab und lassen das Podium beim 2. Runden Tisch unvollständig. Bild: Allianz der Kultur

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Am gestrigen Abend fand im Bozner PIPPO der zweite Runde Tisch der Veranstaltungsreihe „Spotlight: Schulproteste und Kulturarbeit“ statt. Kurz vor dem bevorstehenden Schulbeginn sollte das Treffen – nach einer ersten Ausgabe im November vergangenen Jahres – den Dialog zwischen Kultur, Schule, Gewerkschaften und Politik vertiefen. Doch die Debatte verlief weitgehend einseitig: Die Initiativgruppen der Lehrpersonen hatten ihre Teilnahme kurzfristig abgesagt. Auch vonseiten der Gewerkschaften gab es keine Vertretung – die Einladung der Allianz der Kultur blieb schlicht unbeantwortet.

Auf der Bühne waren eigentlich nur die Vertreter der Kultur.

Ein Blick auf die Bühne des PIPPO verdeutlichte das Kernproblem der aktuellen Lage. Wo eigentlich ein vielseitiger Austausch über die verfahrene Situation zwischen den Protesten der Lehrkräfte und dem Kultursektor stattfinden sollte, blieben die Plätze der Lehrerinitiativen leer. „Es ist halt einseitig gewesen, weil die Lehrerinitiativen vor ein paar Tagen kurzfristig abgesagt haben. Auf der Bühne waren eigentlich nur die Vertreter der Kultur sowie die Schüler:innenvertretung“, erklärt Thomas Maniacco, Vorstandsmitglied der Allianz der Kultur sowie Geschäftsführer von Perfas. 

Thomas Maniacco Vorstandsmitglied der Allianz der Kultur.: Livio Maniacco

Sinn und Inhalt der Absage vonseiten der Lehrkräfte verdeutlichen die tiefe Verunsicherung und die verhärteten Fronten innerhalb der Kollegien. Die Lehrerschaft lässt verlauten, dass man sich durch eine Teilnahme am Runden Tisch nicht in eine Rechtfertigungsposition begeben  wolle und wenig Sinn in Zukunftsgesprächen sehe, solange die wesentlichen Kernforderungen nicht erfüllt seien. Die Lehrpersonen sehen sich stark unter Druck gesetzt; das System Schule sei mit den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre – wie zunehmender Heterogenität, Sprachbarrieren und veränderten Rahmenbedingungen – spürbar überfordert. 

Solange die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen für außerschulische Tätigkeiten ungeklärt bleiben, lehnen viele Lehrkräfte die Inanspruchnahme von Kulturangeboten vorerst ab, während nur ein kleiner Teil diese weiterhin nutzt. Wichtig ist den Lehrpersonen dabei die begriffliche Unterscheidung: Aus ihrer Sicht handelt es sich nicht um einen Streik im rechtlichen Sinne, sondern um einen gezielten Boykott außerschulischer Zusatzangebote im Rahmen eines konsequenten Dienstes nach Vorschrift.

Und wir haben Meldungen, dass Leute zwischen 10.000 und 15.000 Euro brutto letztes Jahr verloren haben.

Für die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler sowie die Kulturvermittlerinnen und -vermittler in Südtirol hat dieser Boykott verheerende Konsequenzen. Maniacco verweist auf die harten Zahlen des Berufsverbands Perfas „Wir vom Perfas wissen ja, dass Performing Artist auch ein Brotjob ist. Es können ja nicht alle Leute von der Tätigkeit auf der Bühne leben. Viele arbeiten mit den Schulen zusammen, mit den ganzen Projekten und so. Und wir haben Meldungen, dass Leute zwischen 10.000 und 15.000 Euro brutto letztes Jahr verloren haben.“ 

Die Bildungsdirektion, die Politik und die Entscheidungsträger müssen mit der Gewerkschaft verhandeln.: Pexels/Pixabay

Bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 20.000 bis 30.000 Euro bedeute ein solcher Wegfall eine existenzielle Bedrohung. Einige Kulturschaffende hätten aufgrund der monatelangen Ungewissheit und der Protestmaßnahmen bereits das Berufsbild gewechselt. „Kulturschaffende haben ein Existenzminimum und die Kultur blutet auch. Das kann man nicht im Verhältnis sehen“, betonte Maniacco mit Blick auf die Gehaltsdebatte der Lehrpersonen. 

Nach eineinhalb Jahren des Konflikts zeichnen sich die Langzeitfolgen immer deutlicher ab.

Hinsichtlich des Vorgehens der Lehrerinitiativen stellte Maniacco klar, wie geordnete Verhandlungen in einem Rechtsstaat auszusehen haben „In der Demokratie gibt es gewisse Methoden. Es gibt Gewerkschaften, es gibt die Politik, es gibt Entscheidungsträger, die verhandeln. Es gibt die Möglichkeit zu streiken. Die Lehrinitiativen haben ihre Berechtigung, aber es ist keiner gezwungen, sie jede Woche anzuhören. Die Bildungsdirektion, die Politik und die Entscheidungsträger müssen mit der Gewerkschaft verhandeln. Das ist ganz klar.“ 

Nach eineinhalb Jahren des Konflikts zeichnen sich die Langzeitfolgen immer deutlicher ab. Die Hauptleidtragenden seien die Kinder und Jugendlichen, die monatelang auf Ausflüge, Theaterbesuche und Maturareisen verzichten mussten – Erlebnisse, die im Lebenslauf eines jungen Menschen einmalig sind. Gleichzeitig mussten große Kulturinstitutionen wie das Südtiroler Kulturinstitut oder das Museion ihr Programm teils um bis zu 50 Prozent zurückfahren. Ein Zustand, der sich nicht von heute auf morgen reparieren lässt „Das passiert danach nicht von einem auf den anderen Moment, dass es mit einem Klick wieder hochgefahren wird auf 100 Prozent. Das alles wird langwierige Folgen haben.“ 

Viele Kulturinstitutionen mussten ihr Programm um bis zu 50 Prozent zurückfahren.: pexels

Auch Sarah Oberrauch, Vizepräsidentin der Allianz der Kultur, unterstrich die Dringlichkeit der Lage und forderte Planungssicherheit für das kommende Schuljahr. Kultur sei ein essenzieller Bestandteil von Bildung, der dort ansetze, wo der reguläre Unterricht an seine Grenzen stoße. Der gestrige Abend zeigte jedoch auch Lösungsansätze auf. Der anwesende Bildungsdirektor Gustav Tschenett verwies darauf, dass die Schulen bereits über eine 20-prozentige Autonomie in der Unterrichtsgestaltung verfügen. Die Allianz der Kultur fordert daher, Kunst und Kultur künftig nicht mehr als reine „externe Zusatzleistung“ zu behandeln, die bei jedem Konflikt als Erste wegfällt, sondern sie strukturell im Schulalltag zu verankern – sei es durch Theaterpädagogik, Wahlfächer oder feste Projektstunden. 

Gerade angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks ist es wichtig, den Kindern diese Werte von vornherein mitzugeben.

Dass Kultur einen unverzichtbaren Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung leistet, zeige der Blick auf skandinavische Länder oder die Niederlande „Kunst und Kultur sind sehr wichtig für die Zukunft, für eine moderne, offene Gesellschaft, wo Kinder und Jugendliche schon demokratische Werte mitbekommen. Kunst und Kultur stärken das Bewusstsein für diverse Kulturen, diverse Ansichten und die Demokratie an sich. Gerade angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks ist es wichtig, den Kindern diese Werte von vornherein mitzugeben.“ Der Runde Tisch endete mit einem klaren Appell an die Politik und die Landesregierung, die angekündigten Arbeitstische zu den Themen: Kultur und Jugend sowie Kultur und Bildung und FairPay zügig umzusetzen. Der Dialog zwischen Bildungsdirektor Gustav Tschenett, der Politik und den Gewerkschaften müsse nun rasch zu Ergebnissen führen, damit das neue Schuljahr nicht erneut unter dem Zeichen des Stillstands steht. 

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