Kultur | Kulturkampf

Traminer Zufälligkeiten

Eine Matinée im Zeichen der Türkei. Ein patriotischer Jugendtreff der Südtiroler Freiheit mit problembehaftetem Redner aus Deutschland samt Gegendemo. Tramin rüstet sich.
Bild: Oswald Stimpfl

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Auf die Frage, ob sie sich nicht schäme, wenn „ihre“ Partei Südtiroler Freiheit eine Person mit einer derart extremen, wenn nicht sogar rechtsextremen Vergangenheit wie Jean-Pascal Hohm nach Tramin einlädt, muss Eva Klotz erstmal tief Luft holen. Dann erklärt sie selbstbestimmt, dass sie an der Veranstaltung der jüngeren Generation der Südtiroler Freiheit samt Gastredner teilnehmen werde und sich erst morgen bewusst selbst ein Bild machen wolle. „Ich werde Ihnen dann sagen, was ich denke, was wirklich passiert ist. Aber zuerst muss ich mir ein Bild verschaffen“, betont sie gegenüber SALTO.

Hohm oder Hohn?: „Ich will mir zuerst ein Bild machen.“ Sollte man sich das nicht vorher? STF

Klotz am Bein

„Ich bin morgen ganz bewusst dabei, weil ich das aus erster Hand erlebe, weil ich das aus erster Hand sehen will, nicht über fünf Kanäle“, meint Klotz kämpferisch und in Verteidigungshaltung. „Ich habe auch eine Redezeit von zwei Minuten. Und in dieser Zeit werde ich selbstverständlich an die Grundwerte und die Ehrenerklärung der Südtiroler Freiheit erinnern und sie unterbringen.“ Sie wolle über das Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten sprechen, sagt sie zu SALTO, sowie über die Verpflichtung, sich gegen jede Form der Diskriminierung einzusetzen – unabhängig davon, ob diese politisch, religiös, ethnisch, kulturell, sexuell oder sozial motiviert sei.

Ebenso distanziere sich die Südtiroler Freiheit, laut Klotz und laut Ehrenerklärung, ausdrücklich von totalitären Systemen wie Nationalsozialismus, Faschismus und Kommunismus und verurteile diese. 

Warum aber bittet man dann Hohm ans Mikrofon, der sogar Applaus von den Neofaschisten um CasaPound bekommt? Klotz gibt sich schmallippig. Sie wolle sich Hohm zunächst selbst ansehen und anhören, wiederholt sie. Sie wolle sehen, was tatsächlich dahinterstehe, und keine voreiligen Kommentare auf Grundlage verschiedener Informationen abgeben, die sie weder kenne noch selbst überprüft habe.

Wie sehr Nazi ist Hohm eigentlich?

Wie sehr Hohm mit dem Nationalsozialismus sympathisiert(e), ist durchaus bekannt, denn es gibt mehrere dokumentierte Berührungspunkte mit der rechtsextremen Szene – behördliche Einstufungen, belegte Kontakte und natürlich politische Bewertungen. Der Brandenburger Verfassungsschutz führt Hohm in seinem Bericht 2025 mehrfach auf. Er wird dort als gesichert rechtsextremistisch eingeordnet und als politisch in rechtsextremen Hochburgen sozialisiert sowie persönlich in eine rechtsextreme Subkultur eingebunden beschrieben. Er steht für völkische und migrationsfeindliche Positionen. Ende 2025 wurde der von der AfD bereits mehrmals ausgeschlossene Hohm zum Vorsitzenden der neuen AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ gewählt. Hohm selbst weist die Einordnungen rund um seine Person zurück und bezeichnet sich und seine neue Jugendorganisation nicht als rechtsextrem. Wer ihm glaubt, verkennt die Wirklichkeit. 

Aylas Lachen

Türkische Matinée: Der SPIEGEL-Bestsellerautor liest in seinem Heimatort Tramin aus seinem Roman „Aylas Lachen“. Am Samstag, 12. September um 10.30 Uhr im Haus Menapace. Ein Vormittag zwischen Anatolien, Bodensee und Kalterer See. Rowohlt

„Bist du Teil der Gegenveranstaltung?“ Solche und ähnlich klingende Fragen wurden in den letzten Tagen an den in Tramin wohnhaften Krimiautor und Magazin-Entwickler Lenz Koppelstätter gerichtet. Der Schriftsteller ist am morgigen Samstag Gast einer bereits mit längerem Vorlauf vom Verein für Kultur- und Heimatpflege Tramin unter dem Titel Türkische Matinée  geplanten und angekündigten Veranstaltung im Haus Menapace, dem Wohnhaus der beiden nicht nur im lokalen Kulturbereich bekannten, allerdings bereits verstorbenen Brüder Klaus und Werner. 

Das Haus Menapace kümmert sich immer wieder um das Kulturschaffen im Unterlandler Weinort und serviert am Samstag eine Lesung aus Koppelstätters Buch Aylas Lachen. Der Traminer Autor hielt sich während des Schreibens viele Monate in der Türkei auf und bereiste das Land. Seine persönliche Nähe zum Thema – seine Ehefrau stammt aus Anatolien – prägt die Erzählung und verleiht den Landschaften, Begegnungen und kulturellen Details eine besondere Unmittelbarkeit. Koppelstätters Werk erzählt von mehreren Generationen, von Heimat und Fremde, von Liebe und familiären Erwartungen, von verpassten Chancen und dem Mut, sich der Vergangenheit zu stellen. „Die Türkische Matinée im Südtiroler Unterland ist eine Einladung zu einer literarischen Reise – zunächst nach Tramin und von dort aus hinaus in die weite Welt“, heißt es in der Aussendung zur weltoffenen Veranstaltung. Wie eng die Welt am morgigen Nachmittag in Tramin sein wird, kann man nur einen Steinwurf vom Haus Menapace entfernt beim Hohm-Vortrag im Bürgerhaus erleben. Wo sich auch Eva Klotz live ein Bild machen wird.

Neue Identitäre und neue Identitäten

Von Weite und weiter Welt will der von der Südtiroler Freiheit nach Tramin beorderte deutsche Gast Jean-Pascal Hohm nichts wissen. So liest sich jedenfalls seine Biografie, und umso mehr verwundert es, dass die Südtiroler Freiheit, die sich gerade auch den Begriff Freiheit auf die Parteifahne schreibt, gerade ihn nach Tramin zur Versammlung der Jugend geladen hat. Große Fürsprache für den rechtsextremen Hohm kommt jedenfalls auch von den Rechtsextremen italienischer Zunge aus Südtirol um CasaPound. Sind die Knoll-Möchtegernpatrioten vielleicht schon längst und weit rechts abgerutscht? 

Oder wird der Ort Tramin sogar für Hohm – wie für viele dem Nationalsozialismus verfallene Persönlichkeiten vor ihm – ein wichtiger Baustein innerhalb seiner Biografie? In Tramin konnten Nazis nämlich einst falsche Identitäten dokumentarisch glaubhaft machen, bevor sie die Flucht über Italien – insbesondere über Genua – nach Südamerika fortsetzten. Nach 1945 spielte der Ort des Egetmann-Umzugs eine konkrete Rolle bei der Flucht von NS-Tätern über die sogenannte „Rattenlinie“ nach Südamerika. Besonders bekannt ist der Fall Adolf Eichmann. Für seine Flucht nach Argentinien verwendete er den Namen Riccardo Klement. Seine Dokumente – in Tramin ausgestellt – halfen ihm, einen Rotkreuz-Reiseausweis zu erhalten. Noch deutlicher ist die Verbindung bei Josef Mengele. Der Auschwitz-Arzt gab sich als Südtiroler Bauernsohn und Mechaniker namens Helmut Gregor aus Tramin aus.

Arno Kompatscher: Grenze übrischritten. Die Südtiroler Freiheit als Plattform für ein Zusammentreffen rechtsextremer Personen der AfD und Vertretern von CasaPound. Das geht doch nicht. Andy Odierno/SALTO

Kritik und Protest

Landeshauptmann Arno Kompatscher kritisierte im Rahmen seiner Pressekonferenz am heutigen Freitag, dass ein führender Vertreter der jungen AfD wie Hohm bei einer Veranstaltung der Südtiroler Freiheit auftritt und erinnerte an die antifaschistische Verfassung. Die zentrale Kritik des Landeshauptmanns lautet: Die Südtiroler Freiheit habe mit der Plattform für ein Treffen mit extremen Nationalisten eine Grenze überschritten, die angesichts der Südtiroler Geschichte schwer nachvollziehbar sei. 

Als Anführer einer Mitte-Rechts-Rechtsaußen-Koalition kennt Kompatscher natürlich die überschrittene Grenze genau. Dass allen voran christliche Volksparteien die erstarkte Rechte in Europa erst salonfähig gemacht haben und immer noch machen ist bedauerlicher Tatbestand. In Südtirol und anderswo. 

Zahlreiche Organisationen wie Bozen Solidale, Spazio autogestito 77, Antifa Meran und ANPI Alto Adige Südtirol rufen am morgigen Samstag – um 16 Uhr beim Minigolf-Parkplatz in Tramin – zur Gegendemonstration auf. Man rüstet sich jedenfalls gegen den in Nazi-Dingen stark verstrickten Jungspund aus Deutschland (und seine geblendeten Fans und Pseudopatrioten aus Südtirol), der bei aller historischen Unkenntnis mit Unterstützung von Rechtsextremen aus Bozen und patriotischen Kräften der Südtiroler Freiheit in Tramin reden darf. Wohl bekhohm's.

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