Change | Overtourism

Wann wird uns der Tourismus zu viel?

Overtourism ist ein schwieriger Begriff. Tourismusforscher Thomas Bausch erklärt, warum auch Einheimische Teil des Problems sind und warum die Wachstumsstrategie Südtirol riskant ist.
Der Kareresee im August 2025: „Es sind zu viele Leute unterwegs.“ Bild: Othmar Seehauser/ Seehauserfoto

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SALTO: Professor Bausch, Overtourism ist zu einem Schlagwort geworden. Was bedeutet der Begriff eigentlich?

Thomas Bausch: Zunächst beschreibt er ein subjektives Gefühl: Es sind zu viele Leute unterwegs. Sehr schnell entsteht die Projektion, dass die Touristen einen Ort zum Überlaufen bringen. Ohne sie, so die Vorstellung, wäre alles gut. Einheimische bekommen etwa im Verkehr, an Attraktionen oder in Ortszentren das Gefühl: Wir haben selbst keinen Platz mehr, wir müssen unsere alltäglichen Bedürfnisse wegen der Touristen einschränken. Tatsächlich überlagern sich aber verschiedene Phänomene.

„Reden wir tatsächlich von Overtourism – oder von ‚Overvisiting‘?“

Schon der Begriff Tourismus ist also zu ungenau?

Ja. Touristen sind im engeren Sinn Menschen, die an einem Ort mindestens eine Nacht verbringen. Daneben gibt es Besucher, die kurzfristig kommen. Deshalb muss man fragen: Reden wir tatsächlich von Overtourism – oder von „Overvisiting“? Bei Orten wie den Drei Zinnen oder dem Pragser Wildsee haben wir stark das zweite Phänomen. Viele Menschen kommen für wenige Stunden. Sie übernachten anderswo in Südtirol oder reisen aus Osttirol oder dem Veneto an. Die Unterscheidung ist wichtig, weil die Steuerungsinstrumente völlig unterschiedlich sind.

Zur Person

Thomas Bausch ist Professor an der Fakultät für Tourismus der Hochschule München. Von 2019 bis 2024 leitete er das Kompetenzzentrum Tourismus und Mobilität der Freien Universität Bozen am Standort Bruneck. Zuvor war er viele Jahre Leiter des Alpenforschungsinstituts in Bayern. Seine Forschungsschwerpunkte sind nachhaltige Tourismus- und Regionalentwicklung, Destinationsmanagement und Mobilität.

Übernachtungsgäste lassen sich leichter steuern?

Einen Gast, der mehrere Tage in einem Betrieb bleibt, kann ich erreichen und darauf hinweisen, dass bestimmte Orte überlaufen sind oder eine Reservierung notwendig ist. Tagesbesucher entscheiden häufig spontan. Und dann kommen die Naherholer dazu, also die Einheimischen selbst. Auch sie wandern, fahren Mountainbike oder besuchen ihre Almen. Dadurch entstehen zusätzlicher Druck und Verkehr – und irgendwann sozialer Stress.

„Man selbst nimmt sich nicht als Teil des Problems wahr.“

Damit sind Einheimische nicht nur Betroffene, sondern auch Teil des Phänomens?

Natürlich. Einheimische schauen auf den Wetterbericht und sagen vielleicht beim Frühstück: Heute ist der perfekte Tag, jetzt fahren wir los. Sie wissen möglicherweise, dass sie im Stau stehen werden. Trotzdem fahren sie. Wenn sie dann im Stau stehen, entsteht schnell die Projektion: Die Touristen sind schuld. Das ist wie beim Autoverkehr generell: „Ich stehe im Stau und der vor mir ist schuld.“ Man selbst nimmt sich nicht als Teil des Problems wahr.

Die Diskussion über Belastungsgrenzen ist älter als der Begriff Overtourism.

Der Begriff ist erstaunlich jung. Er wurde ungefähr 2015 oder 2016 von einem Reiseblogger verwendet und anschließend von der Wissenschaft aufgegriffen. Die erste wissenschaftliche Publikation mit dem Begriff erschien 2017. Die Debatte dahinter ist viel älter. Seit den 1980er- und 1990er-Jahren diskutieren wir über „Carrying Capacity“, also die Tragfähigkeit von Räumen: ökologische und soziale Tragfähigkeit und andere Belastungsgrenzen. Das Thema beschäftigt uns seit rund 40 Jahren. Neu ist vor allem das Etikett.

Gibt es eine Grenze, ab der Tourismus objektiv zu viel wird?

Keine allgemeingültige. Man muss immer fragen: Was ist das Bezugssystem? Bei einem Naturraum kann entscheidend sein, ab wann ökologische Schäden entstehen oder Ressourcen überbeansprucht werden. In einer wasserarmen Region kann beispielsweise der Wasserverbrauch touristischer Infrastruktur die kritische Größe sein. Bei einem Kulturdenkmal sieht es anders aus. Aus Schloss Neuschwanstein weiß man beispielsweise, dass bei sehr hohen Besucherzahlen im Winter so viel Feuchtigkeit eingetragen wird, dass Schäden entstehen können. Dort lässt sich eine Belastungsgrenze relativ konkret bestimmen.

Wann kippt die Stimmung?

Das Phänomen des Overtourism ist das Schwerpunktthema von SALTO change im Oktober. Am Mittwoch, 21. Oktober um 20 Uhr steht es im Mittelpunkt des SALTO talk im Rahmen der Dialogreihe start.klar. im UFO. „Tourismus auf Rekordjagd | Wann kippt die Stimmung in der Destination Südtirol?“ lautet das Thema, über das Moderator Markus Lobis mit dem Tourismusforscher Prof. Thomas Bausch und der Autorin Sylvia Rier (Keep Off the Grass. Ein Knigge für die Berge, Raetia Verlag) und dem Publikum debattieren wird. Der Abend wird via Livestream auf SALTO und der UFO-Facebook-Seite übertragen.   

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Und beim Verkehr?

Nehmen Sie einen Linienbus, der bereits aus einem touristischen Zentrum wie Bruneck komplett voll abfährt. Er hält am Krankenhaus, dort warten ältere Menschen nach einer Behandlung – und der Bus kann sie nicht mehr aufnehmen. Dann haben wir eine objektive Überlastung und gleichzeitig eine soziale Verteilungsfrage: Wer kann die vorhandene Infrastruktur noch nutzen?

Die Frage lautet deshalb immer: Welches Phänomen betrachten wir? Wo entstehen Konflikte? Welche Grenze wird überschritten? Erst danach kann ich überlegen, mit welchen Managementinstrumenten ich gegensteuere.

Overtourism ist also eher eine Matrix als eine Zahl?

Genau. Man kann sich am Nachhaltigkeitsdreieck orientieren: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Ökologisch kann es um Boden, Wasser oder Biodiversität gehen. Ökonomisch etwa um Lebenshaltungskosten und Mieten. Sozial um die Belastung der Bevölkerung, Zugangsmöglichkeiten und Verteilungsfragen. Auch Steuerungsmaßnahmen können neue Probleme erzeugen. Nehmen Sie hohe Parkgebühren. Damit kann ich Nachfrage reduzieren. Aber dann stellt sich die Frage: Wer kann sich den Zugang noch leisten? Dasselbe gilt für Dynamic Pricing. Wenn ich den Preis erhöhe, bis nur noch die gewünschte Zahl von Menschen kommt, steuere ich über Zahlungsfähigkeit. Das kann funktionieren, ist aber sozial ausgrenzend.

„Menschen erleben, dass sie an bestimmten Orten fast nur noch Besuchern begegnen und selbst Teil einer touristischen Inszenierung werden.“

Besonders schwierig scheint es bei der sozialen Belastbarkeitsgrenze zu sein.

Das ist wahrscheinlich der komplizierteste Punkt. Es geht um subjektives Wohlbefinden und irgendwann um das Gefühl: „Mein Lebensraum ist nicht mehr mein Lebensraum.“ Menschen erleben, dass sie an bestimmten Orten fast nur noch Besuchern begegnen und selbst Teil einer touristischen Inszenierung werden. Ich bin deshalb skeptisch gegenüber Konzepten, nach denen Einheimische und Gäste in einem „Resonanzraum“ ständig miteinander interagieren sollen. Einheimische sind keine touristische Ressource. Wenn jemand Lust hat, mit Gästen zu reden, wunderbar. Aber man darf die Bevölkerung nicht zum Bestandteil eines touristischen Produkts machen. Es muss Räume geben, in denen Tourismus sich zurücknimmt.

Dahinter steht die Frage, wem Landschaft und öffentlicher Raum gehören.

Das ist das alte Thema der Allmende: Güter, die der Allgemeinheit gehören und für sie Nutzen stiften. Historisch war diese Allgemeinheit eine lokale Gemeinschaft, die einen Raum gemeinsam nutzte. Heute verstehen wir Natur- und Kulturgüter als gemeinsames Erbe. Venedig gehört nicht einem Unternehmen, das entscheiden kann, wer hinein darf. Gleichzeitig können immer mehr Menschen reisen. Damit geraten attraktive Orte zwangsläufig unter Druck. Hinzu kommt die Logik sozialer Medien. Bestimmte Orte werden zu „Once-in-a-Lifetime“-Zielen. Man braucht das Foto von genau diesem Standort – danach geht es zum nächsten.

Wem gehört der öffentliche Raum?: Protest in Bozen im Juni 2025. Othmar Seehauser/ Seehauserfoto

Was bedeutet diese Entwicklung für Südtirol?

Vor 30 Jahren hatte Südtirol vielleicht 15 Millionen Übernachtungen, heute sind es annähernd 40 Millionen. Gleichzeitig sind die Aufenthalte kürzer geworden. Das bedeutet mehr An- und Abreisen und mehr Bewegung innerhalb der Destination. Früher blieben Gäste stärker in ihrem Urlaubsort und wanderten von dort los. Auch die mentalen Distanzen waren andere. Eine Fahrt über den Brenner war einmal fast eine Fernreise. Heute fährt man während eines Urlaubs selbstverständlich größere Strecken zu einzelnen Attraktionen. Deshalb sagt die Zahl der Übernachtungen allein wenig über die tatsächliche Belastung aus.

Wie beurteilen Sie die Situation des Südtiroler Tourismus 2026?

Ich sehe Warnzeichen. Viele Gäste der Boomer-Generation, die Südtirol über Jahrzehnte ins Herz geschlossen haben, finden zunehmend nicht mehr jenes Südtirol vor, das sie gesucht und liebgewonnen haben. Viele familiengeführte Betriebe schaffen es weiterhin, Stammgäste zu binden. Gleichzeitig erschließt Südtirol neue, stärker internationale Gästeschichten. Damit kann Wachstum weiter funktionieren. Aber das System wird aus meiner Sicht weniger resilient.

„Ich kenne Menschen, die sagen: Ich fahre nicht mehr nach Südtirol, weil mir das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr entspricht.“

Warum?

Je internationaler ein Tourismusmarkt wird, desto stärker ist er internationalen Krisen, Preisschocks oder geopolitischen Verwerfungen ausgesetzt. Ein Stammgast, der jedes Jahr kommt, ist etwas anderes als jemand, der Südtirol einmal besucht und danach zum nächsten internationalen Reiseziel weiterzieht. Diesen Gast muss ich ständig durch neue Gäste ersetzen. Das erzeugt Marketing- und Wachstumsdruck. Deshalb stellt sich die Frage, ob Südtirol irgendwann einen Kipppunkt erreicht. Im Moment funktioniert die Wachstumsstrategie noch. Aber daraus folgt nicht, dass sie langfristig resilient ist.

Auch das Preisniveau spielt eine Rolle?

Natürlich. Südtirol gehört inzwischen zu den hochpreisigen Urlaubsdestinationen. Ich kenne Menschen, die sagen: Ich fahre nicht mehr nach Südtirol, weil mir das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr entspricht. Solange neue Gäste die wegfallenden ersetzen, sieht man das in den Übernachtungszahlen nicht unbedingt.

CHANGE

Tourismus und Overtourism beschäftigen uns bei CHANGE in den Monaten September und Oktober. Unsere Partner bei der Bearbeitung und Vertiefung dieses Themenkomplexes sind der Heimatpflegeverband Südtirol, die Toblacher Gespräche, Politis und UFO Bruneck.

Sie sprechen auch von einer ökonomischen Belastungsgrenze des Tourismus selbst...

Mich beschäftigt die Investitionsspirale. Im Südtiroler Tourismus wird enorm investiert. Betriebe stehen untereinander in einem Wettbewerb: größere Wellnessbereiche, neue Zimmer, Umbauten, zusätzliche Angebote. Wenn ein erheblicher Teil fremdfinanziert ist, entsteht struktureller Auslastungsdruck. Dann braucht ein Betrieb vielleicht 200 oder 220 sehr gut belegte Tage zu hohen Preisen, um seine Finanzierung bedienen zu können. Wachstum wird dadurch nicht nur zum Wunsch, sondern möglicherweise zur wirtschaftlichen Notwendigkeit.

„Wir müssen fragen: Wie viele Menschen verträgt welcher Ort zu welcher Zeit, unter welchen Bedingungen?“

Wir interpretieren Rekordzahlen und Investitionen als Zeichen wirtschaftlicher Stärke. Aber hohe Investitionen können auch hohe finanzielle Verpflichtungen bedeuten.

Wachstum erzeugt also neuen Wachstumszwang?

Das ist zumindest die Frage, die man stellen muss. Wenn die Investitionen von heute die Auslastung von morgen erzwingen, entsteht eine Spirale. Deshalb sollten wir nicht ausschließlich auf Übernachtungsrekorde schauen. Entscheidend ist, wie robust die Betriebe tatsächlich aufgestellt sind. Was passiert, wenn in einer Saison plötzlich zehn oder fünfzehn Prozent der Gäste fehlen?

Overtourism kann also Natur und Gesellschaft überfordern – und das touristische System selbst?

Genau diese Frage sollten wir stellen. Nachhaltigkeit hat drei Dimensionen. Wir müssen über ökologische Grenzen sprechen, über gesellschaftliche Akzeptanz, aber ebenso über ökonomische Nachhaltigkeit.

Deshalb führt die Frage „Wie viele Touristen verträgt Südtirol?“ in die Irre. Wir müssen fragen: Wie viele Menschen verträgt welcher Ort zu welcher Zeit, unter welchen Bedingungen und gemessen an welcher Belastung? Und: Wer profitiert vom Tourismus, wer trägt seine Kosten und wer entscheidet über die Nutzung gemeinsamer Ressourcen? Erst dann kommen wir weg vom Schlagwort Overtourism und können darüber reden, was tatsächlich gesteuert werden muss.

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