Cultura | USA 250

The American aus Girlan

Peter Wöth aus dem Überetsch war wohl der erste, oder zumindest einer der frühesten Südtiroler in den Vereinigten Staaten. Wer war er und warum hat man ihn vergessen?
Oswald Stimpfl

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Es ist zwar möglich, dass bereits vor dem Aufenthalt von Peter Wöth einzelne Südtiroler die Vereinigten Staaten erreichten. Der einst bekannte und heute vergessene Wöth gehört zumindest nachweislich zum ersten Südtiroler in den USA. Vor 175 Jahren war er im Goldrausch dort. Über den politisch aktiven Rebellen, Einzelgänger und Goldgräber Peter Wöth existiert inzwischen eine ausführliche historische Darstellung im Zusammenhang mit dem Tagebuch seines Reisegefährten Joseph Steinberger.

Kalifornischer Goldrausch: Zwischen 1848 bis 1855 versuchten Tausende ihr Glück auf der Suche nach Gold in Kalifornien. Auch Peter Wöth. Wikipedia

Im Juni 1851 machte sich Peter Wöth – in den Akten und Zeitungen auch manchmal Peter Weth genannt – vom malerischen Weindorf Girlan im Überetsch nach Kitzbühel auf. Am 22. August fuhr er dann mit drei weiteren Kumpanen nach Übersee, nach Kalifornien, um sich dort – wie viele andere auch – auf die Suche nach Gold zu begeben.

Finanziell hatte Wöth bereits vorgesorgt. Er war ein reicher Bauernsohn, der aber anders tickte als der Rest im kleinen Weindorf. Lange kursierten allerlei schreckliche Geschichten und Gerüchte über Peter Wöth in Girlan und Umgebung. 

Bis in die 1980er Jahre hinein drohte man vereinzelt im Überetsch sogar kleinen Kindern mit den Worten: „Der Wethn Peter wird dich holen“, wenn sie nicht brav waren. Vielleicht tun es manche Eltern in Girlan heute noch. Hoffentlich nicht.

War er wirklich so gefährlich?

Der Historiker Thomas Albrich skizzierte in seinem Buch Goldjäger aus Tirol anhand von Dokumenten, Briefen und eines Tagebuchs das bizarre Leben des 1824 geborenen reichen Bauernsohns, der aus ideologischen Gründen schon in jungen Jahren sein Erbteil verkaufte und gemeinsam mit seinem Gesinnungsgenossen Anton Flunger aus dem Nachbardorf St. Michael kommunistische Propaganda im Überetsch betrieb. Beeinflusst von den roten Gedanken vieler im Pariser Exil lebender Deutscher sympathisierten die beiden Eppaner mit den Ideen Wilhelm Weitlings und dem „Bund der Gerechten“ – einem Vorläufer aller späteren sozialistischen und kommunistischen Parteien Europas.

Geld, Gold und Glück?: „Goldjäger“ ist die Geschichte von vier Tiroler Schützen – Joseph Steinberger, entlassener Lehrer und Lohnschreiber aus Kitzbühel, Anton Hauser, gescheiterter Wirt und Müller aus Oberndorf, Hansjörg Baumgartner, Sattlergeselle und Frauenheld aus Lienz, sowie Peter Wöth, rebellischer Bauernsohn aus Girlan –, die 1851 dem Lockruf des Goldes folgen und sich gemeinsam auf die gefährliche Schiffsreise rund um Kap Hoorn nach Kalifornien machen. Erschienen ist das Buch bereits im Jahr 2007. Studienverlag

Besonders fasziniert war Wöth von der Lektüre über die frühkommunistischen Gemeinschaftssiedlungen in Amerika, vor allem von Johann Georg Rapps „Harmony Society“, einer Gemeinschaft von Radikalpietisten, deren Zusammenleben Friedrich Engels als Vorbild einer kommunistischen Gesellschaft sah. Der wegen seiner Lebensweise von den Behörden überwachte Peter Wöth galt polizeilich als „jugendlich leichtsinniger, dem Trunke und Müßiggang ergebener Bursche“, der im Verdacht stand, auch außerhalb der Heimat „kommunistische und irreligiöse Verbindungen zu unterhalten“. 
 

Reich – abgesehen an Erfahrungen – dürfte keiner der vier Goldjäger geworden sein.


Der bei den Schützen aktive Wöth agitierte mit Gerechtigkeitsparolen, wetterte gegen die Kirche und stellte wenige Jahre vor seiner Abfahrt nach Amerika in Girlan sogar einen Freiheitsbaum auf. Damit war er für viele zu weit gegangen, auch wenn die jungen Menschen von seinen Taten und Reden – er hielt sie nüchtern ebenso wie im betrunkenen Zustand – begeistert waren. Der damalige Pfarrer sowie die älteren Herren und Damen im Dorf empörten sich. Die gläubige Girlaner Dorfgemeinschaft interpretierte Peter Wöths politische Aufklärungsarbeit als Teufelswerk, „welches in politischer wie religiöser Hinsicht von Tag zu Tag gefährlicher werde“. Wöth wurde mehrmals verhört. Doch abbringen ließ er sich von den erarbeiteten und erlesenen Idealen nicht.

Kalifornische Goldfelder: Wo suchte Peter Wöth nach Gold? Fand er zumindest die Freiheit, die er ein Leben lang suchte? Wikipedia

Mit dem Geld aus seiner Erbschaft fuhr der politische Außenseiter im Sommer 1851 nach Kitzbühel. Mit Joseph Steinberger, Hansjörg Baumgartner und Anton Hauser machte er sich Ende August 1851 auf den Weg nach Kalifornien. Laut Tagebuch erreichte das Quartett sieben Monate später sein Ziel. Allerdings waren sie sich während der langen Schifffahrt in die Haare geraten. Ihre Wege trennten sich unmittelbar nach der Ankunft in San Francisco. Reich – abgesehen an Erfahrungen – dürfte keiner der vier Goldjäger geworden sein.

Peter Wöth kehrte als einziger der vier Tiroler Ende der 1860er-Jahre wieder zurück. In Girlan vertrat er erneut „ganz eigene Ideen“ und führte ein unkonventionelles Einsiedlerdasein nach indianischem Vorbild. Die Münchner Zeitung beschrieb den „vielen Kurgästen bekannten Peter Wöth“ als „Natur-Philosophen“, der seine letzten Lebensjahre mitten im Montiggler Wald (siehe Titelbild) in einer selbst gebauten Blockhütte verbrachte. Auf der unscheinbaren Erhebung zwischen Rungg und dem Kleinen Montiggler See soll der „Wilde Peter“ angeblich einen Teil des Goldes versteckt haben, das er einst aus San Francisco mitgebracht haben soll – darüber spekulieren Träumer und Träumerinnen bis heute.

Wöth, den die Leute im Dorf nach seiner Rückkehr auch einfach nur den Amerikaner nannten, starb am 23. Jänner 1896 und wurde in ungeweihter Erde am Rande des Girlaner Friedhofs begraben. Auf dem Hügel in Montiggl hinterließ er die Inschrift P.W. geb. 1824

Make Peter Wöth great again!

Kommunistisches Girlan?: Peter Wöth setzte alles daran. Eingegangen ist der Bauernsohn und Rebell als Flurnamen (s)eines Hügels im Montiggler Wald. Allerdings nicht als „Gerechter Mann-Bühel“ sondern als „Wilder Mann-Bühel“ Archiv SALTO

Auf nach Nord- und Südamerika

Erster Südtiroler in Südamerika? Anton Sepp von Seppenburg (geboren am 22. November 1655 in Kaltern) reiste 1691 als Jesuit nach Südamerika und wirkte in den autonomen Siedlungen, die der Jesuitenorden im heutigen Paraguay und Argentinien gegründet hatte. Dort war er nicht nur Missionar, sondern auch Organisator, Musiker, Instrumentenbauer und Förderer der Eisenverarbeitung.

Erster „Tiroler“ in den USA? Betrachtet man Tirol im historischen Sinn, dann ist der früheste bekannte Tiroler in Amerika sehr wahrscheinlich Eusebio Francisco Kino (Eusebio Chini), geboren 1645 in Segno im Nonstal. Er erreichte 1681 Neuspanien und wirkte ab 1687 im Gebiet des heutigen Arizona und Sonora (Mexiko). Er gründete Missionen, erforschte den Südwesten Nordamerikas und fertigte die ersten genauen Karten der Region an.