Die Suche nach Unabhängigkeit
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Jetzt S+ abonnierenAls wir die Schiebetüren des klimatisierten Flughafens hinter uns lassen, schlägt uns heiße, salzige Meeresluft und der Geruch von Asphalt ins Gesicht. In New York ist es zu diesem Zeitpunkt noch deutlich wärmer als in Europa. Vor uns liegen zwei Wochen, fünf Freunde an meiner Seite, ein Mietwagen und eine Route, die auf der Karte fast wie ein Strich von Norden nach Süden aussieht. Unser Roadtrip führt uns durch ein Land, das heute seinen 250. Geburtstag feiert – und vielleicht gerade darum so rastlos, widersprüchlich und aufgeladen wirkt.
Unser Urlaub war lange mehr Fantasie als Plan. Irgendwann, bei einem Bier und einer dieser großen Ideen, die man zunächst in den Raum wirft, ohne an Flugpreise, Kreditkartenlimits oder Urlaubstage zu denken, hatte jemand eine Reise in die USA vorgeschlagen. Als feststand, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 auch in den Vereinigten Staaten stattfindet, bekam die Idee Konturen. Die Tickets buchten wir vor einem Jahr, als Öl und Flüge günstiger waren – und als Italien noch hoffen durfte, sich für die WM zu qualifizieren. Dass die Azzurri zum dritten Mal in Folge fehlen, schmerzt die Fans unter uns. Dafür macht es die Vorstellung, für einen Stadionbesuch ein halbes Vermögen auszugeben, etwas weniger verführerisch.
In der U-Bahn hört man mehr Sprachen als in mancher europäischen Hauptstadt an einem ganzen Tag.
New York ist die bevölkerungsreichste Stadt und das Finanzzentrum der USA – und nicht nur deshalb der richtige Auftakt für eine Reise durch das heutige Amerika. Die Stadt kann als Symbol eines politisch tief gespaltenen Landes gelesen werden. Seit Anfang des Jahres wird die Stadt vom Demokraten Zohran Mamdani regiert – der als erster muslimischer Bürgermeister der Stadt mit seinem pragmatischen wie progressiven Kurs viele Hoffnungen auf sich vereint. Die Stadt befindet sich im Aufbruch, und trotzdem bleibt New York dasselbe: Sirenen schneiden durch die Häuserschluchten, Lieferwagen stehen in zweiter Reihe, aus den Gullis kommt heißer Wasserdampf und auf den Gehsteigen geht es hektisch zu. In der U-Bahn hört man mehr Sprachen als in mancher europäischen Hauptstadt an einem ganzen Tag. Und doch: In diesen Wochen liegt über allem ein nationaler Unterton. Fahnen, wohin man blickt, Jubiläumslogos, Werbetafeln in Rot, Weiß und Blau.
Die Metropole ist nicht nur einer der bedeutendsten Wirtschaftsstandorte der Welt, Sitz vieler internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen, sondern auch Geburtsort von Donald Trump. Während wir uns in seiner Heimatstadt aufhalten, feiert der Präsident gerade seinen 80. Geburtstag. In typischer Trump-Manier: möglichst pompös, machohaft, untypisch und mit MMA-Kampf vor dem Weißen Haus. Dabei steht der ebenso umstrittene wie erfolgreiche Politiker im 250. Jubiläumsjahr der amerikanischen Unabhängigkeit besonders unter Druck. Kurz vor den wichtigen Midterm-Wahlen im November, deren Ausgang seine restlichen zwei Amtsjahre prägen wird, versucht Trump, seine Wählerschaft nicht nur mit Schaukämpfen einzuschwören. Nach einem schwierigen Jahresbeginn samt Iran-Debakel kommt die Fußball-WM für Trump jedenfalls zum richtigen Zeitpunkt.
Nach einigen Tagen im Lärm der Metropole holen wir den Mietwagen und fahren Richtung Washington, DC. Nach einigen Stunden Fahrt empfängt uns die Hauptstadt mit einer eigentümlichen Mischung aus Monumentalität und Absperrgittern. Die Avenue vor dem Weißen Haus ist wenige Tage nach dem Kampfabend noch immer weiträumig gesichert. Auf dem Rasen erinnern Arbeitsgeräte und provisorische Barrieren daran, wie kurz der Weg hier von der politischen Bühne zum Unterhaltungsevent ist.
Während wir vor den Zäunen stehen, ist Trump bereits weitergereist. Beim G-7-Gipfel im französischen Évian ist ausgerechnet das Verhältnis zu Italien zum Thema geworden. Trump behauptet, Giorgia Meloni habe ihn um ein gemeinsames Foto angebettelt. Die italienische Ministerpräsidentin nennt die Darstellung frei erfunden. Der Satzwechsel wirkt von Washington aus fast wie eine Groteske, ist aber mehr als Klatsch. Er zeigt, wie rasch persönliche Kränkung, Bündnispolitik und Medienlogik ineinanderfallen können. Die einst demonstrativ herzliche Beziehung zwischen Trump und Meloni hat sichtbar Risse bekommen – auch wegen der Auseinandersetzungen über den Iran und Europas Rolle an der Seite der USA.
Die ganzen Touristen erinnern uns eher an zuhause.
Dann lassen wir die Hauptstadt hinter uns und fahren westwärts, hinein in die Appalachen. Bei den Great Smoky Mountains stehen die Bäume dichter als die Häuser, die Luft riecht nach nassem Holz und selbst das Handy scheint irgendwann einzusehen, dass es nicht überall zuständig sein muss. Unser Hotelzimmer tauschen wir gegen eine Waldhütte am Rand des Nationalparks. Zudem holen wir uns wegen der Schwarzbären im ersten Walmart einen Bärenspray. Auch wenn sich diese Unterart kaum mit Menschen anlegt und deutlich kleiner als Braunbären oder Grizzlies ist, wäre eine Wanderung durchs Naturschutzgebiet ohne Spray keine Option für uns Stadtler gewesen.
Der Wanderweg Richtung Mount LeConte ist dann aber so gut besucht, dass sich kein Bär zeigt. Die ganzen Touristen erinnern uns eher an zuhause. Dabei übertrumpft der Smoky-Mountains-Nationalpark mit jährlich rund 12 Millionen Besuchern sogar die Touristenzahl Südtirols. Erst auf der Rückfahrt, fast schon im entspannten Nachbesprechen des Tages, haben wir Glück. Eine Schwarzbärenfamilie bewegt sich am Straßenrand durch das hohe Grün. Wir sind trotz unserer Vorkehrungen froh, im Auto zu sitzen.
Unser nächster Halt - die Küstenstadt Savannah im Bundesstaat Georgia – ist auch wieder Trump-Land, aber doch ganz anders. Die alte Südstaaten-Zentrale ist von breiten Plätzen, hängendem spanischen Moos und einer Geschichte geprägt, die sich nicht wegreden lässt. Die Veranden und Eichen wirken wie aus einem Film, doch die Schönheit ist untrennbar mit einer Vergangenheit aus Sklaverei, Baumwollhandel und Bürgerkrieg verbunden. Gerade im Jubiläumsjahr der Unabhängigkeit ist das eine Erinnerung daran, dass Freiheit in den USA nie für alle gleichzeitig gegolten hat.
Das sumpfige Umland ist geprägt von Insektengeräuschen, Vogelgezwitscher und dem Plätschern von Wasser. Wir sehen Schildkröten, Reiher und schließlich Alligatoren, so nah, dass das Erstaunen rasch einer sehr praktischen Vorsicht weicht. Den Bärenspray haben wir noch im Auto. Ob er gegen ein Reptil etwas ausrichten würde, weiß keiner von uns.
Am Ende des Roadtrips wartet Miami - und mit ihm wieder eine völlig andere Vorstellung von Amerika. Die Hitze ist tropisch, die Luft schwer. Spanisch ist nicht Fremdsprache, sondern Alltag: in Cafés, an Tankstellen und auf den Straßen rund um die Bars. Dazu kommen die Fans Kolumbiens, deren gelbe Trikots die Stadt vor dem letzten WM-Gruppenspiel gegen Portugal in Bewegung versetzen. Miami fühlt sich weniger wie eine US-amerikanische Großstadt, sondern wie ein Knotenpunkt zwischen Florida, der Karibik und Lateinamerika an. Der komische Blick, den ich mir von kubanischen Expats bei meinen Beileidswünschen wegen der schwierigen humanitären Lage auf der Insel einfange, holt mich aber schnell wieder in die Realität zurück.
Ich hoffe jedenfalls darauf, dass sich Europa endlich für unabhängig erklärt.
Den technologischen Fortschritt des Landes konnten wir dann bei einer 40-minütigen Taxifahrt mit einem Google-Auto erleben. Ohne Fahrer. Waymo, ein Tochterunternehmen des Alphabet-Konzerns, bietet seit Anfang des Jahres selbstfahrende Taxifahrten für die breite Öffentlichkeit an. Im ersten Moment noch etwas angespannt, gewöhnen wir uns schnell an die neuen Bedingungen.
Die Technologie könnte in einigen Jahren auch bei uns ankommen – die Infrastruktur entlang der Inntal- und Brennerautobahn wird bereits im Zuge eines EU-Projekts auf fahrerlose Fahrzeuge vorbereitet. Dabei ist noch nicht absehbar, ob es sich dabei um europäische Technologie und Fahrzeuge handelt, oder nicht. Ich hoffe jedenfalls darauf, dass sich Europa endlich für unabhängig erklärt.
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