Ambiente | Bauen mit Glas

3,5 Milliarden tote Vögel

Mit einer Wanderausstellung soll für das Bauen mit vogelsicherem Glas geworben werden. Zeitgleich stellt die Landesregierung einen Gesetzentwurf zum Thema vor.
Ausstellungseröffnung Vogelsicheres Bauen
Foto: Markus Lobis
  • 800 Millionen Quadratmeter Glasfassaden werden jährlich weltweit neu verbaut, das entspricht gut 100.000 Fußballfeldern. An solchen Glasscheiben verenden jedes Jahr bis zu 3,5 Milliarden Vögel. Man muss diese Zahl nicht in Fußballfelder umrechnen, um zu verstehen, dass das ziemlich viele sind.

     

    Viele Vögel erkennen transparente Glasscheiben nicht als Hindernis und versuchen, durchzufliegen. 

     

    Um diese Zahl zumindest ein wenig zu verringern, propagieren der Dachverband für Natur- und Umweltschutz, die Arbeitsgemeinschaft für Vogelkunde und Vogelschutz und der Naturtreff Eisvogel das Bauen mit vogelsicherem Glas.

    Denn viele Vögel erkennen transparente Glasscheiben nicht als Hindernis und versuchen, durchzufliegen. Ein weiteres Problem sind Spiegelungen: Vögel haben dann Schwierigkeiten, die Scheibe von der Umgebung zu unterscheiden, besonders wenn sich Bäume und Büsche im Glas reflektieren. Beleuchtete Gebäude bei Nacht oder bei schlechter Witterung werden Zugvögeln zum Verhängnis, da sie sich am Licht orientieren. 

  • Spezialglas hilft

    Dagegen helfen gezielt auf Vögel getestete Vogelschutzgläser. Streifen oder Punkte auf der Glasscheibe lassen die Glasfront als Hindernis erscheinen, dem die Vögel ausweichen. Nicht jeder Vogel reagiert gleich, aber bei den meisten wirkt es. Bestehende Fassaden kann man mit Klebefolien nachrüsten, alternativ schützen auch Markisen oder Netze, im Grunde alles, was die Vögel als Hindernis erkennen können.

     

    Vogelsicheres Bauen ist noch nicht in allen dafür zuständigen Köpfen angekommen.

     

    Über diese Möglichkeiten informieren seit Montag Paneele im Terlaner Rathaus. Vor dem Bauamt, damit sie von den Baumeistern ja nicht übersehen werden. Die Wanderausstellung „Vogelfreundliches Bauen mit Glas“ wird außerdem am Samstag, 16. Mai in St. Martin in Passeier und am Mittwoch, 20. Mai in Karneid eröffnet, jeweils um 9 Uhr. Danach soll die Ausstellung bis Ende 2027 durch Südtirol touren.

    Denn vogelsicheres Bauen sei noch nicht in allen dafür zuständigen Köpfen angekommen, aber das ändere sich gerade, sagt Simon Ferrara, der für den Dachverband das Projekt mitentwickelt hat. „3,5 Milliarden tote Vögel sind eine beeindruckende Zahl“, sagt er, „das bringt viele zum Nachdenken.“ Allein in Südtirol sollen es jährlich 10.000 sein.

  • Typische Vogelfallen: 1 Zaun, 2 Eckverglasung, 3 Balkonbrüstung, 4 Große Fenster, 5 Fahrradunterstand, 6 Wintergarten, 7 Lärmschutzwand, 8 Wartehäuschen, 9 Glasfassade, 10 Absturzsicherung, 11 Verbindungsgang, 12 Bandfassade Foto: Dachverband für Natur- und Umweltschutz
  • Nur geringe Mehrkosten

    Natürlich hat das Spezialglas auch Nachteile. Es ist teurer, aber nicht sehr: Rund 10 Prozent mehr kostet das vogelsichere Glas, aufs gesamte Fenster gerechnet viel weniger. Etwas teurer sind die Folien für die Nachrüstung, weil man sie immer wieder austauschen muss. Auch die Transparenz leidet etwas, wobei dieses Glas ja eher für Glasfassaden gedacht ist, als für das Wohnzimmerfenster. „Wenn ich mich auf die Punkte und Linien versteife, sehe ich sie“, sagt Hanspeter Staffler vom Dachverband. „Aber nach einer Weile nehme ich die Folie gar nicht mehr wahr.“

    Die Vögel werden es danken, zumindest jene, die noch da sind. Um rund ein Drittel nahm der Vogelbestand in Italien seit dem Jahr 2000 ab. Einer der Gründe ist der Vogelschlag, also der Zusammenprall von Vögeln mit künstlichen Objekten.

  • SALTO change im Mai

    SALTO change nutzt die Gelegenheit, um sich im Mai mit unseren gefiederten Freunden zu beschäftigen und mit jenen Menschen, die sich deren Schutz verschrieben haben. Wir werden ergründen, welche wichtige Rolle den Vögeln bei der Erhaltung und Förderung der Biodiversität zukommt, wie es um die Vogelwelt in Südtirol und in den Alpen bestellt ist und was wir alle unternehmen können, um die Horrorvorstellung vom „Stummen Frühling“ zu verhindern, wie Rachel Carson 1962 ihr Buch betitelte, das zu den wichtigsten Fanalen der damals entstehenden Umweltbewegung zu zählen ist.

    Unsere Partner in diesem Monat sind der Dachverband für Natur und Umwelt in Südtirol, der 28 Umweltschutzorganisationen aus Südtirol und die Alpenschutzkonvention CIPRA unter seinem organisatorischen Dach versammelt und zur wirkmächtigsten Stimme der vielen ökologisch eingestellten Südtirolerinnen und Südtiroler geworden ist. 

  • Ein Gesetz ist im Anflug

    Gesetzliche Vorgaben zum vogelsicheren Bauen gibt es noch nicht. Doch just am Tag der Ausstellungseröffnung stellte Landesrat Peter Brunner einen Gesetzentwurf zum Thema vor, vogelsicheres Glas soll etwa bei Wintergärten zum Einsatz kommen. Der Dachverband war in die Ausarbeitung nicht eingebunden, aber freut sich, dass nun etwas geschieht. Der Gesetzentwurf soll im Juni in den Landtag kommen.

     

    Photovoltaikplatten sind kein Problem.

     

    Wintergärten sind dann auch eines der Hauptprobleme, der erwartete Boom durch einfachere Genehmigung wird das Problem verstärken. Weitere „Problemzonen“ sind gläserne Wartehäuschen, Lärmschutzwände, Verbindungsgänge, Windschutzelemente, Fassaden, im Grunde jede größere Glasfläche. „Wir bekommen immer mehr Meldungen über tote Vögel“, sagt Patrick Egger von der Arbeitsgemeinschaft für Vogelkunde, seit Glas selbst auf Schutzhütten großzügig verbaut wird. „Großen Einfluss hat, ob das betreffende Gebiet in einem Vogelzug liegt oder in der Nähe von Brutstellen. Zugvögel kennen das Gebiet nicht und sind besonders gefährdet“, sagt Egger. Im städtischen Raum suchen Vögel vor allem naturnahe Gebiete auf, „deshalb gilt besondere Vorsicht in der Nähe von Grünflächen und Flüssen, da dort mit einem erhöhten Vogelaufkommen zu rechnen ist“. Photovoltaikplatten seien hingegen kein Problem.

  • Bei der Ausstellungseröffnung im Terlaner Rathaus: Auf das Thema aufmerksam machen Foto: Markus Lobis
  • Die Silhouetten sind nutzlos

    Dass das Bewusstsein in der Bevölkerung da ist, würden die bekannten Silhouetten von Greifvögeln an Fensterscheiben zeigen. „Die Menschen wollen etwas tun“, sagt Egger, „aber leider ist das kein wirksamer Ansatz.“ Vögel nehmen die Aufkleber nicht als Schatten größerer Vögel und somit als Bedrohung wahr, sondern als kleine Hindernisse, die sich umfliegen lassen und prallen neben den Silhouetten auf die Scheibe. Auch die für das menschliche Auge nicht sichtbaren UV-Folien gelten als unwirksam, denn nur die wenigsten Vogelarten können UV-Licht sehen.

    Und zuletzt als Ernüchterung für alle Putzmuffel: auch schmutzige Glasscheiben bieten keinen Schutz.