Cultura | Schule

Allianz mit pro(vo)aktiver Eleganz

Die „Allianz der Kultur“ meldet sich nur wenige Wochen nach Schulende mit einem Offenen Brief zu den Schulprotesten. SALTO hat bei der Geschäftsführerin nachgefragt.
Foto von oben links: Oswald Rogger (pro Weiterbildung, Schatzmeister), Christine Menghin (BVS, Schriftführerin), Simon Feichter (netz | Offene Jugendarbeit, Präsident), Sarah Oberreauch (EAU&GAZ, stellv. Präsidentin), Florian Trojer (Heimatpflegeverband, Vorstand), Thomas Maniacco (PERFAS, Vorstand), Hannes Götsch (BASIS Vinschgau Venosta, Vorstand), Anna Hilber (Geschäftsführung), Resi Fata (Referentin), Eva Cescutti (SKI, Vorstand), Kunigunde Weissenegger (freie Kulturaktuerin, Vorstand) Immagine: Elisa Cappelari

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SALTO: Richtet sich der Appell (siehe Infobox) der Allianz der Kultur nicht zu einseitig an die Gewerkschaften, obwohl die Verantwortung für die festgefahrenen Verhandlungen auch bei der Landesregierung liegt?

Anna Hilber: Unser Appell richtet sich bewusst an alle am Verhandlungstisch: Die Verantwortung für eine Einigung liegt bei der Landesregierung, genauso wie bei den Gewerkschaften. Wichtig ist, dass es zu einer raschen, tragbaren und langfristigen Einigung kommt, zum Wohl der Schülerinnen und Schülr, Lehrpersonen und der Kulturszene.

„Kultur wird vielfach als Luxus gesehen, dabei ist sie ein wichtiger Faktor für Bildung und Gesellschaft.“

Wie wird die Rechnung gemacht?: Viele Kulturveranstalterinnen und Kulturveranstalter sind auf Kosten sitzen geblieben... upi

Gibt es belastbare Daten dafür, dass die Schulproteste tatsächlich der Hauptgrund für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten freier Kulturschaffender und Kulturinstitutionen sind, oder spielen weitere Faktoren eine Rolle?

Wir sprechen hier nicht über die allgemeinen wirtschaftlichen Herausforderungen des Kultursektors, sondern über die effektiven Folgen der abgesagten oder nicht wahrgenommenen Programme und Aktivitäten für Schulen. Derzeit verfügen wir noch nicht über eine vollständige statistische Erhebung dazu. Was wir jedoch von zahlreichen Rückmeldungen unserer Mitglieder wissen, ist, dass viele bereits geplante und geförderte Schulveranstaltungen abgesagt wurden und für das kommende Schuljahr das Angebot drastisch reduziert wurde. Für zahlreiche Einrichtungen und freie Kulturschaffende führte das unmittelbar zu Einnahmenausfällen.

Das hat in Südtirol auch definiv mit der Planung der Jahresprogramme zu tun...

Kulturorganisationen planen ihr Programm mit viel Vorlaufzeit, weil viele Produktionen mehrere Monate Vorbereitung vorsehen. Zudem ist zu berücksichtigen, dass sämtliche Tätigkeiten, darunter auch jene, die für Schulen konzipiert werden, bereits in den Anträgen für die Jahrestätigkeiten bei den jeweiligen Kulturämtern angeführt werden müssen. Diese werden in der Regel bereits ab Herbst des Vorjahres für das jeweilige Kalenderjahr eingereicht. Damit die bewilligten Förderungen abgerechnet werden können, müssen die geplanten Tätigkeiten tatsächlich durchgeführt und die entsprechenden Ausgaben belegt werden. Abgesagte oder stornierte Programmpunkte können folglich nicht im Rahmen des bewilligten Förderbeitrags abgerechnet werden.

„Die Kulturszene und das Lehrpersonal verbindet, neben einer langen und erfolgreichen Zusammenarbeit, auch das gemeinsame Ziel, die Bildung...“

Wie hat sich das letztens ausgewirkt?

Viele Kulturveranstalterinnen und Kulturveranstalter sind auf Kosten sitzen geblieben, die bereits de facto angefallen und bewilligt gewesen wären, letztlich aber nicht abgerechnet werden konnten, weil die Veranstaltungen abgesagt werden mussten. Gleichzeitig sind auch viele freie Kulturschaffende betroffen, da sie in der Regel nur beauftragt und auch bezahlt werden, wenn sie eine Tätigkeit tatsächlich ausführen. Werden Veranstaltungen abgesagt, entfällt diese Arbeit und damit unmittelbar auch das entsprechende Einkommen. Einige waren dadurch gezwungen, sich beruflich umzuorientieren und den Kultursektor zu verlassen.
Es handelt sich demnach um konkrete Folgen der Protestmaßnahmen: Die Angebote konnten nicht wahrgenommen werden, fanden nicht statt oder mussten abgesagt werden. Dies hat Spesen und finanzielle Ausfälle verursacht.

Kulturinteresse wecken: Wir brauchen eine Lösung, die alle absichert. Seehauserfoto

Besteht aber nicht auch die Gefahr, dass die Kulturszene mit diesem Appell unbeabsichtigt Druck auf die Lehrpersonen ausübt, ihre Protestmaßnahmen zu beenden, obwohl diese ihre Anliegen noch nicht ausreichend berücksichtigt sehen?

Die Kulturszene und das Lehrpersonal verbindet, neben einer langen und erfolgreichen Zusammenarbeit, auch das gemeinsame Ziel, die Bildung für Kinder und Jugendliche bestmöglich zu gestalten und aufzubauen. Unser Appell soll zu einer Einigung beitragen, zur Zufriedenheit aller, der Lehrer*innen, der Kulturszene und insbesondere der Schülerinnen und Schüler.

Sind Lösungen in Sichtweite?

Wir brauchen eine Lösung, die alle absichert: die Lehrerinnen und Lehrer fordern Anerkennung monetär und auch werteorientiert langfristig. Die Kulturszene arbeitet schon immer unter prekären Verhältnissen. Der Druck auf den Lehrer- und Leherinnenberuf und auf die Kulturszene ist real, die aktuellen Entwicklungen haben diese prekäre Situation besonders deutlich sichtbar gemacht.
Kultur wird vielfach als Luxus gesehen, dabei ist sie ein wichtiger Faktor für Bildung und Gesellschaft. Es wäre wünschenswert, wenn sie, auch die notwendige und verdiente Anerkennung erfahren würden.

„Es ist nicht unsere Aufgabe, inhaltliche Vertragsvorschläge zu machen.“

Anna Hilber: Gespräche am Laufen halten und Kompromisse finden. Allianz der Kultur

Der Brief fordert schnelle Lösungen, verzichtet aber bewusst darauf, konkrete Vorschläge zu machen. Man hat auch den Eindruck die großen Kulturverbände und Vereine verhalten sich eher duckmäuserisch…

Als Allianz der Kultur, Netzwerk und Interessensvertretung, repräsentieren wir die gesamte Südtiroler Kulturszene, von Kollektiven, über kleine Vereine, ehrenamtliche Vereine, Kulturinstitutionen und auch Verbände. Wir bündeln Interessen in ihrer Gesamtheit – nicht jene von einzelnen Personen oder Organisationen – und sind in ständigem Austausch mit unseren Mitgliedern und der Kulturszene. Unstrittig ist, dass die Protestmaßnahmen Einfluss auf die gesamte Szene hatten, im Kleinen und im Großen.

Wie geht es weiter?

Für uns liegt die Lösung darin, erstmals die Gespräche am Laufen zu halten und Kompromisse zu finden. Die Details der Verhandlungs- und Vertragsmodalitäten für staatliche und Landesschulen liegen nicht in unserer Expertise. Wir sind in der schwierigen Position, von etwas betroffen zu sein, das abseits unseres Sektors und unserer Einflussmöglichkeiten passiert. Es ist nicht unsere Aufgabe, inhaltliche Vertragsvorschläge zu machen. Unsere Aufgabe ist es, auf die Auswirkungen aufmerksam zu machen, damit nicht vergessen wird, wer hier alles mitbetroffen ist und doch keine Stimme hat. Wir vertreten die Kultur. Diese Verhandlungen bzw. ihr nicht zustande kommender Abschluss betrifft nicht nur die Landesregierung und die Gewerkschaften, sondern wirkt weit über den Bildungsbereich hinaus, auf die breite Südtiroler Öffentlichkeit und sollte auch mit der entsprechenden Dringlichkeit bearbeitet werden.

Offener Brief zu den Schulprotesten

Vor etwa drei Wochen haben die Schulferien begonnen, damit enden die letzten Aktivitäten dieses Schuljahres 2025/26.

Das Jahr war allerdings alles andere als  einfach – weder für den Schulbetrieb, die Lehrpersonen, die Schüler*innen und Eltern noch für die Landesregierung und die Gewerkschaften und schon gar nicht für die Südtiroler Kulturszene: Die Schulproteste haben vieles überschattet und wohl auch zu Diskussionen und zum Umdenken gedrängt. Eindeutig sind die negativen Auswirkungen auf die Kulturarbeit: Viele freie Kulturschaffende mussten ihre bisherige berufliche Tätigkeit aufgeben und sich umorientieren, weil ihre Erwerbsmöglichkeiten gänzlich weggebrochen sind. Viele Kulturorganisationen und Kulturinstitutionen hatten am Ende massive Kosten zu stemmen. Daraus resultierend sind in Konsequenz die Angebote für Schulen für das kommende Schuljahr drastisch reduziert worden. 

Neben diesem gravierenden Erwerbsausfall stellt sich die Frage, ob wir es als Gesellschaft verantworten können, dass Schüler*innen der Zugang zu Kunst und Kultur erschwert wird, was einen massiven qualitativen Einschnitt in ihre (kulturelle) Bildung bedeutet.

Deshalb richten wir zum Abschluss dieses Schuljahres einen Appell an die Gewerkschaften, die Landesregierung, die Initiativgruppen und alle anderen am Verhandlungstisch und geben ihnen über den Sommer die Hausaufgabe, folgende Fragestellungen zu erörtern: 

  • Wie soll es im kommenden Schuljahr mit der kulturellen Bildung im Land weitergehen? 
  • Wie soll die Zukunft der Kulturarbeit gesichert werden, wenn vielen freien Kulturschaffenden und Kulturinstitutionen Erwerbsmöglichkeiten wegbrechen?
  • Welche Verantwortung tragen alle Beteiligten, damit diese schleichenden und stagnierenden Verhandlungen abgeschlossen und die Zukunft der kulturellen Bildung für Schüler*innen gesichert wird?
  • Wie können wir ein Jahr voller Protestmaßnahmen im kommenden Schuljahr vermeiden? 
  • Wie können wir einen erfolgreichen gemeinsamen Abschluss und Neustart schaffen, zur Zufriedenheit aller?

Der schlichte, unkomplizierte Zugang zu Kultur über Bildungseinrichtungen ist ein wichtiger Faktor für die kulturelle Teilhabe von Kindern und Jugendlichen, unabhängig von familiären Situationen. 

Fakt ist, dass kulturelle Teilhabe im Artikel 1 des Landeskulturgesetzes verankert und somit eine wichtige Säule für eine gleichberechtigte und faire Gesellschaft ist. Insbesondere für ein Land wie Südtirol, dessen Autonomie auf der eigenen Kultur beruht, muss dies höchste Beachtung finden!

Wir, die Allianz der Kultur, appellieren im Namen aller Kulturakteur*innen und Kulturorganisationen Südtirolweit an alle Personen an den Verhandlungstischen, jetzt aktiv zu werden, Lösungen zu finden und nachhaltige Vereinbarungen zu treffen! 

Wir brauchen jetzt Lösungen, um das kommende Schuljahr abzusichern. Allerspätestens im September, wenn Schulen und Lehrpersonen in den Plenarsitzungen darüber beraten und entscheiden, warum und in welcher Form die Protestmaßnahmen fortgeführt werden, muss allen klar sein, welche schwerwiegenden Folgen diese haben können.

Jetzt schon ist klar: Es ist unbedingt eine gemeinsame Richtung und Lösung sowie ein Aufeinanderzugehen anzustreben und ein starres Beharren auf der eigenen Position zu vermeiden. Das Ergebnis muss zugunsten der Schüler*innen und ihrer kulturellen Bildung ausfallen.