Fast immer weiß jemand Bescheid
Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!
Jetzt S+ abonnierenEine Studie der Universität Innsbruck untersuchte, welche gesellschaftlichen Faktoren in Südtirol sexualisierte Gewalt begünstigen und das Schweigen darüber erklären. Mit 31 von sexualisierter Gewalt betroffenen Südtirolerinnen und Südtirolern hat das Forschungsteam – bestehend aus Julia Ganterer, Gundula Ludwig und Laura Volgger – anonyme Interviews geführt. „Die Betroffenen haben ihr Wissen als Expertinnen und Experten bereitgestellt, was sehr wichtig war, da die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt betroffenenzentriert sein muss“, betont Gundula Ludwig, Professorin für Sozialwissenschaftliche Theorien der Geschlechterverhältnisse an der Universität Innsbruck.
„Hierarchien begünstigen nicht nur sexualisierte Gewalt, sexualisierte Gewalt verstärkt wiederum diese Ungleichheitsverhältnisse.“
Die Ergebnisse bestätigen bisherige Erkenntnisse der Gewaltforschung: Sexualisierte Gewalt ist immer eingebettet in gesellschaftliche Verhältnisse, so auch in Südtirol. „Wir haben Hierarchieverhältnisse – etwa Eltern-Kind-Beziehungen –, die oft autoritär und gewaltaffin beschrieben werden. Zweitens spielen patriarchale Geschlechterverhältnisse eine begünstigende Rolle“, meint Julia Ganterer. Weibliche Sozialisation bedeute oft Objektifizierung, Sexualisierung des Körpers und ein starkes Sich-an-den-Bedürfnissen-von-Männern-Orientieren. Genau das sei der Nährboden für sexualisierte Gewalt.
Auch andere soziale Hierarchien, etwa zwischen Vereinsleitung und Mitgliedern oder zwischen Arbeitgebenden und Beschäftigten, hätten sich herauskristallisiert. „Diese Hierarchien begünstigen nicht nur sexualisierte Gewalt, sexualisierte Gewalt verstärkt wiederum diese Ungleichheitsverhältnisse“, so Ludwig.
Die soziodemgrafischen Daten der Studie
Für die Studie der Universität Innsbruck wurden Interviews mit Menschen aus allen drei Südtiroler Sprachgruppen geführt: 24 Frauen, vier Männer, eine Transfrau sowie zwei nicht-binäre Personen. Die Teilnehmenden waren zwischen 20 und 70 Jahre alt. Die geschilderten Gewalterfahrungen ereigneten sich zwischen 1951 und 2021; zum Zeitpunkt der Taten reichte das Alter der Betroffenen vom frühen Kindesalter bis ins Erwachsenenleben.
Die meisten Betroffenen waren weiblich sozialisierte Personen. Die Täterinnen und Täter waren überwiegend cis-Männer – darunter aktuelle oder ehemalige Partner und Väter. Genannt wurden außerdem Familienangehörige, Bekannte, Priester, Lehrkräfte, Vorgesetzte, Vereinsfunktionäre, Mütter, aber auch fremde Personen.
Das große Schweigen
Ein weiteres zentrales Ergebnis ist, wie weit verbreitet das Verschweigen von sexualisierter Gewalt: „Besonders überraschend war für uns, dass gesellschaftliches Schweigen nicht bedeutet, dass niemand etwas wusste. Einige Betroffene haben Signale gesendet: Leistungsabfall in der Schule, sichtbare Verletzungen wie eine blutende Lippe“, so Geschlechterforscherin Laura Volgger.
Die Studie legt nahe, dass es fast immer mindestens eine mitwissende Person gibt.
Trotzdem sei oft nicht eingegriffen worden, um eine scheinbare Normalität aufrechtzuerhalten. Die Studie legt nahe, dass es fast immer mindestens eine mitwissende Person gibt oder jemanden, der etwas erahnte. „Das Umfeld greift aber oft nicht unterstützend ein, sondern schaut weg, bagatellisiert oder will die Gewalt nicht sehen – etwa, wenn der Täter ein angesehener Mensch im Dorf, ein Pfarrer oder Vereinsleiter ist“, sagt Ganterer. Teilweise würde aber auch schlicht das Wissen darüber fehlen, wie man reagieren kann.
Fehlende Konsequenzen - Tabuisierung trägt dazu bei
Besonders prägnant für die Forscherinnen war die Zahl „1“: Von 31 interviewten Personen hat genau eine einzige Anzeige erstattet. „Wir haben das Beobachtete als ‚Folgenhaftigkeit‘ und ‚Folgenlosigkeit‘ bezeichnet: Sexualisierte Gewalt hat für Betroffene massive psychische, körperliche, soziale und finanzielle Folgen. Für Täter gibt es dagegen oft kaum Konsequenzen“, meint Ludwig. Täterstrategien zum Schweigen funktionieren laut dem Forschungsteam oft deshalb, weil gesellschaftliche Verhältnisse das Schweigen begünstigen. Dazu zählen häufig direkte Aufforderungen wie: „Das bleibt unser Geheimnis.“ oder Schuldumkehr: „Was hast du getan, um ihn aufzuregen?“ oder „Was hattest du an?“, die den Täter entlasten sollen.
Auch ungewollter Geschlechtsverkehr in der Ehe ist sexualisierte Gewalt.
Ein weiterer erschwerender Faktor ist die Tabuisierung und das fehlende Wissen darüber, was sexualisierte Gewalt überhaupt ist. Viele Betroffene hätten laut eigener Aussage erst sehr spät erkannt, dass das, was sie erlebt haben, auch unter sexualisierte Gewalt fällt. „Das haben wir auch bei den Teilnahmeaufrufen gemerkt. Anfangs meldeten sich vor allem Personen mit Erfahrungen von Vergewaltigung oder Gewalt in der Kindheit. Erst als wir expliziter formulierten, dass auch ungewollter Geschlechtsverkehr in der Ehe sexualisierte Gewalt ist, meldeten sich weitere Personen“, erzählt Volgger. Das zeige, wie begrenzt gesellschaftliches Wissen über sexualisierte Gewalt nach wie vor ist.
Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt war das Buch „Wir brechen das Schweigen. Betroffene sprechen über sexuellen Missbrauch“ von Veronika Oberbichler und Georg Lembergh und der Film „(K)einen Ton sagen“ von Lembergh. Der Dokumentarfilm begleitete vier Frauen aus Nord- und Südtirol, die erstmals öffentlich über ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch sprachen. „Dabei wurde festgestellt, dass es zuvor keine wissenschaftliche Studie zu sexualisierter Gewalt im sozialen Nahraum in Südtirol gab, weswegen Lembergh an uns herangetreten ist“, so Ludwig. Das Land Südtirol hat sich daraufhin bereit erklärt, das Projekt maßgeblich zu finanzieren, weitere Beiträge leisteten die Stiftung Südtiroler Sparkasse und die Universität Innsbruck selbst.
Was sich ändern muss
Die Forscherinnen betonen, dass sexualisierte Gewalt ein globales Problem ist, aber lokale Spezifika wie fehlende Infrastruktur in Südtirol besonders auffallen: In den Interviews wird herausgehoben, dass es zu wenige Anlaufstellen, zu wenig Wissen und kaum Thematisierung in Schulen oder Familien gibt. „Trotzdem finde ich es spannend, in einem lokalen Kontext zu forschen und die Ergebnisse wieder in diesen Kontext zurückzuspielen. Das ermöglicht eine völlig andere Resonanz“, meint Volgger.
Außerdem brauche es institutionelle Maßnahmen, etwa bessere sexuelle und emotionale Bildung in Schulen.
Auf Grundlage der Studie empfehlen die Forscherinnen Folgendes für Südtirol: Grundsätzlich betonen sie, dass die Aufarbeitung ein flächendeckender Prozess sein müsse. Aufarbeitung kann weder die Aufgabe einer einzelnen Person noch einer einzelnen Institution sein. „Wir haben drei Ebenen herausgearbeitet, auf denen gesellschaftliche Aufarbeitung stattfinden muss: Das ist einmal die Ebene der Entstigmatisierung. Dafür braucht es Anlaufstellen, in denen Menschen offen sprechen können und wo ihnen auch geglaubt wird“, sagt Ganterer. Diese Angebote sollten kostenlos zur Verfügung stehen. Außerdem brauche es institutionelle Maßnahmen, etwa bessere sexuelle und emotionale Bildung in Schulen sowie mehr Sensibilisierung bei Polizei und Justiz. Als dritten Punkt wird in den Interviews mehr gesellschaftliche und kulturelle Sensibilität gefordert: Es gilt „Hinschauen statt Wegschauen“, so fasst Volgger zusammen.
Das Buch zur Studie mit dem Titel „Und niemand hat jemals gesagt: ‚Was passiert hier eigentlich?‘“ wird am 29. Mai um 19 Uhr im Meraner Altstadttheater von den Forscherinnen Julia Ganterer, Gundula Ludwig und Laura Volgger präsentiert.
Erste politische Schritte in diese Richtung gibt es bereits: Im Januar 2026 hat die Südtiroler Landesregierung einen neuen Dreijahresplan zur Prävention und Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt und zur Unterstützung von Frauen und ihren Kindern (2026–2028) genehmigt. Zudem wird es durch das Gesetz zur Neuregelung der Ombudsstellen, welches Anfang Mai vom Südtiroler Landtag beschlossen wurde, ab der nächsten Legislaturperiode eine neue Ombudsstelle für sexualisierte Gewalt sowie einen neuen Betroffenenbeirat geben. Dies hatte Soziallandesrätin Rosmarie Pamer bereits bei der Vorstellung von ersten Zwischenergebnissen im vergangenen Herbst gefordert. „Gewalt ist ein Kontinuum – vom sexistischen Witz bis zur Vergewaltigung. Deshalb muss Präventionsarbeit auf vielen Ebenen ansetzen und von vielen Akteurinnen und Akteuren getragen werden“, betont Ludwig.
Die Auswüchse des…
Die Auswüchse des patriarchalen Systems zeigen sich in verschiedensten Bereichen, von alltäglichen Geschlechternormen bis hin zu systematischer Ungleichheit.
Die brutalste Form der patriarchalen Auswüchse ist die physische Gewalt gegen Frauen, einschließlich sexualisierter Gewalt...
Frauen wehrt euch! Emanzipiert euch! Verbündet euch mit Barbara Plagg!