Veränderung ist Programm
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Tradition, Innovation und Kooperation im Handwerk
Einleitender Beitrag von Monica Devilli, Vorsitzende von Coopbund
Im Laufe der Jahre habe ich viele Genossenschaften kennengelernt, doch diejenigen, die im Handwerk tätig sind, haben immer etwas Besonderes an sich: Sie bewahren altes Wissen und verstehen es gleichzeitig, sich mit großem Geschick und Weitblick neu zu erfinden. Die Genossenschaft Posthaus Schmuck verkörpert dieses Gleichgewicht besonders gut. Sie ist ein Beispiel dafür, wie gemeinschaftliche Arbeit zu einem Raum des gemeinsamen Wachstums werden kann, in dem Tradition und neue Technologien nebeneinander bestehen und sich gegenseitig stärken. Besonders beeindruckend ist die Aufmerksamkeit, die dem Generationswechsel gewidmet wird, der nicht als bloße Nachfolge, sondern als ein Prozess der Kontinuität und des Wandels erlebt wird.
Als Verband sind uns die Werte dieser Erfahrungen sehr wichtig, da diese in der Lage sind, eine starke Verbindung zum Territorium aufrechtzuerhalten und gleichzeitig nach vorne zu blicken. Das ist der richtige Weg, um auf die aktuellen und konkreten Veränderungen in der Arbeitswelt Folge zu leisten.
In diesem Kontext steht das folgende Gespräch mit Konrad Laimer und Martin Messavilla, die über die Entwicklung der Genossenschaft und den laufenden Generationenwechsel berichten.
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Im Gespräch mit Konrad Laimer und Martin Messavilla
Die Genossenschaft Posthaus Meran ist einzigartig in Italien. Unter anderem deshalb, weil sie das traditionelle Handwerk der Schmuckherstellung mit lokalen Materialien und neuen Technologien verknüpft. Noch steht Konrad Laimer ihr als Meister vor. Doch er wird schon bald das Zepter an Martin Messavilla abgeben. Beide haben sich zu einem gemeinsamen Interview bereiterklärt.
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Guten Tag Herr Laimer, guten Tag Herr Messavilla! Was ist denn das Besondere an Ihrer Genossenschaft?
Konrad Laimer: Das Besondere an unserer Genossenschaft ist das Kollektiv. Wir haben zwar eine Philosophie als Grundlage, nach der wir arbeiten, entwickeln unsere Ideen aber im Kollektiv weiter. Personen, die sich an unserer Genossenschaft beteiligen, sind dazu aufgefordert, sich kreativ einzubringen und sich für unsere Sache einzusetzen.
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Wie kann diese Beteiligung konkret ausschauen?
Martin Messavilla: Wir haben ein Grundkonzept, gewisse Themen, an denen wir arbeiten. Innerhalb dieser Themen arbeiten wir relativ flexibel. Wenn wir zum Beispiel an einem Projekt arbeiten, ist es zum Beispiel nicht so wichtig, ob der nächste Schritt von mir umgesetzt wird, oder von Konrad, oder von jemand anderem. Jeder von uns arbeitet an den Themen mit und bringt diese weiter. Wenn wir Aufträge haben, werden diese natürlich unter uns aufgeteilt und jeder arbeitet seinen Stärken entsprechend. Wir arbeiten also sehr offen.
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Also anders als Goldschmiede normalerweise arbeiten?
Messavilla: Von der Ausführung der Arbeit her, ist es dasselbe. Aber die Herangehensweise, wie wir die Produkte weiterentwickeln, unterscheidet sich. Denn hier arbeiten wir im Kollektiv. Normalerweise gibt sonst eine Person alles vor und die Mitarbeitenden setzen diese Vorgaben um. Bei uns hingegen sind die Menschen schon bei der „Vorgabe“ alle beteiligt.
Laimer: Genau! Unsere Philosophie ist über Jahre der Arbeit hinweg entstanden. Wir konzentrieren uns bei der Arbeit auf unser Territorium und verwenden Materialien und Ideen aus dem lokalen Umfeld: aus der alpinen Botanik, Fauna und Geologie. Das heißt wir verwenden lokale Mineralien und schöpfen unsere Ideen aus der Historie. Das sind die vier Säulen unseres Designs und anhand dieser vier Säulen entwickeln wir unsere Ideen. Wir denken, entwickeln und suchen immer wieder in der Botanik, bei den Mineralien und in der Historie. In der Werkstatt setzen wir die Dinge und Ideen, die wir finden dann in neue Formen und formale Lösungen um.
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Sie benutzen auch Künstliche Intelligenz zur Herstellung Ihrer Schmuckstücke. Wie gehen Sie dabei vor?
Messavilla: Im Design selbst verwenden wir die KI noch nicht, aber in der Umsetzung des Designs. Zum Beispiel, um eine 3D-Zeichnung von einem Objekt anzufertigen. Ich denke, dass auch in unserer Branche die KI immer mehr Verwendung finden wird, speziell wenn man eben, wie bei uns, in 3D arbeitet. Hier kann uns die KI heute schon sehr gut unterstützen.
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Sie wurden vor zweieinhalb Jahren schon mal für diesen Blog interviewt. Was hat sich seitdem getan? Was gibt es Neues? Oder gibt es Veränderungen?
Laimer: Veränderung ist im Grunde genommen Programm bei uns. Unser Konzept gibt Veränderung automatisch vor. Denn die Natur wiederholt sich ja nicht. Sie findet im Grunde genommen für alles eine individuelle Lösung. So gibt es zum Beispiel keine zwei gleichen Äpfel auf einem Apfelbaum, oder zwei gleiche Blätter auf einer Linde. Jeder Teil einer Pflanze, jeder Stein ist authentisch und originell. Jeder Stein, jedes Mineral, das wir verwenden, besitzt eine eigene Geometrie, auch wenn alle Steine unter gleichen oder ähnlichen Voraussetzungen entstanden sind. Deswegen erübrigt es sich für uns auch jegliche Überlegung mit KI im gestalterischen Bereich zu arbeiten. Denn eine KI könnte das niemals nachahmen.
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Apropos Veränderung: Ihnen steht ein Generationswechsel bevor.
Laimer: Ja, ich bin der ältere und Martin ist der, der den Weg weiter geht. Wir versuchen den Übergang im Sinne unserer Vision zu meistern und sicherzustellen, dass unsere Philosophie auch in der nächsten Generation ihre Fortsetzung findet. Aber ein Generationenwechsel bringt natürlich immer auch Veränderungen mit sich. Zum Beispiel ist Martin im digitalen Bereich ganz anders aufgestellt als ich. Ich bin aus einer anderen Generation, habe eine andere Denkweise, auch einen anderen Hintergrund. Martin hat als Vertreter der heutigen Generation natürlich einen neuen Zugang dazu.
Messavilla: Wobei ich ja eigentlich auch nicht die jüngste Generation bin. Wir haben aktuell auch einen Lehrling, der ist 20 und das wäre dann wieder die nächste Generation.
Laimer: Naja, die halbe nächste Generation.
Messavilla: Okay, die halbe nächste Generation. Aber er ist schon in Ausbildung. Und das schafft auch wieder Kontinuität.
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Gibt es aktuelle Projekte? Oder Pläne für die Zukunft?
Laimer: Die ganze Genossenschaft ist ein Zukunftsprojekt. Wir sind ja in Südtirol, und auch darüber hinaus, einzigartig. Es gibt keine vergleichbare Konstellation eines Handwerksbetriebs als Genossenschaft, wo der Meister der Designer ist. Wir sind in diesem Sinn sozusagen Pioniere und deswegen empfinde ich das auch als Zukunftsprojekt. Die Genossenschaft ist ein Projekt, bei dem die Zukunft im Zentrum steht. Wir versuchen generationsübergreifend zu denken, alle Beteiligten können sich damit identifizieren, sich im Projekt zu erkennen und ihre Rolle im Projekt zu finden. Der besondere Wert unserer Genossenschaft ist die Zukunft und die Existenz im Beruf zu finden.
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Was schätzen die Kund*innen an Ihrer Arbeitsweise und Ihren Produkten?
Messavilla: In erster Linie sicher die Authentizität. Denn wir produzieren alles, was man bei uns kaufen kann, selbst. Es sind hauptsächlich Einzelstücke und sie fallen alle in unser Themenfeld. Da gibt es nichts Vergleichbares. Wir sind außerdem besonders gut darin, mit unseren Schmuckstücken Emotionen zu transportieren und eine Botschaft mitzugeben, mit der sich die Kund*innen stark identifizieren können. Wir schaffen Schmuckstücke zu denen die Leute einen Bezug haben. Ein Beispiel: Wenn ein Kunde gerade in Südtirol im Urlaub ist und hier die Natur genießt, dann hat ein Schmuckstück aus einem Naturmaterial natürlich eine tolle Botschaft für ihn und ist auch ein tolles Erinnerungsstück.
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Es heißt immer, dass das Handwerk ausstirbt. Aber bei Ihnen scheint es ja – buchstäblich – zu florieren.
Messavilla: Also, aussterben tut es ganz sicher nicht! Da mache ich mir keine großen Sorgen. Aber das Handwerk wandelt sich natürlich und das auch sehr schnell. Heute arbeiten wir ganz anders als beispielsweise noch vor 50 Jahren. Das kann man gar nicht mehr vergleichen. Damals hat man mit einer anderen Geschwindigkeit gearbeitet, war anders mit der Welt verbunden, das ganze Leben war anders. Aber das Handwerk an und für sich hat absolut Zukunft.
Laimer: Es ist eine Renaissance!
Messavilla: Ja! Ein*e Handwerker*in ist heute vielleicht ganz anders spezialisiert. Aber jemand mit einer handwerklichen Ausbildung hat gewaltige Vorteile. Ich habe das selbst erlebt. Ich habe meine Ausbildung hier bei Konrad gemacht und habe danach in einer großen Produktionsfirma in Florenz mit hunderten Mitarbeitenden gearbeitet. Meine handwerkliche Grundausbildung hat mir hier enorme Vorteile verschafft, schon allein was die Herangehensweise an die Arbeit und die technische Ausbildung betraf.
Laimer: Ja, damit ist Martin nicht alleine. Eine fundierte praktische Ausbildung ist extrem wichtig. Wir stehen deswegen auch immer wieder mit Schulen in Kontakt, seit Jahrzehnten eigentlich schon. Zurzeit arbeiten wir mit mehreren Schulen in Mailand und Venedig zusammen, zum Beispiel mit der Schmuckabteilung der „Accademia di Belle Arti di Venezia“. Die Schulen und Akademien wenden sich verstärkt an Handwerksbetriebe, denn sie brauchen kunsthandwerkliche Begleitung für ihre Studierenden, weil sie das selber nicht abdecken können. Auch daran sieht man, dass der praktische Teil der Ausbildung eine immer größere Bedeutung bekommt.
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Mehr zu Posthaus Meran und den Schmuckstücken findet sich auf der Website: https://www.posthaus-merano.it/
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