Seit 10 Jahren da, um zu bleiben
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10 Jahre Bürgergenossenschaft Obervinschgau – Ein Beispiel gelebter Kooperation
Einleitender Beitrag von Monica Devilli, Vorsitzende von Coopbund
Vor zehn Jahren hatten wir als Verband das große Glück, die Gründung der Bürgergenossenschaft Obervinschgau von Anfang an begleiten zu dürfen. Besonders stolz blicke ich darauf zurück, dass ich – in meiner damaligen Rolle – an der Ausarbeitung der Statuten mitwirken konnte. Das war eine echte Herausforderung, denn vieles war damals noch neu und ungetestet. Gleichzeitig war es ein Meilenstein, der den Grundstein für eine heute lebendige und breit aufgestellte Genossenschaft gelegt hat.
Aus der zivilgesellschaftlichen Bewegung des „Malser Weges“ hervorgegangen, hat sich die Bürgergenossenschaft zu einem wichtigen Impulsgeber für eine nachhaltige Entwicklung im Obervinschgau entwickelt. Sie zeigt eindrucksvoll, wie Bürger*innen durch Engagement, Kooperation und Verantwortung konkrete Lösungen für ihre Region schaffen können.
Für uns als Coopbund ist es zentral, Initiativen wie diese zu unterstützen. Sie machen deutlich, welches Potenzial im genossenschaftlichen Modell liegt – für eine nachhaltige, lebenswerte Zukunft in Südtirol.
Wie sich diese Entwicklung konkret gestaltet hat, erzählt die Bürgergenossenschaft Obervinschgau im folgenden Gespräch.
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Im Gespräch mit Michael Hofer Geschäftsführer und Martina Schäfer Präsidentin der Bürgergenossenschaft Obervinschgau
„Der Malser Weg war eine zivilgesellschaftliche Bewegung im Gemeindegebiet von Mals. Dort wurde vor 15 Jahren die Bewässerungsanlage für die Landwirtschaft gebaut. Zuvor erfolgte die Bewässerung traditionell über Waale, doch die moderne Bewässerungsanlage ermöglichte plötzlich intensiven Obstbau. Doch die intensive Obstwirtschaft brachte Plantagen mit sich, die Preise schossen in die Höhe, und es kam zu immer mehr Problemen. Durch den konstanten Wind, der im Tal bläst, wurde die Abdrift von Pestiziden zu einem riesigen Thema und irgendwann wurde es der Bevölkerung zu viel. Das Pestizid-Thema wurde zum Aufhänger der Bewegung, dabei ging es eigentlich um viel mehr. Zum Beispiel um Gesundheit, gute Nachbarschaft, und die Erhaltung der Kulturlandschaft. Die Bewegung hat dann versucht, ein Pestizidverbot durchzubringen: Bei einer Volksabstimmung haben sich 76% der Menschen, die abgestimmt haben, gegen den Einsatz von Pestiziden ausgesprochen. Dieses Referendum wurde dann allerdings von der Justiz gekippt, aber das Promotor*innen-Komitee des Referendums hat schließlich beschlossen, eine Genossenschaft zu gründen, um seine Anliegen und Ideale weiter voranzubringen. Ideale, wie ein nachhaltiges Obervinschgau und eine gute Region in allen Wirtschaftsbereichen“, erzählt Michael Hofer, der Geschäftsführer der Bürgergenossenschaft Obervinschgau.
Auch die Wahl einer Bürgergenossenschaft als Genossenschaftsform wurde bewusst getroffen, berichtet Hofer: „Bürgergenossenschaften gibt es in Italien seit den 1970er Jahren. Es handelt sich dabei um eine innovative Form der Genossenschaften, die sich immer für ein Territorium einsetzt, um die Dinge anzugehen, die sich sonst niemand traut, oder die aus wirtschaftlichen anderen Gründen sonst nicht gemacht werden. Das kann alles Mögliche sein: das letzte Gasthaus im Dorf eröffnen oder ein Lebensmittelgeschäft oder andere Dinge, wo sich Bürgerinnen und Bürger engagieren können, um ihre Herzensangelegenheiten umzusetzen.“
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Breit aufgestellt
Auch die Bürgergenossenschaft Obervinschgau habe „sich auf verschiedene Kompetenzen eingestellt“, so Hofer weiter. „Mittlerweile haben wir ungefähr 220 Mitglieder, einen Vorstand mit 4 Personen, einen Aufsichtsrat mit 5 und wir bieten im Jahr ungefähr 20 Mitarbeitenden einen Arbeitsplatz, aufgeteilt zwischen festangestellten und freien Mitarbeitenden.“
Die Bürgergenossenschaft Obervinschgau habe sich auch „auf verschiedene Tätigkeiten konzentriert“. Das sei „einmal die Produktion von Lebensmitteln“, wie Käse in der eigenen Sennerei oder Fruchtsäfte aus heimischem Anbau, die in Kooperation mit Mitgliederhöfen entstehen.
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„Auch im Kulturbereich sind wir recht aktiv“, erzählt Hofer weiter. „Wir machen verschiedene Veranstaltungen, wie das Samenfest jetzt im Februar, wo altes Saatgut und alte Sorten in den Mittelpunkt gerückt werden und die Leute die Möglichkeit bekommen, Saatgut zu kaufen oder untereinander zu tauschen. Aber auch sonst haben wir viele kleinere Vernissagen, Ausstellungen, Konzerte und Ähnliches.“
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Die Bürgergenossenschaft ist auch im Tourismusbereich tätig. Sie betreibt die Salina Apartments, das erste Albergo diffuso im Vinschgau. In einem Albergo diffuso befinden sich die Hotelzimmer oder Ferienwohnungen nicht in einem einzigen Gebäude, sondern sind über das ganze Dorf verteilt. „Der große Vorteil für die Tourist*innen ist, dass sie ganz genau wissen, wo sie ihr Geld ausgeben, und dass dieses Geld in solche Projekte fließt. Es ist eine wunderschöne Art, um Urlaub zu machen“, schwärmt Hofer. Die Rezeption des Albergo diffuso ist das Kulturcafé Salina, in dem man „unsere ganzen Produkte einfach genießen kann und gleichzeitig einen Kulturtreffpunkt hat.“
Wichtig ist für die Bürgergenossenschaft auch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. „In der Landwirtschaft legen wir den Fokus auf Streuobstwiesen und Palabirnen. Das Projekt Palabirnen haben wir von der Feuerwehr Glurns übernommen, weil es für sie nicht mehr machbar war. Die Feuerwehr ist damals an uns herangetreten mit der Bitte, das Projekt in eine wirtschaftliche Bahn zu lenken.“ Aber auch die Zusammenarbeit mit Universitäten sucht die Bürgergenossenschaft immer wieder. „Mit der Freien Universität Bozen entwickeln wir zum Beispiel gerade eine Getreideerntemaschine für kleine Flächen und Mischkulturen, wo man mit herkömmlichen Mähdreschern nicht hinkommt. Das ist auch so ein Randbereich, in dem man sieht, dass die Privatwirtschaft nicht wirklich in der Lage ist, Lösungen zu bieten. Aktuell gibt es auf dem Markt nämlich nur riesige Mähdrescher zu 20 Tonnen. Die sind gut für große landwirtschaftliche Flächen geeignet, aber nicht für kleine, parzellierte Flächen, die wir im Vinschgau haben. Das hat dazu geführt, dass man irgendwann sogar die Pflanzen an die Maschinen angepasst hat und nicht umgekehrt. Der ursprüngliche Vinschger Roggen, die alte Sorte, ist zwei Meter hoch. Doch die Pflanzen, die heute gezüchtet werden, werden nur 30-40 Zentimeter hoch. Sie wurden so gezüchtet, dass man mit dem Mähdrescher einfach durchfahren kann. Doch dabei ist viel Qualität verloren gegangen. Wir hingegen setzen uns dafür ein, dass die Qualität wieder in die Lebensmittel zurückkommt.“
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Eine Frage des Preises?
In den letzten 10 Jahren habe sich die Situation der Menschen aber stark verändert, und das nicht nur im Vinschgau, sondern global. „Es gibt, denke ich, sehr viel Unsicherheit, und das spüren auch wir im Vinschgau. Die Corona-Zeit hat sehr viel verändert, vor allem was Lebensgewohnheiten und Zwischenmenschliches angeht, aber auch die letzten Kriege und Krisen und das Aufkommen der Künstlichen Intelligenz. Und in diesen unsicheren Zeiten wird eine Frage immer wichtiger: “Wieviel Geld bin ich bereit, für Lebensmittel auszugeben, was wollen wir essen und wie soll es produziert werden?„
Die Krisen würden aber auch das Bewusstsein für Regionalität stärken: “Ich glaube, dass es immer wichtiger wird, auf eine starke regionale Wirtschaft und Landwirtschaft zu setzen, um sich vor all diesen Unsicherheiten zu schützen„, unterstreicht Hofer.
“Wir haben natürlich auch Preisdiskussionen„, erzählt Martina Schäfer, die Präsidentin des Verwaltungsrats der Bürgergenossenschaft. “Ich kann das ganz gut sagen, weil wir viel auf den Märkten mit einem Gemeinschaftsstand unterwegs sind und dort nicht nur unsere eigenen Produkte, sondern auch jene unserer Mitgliederhöfe vermarkten. Andererseits gibt es aber auch sehr viel Wertschätzung für unsere regionalen Produkte, die entstehen, wenn man mit kleinstrukturierten Betrieben zusammenarbeitet. Man muss aber auch dazu sagen, dass zu uns auch häufig die Leute kommen, die ohnehin schon in eine bestimmte Richtung denken. Die Herausforderung liegt für uns eher darin, auch andere Menschen mitzunehmen und Zusammenhänge sichtbar zu machen."
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Ein Austausch, der vielfach schon gelungen ist. Darauf angesprochen, was die Zukunft wohl für die Bürgergenossenschaft Obervinschgau bereithält, antwortet Schäfer: „Die Zukunft ist natürlich immer ungewiss. Aber ich glaube, wir haben uns mittlerweile ganz gut aufgestellt. Wir haben Kompetenzen in verschiedenen Bereichen entwickelt. Und wir haben gezeigt, dass man durch Kooperation etwas gestalten kann. Wir wünschen uns deshalb, dass unser Beispiel Schule macht, dass wir dazu beitragen können, die Leute noch mehr zu sensibilisieren, und dass wir wirtschaftlich in noch stabilere Fahrwasser kommen. Denn dadurch, dass wir in Bereichen arbeiten, die für viele andere wirtschaftlich nicht interessant sind, sind für uns die Kostendeckung und die wirtschaftliche Effizienz immer noch eine große Herausforderung.“
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Ein Festival für das ganze Tal
„Feiern werden wir unser 10-Jahr-Jubiläum öfters“, erzählt Michael Hofer. „Aber vor allem wollen wir die 10 Jahre zum Anlass nehmen, um dem Vinschgau ein Festival zu schenken, das die nächsten 12 Jahre Bestand hat. Ich kann noch nicht zu viel verraten, aber wir starten auf jeden Fall Ende September. Allerdings wollen wir uns nicht selber feiern. Wir feiern einfach unsere Region, unser Zuhause.“
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