Freche Göre
Foto: Canva, Montage: SALTO
Società | Sie haben gut reden

Blockade am Brenner

Ein Kommentar über die sowohl allgemeine als auch spezifische Stumpfsinnigkeit unserer politischen Vertreterinnen und Vertreter.
  • Der Zeitpunkt der Kundgebung sei falsch gewählt, beanstanden politische Vertreter. Wenn ein Schaden entsteht, dann war es der richtige, nicht der falsche Zeitpunkt. Die Methode sei falsch. Dieselben Politiker und Wirtschaftsvertreter räumen ein, die Demo sei ein sehr harter Schlag. Also ist die Methode effizient. Man habe sich nicht abgesprochen. Seit wann sprechen sich Demonstranten mit jenen ab, gegen die sie demonstrieren?

    Nun frage ich: Haben wir vollkommen vergessen, was eine Protestkundgebung ist? Selbst die Gschudierten, also die Lehrer, bezeugen dieselbe Unkenntnis, wenn sie raunen, sich einen „Streik finanziell nicht leisten zu können“. Was ist mit den Fabrikarbeiterinnenund Fabrikarbeitern in den 1960er Jahren: Konnten die sich einen Streik etwa leisten? Ich kann mir einen „Streik nicht leisten“, heißt entweder, dass ich beim Krepieren bin oder den Begriff „Streik“ nicht verstanden habe. 

     

    Menschen in Politik und Wirtschaft nehmen den Mund so voll mit Nachhaltigkeit und Natur, dass ihnen bald das Gras aus dem Maul wächst.



    Wenn ich die Diskussion um die Brennerblockade betrachte, dünkt mich, dass wir erst politisch alphabetisiert werden müssten. Wir Südtiroler sind in einem solchen Ausmaß unpolitisch geworden, dass wir bei den kommenden Wahlen den Skipass statt der Wahlkarte präsentieren werden. 

    Damit habe ich noch nichts über den Inhalt der Kundgebung gesagt, sondern lediglich einige Präliminarien über die allgemeine Bedeutung des Begriffs „Protestmaßnahme“ vorausgeschickt. 

    Zum Inhalt: Vor 50 Jahren verkehrten auf der Brennerautobahn 10.000 Fahrzeuge täglich. Heute sind es 200.000 am Tag. Der Verkehr ist um 2.000 % gestiegen. Damit überqueren heute 20-mal so viele Fahrzeuge den Brennerpass wie vor 50 Jahren. All dies in einer Zeit, in der Menschen in Politik und Wirtschaft den Mund mit Nachhaltigkeit und Natur so voll nehmen, dass ihnen bald das Gras aus dem Maul wächst. 

    Nun erdreistete sich ein Bürgermeisterlein einer winzigen Gemeinde im Schoß des Alpenhauptkammes dagegen zu protestieren. Die Straße ist für acht Stunden gesperrt. Weil man seit Jahren unter dem Lärm, den Feinstaubemissionen und so weiter leidet und von den politischen Vertretern nicht gehört wurde. 

    Die Reaktion darauf war ein solcher Aufschrei, wie es ihn seit Andreas Hofers Zeiten nicht mehr gegeben hat. 

    Was den Tirolern früher die Religion und der Kaiser war, bedeutet ihnen heute der wirtschaftliche Handel und der Urlaub, was auf südtirolerisch Mobilität heißt. Letztere ist mit dem katalanischen Städtebauer Ildefonso Cerdá in der Mitte des 19. Jahrhunderts zur wichtigsten städtebaulichen Funktion avanciert: Mobilität ist wichtiger als Wohnen, Naherholung und Ähnliches. 

     

    Wir haben also ein neues Grundrecht: das unantastbare Menschenrecht auf Mobilität.

     

    Die Autostädte der letzten 70 Jahre sind die Konkretisierung davon. Deshalb stehen auch in Südtirol dem Straßenbau schier unbegrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung. Deshalb werden hierfür – für den Wohnungsbau wäre das undenkbar – auch Privatgründe durch die öffentliche Hand enteignet. Aus diesem Grund wird man schließlich ans Kreuz geschlagen, wenn man auch nur den leisesten Zweifel am absoluten Recht auf Mobilität anmeldet. Selbst wenn dieses Recht mit anderen Grundrechten, wie beispielsweise dem Recht auf Gesundheit, kollidiert. Wir haben also ein neues Grundrecht: das unantastbare Menschenrecht auf Mobilität. Ich bewege mich fort, also bin ich.