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Anschlag auf RAI-Gebäude am Mazziniplatz (1988): Geheimdienste mischten mit.
Geheimdienste

„Provokation feindlicher Kräfte“

Karl Außerer, „Ein Tirol“ und die Stasi – Eine aktuelle Geschichte zwischen Südtirol-Terrorismus und Geheimdiensten
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Ein „Wiedergänger“ aus vergangenen Zeiten: Der heute 83jährige Karl Außerer war schon in den 1960er Jahren für die Loslösung Südtirols von Italien in Anschläge verwickelt. Ende der 1980er Jahre führte er sogar selbst eine obskure Terrororganisation an und wurde dafür zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Obwohl seit 1992 die Autonomie Südtirols umgesetzt, ist, blieb Außerer ein Hardliner. Aktuell wird gegen ihn wegen Verstoß gegen das Waffengesetz und wegen NS-Wiederbetätigung ermittelt. Licht auf Außerers Vergangenheit wirft aber auch ein neues Dokument des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), kurz „Stasi“ genannt. Dass sich der kernige Tiroler mit dem berüchtigten DDR-Geheimdienst eingelassen hatte, ist ein irritierender Aspekt unter vielen. In Nebenrollen treten auf: Ein Spitzel mit dem Decknamen „Förster“, angebliche palästinensische Helfer und ein trinkfester Münchner KGB-Agent. Viele Fragen bleiben auch weiterhin offen.

Anfang September 2016: Bei Außerer, der seit den 1960er Jahren in Terfens (Nordtirol) lebt, werden im Auto Waffen sichergestellt. Anschließend stoßen die Ermittler im Haus noch auf verbotene NS-Devotionalien. Darunter befinden sich angeblich mehrere Porträts von Adolf Hitler. Schon 2004 war bei einer Durchsuchung eine kleine Menge Sprengstoff und eine Granate bei Außerer gefunden worden. Damals kam er mit einer Geldbuße davon – weil das Explosivmaterial nicht mehr funktionstüchtig war. Nun dürfte es ernst für ihn werden – Außerer droht eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren.

„Ein Spitzel mit dem Decknamen „Förster“, angebliche palästinensische Helfer und ein trinkfester Münchner KGB-Agent. Viele Fragen bleiben auch weiterhin offen.“

Der Unverbesserliche wurde 1933 in Unsere Liebe Frau im Walde geboren. In den 1960er Jahren schloss er sich dem „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) an und floh nach Nordtirol. 1965 klagte man Außerer wegen Teilnahme an einem Überfall am Portjoch an, wofür er schließlich freigesprochen wurde. In Italien hingegen verurteilte man ihn in Abwesenheit zu 24 Jahren Gefängnis.

Karl Außerer (beim Prozeß in Innsbruck): Unverbesserlicher Waffen- und Sprengstoffnarr.

In den 1980er war Außerer Kopf von „Ein Tirol“ – einer Kleingruppe, die Jahrzehnte nach der ersten Welle des Südtirolterrorismus aktiv wurde. Zwischen 1986 und 1988 wurden insgesamt 46 Anschläge verübt – unter anderem gegen den Bahnhof Burgstall (1986), den Sitz des Rundfunks RAI, eine italienische Schule und die Banco di Roma in Bozen sowie gegen ein Kraftwerk in Waidbruck, die Dominikanerkirche in Eppan und die Wasserleitung in Lana (1988). Der Terror richtete sich gegen die Kompromissbereitschaft der Südtiroler Volkspartei – statt weiter die Autonomie auszuverhandeln, wollte „Ein Tirol“ das „Los von Rom“ herbeibomben.

Allerdings gab es von Anfang an Vermutungen, dass „Ein Tirol“ manipuliert wurde. In Außerers Umfeld soll es von „eigenartigen Gestalten, die entweder als Berufsverbrecher ausgewiesen sind oder lange schon im Sold der Geheimdienste stehen“ gewimmelt haben. Neben „Provokateuren“ von Seiten der italienischen Divisione Investigazioni Generali e Operazioni Speciali (DIGOS) zählte dazu ein 1937 geborener Journalist und Privatdetektiv aus Mannheim. Dieser Herbert Hegewald war eigentlich ein Rechtsextremist, der seit den 1960er Jahren in Südtirol aktiv war. Wegen Geldproblemen stand Hegewald seit 1985 insgeheim auf der Lohnliste der „Stasi“ – als Informeller Mitarbeiter (IM) „Förster“ sollte er Informationen über deutsche Neonazis, aber auch über Südtirol beschaffen. Dass der DDR-Nachrichtendienst dorthin seine Fühler ausstreckte, überrascht nicht – handelte es sich doch um eine strategisch wichtige Landverbindung zwischen den NATO-Staaten BRD und Italien. Das Mitmischen im Konflikt zwischen dem römischen Zentralstaat und den Südtiroler Unabhängigkeitsbestrebungen bot die Möglichkeit, einen Krisenherd am Köcheln zu halten.

An Außerer lieferte Hegewald militärische Ausrüstung, darunter Uniformen, Tarnanzüge und Offiziersmeldetaschen. Dass das Maschinengewehr, die Patronen, Magazine und Sprengkapseln, die später in Außerers Innsbrucker Tischlerei sichergestellt wurden, von Hegewald stammten, konnte nicht nachgewiesen werden. Selbst wollte der IM nicht an Anschlägen teilgenommen haben. Tatsächlich wies ein Gutachten des Bundeskriminalamts (BKA) Sprengstoffspuren in Hegewalds Opel Manta nach. Aufgrund dieser Indizien kam die Bundesanwaltschaft 1993 zum Schluss, dass der Spitzel nicht nur mit Außerer befreundet war, „sondern wie dieser auch in die Anschläge der Kampfgruppe Ein Tirol verwickelt war“. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

Neue Details in Bezug auf den Konnex zwischen Hegewald und Außerer liefert ein Dokument aus der Berliner Behörde des Beauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Datiert mit 16. Mai 1989, wenige Monate vor der „Wende“, fasst es ein Treff-Gespräch zwischen Hegewald und seinen Führungsoffizieren zusammen. Gleich eingangs wird auf Außerers Rolle als Sprengstoff-Beschaffer und Hegewalds Verstrickung in diese Vorgänge Bezug genommen: „Zwischen A[ußerer]. und ‚Förster‘ [Hegewald] besteht nach seiner Einschätzung ein gutes Vertrauensverhältnis. Dieses kommt insbesondere darin zum Ausdruck, dass A. ihn im September oder Oktober bat, genau kann sich ‚Förster‘ nicht mehr erinnern, mit ihm zu einem gewissen K. [phonetisch] in die Nähe von Innsbruck zu fahren, um von diesen Sprengstoff abzuholen. Dieser Bitte kam ‚Förster‘ nach. Zu diesem K. ist ihm lediglich bekannt, dass dieser offiziell mit Sprengstoff handelt und einen Straßenbaubetrieb besitzen soll.“

Herbert Hegewald (Nummer 8): Gegenüberstellung im bayrischen Landeskriminalamt München am 8. Juni 1993

Bei diesem K. handelte es sich in Wirklichkeit um Josef Gredler, der 115 kg Knauerit 2-Sprengstoff an Außerer verkauft hatte. Letzterer wurde kurze Zeit später, am 3. November 1988, in Innsbruck verhaftet. Tatsächlich hatte er sich schon seit geraumer Zeit unter Observation seitens der österreichischen Staatspolizei befunden Diese war allerdings alles andere als gründlich – der zuständige Beamte war sowohl mit Außerer als auch einem anderem „Ein Tirol“-Mitglied befreundet. Angeblich war ihm bei Besuchen in der Tischlerei nichts Besonderes aufgefallen. Man schritt erst ein, nachdem italienische Journalisten dort vorbeikamen und Außerer ihnen gegenüber das Vorgehen von „Ein Tirol“ guthieß.

Hegewald berichtete seinen Führungsoffizieren, dass er danach zuhause in der BRD eine „verstärkte Observation seiner Person durch gegnerische Kräfte“ feststellte: „Eine Zuführung bzw. eine Befragung seiner Person erfolgte bisher nicht. Ihm ist jedoch bewusst, dass er derzeitig weder nach Österreich noch nach Südtirol reisen kann, da er dort mit einer Verhaftung rechnen muss. Dieser Vermutung basiert auf Telefonaten mit der Ehefrau von […], die ihm mitteilte, dass die Polizei mehrmals nach ihm gefragt habe und wissen wollte, wann er nach Österreich kommt.“

Einmal schlüpfte Hegewald über die Grenze und traf sich mit der Ehefrau von Außerer: Diese erzählte ihm, dass sie im November 1988 Besuch von vier Palästinensern hatte, „die vorgaben, Sympathisanten der Tiroler Freiheitsbewegung zu sein. Soweit ihr bekannt war, reisten diese aus Innsbruck an. Die Palästinenser boten Hilfe und Unterstützung in Form von Geldzuwendungen an, diesbezüglich hatten sie einen Koffer mit 100.000 DM bei sich und gaben vor, die Tiroler Freiheitskämpfer militärisch richtig auszubilden. Dafür wäre es notwendig, dass sie mit diesen in Kontakt gebracht werden. Da die Ehefrau des A. keine Entscheidungsbefugnis hat, ging sie auf diese Vorschläge nicht ein.“

Herbert Hegewald: Verhörprotokoll des Bundeskriminalamtes Juni 1991

Hegewald vermutete wahrscheinlich zurecht eine „Provokation der gegnerischen Kräfte“: „Um die Gewissheit zu erhalten, dass es keine Provokation ist bzw. war und eventuell ernsthafte Absichten der Palästinenser bestehen, die Bewegung in Tirol zu unterstützen, wollte er im März 1989 eine Urlaubreise nach Tunis nutzen, um Kontakt zur dortigen palästinensischen Botschaft aufzunehmen. Von einer Kontaktaufnahme zur Vertretung in Bonn nahm er aus Sicherheitsgründen Abstand, da er der Auffassung ist, dass dieses unter starker Beobachtung gegnerischer Kräfte steht.“

„Förster‘ selbst will nicht an Sprengstoffanschlägen in Südtirol im Jahre 1988 teilgenommen haben. Noch kennt er keine Personen, die aktiv beteiligt waren.“

In Tunis ging Hegewald jedoch leer aus – weil er keine Vertretung fand, warf er einen Brief mit seinem Absender in den Postkasten der libyschen Botschaft: „Der Inhalt des Briefes bringt lediglich zum Ausdruck, dass man sich an seine Person wenden soll, wenn ernsthaft Absichten bestehen, die Bewegung in Tirol zu unterstützen. Auf das Aufsuchen der Ehefrau des A. durch vier Palästinenser will er nicht eingegangen sein. Eine Antwort erhielt er bisher nicht.“

Über seine eigene Rolle hielt sich Hegewald bedeckt: „‚Förster‘ selbst will nicht an Sprengstoffanschlägen in Südtirol im Jahre 1988 teilgenommen haben. Noch kennt er keine Personen, die aktiv beteiligt waren. Bei Außerer, Karl ist er der Auffassung, dass er lediglich den Sprengstoff besorgt hat und über Kontaktpersonen, die ‚Förster‘ derzeitig nicht bekannt sind, weitergeleitet hat. Ob A. selbst aktiv gesprengt hat bzw. der Anführer der Südtiroler ist, glaubt er nicht, kann es aber nicht ausschließen.“ Und noch einen Leckerbissen offerierte er seinen Gesprächspartner: Außerer habe ihm erzählt, „dass er gelegentlich Kontakt zum KGB in München hatte und von dort Sprengstoff bezog. Sein Kontaktmann wurde später abgezogen. A. vermutet, dass es wahrscheinlich aufgrund des übermäßigen Alkoholgenusses dieses Mannes erfolgte. Weitere Einzelheiten konnte die Quelle nicht in Erfahrung bringen.“ Dichtung und Wahrheit sind bei Spitzelberichten freilich kaum zu unterscheiden.

Thomas Riegler ist Historiker und Publizist in Wien und schreibt regelmäßig für Salto. Das Spezialgebiet des österreichischen Wissenschaftlers ist die Erforschung von Terrorismus.

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