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Salto Afternoon

Bilderbuchbäume

Lena Wopfner schreibt Kurzgeschichten. Damit machte sie bereits beim "Literarischen Wettbewerb" (Sparkassenpreis) auf sich aufmerksam. Ein Gastbeitrag der jungen Autorin.
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„Mina, was denkst du wieder?“, fragte er und beugte sich näher zu ihr aufs Sofa, um ihrem Blick zu folgen. Grün-braune Augen. Nur wenn man so nahe war, sah man das Grün.
„Es ist Herbst“, erwiderte sie, weiterhin durch das Fenster starrend. „Da denke ich immer.“ Sie lächelte – verschmitzt, zumindest ein wenig.
„Du denkst immer, egal, ob Herbst, Winter oder Frühling“, lachte er und ließ sich neben sie auf den Kissenhaufen fallen. Weiche Decken und Daunenfedern, die wie Schneeflocken durch die Luft wirbelten. Seine Vorstellungen trugen ihn fort in das Land der weißen Träume. Beinahe wie Frau Holle, nur viel besser.
„Den Sommer hast du vergessen“, riss sie ihn aus den Gedanken und wandte sich vom braun gerahmten Fenster ab. „Ich glaube, wir sehen zu selten aus dem Fenster. Wer erlebt denn einen seelischen Genuss, wenn er nicht hinaussieht?“
„Niemand?“, riet er und lag auch richtig, da er sich mit der Zeit an ihre rhetorischen, aber doch obligatorisch beantwortbaren Fragen gewöhnt hatte. Er erinnerte sich gut an die Male, als sie vergeblich auf Antwort gewartet hatte. Manchmal drehte sie die Stilmittel einfach um. Ihre Lieblingsworte waren wohl deshalb: „Das ist nicht nicht unmöglich.“
Sie war kompliziert und schön. Dunkle Augen, volle Lippen. Wenn sie nachdachte, leuchteten sie; die Augen natürlich.
„Denk doch nach! Ohne all die Farben gäbe es keinen Herbst. Er wäre wie der Sommer, nur kälter. Kein Rot, Orange, Gelb …“ Sehnsüchtig lehnte sie den Kopf zurück, sah nach oben zur weißen Decke.
„Im Grund ist es der Tod für das Blatt. Ich wäre stolz, wenn mein Ende diese Farben tragen würde.“
„Es ist der Tod für das Blatt, aber nicht für den Baum.“ Sie schloss die Augen, breitete ihre Arme aus, so als möchte sie alles um sich versammeln, damit es ihr zustimmte.
„Er stirbt erst, wenn er fällt“, seufzte er, als er ihre Hände betrachtete. Hände waren wichtig, um sich zu verlieben. Und ihm gefielen ihre besonders.
Traurig nickte sie. Ihre Arme blieben auf den Kissen liegen, rot und gelb, rechts und links. „Wie ein Soldat“, murmelte sie. Es klang erschöpft, dabei war es nur die Trauer.
Sie stand auf, langsam und schnell zugleich, streckte die Hand zu ihm auf das rot, gelb, braune Sofa aus. „Komm, gehen wir!“ Und sie gingen. Raus aus dem Haus, über den Balkon zum Garten, kletterten über den Zaun. Hinter der Wiese, sie war nass, obwohl es vor zwei Tagen geregnet hatte und nicht heute, kamen sie auf den Feldweg und gingen ein Stück. Er mochte die Luft, wie sie kalt durch seine Lungen strömte, warm wieder herauskam. In Gedanken zählte er, um nicht wieder Träumen zum Opfer zu fallen. Sieben Monate kannte er sie. Fünf Monate war er schon verliebt. Es war das dritte Treffen mit ihr. Geküsst hatten sie sich noch nicht.
Sie kamen an einem kleinen Häuschen vorbei, Waalhäuschen nannten sie es, obwohl kein Waal in der Nähe floss. Ansonsten Apfelwiesen und Wege.
Beim Gehen stießen ihre Hände zusammen, immer mal wieder, wenn sie in ihren Zickzacklinien zu ihm kam. An einem Strommast blieben sie stehen.
„Hier bin ich immer vorbeigelaufen, zur Schule und zurück, zu Freunden, zum Bäcker. Damals stand da noch ein Baum. Hier …“ Sie zeigte zum Mast, das Gesicht aber zu ihm gedreht. „Ich liebte den Baum, ein Nussbaum war es. Wie er da stand, fest und beständig … Im Winter oder auch im Herbst. Seine nackten Äste, die Linien in den Himmel zeichneten … Stell es dir nur vor!“
Er versuchte es. „Dann …?“
„Dann kamen die Männer. Sie schnitten ihn. Erst die Äste, dann den Stamm. Ich weiß es nicht, aber ich war auf dem Weg nach Hause und habe ihre Sägen gehört. Da war er schon gefallen.“ Sie war traurig. Der Schmerz von damals währte noch immer.
„Ich habe geweint, damals. Ich liebte ihn, weißt du.“
Er nickte leicht, trat näher an sie heran.
„Ein Baum … er sollte doch wachsen können, ewig lange, ohne Hindernis. Wachsen wie er will, wohin er will.“
„Wie der Mensch auch.“ Er nahm ihre Hand in seine. Sie war kalt, aber es war bereits Herbst.
„Irgendwann möchte ich einen Baum pflanzen, dort, wo er von nichts und niemandem gestört wird. Vielleicht auf einer Wiese, der Baum als Wächter der Blumen.“
„Ein Bilderbuchbaum.“
Sie sah hoch, die Gefühle spiegelten sich in ihren Augen, braun, wie die Blätter hinter ihr. „Er war einer.“
Behutsam legte er die Arme um sie, drückte sie an seine Brust. Die Erinnerung schien zu schmerzen, der Baum war ihr wirklich am Herzen gelegen.
Er starrte in die Ferne, dachte nach über Bäume und ihre rot-orange-gelben Blätter. Sie schluckte schwer. „Ich habe nie ein Foto gemacht, wie seine Äste in den Himmel ragten.“

Lena Wopfner, im Jahr 2000 geboren, besucht die Abschlussklasse des Sprachengymnasiums „Beda Weber“ in Meran. Seit sie zwölf Jahre alt ist, schreibt sie Romane und Kurzgeschichten. „Mondlächeln“ und die Fortsetzung „Mondtränen“ hat sie bereits im Selfpublishing-Verlag „meinbestseller.de“ veröffentlicht. Im Frühjahr 2017 gewann Lena Wopfner mit einigen Kurzgeschichten den Literarischen Wettbewerb der Südtiroler Sparkasse in der Sparte Prosa, Oberschulen. Sie lebt in Marling und schreibt zurzeit an weiteren Romanen, Kurzgeschichten und Texten für Poetry Slams.

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