Kultur | Lecture

Himmel und Hölle auf Erden

Eindrücke aus dem Hörsaal mit Zygmunt Bauman.

1.2.2016, 18 Uhr. Die Aula Magna der Universität Bozen füllt sich, an die 500 Menschen haben sich einen Platz reserviert, um den bekannten polnischen Soziologen und Philosophen Zymunt Bauman zu sehen und zu hören. Nicht alle Plätze sind vergeben, einige Leute wurden im Vorfeld abgewiesen – „ausgebucht“ hieß es. Die Argumente der Feuerpolizei, ergo das Sicherheitsdenken, siegt wieder einmal über das Argument des Zugangs zum Wissen für alle, und das System blockiert mit seinem Pflichterfüllungswahn (Platzvergabe durch Reservierung) die freie Bewegung. Als wäre es immer schon so gewesen: Versammlungen von Menschen, von feuerpolizeilichen Vorgaben reglementiert. Abgesehen davon hat das „Centro per la pace“, eine Miniinstitution in Bozen, die vor allem kulturelle Events organisiert, Lob verdient – schließlich war sie es, die mit Hilfe des Herausgebers Riccardo Mazzeo (Edizioni Centro Studi Erickson) den heute 90jährigen Bauman - übrigens nicht zum ersten Mal – nach Bozen geholt hat. Bereits 2014 gab er hier zusammen mit der Philosophin Àgnes Heller eine Lesung.

Zygmunt Bauman hat eine bewegte Geschichte als Angehöriger einer jüdischen Familie im 20. Jh. zwischen Krieg und Flucht miterlebt. In den 70ern wurde ihm ein Lehrstuhl für Soziologie in Leeds (GB) angeboten, wo er auch heute noch lebt. Er hat sehr viel publiziert, u.a. zur Postmoderne, zu der von ihm benannten „liquid modernity“ sowie zum Holocaust.
Während des lockeren Vortrages gestikuliert er lebhaft, redet von Zeiten, wo man noch nicht getwittert, sondern nur E-Mails geschrieben hat und von Mark Zuckerbergs Facebook. Dadurch wirkt er ziemlich agil und auch glaubhaft – er kennt das medial durchwirkte Heute.

Das Thema des Abends ist die Utopie und ihr Gegenpart, die Dystopie. Es folgen knappe eineinhalb Stunden voller Literaturtipps. Schließlich haben vor allem die AutorInnen diese fiktiven Gesellschaftsordnungen beschrieben. Utopien seien keine Wissenschaft, und um gleich klarzustellen: Die Wissenschaft sollte Sicherheit (certainty) mit Wahrscheinlichkeit (probability) ersetzen, so Bauman.
Utopien und Dystopien seien auch keine Vorhersagen (predictions), sondern Visionen, die ein bestimmtes Verhalten evozieren und Aktionen produzieren können. Ihnen fällt eine wichtige Rolle in der Prägung der Geschichte zu. Wie kann Literatur die Historie prägen? Gleich mehr hierzu.

Goldfrapp: Utopia (2000)

Was ist überhaupt eine Utopie, und was eine Dystopie? Worin unterscheiden sie sich? Die klassische linguistische Erklärung vom U-Topos, dem Nicht-Ort, aussparend, unterscheidet Bauman die beiden schlicht so: Himmel auf Erden vs. Hölle auf Erden. Der alte Traum von der Rückkehr zum Paradies (irritierend die selbstverständliche Verwendung religiös geprägter Begriffe) vs. der Schrecken vor Gewalt und Konflikten. Alternativen visualisieren – im Guten wie im Schlechten, dies arbeitet Bauman als Funktion dieser Texte heraus. Gleichzeitig schickt er eine Warnung hintendrein: in utopischer Literatur ist auch immer ein totalitärer Nukleus vorhanden. „The greatest crimes in history were committed with the greatest ideas“ (Camus). Oder: „The road to hell is paved with good intentions.“
Dystopien sind die Ergänzung der Utopien, sie bringen uns dazu, das Verborgene aufzudecken, die Augen zu öffnen, uns vor Gefahren zu warnen, die in der Gesellschaft brodeln. Was ist „das Böse“? „L’enfer c’est les autres“ (die Hölle sind die Anderen), schrieb Sartre. In „Huis clos“ sind die drei ProtagonistInnen nach ihrem zeitlichen Tod in einem Raum ohne Spiegel eingesperrt - der ewige Kampf zwischen Identität und Erkenntnis durch die Anderen als Hölle in der Ewigkeit.

Michel Houellebecq sei der einzige Autor, der gleich zwei Dystopien verfasst hat: „Die Möglichkeit einer Insel“ (2005) und „Unterwerfung“ (2015). Während in Erstem der geklonte Protagonist zur einsamen Unsterblichkeit verdammt wird und aus der Gesellschaft ausbricht in seiner Suche nach der Möglichkeit einer Insel, wird in Zweitem das Leben der Community zur Hölle. Inspiriert von einer der größten zeitgenössischen Ängste, nämlich ausgeschlossen zu sein, abgehängt, zurückgelassen, allein zu sein, beamt Houellebecq seine LeserInnen ins Jahr 2022, wo der fiktive Mohamed Ben Abbès in Frankreich die Macht ergreift und islamische Regeln einführt. Er und die reale Rechtspopulistin Marine Le Pen sind diejenigen, die den Menschen die Erlösung vom ewigen sich Entscheiden müssen versprechen, indem sie Regeln und Strukturen anbieten und eine Routine schaffen. Bauman dann fast rabiat und ziemlich eingleisig: „If you want community, they (muslims) are the specialists. Join the islam, pray 5 times a day, nothing to choose, very simple.“
Als letztes Buch bespricht er JG Ballards „Kingdom Come“, wo er den Konsum als einziges verbindendes Element in einer Gesellschaft der Konkurrenz und der Xenophobie vermutet. Es gäbe zudem nur zwei Modelle: praktizierende oder inspirierende KonsumentInnen – „L’enfer c’est moi“.
Auch Riccardo Mazzeo hat am Anfang die „Nacht in uns“ angesprochen, durch die es unmöglich würde, eine Utopie auf Erden zu schaffen. Dabei nimmt er Bezug auf Freud, dessen Unbewusstes, der dunkle Fleck, auf den wir nur begrenzten Zugriff haben, hier als Verhinderer utopischer Wirklichkeit dargestellt wird.
Zygmunt Bauman zum guten Schluss: „We have the choice to prevent dystopias to become reality – we can still decide to choose before it is too late.“
Und noch eine Utopie meinerseits: dass sich Menschen in Zukunft versammeln, ohne dass das Sicherheitsdenken an allererster Stelle steht.


Literaturliste
George Orwell: 1984 (1949)
Kazuo Ishiguro: Never let me go (2005)
Dave Eggers: The circle (2013)
Jean-Paul Sartre: Huis clos (Geschlossene Gesellschaft, 1944)
Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel (2005)
Michel Houellebecq: Soumission (Unterwerfung, 2015)
JG Ballard: Kingdom Come (2006)
Thomas Morus: Utopia (1516)

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gorgias Di., 02.02.2016 - 11:58

Wurde der Vortrag auch aufgenommen? Das ist doch bei Unis bei solchen Veranstaltungen doch fast Standard.

Di., 02.02.2016 - 11:58 Permalink