Politics | Salto Gespräch

Lea, nein danke…

Obwohl sie bei den letzten Gemeinderatswahlen mit Abstand die meisten Vorzugsstimmen erhalten hat, zeigte der Margreider Gemeindeausschuss Lea Casal die kalte Schulter.
Brachte ihre Unzufriedenheit über das Verhalten des Gemeindeausschusses von Margreid offen zum Ausdruck; Lea Casal, junge Gemeinderätin aus Margreid
Foto: rhd

 

Genau ein Jahr nach den Gemeinderatswahlen stellt die junge Margreider Gemeinderätin einen Post online, in dem sie ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck brachte, wie die GemeindepolitikerInnen mit ihr umgegangen sind. Lea Casal hatte – sie war damals erst seit wenigen Monaten 18 – für die SVP kandidiert und stolze 173 Vorzugsstimmen erhalten.

Knapp jede vierte von den 729 abgegebenen Stimmen, wurde also explizit für Lea Casal abgegeben. Gemeindeausschussmitglied Hansi Goller lag mit 29 Stimmen eindeutig auf Platz 2. Und dennoch: Lea Casal – und mit ihr all jene, die ihr die Vorzugsstimme gegeben hatten – erhielt keinen Platz im Gemeindeausschuss. Der angegebene Grund: Zu jung, zu unerfahren.

 

Salto: Wie geht es dir jetzt, eine Woche nach deinem doch ziemlich wütenden Post?

Lea Casal: Bevor ich den Post gemacht habe, war ich hin- und hergerissen, ob ich es tun sollte oder nicht, schließlich habe ich es dann doch gemacht.

Mir geht es gut, auch weil ich sehr viele positive Rückmeldungen erhalten habe. Leute haben mich auch angerufen, sprechen mich auf der Straße an, der Post wurde über die sozialen Medien viel geteilt … es freut mich sehr, dass ich den Rückhalt der Bevölkerung habe.

Hat sich jemand vom Gemeinderat nach diesem Post bei dir gemeldet?

Der Bürgermeister hat sich gemeldet und mich um ein Gespräch gebeten, das noch stattfinden muss.

Wie wirst du in dieses Gespräch hineingehen?

Ganz cool … ich werde ihm das alles noch einmal so sagen wie ich es empfinde, wie ich es seit einem Jahr wahrnehme. Ich habe das Gespräch zwar gesucht, aber mir wurde nicht zugehört. Deswegen habe ich diesen Post gemacht und ich werde ihm noch einmal alles erklären.

 

 

Du lagst mit den 173 Vorzugsstimmen weit vor dem Zweitplatzierten. Als es darum ging den Gemeindeausschuss zu bilden, wurdest du da gefragt ob du Lust auf das Amt hättest?

Ja, es war der Bürgermeister selbst, der gleich nach den Wahlen ein Gespräch mit mir geführt hat, weil ich eben die meisten Vorzugsstimmen hatte. Diese Vorzugsstimmen hatten auch für ihn eine große Aussagekraft und mit diesen Stimme bestünde die Möglichkeit in den Gemeindeausschuss gewählt zu werden und er hat mich gefragt, ob ich Interesse dazu hätte. Ich habe mich dann mit meiner Familie und meinem engen Freundeskreis abgesprochen und dem Bürgermeister in einem zweiten Gespräch dann gesagt, dass ich Interesse hätte und dass ich auch meine Hobbys zurückstecken würde, weil ich damals sehr motiviert war. Leider wurde mir diese Möglichkeit nicht gegeben.

Es hieß wir müssten uns jetzt fünf Jahre irgendwie durchschlagen und ich wäre noch ohne Erfahrung und zu jung.

„Lea, nein danke…”

Auf die Kompromisse, die ich vorgeschlagen hatte wurde nicht eingegangen und es hieß wir müssten uns jetzt fünf Jahre irgendwie durchschlagen und ich wäre noch ohne Erfahrung und zu jung. Was ich natürlich weiß, aber das ist für mich keine gültige Argumentation.

Ich finde das schade, auch weil ich die Stimmen von den Menschen bekommen habe, die wissen wer ich bin, wie alt ich bin und dass ich die Erfahrung nicht habe. Und trotzdem habe ich die Stimmen und das Vertrauen bekommen, das ich von ihm nicht bekommen habe.

Von den anderen Gemeinderatsmitgliedern hast du nichts gehört...

Zwei Gemeinderäte und eben der Bürgermeister haben sich gemeldet, aber sonst habe ich nichts gehört, weder Positives, noch Negatives, obwohl sicher alle den Post gelesen haben, weil der wirklich die Runde gemacht hat.

Wie bewertest du das?

Ich kann mir denken, dass sich viele durch den Post angesprochen fühlen und vielleicht auch enttäuscht sind, weil ich nicht das direkte Gespräch gesucht habe.

Ich finde das auch deswegen schade, weil ich geschrieben hatte, dass ich anfangs alleine gelassen wurde, und jetzt, wo ich die Wahrheit sage, wieder alleine gelassen werde und es auf’s Gleiche hinausläuft.

Vor den Wahlen hat es geheißen, wir machen das gemeinsamen, wenn du etwas brauchst ist jemand für dich da, du wirst sehen … um es radikal zu sagen: Große Worte und nichts dahinter.

Abgesehen von dieser Besonderheit, du warst ja jetzt ein Jahr im Gemeinderat. Wie ist dein Eindruck?

Anfangs war alles neu und ich habe vieles nicht verstanden, was aber ganz logisch ist, weil es sich um einen sehr großen Bereich handelt. Aber sonst war es gut, auch mit der anderen Partei „Insieme per Magrè”.

Es wäre aber manchmal wünschenswert, wenn wir mehr vom Gemeindeausschuss und vom Bürgermeister erfahren würden, weil mache Margreider die Sachen oft vor uns wissen.

 

 

Die Enttäuschung ist zwar groß, aber aus dem Post ist herauszulesen, dass du trotzdem weitermachen wirst.

Ja, ich denke, ich werde weitermachen, auch weil ich eine gewisse Verantwortung für junge Frauen habe. Ich widerspiegle ja nicht nur junge Menschen, sondern auch junge Frauen.

Das darfst du nicht sagen!

Was würdest du dir jetzt wünschen vom Bürgermeister, vom Gemeindeausschuss … in den Ausschuss zu kommen?

Nein, mittlerweile nicht mehr. Es ist ja nicht immer wirklich gut gelaufen. Es wurde Druck von verschiedenen Seiten auf mich ausgeübt. Die einen meinten, ich sollte dafür kämpfen in den Gemeindeausschuss zu kommen, die anderen hatten geglaubt ich hätte freiwillig darauf verzichtet … was ja nicht stimmt.

Ich würde mir mehr Kommunikation wünschen, dass man gehört wird. Dass ich Sätze wie „Das kannst du nicht sagen!”, „Das darfst du nicht sagen!”, „Du musst das und das sagen!”, nicht mehr höre, das würde ich mir wünschen.

In welchem Kontext sind denn diese Sätze gefallen?

In der Runde wurde nach der Meinung gefragt und ich habe daraufhin meine Meinung, meine Überlegungen gesagt. Da wurde ich dann zur Seite genommen und es wurde mir aufgetragen, das so nicht zu sagen. Was ziemlich schockierend für mich war und wo ich mich auch frage, was ich an diesem Ort noch zu suchen habe, wenn ich nicht das sagen darf was ich denke. Immerhin habe ich diese Stimmen ja deswegen bekommen, weil die Menschen meine Meinung in diesem Gremium hätten. Wenn das nicht respektiert wird, dann macht es keinen Sinn dort zu sein.

Womit glaubst du hängt das zusammen? Mit der SVP, mit Margreid, mit den Themen?

Das ist schwierig zu sagen … ich glaube es hängt mit Margreid zusammen. Ich habe mich informiert und in den letzten Jahren ist nicht immer alles gut gelaufen.

Ich glaube, die Mentalität in einer gewissen Hinsicht hier ist ein wenig anders – und das ist nicht die Schuld eines Einzelnen, sondern etwas was die Gesellschaft betrifft – und ich hoffe, dass wir diesbezüglich ein paar Schritte nach vorne machen können.

Die meinst eine Öffnung…

Ja, genau. Dass wenn zum Beispiel jemand gewählt wird, der so jung ist, er oder sie auch angenommen wird. Ich kann sagen, dass ich damals, als ich gewählt worden bin eine sehr große Freude hatte und einige Nächte nicht schlafen konnte vor Aufregung. Und anfangs war auch alles gut, aber dann hat es sich irgendwie gedreht, weil ich meine Meinung gesagt habe, die aber keinen Platz fand. Das ist der Eindruck, der sich mir heute ergibt.

 

 

Angenommen, du wärst im Gemeindeausschuss, was würdest du machen, wofür würdest du dich einsetzen?

Auf alle Fälle die Jugend. Ich habe mitbekommen, dass diese in Margreid – ob es nun einzelne Personen, Vereine, junge Familien oder Mütter mit Kindern sind – nicht viel Zuspruch bekommt. Das wäre ein großes Thema. Und die Gesellschaft generell, denn es fehlt der Zusammenhalt. Ich will nicht sagen, dass sich ein Spalt durch Margreid zieht, das ist ein sehr großes Wort, aber der Zusammenhalt ist nicht der, wie er in einem Dorf sein sollte. Man kann es natürlich nicht allen recht machen, aber dass die Bevölkerung zumindest zur Gemeinde und zum Gemeinderat eine gute Bindung hat, ist eine der wichtigsten Sachen und wenn die nicht gegeben ist, dann ist das nicht gut.

Jetzt, ein Jahr danach, heißt es schon: Wann sind die nächsten Wahlen?!

Vor den Wahlen habe ich vielfach gehört: Endlich kommen neue Leute in den Gemeinderat! Auch direkt nach den Wahlen waren viele mit dem Ergebnis zufrieden, aber jetzt, ein Jahr danach, heißt es schon: Wann sind die nächsten Wahlen?!

Die Enttäuschung im Dorf ist allgemein sehr groß.

Hat deine Erfahrung eine Auswirkung auf dein politisches Engagement?

Politik ist ein Bereich, der in meinem Leben sehr präsent ist und der mich interessiert. Ich habe in diesem Jahr sehr viel gelernt. Gerade wegen der negativen Erfahrungen die ich gemacht habe, konnte ich viele neue Menschen kennenlernen, wie beispielsweise die Bürgermeisterkandidatin Katharina Zeller, auch Landtagsabgeordnete Ladurner ist eine gute Freundin von mir und hat mir viel Rückhalt gegeben, sie ist auch eine junge Frau und agiert sogar auf Landesebene. Oder Brigitte Foppa von den Grünen hat mich wirklich sehr unterstützt. Mit ihnen konnte ich mich austauschen und das hat mir viel gegeben.

Welchen Ratschlag haben sie dir gegeben? In der einen oder anderen Form haben sie vielleicht ja auch ähnliche Erfahrungen gemacht.

Ich soll auf keinen Fall aufgeben, weil, wie ich vorhin bereits gesagt habe, ich nicht nur für mich stehe, sondern auch für andere junge Frauen. Ich weiß, dass ich diese Verantwortung habe, weil ich möchte, dass sich junge Frauen mehr für die Politik engagieren, weil diese ja für Frau und Mann gemacht wird.

Es zeigt sich, dass das Interesse an der Politik bei den jungen Menschen immer weniger vorhanden ist. Viele von ihnen kennen nicht einmal den eigenen Bürgermeister.

Aber um zur Frage zurückzukommen: Sie haben mich gelehrt nicht aufzugeben und weiterzukämpfen solange es geht, vor allem für die Stimmen die ich bekommen habe.

Dann wirst du in vier Jahren wieder antreten zu den Wahlen?

Das weiß ich nicht, in vier Jahren kann viel passieren, mal schauen was sich ergibt.

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Peter Gasser Sun, 10/03/2021 - 10:55

Ja, das ist so;
Zu diesen Regeln gehört es - im gegenständlichen Beispiel - den Wählerwillen zu ignorieren.
(bösartig könnte ich sagen: alte Männer schliessen junge Frau aus - das ist hier die angewandte Regel?)

Sun, 10/03/2021 - 10:55 Permalink
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△rtim post Sun, 10/03/2021 - 12:45

In der Wende des 19./20. Jahrhunderts gab sich die Jugend äußerlich alt. (Stefan Zweig, Welt von Gestern). Lehrjahre waren keine Herren- und offenbar noch weniger Damenjahre.
Dennoch tendiere ich bei der Wahl zu jung. Von denen haben die Vorfahren die Erde ja schließlich geliehen bekommen.

Sun, 10/03/2021 - 12:45 Permalink
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Maria Elisabet… Wed, 10/06/2021 - 10:24

Liebe Lea,
was dir passiert, sagt sehr viel darüber aus wie Politik in Südtirol funktioniert. Deshalb bist du ein wichtiges Vorbild für viele junge Menschen insbesondere für junge Frauen. Es ist wichtig, die Stimme zu erheben, es ist wichtig die eigene Meinung zu sagen und es ist wichtig den zustehenden Platz einzunehmen und einzufordern. Der Weg ist nicht leicht, aber sehr viele Menschen in diesem Land stehen hinter dir. Danke für deinen Mut deine Erfahrungen öffentlich zu machen. Lass dich nicht entmutigen und geh deinen Weg weitern. Wir unterstützen dich!

Wed, 10/06/2021 - 10:24 Permalink