Chronicle | Verbrechen

Ein kindhafter Mörder?

Im Fall des Elternmords berichtet die Ex-Freundin von Benno Neumair von Manipulation und Aussetzern. Damit rückt sie die Frage der Zurechnungsfähigkeit in neues Licht.
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Foto: Salto.bz

Nadine Reiter spricht in neutralem, sachlichem Ton und sucht den Blickkontakt zu ihrem Gegenüber im Bozner Gerichtssaal. Die gelernte Krankenschwester und Gutachterin aus Deutschland lebte mit Benno Neumair für mehrere Monate gemeinsam in ihrer Wohnung in Neu-Ulm. Heute, am 12. April, wird sie vom Schwurgericht im Prozess zum Elternmord von Laura Perselli und Peter Neumair befragt. Sie will weder fotografiert noch von der Presse interviewt werden.

Wie Benno Neumair bereits gestand, hat er seine Eltern am 4. Januar 2021 in ihrer Wohnung in Bozen erdrosselt. Etwa ein halbes Jahr zuvor war Benno zurück zu seinen Eltern gezogen, weil die Beziehung zwischen ihm und Nadine Reiter zerbrochen war. „Danach wollte ich keinen Kontakt mehr zu ihm haben, aber er suchte immer einen Grund, um mir zu schreiben oder mich anzurufen“, sagt sie vor Gericht.

Die Beiden lernten sich im September 2019 über die Dating-Plattform Tinder kennen, trafen sich in Innsbruck für mehrere Tage zum ersten Mal persönlich. In den nächsten Monaten hörten sie sich oft und beschlossen, Anfang des neuen Jahres, gemeinsam einen Urlaub in Spanien zu machen. „Nach dem Urlaub zog Benno zu mir. Anfangs war alles sehr harmonisch, alles war normal, er war lebensfroh, zuvorkommend und freundlich“, berichtet Nadine.

 

Schwieriges Zusammenleben

 

In dieser Zeit lebte Benno Neumair von seinen Ersparnissen und erklärte Nadine, dass er sich von seiner früheren Beziehung erholen und deswegen nicht arbeiten möchte. „Anfang März fing er an, sich Geld von mir zu leihen. Ich forderte ihn mehrmals auf, eine Arbeit zu suchen, aber er antwortete mir, er fühle sich nicht in der Lage. Ich schlug Arbeitsstellen vor und er bewarb sich auch auf ein oder zwei, allerdings ist nichts daraus geworden“, so Nadine. Er verbrachte seine Tage mit Einkaufen, Haushalt und Sport und war viel in der Natur.

 

 

Wie die junge Frau im Gerichtssaal schildert, begannen in dieser Zeit auch die Schwierigkeiten in der Beziehung: „Er ist insgesamt sehr manipulativ gewesen und hat versucht, mich von meinem Freundeskreis zu distanzieren. Er wollte, dass ich mein ganzes Leben nach ihm richte.“  Nadine erzählt von zahlreichen Gesprächen und Diskussionen mit Benno. Phasenweise verbesserte sich die Beziehung wieder.

Mit einem ihrer besten Freunde namens Chris traf sie sich auch heimlich. „Chris hielt mir immer die Realität vor Augen. Dadurch erhielt ich Kraft, mit Benno zu diskutieren und nicht klein beizugeben. Das merkte Benno und sagte, Chris tue mir nicht gut“, sagt Nadine. „Benno konnte stundenlang Monologe halten und lief dabei in der Wohnung herum. Ich könne keine Beziehung führen und sei egoistisch.“

Die Monate vergingen, bis Nadine eines Tages bemerkte, dass auf ihrem Konto Geld fehlt und sie forderte Benno auf, die Wohnung zu verlassen. Seine Eltern sollten ihn am nächsten Tag in Neu-Ulm abholen.

 

Zweiter Versuch

 

An diesem Tag lernte Nadine Laura Perselli und Peter Neumair kennen und sie setzten sich gemeinsam zu einem Gespräch auf die Couch, Peter Neumair saß mit etwas Abstand auf einem Stuhl. „In dem Gespräch schaffte Benno, uns alle zu überzeugen, dass wir beide für die Probleme in der Beziehung verantwortlich seien. Ich habe das in dem Moment auch geglaubt, Benno kann sehr überzeugend sein“, sagt Nadine. Die Beiden beschlossen, es nochmal für vier Wochen zu versuchen und Benno durfte bleiben. Trotzdem stellte sie wegen dem fehlenden Geld auf ihrem Konto eine Anzeige gegen Unbekannt.

 

Inszenierter Angriff

 

Zwei Tage später rief Benno sie an und sagte, er sei von einem ihrer Freunde angegriffen worden und sie soll schnell nach Hause kommen. „Ich habe den Freund angerufen und er hat mir versichert, dass er nichts getan habe“, so Nadine. Daraufhin rief sie Bennos Mutter an. „Sie hat mir da zum ersten Mal erzählt, dass Benno schon davor auffällig gewesen war und einmal seine Schwester körperlich angegriffen hatte. Ich solle nicht alleine in die Wohnung gehen und einen Krankenwagen und die Polizei rufen.“ Die Reaktion von Laura Perselli habe sie sehr verunsichert und verängstigt.

Trotzdem ging Nadine alleine in ihre Wohnung, parkte aber ihr Auto absichtlich an den falschen Platz. Sie fand Benno im Badezimmer mit einem großen Messer in der Hand. „Er war im Gesicht verwundet und hatte einen beängstigenden Blick. Ich behielt die Ruhe, denn wenn ich geflohen wäre, wäre er mir nachgelaufen. Ich gab vor, dass ich seiner Erzählung von dem Angriff Glauben schenkte und verwickelte ihn in ein Gespräch.“ Benno legte dann das Messer ab und sie brachte es in die Küche.

 

 

Unter dem Vorwand, das Auto an den richtigen Platz zu stellen – Benno hatte zuvor vom Balkon aus kontrolliert, ob das Auto tatsächlich an der falschen Stelle geparkt war – verließ Nadine die Wohnung. Draußen rief sie auf Aufforderung von Laura Perselli die Polizei. Das Sondereinsatzkommando brachte Benno in die Psychiatrie.

In den folgenden Stunden erfuhr Nadine von Benno am Telefon, dass er sein Gesicht selbst so zugerichtet hatte, indem er sich selbst Blut abgenommen und es unter die Augen und in die Lippen gespritzt und seine Haut mit Schmirgelpapier aufgerieben hatte. Als er entlassen werden sollte, war für sie klar, dass ihre Wohnung kein Zuhause mehr für ihn sein soll und sie riet ihm, sich behandeln zu lassen. Nadine kaufte ihm eine Zugfahrkarte bis nach Innsbruck, wo ihn sein Vater abholte.

 

Schwieriger Abschied

 

Am Bahnhof in Neu-Ulm fing Benno an, zu schreien. „Ich sah auf der Anzeige, wann der Zug kommen würde und dachte, ich muss nur drei Minuten warten und dann wird alles gut“, sagt Nadine im Gerichtssaal. Ihre Hoffnung wurde enttäuscht, denn er rief sie vom Zug aus im Zehn-Minuten-Takt an. Da ihr Benno außerdem noch 1.325 Euro schuldete und er noch Sachen bei ihr hatte, war sie noch mit ihm und seinen Eltern in Kontakt. Seine Eltern überwiesen ihr eine Anzahlung von 325 Euro. Benno rief sie mehrmals an und schrieb ihr E-Mails. Er sagte ihr, er wolle zurück zu ihr nach Deutschland, weil er mit seinen Eltern nicht klarkomme und drohte mit Selbstmord. Im Dezember 2019 blockierte sie dann die gesamten Nummern der Familie.

Der Vater, Peter Neumair, war inzwischen bei Nadine in Neu-Ulm gewesen, um die restlichen Sachen von Benno abzuholen. Im Gegensatz zu der liebevollen und gesprächigen Art der Mutter wirkte Peter auf Nadine ruhig und nicht sehr besorgt. „Ich hatte den Eindruck, dass der Vater Bennos Verhalten schon sehr gut kannte.“

 

 

Für Nadine ist Benno ein Mensch mit wechselhaftem Charakter, es gibt den selbstbewussten und kindhaften Benno. „Er hat regelmäßig geweint. Wenn ich Grenzen aufgezeigt habe, hat er versucht Mitleid zu erzeugen.“ Außerdem hatte er öfters Wutanfälle: „Bei einem Waldspaziergang etwa war er plötzlich wütend geworden, warf seine Mütze nach mir, schrie, weinte, warf sich auf den Boden und schlug mit den Fäusten darauf ein. Solche Aussetzer hatte er öfters, dabei körperlich angegriffen hat er mich nie.“

Im Schwurgericht sprechen am 12. April auch weitere Zeug:innen, unter anderem seine Schwester Madé Neumair.

 

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Graf von Rothpeiler Wed, 04/13/2022 - 23:45

Benno Neumair genießt einige Sympathien. Hinter vorgehaltener Hand fragen so manche Südtiroler, was man als Eltern anstellen muss, um vom eigenen Sohn umgebracht zu werden und betreiben so in gewisser Weise eine Täter-Opfer-Umkehr.

Liest man die Aussagen der Schwester des Angeklagten, wie sie uns häppchenweise auf stol.it im Liveticker präsentiert werden, so wird dieses Gerede sogar noch weiter kultiviert:

- Anstatt seinen Geburtstag an seinem Geburtstag (24. Dezember) zu feiern, wurde der Geburtstag des Angeklagten von den Eltern nach einem indonesischen Ritual im Sommer gefeiert.

- Obwohl der Angeklagte klar kommunizierte, dass er keine Geburtstagstorte wolle, setzte sich seine Mutter selbst über diesen einfachen Wunsch hinweg und kaufte eine Torte - warum auch immer.

- Die Eltern rechneten ihren Kindern vor, wie viel die jeweiligen Weihnachtsgeschenke kosteten, um ihnen zu beweisen, dass kein Kind ein "teureres/besseres" Geschenk bekommt.

- Die Eltern zogen die Kinder gleich an, obwohl sie nicht das gleiche Geschlecht hatten.

Kinderpsychologen weisen immer wieder darauf hin, dass sich bei Geschwistern das einprägt, was die Eltern über andere Geschwister sagen. Made Neumair betonte im Gericht immer wieder dass Benno faul gewesen sei und stets den Weg des geringsten Widerstandes ging.

Die Form des Live-Tickers führt uns diese widerliche Sensationsgeilheit eindrucksvoll und entlarvend vor Augen. Ich bin mir sicher, dass sich das Buch das Made Neumair schreiben wird in Südtirol sehr gut verkaufen wird. Auch Benno könnte mit seiner Version ein Zubrot verdienen. Solche Geschichten liebt das Volk.

Wed, 04/13/2022 - 23:45 Permalink
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Peter Gasser Thu, 04/14/2022 - 00:14

"Ein kindhafter Mörder?"
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"Kindhaft"? keinesfalls, so meine ich.
Ein Kind ist ein Kind! Das ist kein Kind.
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Im Artikel oben wird lehrbuchhaft ein Narzisst beschrieben, geradezu das klassische Verhaltensmuster des Narzissten!
In Teilen findet man, so lese ich und vergleiche mit entsprechender Literatur, die Verhaltensmuster des gutartigen Psychopathen, der, wenn er dann mordet, zum bösartigen Psychopathen wird.
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Da sehe ich KEIN Kind, kein kindhaftes Verhalten.

Thu, 04/14/2022 - 00:14 Permalink