Culture | Neue Musik

„Weil ich nicht anders konnte“

Trygve Seim & Zsófia Boros bringen Saxophon und Gitarre auf die Bühne. SALTO hat Zsófia Boros vor ihrem Konzert am kommenden Dienstag befragt.
seim boros duo
Foto: Cork
  • Die ungarische Gitarristin und der norwegische Saxophonist sind langjährige Musiker des berühmten Münchener Musiklabels ECM-Records. Ihr Programm mit Werken von Gismonti, Haden, Seim und Young verspricht eine faszinierende Mischung aus nordischer Klangpoesie und meditativer Gitarrenmusik.

  • SALTO: Saxophon-Gitarre-Duos sind in den Konzertsälen selten. Was war die Inspiration für dieses Projekt? 

    Zsófia Boros: Unsere erste Begegnung und gleichzeitig der erste Auftritt mit dem fantastischen Saxophonisten Trygve Seim war in dem Großen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg Ende September 2023. Guido Gorna, langjähriger Mitarbeiter von ECM, hat ein großes Konzert für den Gründer und Produzenten des Labels ECM- Manfred Eicher- zu dessen 80.Geburtstag organisiert mit vielen Musikern der ECM „Familie“. Ich war überglücklich, bei diesem Ereignis dabei sein zu dürfen. Guido Gorna hat uns also zusammengewürfelt und gefragt, ob wir 10 Minuten Programm zusammen spielen könnten. Nach dem Konzert kamen gleich ein paar Anfragen, und jetzt dürfen wir in Südtirol für sie spielen.
     

    Ich wurde mit vier Jahren zu einem Klavierkonzert mitgenommen und wollte ab diesem Moment Musik lernen.

  • Zsófia Boros: „... ist eine Meisterin der dynamischen Schattierungen, sie kann sich ganz in ihr Instrument zurückziehen, die angeschlagenen Töne fast in den Bereich des Unhörbaren absenken, um sie dann aufwallend erklingen zu lassen. Sie spielt klug mit Leerräumen, kultiviert die Pause als nachklingenden Raum“, schreibt das monatlich erscheinende Fono Forum über die Musikerin Foto: Benepikt
  • Wie lässt sich Euer Repertoire mit 4 Adjektiven beschreiben?

    Es fallen mir eher Wörter als Adjektive spontan ein, etwa:

    - Melancholie
    - Freiheit
    - Sehnsucht
    - Klangreise

    In den 1980er Jahren förderte ECM Gitarristen wie Ralph Towner, Egberto Gismonti, John Abercrombie und Steve Tibbets. Waren diese für Sie ein Vorbild?

    In meiner Familie war niemand Musiker und alle wenig musikaffin. Das Interesse galt eher den bildenden Künsten und der Literatur. Ich wurde mit vier Jahren zu einem Klavierkonzert mitgenommen und wollte ab diesem Moment Musik lernen. Mein Vater war Diplomat und wir sind viel herumgereist. So habe ich eine Gitarre zu Weihnachten bekommen als ich fünf war und einen sehr klassischen Weg des Musiklernens eingeschlagen. Meine erste Lehrerin an der Musikschule war eigentlich eine Cellistin, der Fokus war mehr auf das Ziel als auf den Weg gelenkt. Es war wunderbar. Dann folgte das Konservatorium mit einem fantastischen Professor Jozef Zsapka, der sich auf das WIE konzentrierte - also auf den Weg. Danach folgte die Musikuniversität und ich habe zunächst meine eigenen musikalischen Abenteuer und Künstler gesucht, eigene Musikwelten. Ab diesem Moment, wo ich die Verantwortung für meinen Geschmack übernommen habe, haben mich natürlich nicht nur die Gitarristen sondern das ECM Universum begleitet und geprägt.
     

    Musik hat mich gefasst, sie berührt und ich will mit Musik in Berührung bleiben. 

  • Seim Trygve: hat 22 CDs bei ECM Records veröffentlicht, davon 8 als Komponist und Bandleader oder Co-Bandleader. Foto: Antonio Armentano
  • In Ihrem Text „Gedanken über das Unterrichten“ – das wir allen Schülern und Dozenten an Musikschulen und Musikkonservatorien empfehlen, lautet die erste Frage „Warum will man Musiker/in sein? “. Ihre persönliche Antwort ?

    Weil ich nicht anders konnte. Musik hat mich gefasst, sie berührt und ich will mit Musik in Berührung bleiben. Sie ist für mich zu einem Ort geworden, wo ich immer hin kann und will, wo ich Freude und Trost, Heimat und Heimweh, Liebe, Umarmung und Geborgenheit zugleich finde.  Wodurch ich mich und die Welt besser kennenlerne. Es ist für mich eine Verbindung zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt. 

    Ist Ihnen während oder am Rande eines Ihrer Konzerte eine lustige oder tragikomische Begebenheit passiert, über die Sie heute noch lachen können?

    Ja, nicht weit weg, in Tirol habe ich eine kleine Tour mit der wunderbaren Schauspielerin Julia Stemberger gehabt, wo wie Arthur Schnitzlers "Fräulein Else" als Lesung mit Musik aufführten. Ich habe Julia über diese Tour persönlich kennengelernt und wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden. Zwischen zwei Auftrittsorten lag eine 20 minutige Zugreise. Wir haben uns aber so sehr in unterschiedliche Lebensthemen vertieft, daß wir erst beim Schild München Ost bemerkt haben, daß wir wohl vergessen hatten, auszusteigen. Die Veranstalterin hatte dieses Missgeschick dann nur halb so lustig gefunden, nachdem wir insgesamt gute fünf Stunden später angekommen sind. 

  • Zsófia Boros:: 2012 fand sie beim Münchner Jazz- und Klassiklabel ECM Records ein Zuhause, wo sie seither drei Alben veröffentlicht hat: En otra parte (2012), Local Objects (2016) und El último aliento (2023). Foto: Reinhard Winkler
  • Stimmen Sie mit Dostojewski überein, dass „die Schönheit die Welt retten wird“?

    Tut sie schon jetzt. Wenn keine Schönheit mehr zu finden wäre, würden wir auch die Hoffnung, aber auf jeden Fall das Vertrauen verlieren. Ohne Vertrauen wären wir verloren. Schönheit ist, was uns immer rettet, wir dürfen nur nicht aufgeben, sie suchen zu wollen. Und wenn es anders nicht geht, gilt es zu versuchen, sie selbst zu kreieren. Das Schöne kann sehr nah sein. Da fällt mir die Geschichte von der Weisheit des Universums ein: drei Götter überlegen sich, wohin sie die Weisheit des Universums vor den Menschen verstecken sollten, damit sie erst dann finden, wenn sie dafür bereit wären. Einer der Götter schlägt vor, sie auf dem höchsten Berg zu verstecken, worauf die anderen meinen, die Menschen würden alle Berge früher besteigen, als sie für die Weisheit des Universums bereit wären. Der andere Gott schlägt einen Platz im tiefsten Ozean als Versteck vor. Aber die Menschen fänden es auch schnell, ähnlich dem höchsten Berg. Zum Schluss schlägt der weiseste Gott vor: „Verstecken wir sie doch in den Menschen selbst… da suchen und finden sie sie erst, wenn sie dafür bereit sind.“

    Ein Buch, welches Ihr Leben geprägt hat?

    Als Musikerin hat mich sehr das Buch von W. Timothy Gallwey Tennis - das innere Spiel geprägt. Das letzte Buch das ich gelesen habe und mich viel zum Nachdenken gebracht hat war von Osho - Der weglose Weg. Zur Zeit lese ich aber das Buch der Liebe von dem ungarischen Schriftsteller und Dramaturgisten Müller Péter. Es ist ein sehr besonderes Buch. 

  • Konzert im Ansitz Reinsperg

    Trygve Seim & Zsófia Boros
    Saxophon & Gitarre
    mit Werken von Gismonti, Haden, Seim und Young
    am Dienstag, 18.03.2025 - 20 Uhr

    Am Ansitz Reinsperg in Eppan besteht keine Parkmöglichkeit. Es besteht aber ein kostenloser Shuttledienst ab 19.20 Uhr vom Tetterparkplatz an der Ortseinfahrt nach St. Michael (hinter der Bushaltestelle) 
    Weitere Infos: KulturKontakt Eppan