Society | Sanität

Wiedermanns Anklage

Der scheidende Primar der Inneren Medizin Bozen Christian Wiedermann bringt seinen persönlichen Fall als Exempel für die Erkrankung des Systems Sanität.
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Foto: Privat

Es war ein Schritt, den sich Christian Wiedermann selbst auferlegt hat. Bis zur ersten Märzwoche hatte sich der Primar der Inneren Medizin am Krankenhaus Bozen die Frist gesetzt abzuwarten, ob sich in seiner Causa etwas ändert. Als dies nicht geschah, reichte am vergangenen Freitag ein weiterer Primar in Südtirol seine Kündigung ein. „Ich bleibe seit Monaten in Ungewissheit über meine unmittelbare berufliche Zukunft und leide unter einer extremen Doppelbelastung“, sagt Wiedermann. „Und das will ich nicht länger hinnehmen.“ Damit verliert der Südtiroler Sanitätsbetrieb nicht nur irgendeine Führungskraft. Schließlich führt der 62-jährige gebürtige Kärntner, der 2004 nach Südtirol geholt wurde, seit der Zusammenlegung der beiden Abteilungen für Innere Medizin in Bozen im Jahr 2009 die größte klinische Abteilung des Betriebs. Darüber hinaus ist Christian Wiedermann bislang auch die zentrale Figur in der gemeinsam mit Tirol und Vorarlberg geplanten Medical School. Eine politische Antwort der drei Provinzen auf die sich zuspitzende Versorgungsmedizinerkrise, die man unter dem Motto „Ärzte vom Land für das Land“ auf den Punkt bringen könnte – und die nun zumindest indirekt zum Abschied des Primars beigetragen hat.

Denn Wiedermann, der vor seinem Einstieg in Südtirol zehn Jahre lang geschäftsführender Oberarzt der Medizinischen Klinik an der Universität Innsbruck war, wurde vor rund einem Jahr von den Tirolern mit der Leitung der Projektentwicklung für die Medical School beauftragt. Eine Aufgabe, die laut Auffassung des Sanitätsbetriebs und seines Betriebsrates nicht mit Wiedermanns Rolle als Primar vereinbar ist. Die Lösung, die nach längerem Hin und Her gefunden wurde: Im Sanitätsbetrieb wird ein Zentrum für klinische und Versorgungsforschung eingerichtet, das unter Wiedermanns Leitung stehen soll. Er sollte dafür seine Rolle als Medizinprimar niederlegen, das Forschungszentrum aufbauen und parallel rund zwei Tage die Woche das Projekt Medical School betreuen. Ein Arrangement, das ihm ermöglicht hätte, unter denselben Vertragsbedingungen in einer anderen Funktion weiterzuarbeiten. Gleichzeitig hätte Südtirol eine Schlüsselfigur in der neuen Medical School sitzen gehabt sowie mit dem Forschungszentrum auch ein künftiges Bindeglied zwischen dem Studienbetrieb in Hall und dem Zentralkrankenhaus Bozen und Südtirols Schwerpunktkrankenhäusern.

„Wir haben hier einen autoritären Top-Down-Betrieb, doch die vielen Probleme, die alltäglich brennen, können nur von motivierten Mitarbeitern an der Basis gelöst werden."

In der zweiten Juli-Woche 2016 genehmigt die Südtiroler Landesregierung die Lösung und beauftragt somit den Südtiroler Sanitätsbetrieb mit der Einrichtung des Forschungszentrums. Zu dem Zeitpunkt hatte Wiedermann seine Arbeit für die Medical School bereits seit zwei Monaten aufgenommen, da die Zeit drängte. „Da eine Lösung bereits in Sicht stand, sind wir damals so verblieben, dass ich die Tätigkeit in Tirol vorübergehend nebenher in meiner Freizeit durchführe.“ Sprich: Seit vergangenem Mai nutzt der Primar Urlaubstage und Überstunden, um sich – gegen ein Entgelt aus Tirol - dem Aufbau der politisch stark gewollten Medical School zu widmen. Von Seiten seines Arbeitsgebers oder konkreter von der Generaldirektion des Sanitätsbetriebs wurde der Auftrag der Landesregierung dagegen weit weniger energisch angegangen. Denn bis Oktober passierte laut Christian Wiedermann in der Angelegenheit erst einmal überhaupt nichts. Dann wurde schließlich eine Ausschreibung für die Stelle gestartet, für die man sich innerhalb 24. November bewerben konnte. Danach kehrt wieder Stille ein und der Primar wurde langsam nervös.

„Ich habe versucht, einen Termin in der Generaldirektion zu bekommen, doch der wurde genauso abgelehnt wie meine schriftlichen Anfragen zur Causa ignoriert wurden“, sagt er. Und so geht auch das neue Jahr in Ungewissheit weiter. „Irgendwann hat mir dann jemand gesagt, es wäre eine Wettbewerbskommission zusammengestellt worden, doch darüber hinaus war es bis heute nicht möglich, zu erfahren, wann und wie das neue Forschungszentrum kommt “, so der Primar. Nachdem mit Ende letzter Woche zumindest seine persönlich gesetzte Frist abgelaufen ist, flatterte am Freitag ein Kündigungsschreiben auf den Schreibtisch des Bezirksdirektors von Bozen Umberto Tait..

Detail am Rande: Zu Beginn dieser Woche wurde Wiedermann von einer Mitarbeiterin der Generaldirektion persönlich ein Schreiben übergeben, mit dem der Primar Ende März zum Hearing für den Wettbewerb eingeladen wird. „Doch nach all den Erfahrungen, die ich mit unserer Generaldirektion in den vergangenen acht Monaten in der Angelegenheit gemacht habe, interessiert mich diese Aufgabe nicht mehr“, sagt er. Immerhin sind Thomas Schäl und sein Team auch für den Chef des neuen Forschungszentrums die Referenzinstitution.

"Offensichtlich ist, dass die Generaldirektion des Sanitätsbetriebs politische Aufträge nicht im Sinne der Landesregierung, sondern nach eigenem Gutdünken umsetzt."

Eine Entscheidung, die sich der Mediziner nicht zuletzt deshalb leisten kann, weil er in Kürze die in Italien nötigen Beitragsjahre zum Bezug einer Rente erreicht haben wird. „Ich habe zwar wenige Einzahlungsjahre in Italien, doch zumindest eine existentielle Grundsicherung ist damit einmal gegeben“, meint Wiedermann. Einen konkreten neuen Job hat er derzeit nur in Aussicht – und zwar dann, wenn die Tiroler Landesregierung in den kommenden Monaten die Machbarkeitsstudie zur Medical School gutheißt und das Projekt wirklich startet. In dem Fall würde er dann direkt von den Tirolern als Koordinator des Projektes beauftragt, sagt der scheidende Bozner Primar. Wie es auf Südtiroler Seite mit der Medical School weitergeht, wird sich nun zeigen. Sicher ist, dass nun sowohl für das geplante Forschungszentrum, für das Wiedermann von Beginn an offen als Wunschkandidat gehandelt wurde, als auch für die Funktion eines Promotors der Medical School auf Südtiroler Seite neue Gesichter gefragt sind.

Der Maulkorberlass im Sanitätsbetrieb bremst zwar selbst scheidende Primare ein, sich wirklich offen zur Situation in der Südtiroler Sanität zu äußern. Offensichtlich ist für Christian Wiedermann in jedem Fall, dass die Generaldirektion des Sanitätsbetriebs politische Aufträge nicht im Sinne der Landesregierung, sondern nach eigenem Gutdünken umsetzt. Und das sei angesichts der generellen Krise in der Sanität umso schwerwiegender. „Wir haben hier einen autoritären Top-Down-Betrieb, doch die vielen Probleme, die alltäglich brennen, können nur von motivierten Mitarbeitern an der Basis gelöst werden“, sagt er. Dies sei aber nicht möglich, wenn die Basis von der Führung auf Distanz gehalten und so behandelt wird, dass die Motivation im Keller ist“, so die Diagnose des Primars. Weiter aus dem Fenster lehnen will sich die weitere scheidende Führungskraft des Sanitätsbetriebs nicht – und verweist statt dessen auf einen Leserbrief des ehemaligen Landesrates und SVP-Obmanns Elmar Pichler Rolle, der in dieser Woche in der Tageszeitung Dolomiten erschienen ist. Denn, so Christian Wiedermann: „Damit ist das Wichtigste gesagt.“

 

Missliche Lage

von Elmar Pichler Rolle, Bozen

Hört man sich im Bozner Krankenhaus auch nur ein wenig um, spürt man sofort, dass die Stimmung absolut im Keller ist. Die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liegt bei null. Verdiente Primare quittieren ihren Dienst, während das Nichtmedizinische Personal nur noch Dienst nach Vorschrift verrichtet. Auf Nachfrage wird – ohne lange Umschweife – der Herr Generaldirektor für diese missliche Lage verantwortlich gemacht.

Aufgrund meiner politischen Erfahrung kann ich mir aber nicht vorstellen, dass diese Situation nicht längst auch jenen bewusst ist, die die Berufung Thomas Schäls zu verantworten haben. Nun kann man alles treiben lassen und dabei in Kauf nehmen, dass weitere Ärzte das Bozner Krankenhaus verlassen. Verantwortungsvoll ist derlei Nichtstun aber auf keinen Fall.

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Werner Alessandri Thu, 03/16/2017 - 11:15

Wirklich sehr, sehr schade, auf welch leichtfertige/fahrlässige Art und Weise die Sanitäts-Generaldirektion den Bruch mit einem sowohl fachlich, als auch menschlich so wertvollen leitenden Mitarbeiter herbeigeführt hat!

Thu, 03/16/2017 - 11:15 Permalink
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Max Benedikter Thu, 03/16/2017 - 12:39

Mah. Da muss man schon aufpassen.
"Dies sei aber nicht möglich, wenn die Basis von der Führung auf Distanz gehalten und so behandelt wird, dass die Motivation im Keller ist"
Ob nun die Basis die Primare sind, das würde ich eher bezweifeln. Ich glaube, dass besonders die Ärzte im Betrieb wenig organisatorischen Handlungsspielraum haben, besonders wenn es um Optimierung der Dienste geht, bzw Zusammenarbeit zwischen Diensten. Und das hat nicht Herr Schäl zu verantworten, sondern die Primare selbst.

Thu, 03/16/2017 - 12:39 Permalink