Luis Durnwalder
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Society | Fritto Misto

Rentner Luis

Mitmischen statt Boccia spielen: Eine Legende demontiert sich selbst.

Vergangene Woche erschien in der Wochenzeitung ff der Leserbrief eines gewissen "Luis Durnwalder, Naturns". Darin beklagte sich besagter Herr Durnwalder, dass genanntes Magazin ihn in der Berichterstattung über den SAD-Skandal unfair behandelt habe. Der Skandal sei gar kein solcher, hingegen sei es "eine Schande und ein Skandal, wenn private Telefongespräche abgehört, zusammengeschnitten und dann für politische Aktionen verwendet werden." Weiter: "Dass auch ich eine persönliche politische Meinung habe und die auch in privaten Gesprächen und Telefonaten ausspreche, ist wohl legitim, da ich zudem ja in keinem Entscheidungsgremium mehr vertreten bin" und: "Wie jeder Wähler, so habe wohl auch ich das Recht, meine diesbezügliche private Meinung zu sagen."

 

Ja freilich, Luis Durnwalder, Naturns. Wenn jeder Pinco Pallino auf Facebook seine Meinung hinausschreien darf, wieso sollst du das nicht in privaten Telefongesprächen tun dürfen? Die Probleme fangen aber dann an, wenn der Pinco Pallino nicht Busfahrer oder Verkäufer oder Gemüsehändler ist, sondern, wie in deinem Fall, ehemaliger Landeshauptmann mit nach wie vor ausgezeichneten Kontakten zu hochrangigen Parteifunktionären und einem unleugbaren Einfluss auf das Geschehen in der Partei, sowie Berater eines Privatunternehmens, dessen Existenz maßgeblich von Politik und öffentlicher Verwaltung abhängig ist. Mag er seinen Leserbrief auch ganz bescheiden als Privatmann zeichnen, ohne Titel und Attribute, es war wohl kaum der Privatmann Durnwalder, der da seinen Patensohn Ing*mar Gatterer ein paar Jahre lang beraten hat. Wie käme denn auch ein Otto Normalverbraucher dazu zu behaupten, er habe ein Mitglied der Landesregierung „unter Kontrolle“, außer er hätte ihn mit dem „Devil’s Breath“ gefügig gemacht (wieder mal was beim „Tatort“ gelernt) oder sei ein Hypnose-Champ wie Uri Geller?

 

Die Probleme fangen aber dann an, wenn der Pinco Pallino nicht Busfahrer oder Verkäufer oder Gemüsehändler ist, sondern ehemaliger Landeshauptmann.

 

Das ist nicht weiter schlimm. Guttenberg, Schröder, Gusenbauer sind nur einige ehemalige Politiker, die heute Lobbyarbeit betreiben und große Unternehmen beraten; der ehemalige SPÖ-Bundeskanzler Gusenbauer sitzt übrigens im Aufsichtsrat von Benkos SIGNA. Wieso soll man seine Erfahrungen, Kontakte und Kenntnisse nach dem Ausscheiden aus der Politik auch nicht nutzen und auf der anderen Seite weitermachen? Es hat zwar ein Geschmäckle, aber Gatterer war gewiss dankbar für viele gute Tipps, Ratschläge und Interventionen. Was man dann allerdings nicht erwarten kann, ist der Applaus von Partei und Volk: Schließlich wird man vom Vertreter der Interessen der Allgemeinheit zum Vertreter der Interessen eines Privatunternehmers. Dass erstere und letztere nicht immer deckungsgleich sind, versteht sich von selbst. Der Altlandeshauptmann ist aber einer, der den Applaus und die Aufmerksamkeit braucht. Das wurde zuletzt bei den Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag deutlich. Ob in Büchern, Interviews, Fernsehauftritten: Durnwalder lässt sich gerne feiern für das, was er fürs Land getan hat, und lässt auch kaum eine Gelegenheit aus, daran zu erinnern. Auch das ist nicht schlimm. Allerdings wäre ein klarer Schnitt nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik das Mittel zur Wahl gewesen, um von seinem Ansehen als Landesluis so lang wie möglich zu zehren. So aber demontiert er sich selbst.

 

Es war wohl kaum der Privatmann Durnwalder, der da seinen Patensohn Ing*mar Gatterer ein paar Jahre lang beraten hat.

 

Wieso, Luis Durnwalder, spielst du nicht Boccia und lässt den Gatterer Gatterer sein? Wieso machst du nicht den nonno vigile und entzückst damit Mütter und Großmütter in deiner Gemeinde? Wieso schnappst du dir nicht den Südtirol Pass 65+ und fährst damit durchs Land? Du könntest es anderen Rentnern gleichtun und südtirolweit wandern, watten oder Baustellen besichtigen: Als umarell den Arbeitern erklären, wie sie richtig zu pflastern haben („Schauen Sie, do müssen sie nomol dribergiahn mitn Hommer!“) hat gewiss auch seinen Reiz. Das Beste wäre sowieso gewesen, der Luis hätte als Politpensionist eine Laufbahn als Gastwirt eingeschlagen, als Hüttenwirt meinetwegen: Scharenweise würden die Leute hochpilgern, auf a Schnapsl oder gar einen Watter mit „IHM“ hoffen, den Erzählungen von seinen glorreichen Taten lauschen, schmunzeln, wenn er auf die Frage nach seinem Nachfolger nur vielsagend das Gesicht verzieht, zum Abschied noch schnell ein Selfie mit ihm machen und beim Abstieg seufzen: Hach, der Luis, das war noch einer.

 

Wieso, Luis Durnwalder, spielst du nicht Boccia und lässt den Gatterer Gatterer sein?

 

So aber seufzt die Partei, die nicht recht weiß, wie sie mit einem umspringen soll, dessen Gebaren, so wie es von der ff dargestellt wurde, nur als parteischädigend empfunden werden kann, obwohl er sich selbst als Opfer eines „Ränkespiels“ (Leserbrief) sieht. Als Hermann Atz im „Runden Tisch“ von letzter Woche einen Parteiausschluss von Durnwalder in den Raum stellte, hielt Südtirol den Atem an. Allein, es wäre nur konsequent. „Seien Sie vorsichtig, was Sie ausplaudern“, soll Durnwalder den ff-Journalisten geraten haben. Augen auf bei der Berufswahl nach dem Amt, möchte man dem entgegnen. Er hätte es so fein haben können.

 

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△rtim post Mon, 01/17/2022 - 22:03

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen

Mon, 01/17/2022 - 22:03 Permalink
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Sebastian Felderer Tue, 01/18/2022 - 08:16

Alexandra hat gut geschrieben, sie schreibt immer gut. Nur scheint sie den Luis nicht zu kennen in seinem Charakter und nicht nur ihn, sondern jeden und jede, die in der Politik das Machtspiel gelernt hat und es weiter betreibt, betreiben muss, auch in der Pension. Ich weiß, Alexandra lässt gerne Ironie durchblicken und sie tut gut daran. Denn der Ernst der Situation schaut anders aus. Demnach hat Durnwalder senior das Land dem Arno noch nie übergeben. Er lässt ihn nur probieren, aber die Hofübergabe vollzieht sich erst 2023, wenn nicht schon früher. Ich bin auch enttäuscht, dass Durnwalder den Weg eines wehrlosen Allgemeinbürgers geht und einen Leserbrief schreibt. Nur weil der nichts kostet, im Gegensatz zum Schreiben eines Rechtsanwaltes? Aber auch Durnwalder nutzt die Ironie, so wie Alexandra. Wir haben auch andere Politiker, die in Rente gegangen sind. Die meiden sorgsam die Öffentlichkeit. Da könnte ich einige aufzählen. Aber lassen wir sie in der Anonymität, in der sie sich geflüchtet haben, ganz bewusst, weil sie zu Machtspiel nicht fähig waren, sondern nur davon profitiert haben, solange sie aktiv in der Politik standen. Beim Luis ist das anders. Der war schon mächtig, bevor er zur Macht gekommen ist. Ein Bauernbund ist eben kein Schnupfverein, das demonstriert auch ein Tiefenthaler. Hermann Atz ist mehr als ein Statistiker. Das ist oft schon sichtbar geworden. Aber bevor Durnwalder von der Partei ausgeschlossen wird, würde wohl die Partei in tausend Brocken zerfallen. Es halten sie jetzt schon nur mehr die Schulden zusammen. Achammer kann zwar viel reden, aber da würde er sich doch unfreiwillig zu seinem Studienabschluss verdammen. Wäre doch was, oder?

Tue, 01/18/2022 - 08:16 Permalink
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Franz Berger Thu, 01/20/2022 - 15:52

Die Beiträge von Alexandra Kienzl sind immer ein Lese-Genuss, brillant geschrieben, inhaltlich treffend.
Mein Kommentar zum Thema lautet "Denkmal - ein Stück in fünf Akten":
1. Akt: Ein Denkmal wird errichtet.
2. Akt: Das Denkmal wird gefeiert.
3. Akt: Ans Denkmal wird gebrunst.
4. Akt: Am Denkmal wird genaggelt.
5. Akt: Das Denkmal wird gestürzt.
Im vorliegenden Theaterstück wird es - trotz konsequenter Analyse von Hermann Atz - bis zum 5.en Akt wohl noch länger dauern.

Thu, 01/20/2022 - 15:52 Permalink
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ceteris paribus Sun, 01/23/2022 - 19:03

wie treffend.
Der Luis erinnert mich an die ehemaligen Arbeitskollegen - seit einigen Jahren in Pension - die immer wieder mal "zufällig" in der Gegend sind und "kurz" am alten Arbeitsplatz vorbeischauen.
Viele anwesende Kollegen werden dann erstaunlich arbeitsam und haben sehr viel zu tun. Die ungefragten Statements sind bisweilen erheiternd, meistens aber altbacken und aus längst vergangenen Zeiten und verursachen das Anheben einer oder zwei Augenbrauen, meistens aber nur der Achseln.

Sun, 01/23/2022 - 19:03 Permalink