Politics | Sanität

„Ich bin ein Südtiroler“

Generaldirektor Thomas Schael über den Boulevard-Journalismus der Athesia, den Angriff auf Arno Kompatscher, den Impfzwang und die Frage, wie lange er noch durchhält.
Thomas Schael
Foto: LPA
 
Salto.bz: Herr Generaldirektor Schael, der Pakt mit der Athesia scheint geplatzt?
 
Thomas Schael: Welcher Pakt mit Athesia?
 
Sie haben bisher mit der RAI und den Athesia-Medien auf einer Art Vorzugsschiene kommuniziert.
 
Nein. Mir geht es insgesamt um eine ausgewogene Berichterstattung. Derzeit kann ich mich aber des Gefühls nicht erwehren, dass die politischen Vernetzungen und Verstrickungen sich letztlich auch in der Berichterstattung der Medien über das Gesundheitssystem widerspiegeln. Wahrscheinlich sagt man: Landesregierung, Kompatscher, Stocker, Schael. Da haben einige anscheinend nicht verstanden, dass der Schael von der Landesregierung beauftragt wurde, sich um die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger zu kümmern. Ich bin kein Politiker. Ich brauche keine Stimmen.
 
Sie sagen: Die Athesia greift den Landeshauptmann an....
 
Nein, sie schalten ihn aus. Im Hintergrund sind hier gewisse Seilschaften und Netzwerke aktiv, die Druck auf Kompatscher und die amtierende Landesregierung machen wollen.
 
...und auch Schael soll ausgeschaltet werden?
 
(lacht) Sagen wir mal so. Wir haben jede Menge gute Nachrichten, die wir - so glaube ich – an die Bürger heranbringen sollten. Auch um ihnen das Vertrauen und die Sicherheit zu geben, dass sie in einem Land leben, wo sie bestens versorgt sind. Doch gewisse Medien haben sich auf Reizthemen eingeschossen. Dabei kommt es in der Berichterstattung zu Verzerrungen, die nichts mit der Realität zu tun haben.
 
Sie haben am Wochenende getwittert: „Boulevardjournalismus beim @TagblattD startet Serie #DrHouse über #Notaufnahme #Bozen“?
 
Ja. Die Dolomiten machen jetzt Dr. House zur Notaufnahme. Ich war ja auch einmal journalistisch tätig. Wenn man Journalist ist, dann recherchiert man. Wenn man recherchiert, dann kommt aber nicht das heraus, was in den Dolomiten oder im Alto Adige steht. Da wird fast täglich eine Horrorgeschichte aus der Notaufnahme serviert. Wenn jetzt die Dolomiten aber auch noch eine Dr-House-Serie startet, über all das, was angeblich in der Sanität nicht funktioniert, dann ist das zuviel.
 
 
Würden Sie die Zustände in der Ersten Hilfe in Bozen als Verzerrung der Realität bezeichnen?
 
Sicher gibt es hier noch Vieles zu tun. Hier braucht es unzweifelhaft noch Verbesserungen. Natürlich ist die Erste Hilfe in Bozen derzeit überlastet. Aber man muss dazu auch sagen, dass ein großer Teil der Menschen, die in die Notaufnahme des Bozner Krankenhauses kommen, dort eigentlich nichts zu suchen haben. 70 Prozent sind weiße oder grüne Kodexe. Also nichts für eine Notaufnahme.
 

Ein Fehler im System?
 
Hier müssen wir noch Vieles verbessern. Wir müssen sicher das Territorium in Zukunft stärken. Das heißt aber nicht, dass nur der Hausarzt mehr machen soll. Sondern auch der Sanitätsbetrieb ist gefordert, über den Aufbau eines Gesundheitszentrums die Versorgung, die Sicherheit und das Gefühl der Sicherheit im direkten Wohnumfeld zu verbessern. Aber man muss auch sagen: Südtirol hat 520.000 Menschen als Wohnbevölkerung. Dazu kommen noch einmal 80.000 bis 90.000 Touristen. Das heißt, wir versorgen täglich 600.000 Personen. Vor allem in der Versorgung und in der Notfallmedizin sind wir absolute Spitze.
„Wir haben bei den wirklichen Notfällen Goldstandard. Wir hatten erst kürzlich einen Kongress zum Schlaganfall. Dort sind wir in den Versorgungszeiten Weltspitze. Wir versorgen die Menschen innerhalb von zwei, zweieinhalb Stunden.“
 
Sagen Sie das mal einem Touristen, der zehn Stunden in Ersten Hilfe in Bozen steht?
 
Wir bekommen von den Touristen weitaus mehr Lobesbriefe als Beschwerden. Und wissen Sie, warum das so ist? Vor zwei Wochen ist genau dasselbe Thema auf Mallorca medial hochgekocht, wo es ja besonders viele deutsche Touristen gibt. In der Ersten Hilfe war eine Warteschlange von 150 Leuten und manche warteten seit 48 Stunden. Die Leute kommen auch nach Südtirol, weil sie wissen, dass hier alles gut funktioniert.
 
Jetzt reden Sie sich die Realität aber schön?
 
Nein. Wir haben bei den wirklichen Notfällen Goldstandard. Wir hatten erst kürzlich einen Kongress zum Schlaganfall. Dort sind wir in den Versorgungszeiten Weltspitze. Wir versorgen die Menschen innerhalb von zwei, zweieinhalb Stunden. Das ganze System ist so aufgebaut, dass wir wirklich Spitze sind. Ebenso bei Polytraumata nach Unfällen. Natürlich haben wir auch Verbesserungsbedarf. Sei es in der Notaufnahme in Bozen, sei es in der chronischen Versorgung. Daran arbeiten wir. Zwanzig Jahre lang wurde nichts getan, jetzt tun wir was und mein Wunsch ist es nur, dass man uns endlich arbeiten lässt.
 
„20 Jahre wurde nichts getan“, spätestens jetzt bekommt ihr Vorgänger Andreas Fabi einen Infarkt?
 
Nein, Andreas Fabi sollte die Rente genießen. Ich habe das in meinem offiziellen Bericht relativ klar dargestellt. Man muss das nur nachlesen. Ich habe genau beschrieben, wie ich den Sanitätsbetrieb bei meinem Amtsantritt vorgefunden habe und wohin ich die Südtiroler Sanität bringen möchte.
 

Wir sind ganz Ohr.
 
Der Südtiroler Sanitätsbetrieb bietet eine qualitativ hochwertige Versorgung. Auch aufgrund der hochmotivierten und -qualifizierten Mitarbeiter. Letztendlich ist dieser Betrieb nur dank der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen so gut, wie er ist. Jetzt aber versuchen wir das Ganze noch besser zu machen. Dazu braucht es Struktur, Prozesse, Visionen und Strategien. Das zu machen ist meine Aufgabe. Die Journalisten haben dabei eines vergessen, was ich bei meinem Amtsantritt gesagt habe. Ich möchte hier weggehen, wenn ich eines der best funktionierenden Gesundheitssysteme Europas aufgebaut habe.
„Sowohl die Politik als auch die Medien sollen uns endlich arbeiten lassen.“
Die Politik hat Ihnen dazu mit der Sanitätsreform eine neue Machtfülle in die Hand gegeben?
 
Ich verstehe mich nicht als mächtigen Generaldirektor, sondern als Garant der Bevölkerung und der ausgewogenen Beachtung aller Interessen. Denn in einem Betrieb mit 1,3 Milliarden Euro Umsatz, der der größte Arbeitgeber Südtirols ist, gibt es natürlich die verschiedensten wirtschaftlichen und politischen Interessen. Ich wünsche mir deshalb, dass endlich ein bisschen Ruhe in die Sanität reinkommt. Die Politik hat mit dem Landesgesundheitsplan und den beiden Reformgesetzen ihre Arbeit getan. Jetzt aber ist Wahlkampf. Und ich glaube, sowohl die Politik als auch die Medien sollen uns endlich arbeiten lassen.
 
Sie sehen die Kritik an der Südtiroler Sanität als Teil des beginnenden Wahlkampfes?
 
Ja, wie ich schon gesagt habe. Es geht hier um die Bestätigung von Arno Kompatscher. Ob die Landesrätin wieder kandidiert, weiß ich nicht. Aber letztendlich geht es um Mehrheiten. Was dabei interessant ist: In Restitalien und auch in Deutschland hat sich die Politik längst aus der gesundheitspolitischen Debatte zurückgezogen, weil man dort verstanden hat, dass man damit keine Wahlen gewinnt. Wenn man den Technikern den Raum lässt, ordentlich zu arbeiten, dann braucht es keine großen politischen Vorgaben.
„Die Athesia will den Landeshauptmann ausschalten. Im Hintergrund sind hier gewisse Seilschaften und Netzwerke aktiv, die Druck auf die amtierende Landesregierung machen.“
Ein aktuelles Beispiel zeigt uns aber genau das Gegenteil. In Italien wurde jetzt die Impfpflicht massiv ausgeweitet. Verstehen Sie, dass Menschen dagegen protestieren?
 
Nein. Denn das ist inzwischen weltweit Standard. Auch der deutsche Bundesgesundheitsminister überlegt seit Wochen, die Pflichtimpfung auch in Deutschland einzuführen. Das Problem der Masern haben wir in ganz Europa...

 
Sie haben das richtige Wort gebraucht: Deutschland überlegt. In Italien hat man über Nacht die Pflichtimpfungen vervierfacht.
 
Die FDP hat bereits beschlossen, dass die Pflichtimpfung ins Koalitionsprogramm muss. Das wird auch in Deutschland kommen. Wir haben in Europa längst diese Diskussion, ob es sich um Gurt-, Helmpflicht oder Rauchverbot handelt. Es geht um Themen, die letztlich zum Schutz des Gemeinwohles Gesundheit wichtig sind. Man denkt hier in der Optik des Bevölkerungsschutzes. Letztlich ist das genauso wie mit der Gurtenpflicht.
 
Sie sind also für den autoritären Staat, in dem individuelle Bürgerrechte nicht mehr gelten und die Menschen zur Gesundheit gezwungen werden?
 
Das ist eine sehr komplexe und schwierige Diskussion. Es geht da auch um sehr ethische Themen, die gerade in der Gesundheit, wo es um Leben und Tod geht, immer wieder kontrovers diskutiert werden. Nehmen wir das Biotestament. Es sind schwierige Fragen, in denen die Politik eine klare Verantwortung hat. Wir können es nur wissenschaftlich unterstützen. Hier hat die Politik die Verantwortung zu entscheiden.
 
Impflicht ist doch nicht nur ein Gesundheitsthema. Es geht auch um Umsätze der Pharmaindustrie in Billionenhöhe.
 
Auch dieses Interesse der Wirtschaft ist nicht gegeben. Wenn wir nicht impfen, dann verdienen alle mehr. Sei es die Privatkrankenhäuser, sei es die Pharmalobby. Dann bekommen wir die Akutpatienten, die wir behandeln müssen oder die sogar auf die Intensivstation kommen. Das hat dann nichts mehr mit 50 Euro zu tun, sondern da geht es um Tausende von Euros.
„Wenn wir nicht impfen, dann verdienen alle mehr. Sei es die Privatkrankenhäuser, sei es die Pharmalobby.“
Der Unterschied: Geimpft werden Milliarden. In die Intensivstation müssen aber nur ganz ganz wenige?
 
Dann aber sind die Kosten zehntausendmal so hoch. Sinkt die Durchimpfungsrate, werden wir Tausende von solchen Fällen bekommen.
 
Gesundheitslandesrätin Martha Stocker ist in Sachen Impfzwang anderer Meinung. Gibt es hier Differenzen?
 
Das müssen Sie die Landesrätin fragen. Ich glaube aber nicht. Ich spiele in dieser Diskussion eine institutionelle Rolle. Ich bin verantwortlich für die Gesundheit der Bevölkerung. Wissenschaftlich gibt es hier keine Diskussion mehr. Deshalb habe ich meine Meinung auch klar gesagt. Die Politik kann dann auch anders entscheiden. Von mir aus kann man auch sagen: In Südtirol wird nicht geimpft. Nur dann bin ich der falsche Generaldirektor.
 
Nach zwei Jahren scheinen Sie in der Südtiroler Realität angekommen zu sein?
 
Ich bin Südtiroler. Ich habe meine Familie hierher gebracht, ich zahle hier Steuern, ich wohne im Lauben-Milieu Bozens. Was will Südtirol mehr? Ich habe mich integriert. Obwohl Integration in Südtirol sehr schwierig ist. Auch oder gerade für Deutsche.
 
Ihnen ist bewusst, dass Sie in der Wertung der drei meistgehassten Südtirolern derzeit auf dem Stockerl stehen?
 
Da frage ich, gehasst von wem? Hier sind wir genau wieder bei dieser Diskussion. Ich bin der Garant für die beste Versorgung aller Bürgerinnen und Bürger Südtirols. Das ist meine institutionelle Aufgabe. Wir sind jetzt in der Versorgung bei 80 Prozent. Und die letzten 20 Prozent sind am schwierigsten. Denn wenn nichts da ist, dann ist es einfach zu verbessern.
„Ich bin kein Politiker. Ich brauche keine Stimmen.“
Kann man jede Kritik aber als Boulevardjournalismus abtun?
 
Das mache ich nicht. Jetzt diskutiert man aber boulevardmäßig über Sachen, die wir kennen und bei denen es wirklich nicht notwendig ist, dass sie jeden Tag wieder groß aufgewärmt und auf die Titelseite geklatscht werden. Das ist kein Zufall, sondern dahinter steckt Strategie. Es geht um die Aushöhlung der amtierenden Landesregierung. Dazu kommen aber auch wirtschaftliche Interessen. Wir haben ein reiches Land, wir haben viele Medien und natürlich haben diese Medien auch finanzielle Interessen.
 
Sie meinen den Werbekuchen, mit dem der Sanitätsbetrieb jahrzehntelang die Athesia gemästet hat?
 
Ich habe in meiner Rolle als Generaldirektor immer mit den Medien gearbeitet. Die Gesundheit ist ein Gut des Gemeinwohls, deshalb interessiert es auch alle. Und es ist mir noch nie passiert, dass ich für das Thema Gesundheit keine Sonderkonditionen bei den Anzeigen bekommen habe. Überall wo ich gearbeitet habe, war es so, dass es für Gesundheitskampagnen, in denen es um das Allgemeinwohl geht, also um das öffentliche Interesse, ein weit niedriger Preis für Inserate verlangt wurde. Man kann uns doch nicht so behandeln wie ein beliebiges privates Großunternehmen. Nur in Südtirol ist das anders.
 
Pecunia non olet – das Geschäftsmodell im Ebner-Verlag?
 
Ich darf ihnen ein Erlebnis dieser Art anvertrauen. Sie erinnern sich an die Medienkampagne zum Landesnotruf-Dienst 112. Auch dort hat man auf der großen Medienklaviatur gespielt: Schuler, Stocker, Schael und wer da angeblich alles Mist baut. Das eigentliche Problem, das wir aber hatten, war Disponenten zu finden. Ein Problem, das alle angeht. Denn es geht hier um Katastrophenschutz und um Notfall-Situationen. Wir haben deshalb vorgeschlagen, dass man redaktionell dieses Problem thematisiert. Der Artikel war bereits fertig, da hat man uns abends mitgeteilt, dass der Chef vom Dienst den Artikel aus der Zeitung genommen hat. Am nächsten Tag hat dann die Werbeabteilung angerufen: Wir sollten doch ein Inserat für die Disponentensuche schalten. So geht das aber nicht. Denn die Medien und auch die Familie Ebner haben auch eine soziale Verantwortung.
 
Herr Schael, wie lange wollen Sie noch an der Spitze des Südtiroler Sanitätsbetriebes bleiben?
 
Noch acht Jahre. Das habe ich von Anfang an gesagt: Ich werde zehn Jahre bleiben. Weil es viel strukturelle Arbeit braucht, schafft man das in den ersten fünf Jahren einfach nicht. Aber man sollte mich endlich arbeiten lassen. Dann werde ich dafür sorgen, dass man zur Bewertung meiner ersten fünf Jahre alle Daten und Fakten auf dem Tisch hat. Ich bin überzeugt, dass die Bevölkerung dann merkt, dass es besser geworden ist. Und nicht, weil es so oder so in der Zeitung steht. Ich messe mich nicht an den Zeitungen, deshalb bin ich auch so glücklich.
 
Ihnen gefällt der Job immer noch?
 
Ja. Und wenn man nicht mehr über die Sanität reden würde, wäre ich noch glücklicher.