Economy | Pestizide

"Wir sollten uns trauen, das ehrlich zu handhaben"

Wie verträgt sich die Vision vom begehrtesten Lebensraum Europas mit der internationalen Berichterstattung über Mals? Antworten von IDM-Präsident Thomas Aichner.

salto.bz: Auf der Homepage der IDM liest man: Wir arbeiten daran, dass Südtirol der begehrteste Lebensraum Europas wird. Wie sehr steht Ihnen dabei die internationale Berichterstattung über den Kampf für ein pestizidfreies Mals im Weg, Herr Aichner?
Thomas Aichner: 
Solche Dinge gehören zu einem Lebensraum dazu. Noch dazu zu so einem engen wie Südtirol, wo nur 6 % der Fläche bebaubar sind. Da liegt es in Natur der Sache, dass es Konflikte und unterschiedliche Meinungen gibt. Ich glaube, dass wir uns nicht scheuen dürfen, dazu zu stehen, und habe auch keine Angst davor, wenn andere Medien das thematisieren. Also, wenn mich jemand darauf anspricht, sage ich: Ja. das ist ein Problem, da sind wir dran und arbeiten.

In welche Richtung arbeiten Sie?
Ich kann ihnen heute noch nicht genau sagen, was die Lösung ist. Aber ich glaube, es wäre ein totaler Fehler zu versuchen, diese Diskussion unter den Scheffel zu stellen. Wir können nicht sagen, wie sind ein Lebensraum, und dann einen ganz wichtigen Aspekt dieses Lebensraums touristisch verschweigen. Das wollen wir nicht.

"Man muss schon sagen, dass die Diskussion um Mals sicher geholfen hat, vielen Verantwortlichen die Augen zu öffnen."

Doch die IDM zeigt in Ihrer Kommunikation großteils das, wofür in Mals gekämpft wird. Pioniere der Nachhaltigkeit, naturbelassene Landschaften statt monotoner Apfel-Plantagen, aus denen Sprühnebel aufsteigt....Betreiben Sie Green-Washing?
Ich traue mich zu sagen, dass wir im Gegensatz zu anderen alpinen Regionen sicher kein Green Washing betreiben. Denn wir lehnen Bildbearbeitung und Bildveränderung ab. Wenn bei uns auf einem Foto ein Liftmasten zu sehen ist, bleibt er drinnen. Aber natürlich ist es unsere Aufgabe, Südtirol attraktiv und begehrlich zu machen. Und deshalb stellen wir in der Kommunikation immer spannende Geschichten und Persönlichkeiten in den Vordergrund. Alles andere wäre kontraproduktiv.

Wie eben Berichte über Giftwolken oder eine industriell betriebene Monokultur...
Noch einmal: Die Apfelproduktion gehört zu Südtirol dazu, ist Teil unserer Kultur. Und wir sollten uns trauen, das ehrlich zu handhaben. Wir sind ein ganz normales kleines europäisches Volk mit allen normalen europäischen Problemen, und die müssen wir auch nicht verstecken. Mir tut die Diskussion allerdings für unsere konventionellen Bauern leid. Sie kommen nun ins Fadenkreuz, obwohl sie im Rahmen des integrierten Obstanbaus viel strengere Regeln einhalten als es die EU verlangen würde. Über andere Regionen, die hart an die Grenzwerte gehen, wird dagegen überhaupt nicht berichtet. Wenn ich ein Bauer wäre, würde ich mir denken: Dann kann ich gleich ans Limit gehen, weil geschimpft werden wir ja sowieso.

"Wir können nur sagen: Lieber Bauernbund, der europäische Trend geht ganz klar in diese Richtung."

Ihr Kollege Marco Pappalardos hat im Rahmen der Toblacher Gespräche einmal angedeutet, die damalige SMG werde "die Lage beobachten und handeln, wenn der Apfel nicht mehr zu den zentralen Botschaftern Südtirols gezählt werden kann“. Laut Ihnen gibt es diesbezüglich aber keinen Handlungsbedarf?
Nein, überhaupt nicht. Ich fände es schlimm, wenn wir den Auftrag haben, das Land Südtirol zu kommunizieren und dann sagen: Der Apfel ist ein Massenprodukt, den wollen wir nicht. Der Apfel gehört dazu! Ich persönlich bin auch kein Freund von Hagelnetzen und diesen Dingen, aber das ist im Moment einfach die Realität und wir müssen gemeinsam schauen, wie wir da wieder raukommen. Vor allem müssen wir auch die Bemühungen des Bauernbundes und die 10.000 Familien sehen, die da dran hängen. Denn natürlich wäre die IDM lieber schon morgen eine Green Region. Doch wir sind realisitisch genug zu sagen, dass dorthin nur ein gradueller Prozess führen kann.

Gibt  es Ihres Wissens Urlauber, die wegen der Pestizid-Diskussion nicht mehr nach Südtirol kommen?
So weit sind wir jetzt nicht. Also, ich glaube, bei der Urlaubsentscheidung ist dieses Thema nicht signifikant genug. Wenn jemand solche Berichte liest,  sagt er höchstens: Aha, die Südtiroler haben halt auch ihre Probleme und es ist nicht alles Gold, was glänzt. Doch wenn ich da hinfahren will, fahre ich trotzdem hin.

Sieht man bei der IDM in Südtirols Landwirtschaft noch ungenutztes Potential in Sachen Bio und Nachhaltigkeit?
Absolut. Ich würde mich dabei zwar nicht nur auf Bio beziehen, sondern generell von mehr Nachhaltigkeit sprechen. Aber der Trend geht ganz klar in diese Richtung und ich glaube, das haben Politik und Bauernbund auch verstanden. Man muss den einzelnen Bauern nur einfach Zeit geben, sie in diese Richtung fördern und fordern, schulen und weiterbringen. Da gibt es künftig sicher auch politisch noch größeren Spielraum dafür.

"Wenn ich ein Bauer wäre, würde ich mir denken: Dann kann ich gleich ans Limit gehen, weil geschimpft werden wir ja sowieso."

Haben Sie darüber nachgedacht, ob es sinnvoll wäre, der Berichterstattung über Mal etwas entgegenzusetzen?
Nein, eine Gegenkommunikation kommt nicht in Frage. Mals gehört zu Südtirol, Mals ist Südtirol, und es wäre ganz schlimm, wenn wir Mals direkt oder indirekt angreifen würden. Was dort passiert, ist mutig und schön, und ein Zeichen der Selbstbestimmungstendenz der Tiroler, die wir einfach haben. Ich glaube, dass wir unabhängig von Mals überlegen müssen, wie wir die Qualität unserer Produkte noch besser kommunizieren können. Doch auch wenn ich es schade finde, dass man bei solchen Diskussionen immer in Schwarz-Weiß-Positionen verfällt: Man muss schon sagen, dass die Diskussion um Mals sicher geholfen hat, vielen Verantwortlichen die Augen zu öffnen.

Wofür?
Dafür, dass die Menschen bei diesem Themen sehr sensibel sind und dass die Mehrheit der Bevölkerung gesagt hat, das wollen wir nicht. Das ist für mich schon ein Indiz, dass wahrscheinlich auch die Mehrheit der Europäer beim Thema Pflanzenschutz sensibel ist und es deshalb wichtig ist, dass man es ernst nimmt.

Gibt es schon eine „Task Force Pflanzenschut“ zwischen IDM und Bauernbund?
Nein, das ist nun wirklich nicht Aufgabe der IDM. Wir können nur sagen: Lieber Bauernbund, der europäische Trend geht ganz klar in diese Richtung. Das hat der Bauernbund aber bereits verstanden und entwickelt sicher seine Strategien. Allein schon aus dem banalen Grund, dass Spritzmittel extrem teuer sind. Doch wie gesagt: Lassen wir den Bauern Zeit, schaffen wir mehr Anreize und versuchen wir, zu überzeugen. Denn ich bin davon überzeugt, dass Wertegemeinschaften immer stärker sind als Regelgemeinschaften.

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