Culture | Salto Afternoon

Gemeinschaftsfahrzeuge

Die für den öffentlichen Raum bestimmten "Co-Carts" im Rahmen eines Kunstprojektes müssen wegen Covid-19 stillstehen. Die Kulturschaffende Angelika Burtscher im Gespräch.
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Foto: Giulia Facchin

salto.bz: Ihr habt den Garten der Galerie Lungomare in Bozen in eine öffentliche Werkstatt verwandelt und intensiv an sogenannten "Co-Carts" gebaut. Wie lässt sich das mobile Wortspiel entschlüsseln? Was steckt dahinter?

Angelika Burtscher: Co-Carts sind Fahrzeuge für die Gemeinschaft. Sie sind im Rahmen der Künstlerresidenz 2020 von Lungomare entstanden. Der Kulturverein Lungomare lädt jedes Jahr KünstlerInnen und GestalterInnen nach Südtirol ein, um sich mit dem Territorium und seiner Geschichte, Landschaft, Gesellschaft und Kultur sowie mit BewohnerInnen und AkteurInnen aus dem kreativen Feld, der Forschung und der Bildungsarbeit auseinander zu setzen und ein Projekt vor Ort zu entwickeln. Es entsteht – je nach Projektthematik – ein immer neues temporäres Netzwerk, mit dem wir zusammen arbeiten, in diesem Jahr mit dem Verein Officina Vispa, dem antifaschistischen und antirassistischen Spazio Autogestito 77 und der Bewegung Fridays for Future South Tyrol.  Alle Vereine und informelle Gruppen beschäftigen sich, wie auch Lungomare, mit der gesellschaftlichen Funktion des öffentlichen Raumes als Raum der Verhandlung, wo statt sozialer Abgrenzung menschliche Begegnung und Interaktion stattfinden und Bedürfnisse und Ideen geteilt werden können. 

Die öffentlichen Räume unserer Städte sind nicht starr und unveränderbar...

Die Co-Carts und ihre Form und Funktion haben das Potenzial, den Stadtraum zu verändern, ungehörten Stimmen einen Echoraum zu geben und gemeinschaftlichen Aktionen Platz einzuräumen. Die Co-Carts sind fünf Anhänger, die an jedem Fahrrad festgemacht werden können. Die Anhänger haben ein eingebautes Megaphon, das Proteststimmen verstärkt und wichtigen Botschaften die notwendige Lautstärke verschafft; es können temporäre Ausstellungen auf den Fahrzeugen stattfinden, ein Tisch lädt zu gemeinsamen Aktionen ein, eine Kinoleinwand schafft eine Projektionsfläche, ein Scheinwerfer leuchtet Plätze aus und die Klappen und Flügel der Fahrzeuge schaffen einen temporären Spielraum.

Seit jeher beschäftigen sich Lungomare-Projekte mit dem öffentlichen Raum. Nun ist dieser – heimgesucht von einem Virus – gegenwärtig sehr umstritten. Wie offensiv will Lungomare mit dem auf Frühjahr verschobenen Gemeinschafts-Projekt agieren? 

Es war geplant, die Co-Carts im Rahmen eines 3-tägigen Festivals vorzustellen und ihre Funktionen anhand von zahlreichen Workshops, Aktionen, Gesprächen, Performances zu zeigen. Außerdem war eine Co-Cart-Parade vom Zentrum bis an die Randgebiete der Stadt geplant. Aufgrund der steigenden Corona-Infektionen mussten wir das Festival jedoch auf das Frühjahr 2021 verschieben. 
Die Kultur hat die Aufgabe, Gemeinschaft sichtbar zu machen und zu fördern und Möglichkeiten des Austausches, des gemeinsamen Lernens, des Träumens zu schaffen. Kultur ist für die Entwicklung einer offenen Gesellschaft notwendig, in Begegnungen im öffentlichen Raum machen wir immer wieder neue Erfahrungen, bereichern uns mit einer Vielzahl von Perspektiven, und Ängste können letztendlich dann überwunden werden, wenn ein Kennenlernen stattfindet. Wir sind überzeugt, dass Kulturarbeit für die Gesundheit der Menschen notwendig ist und in diesen Wochen und Monaten der Kultur einen Platz und eine Handlungs- und Vermittlungsraum gegeben werden muss. Aktuell müssen wir aber unsere Kontakte einschränken, um der Ausbreitung des Virus entgegen zu wirken, wir glauben aber fest daran, dass die Co-Carts bald eine Vielzahl von Aktivitäten im öffentlichen Raum initiieren und begleiten können.


Mit den Co-Carts wurden Fahrzeuge für „die Gemeinschaft“ geschaffen, fahrbare Maskottchen für mehr Nachhaltigkeit...

Das Projekt der Co-Carts stimuliert die Gemeinschaft und das Zusammentreffen der StadtbewohnerInnen im öffentlichen Raum, was der thematischen Ausrichtung entspricht, die sich durch viele Residenz-Projekte von Lungomare der letzten Jahre zieht. Der öffentliche Raum wird dabei weit mehr als ein Ort der Repräsentation verstanden: die Co-Carts und ihre Funktionen fordern eine aktive Auseinandersetzung mit dem Umfeld, um dessen Potentiale offen zu legen. Das Projekt arbeitet mit den Zwischenräumen der Stadt, mit Träumen, Sehnsüchten und Bedürfnissen der Menschen, die den Ort gemeinsam bewohnen und nutzen. Die öffentlichen Räume unserer Städte sind nicht starr und unveränderbar, sondern vielmehr das Produkt einer sozialen Praxis – wir Menschen beeinflussen und formen diese Orte kontinuierlich mit unseren Handlungen. 

 

Eure Co-Carts sind exzentrisch, offen und antirassistisch, schaffen keinen persönlichen Profit, stehen für Inklusivität und dekonstruieren Kategorien. Wo werden sie überwintern?

Das sind einige von den Werten, die wir gemeinsam mit unseren Partnern – Officina Vispa, Spazio Autogestito 77, Fridays for Future South Tyrol – festgelegt haben. Diese sind in Zukunft auch die Ausgangsbasis bzw. die Voraussetzung für den Verleih der Co-Carts ab Frühjahr 2021. Denn die Co-Carts können in Zukunft von allen StadtbewohnerInnen  genutzt werden, sie können bei uns oder unseren Projektpartnern ausgeliehen werden, wichtig es ist eben, die definierten Werte zu teilen. Denn Co-Carts sind außerdem auch noch antifaschistisch, antirassistisch, inklusiv und schaffen nicht nur Raum, sondern feiern ihn. Sie sind klimafreundlich, stoßen kein CO2 aus, stören den Straßenverkehr nicht, sondern verändern ihn vielmehr.


Co-Carts fördern die Meinungsfreiheit, die Fahrzeuge sind mehrsprachig, transkulturell und provozieren Dialog, Konfrontation, Reaktion. Die Co-Carts können nicht alleine genutzt werden, sondern benötigen immer eine Gemeinschaft.
Im Moment sind sie noch im Garten von Lungomare geparkt, gemeinsam mit der Gemeinde Bozen müssen wir noch bestimmen, wie sie in Zukunft in der Stadt zirkulieren können und ab wann sie von der Stadtgemeinschaft genutzt werden können. Wenn die Schneeglöckchen verblühen und erste Krokusse sprießen, können sie im Frühjahr sicherlich die BewohnerInnen wieder aus ihren Häuser locken.