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Ich bin ein angstfreier Mensch

Martin Santner im Gespräch mit der Regisseurin Veronika Kaserer über Mut zu Tabuthemen, unerwartete Erfolge und unbändiger Lebenslust.
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Foto: Foto: Daniel Seiffert

Die Regisseurin Veronika Kaserer war lange Zeit auf der Suche nach der richtigen Aufgabe in ihrem Leben: Mit Fünfzehn brach sie die Schule ab, verließ Südtirol, um durch die Welt zu reisen und um im Ausland zu leben. Später kam sie zurück, holte die Matura nach, und zog nach London. Als die Mutter an Krebs erkrankte, beschloss Kaserer dauerhaft in Südtirol zu bleiben. Sie studierte an der ZeLIG in Bozen, einer international anerkannten Schule für Dokumentarfilm. In ihrer noch jungen Karriere arbeitete sie bereits an vielen internationalen Produktionen mit, zuletzt an den Dokumentationen „The Cleaners“ und „Dream Boat“ sowie an den Spielfilmen „Der stille Berg“ und „Drei Zinnen“. Mit ihrem Erstlingsfilm über den Tod eines jungen Tanzlehrers „Überall wo wir sind“ gewann sie im Februar 2018 überraschend den Spezialpreis „Kompass-Perspektive-Preis“ der Berlinale in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“.

Veronika, du hast in diesem Jahr den Kompass-Perspektive-Preis der Berlinale für deinen Dokumentarfilm „Überall wo wir sind“ gewonnen. Herzlichen Glückwunsch. Wie war diese Erfahrung?
Es war ein unbeschreibliches Gefühl, weil es so überraschend kam. Man rechnet überhaupt nicht damit. Und dann passiert es plötzlich. Es war bereits eine große Ehre, überhaupt zur Berlinale eingeladen worden zu sein. Den Film hatte ich ein Jahr zuvor begonnen zu drehen und mit wenig Hoffnung eingereicht. Im Mexiko Urlaub erreichte mich dann die frohe Botschaft, dass der Film es in den Wettbewerb geschafft hat. Der Jubel war dementsprechend groß.
Bei der Einladung zum Eröffnungs- sowie Abschlussfilm habe ich viele tolle und interessante Kolleginnen und Kollegen kennengelernt.
Immerhin 13 Filme schafften es in den Nachwuchs-Wettbewerb, die meisten von ihnen auch Erstlingswerke. Am Abend der Preisverleihung habe ich mich mit Fieber auf die Veranstaltung geschleppt. Als dann mein Name aufgerufen wurde, dachte ich zuerst, ich höre nicht richtig.

Was ist seit diesem besonderen Abend passiert?
Ich merke natürlich, dass der Preis doch sehr dabei hilft, dem Film noch mehr Aufmerksamkeit zu verleihen, sei es bei Journalisten, anderen Filmemachern oder Kinobetreibern.
Ich hatte großes Glück, sofort einen internationalen Vertrieb zu finden, MAGNETFILM aus Berlin, der bereits für Filme wie „Kongo Tribunal“ und „Als Paul über das Meer kam“ sowie andere größere Dokumentarfilmproduktionen tätig war. Außerdem sind sehr viele engagierte Menschen, die im Bereich Sterbebegleitung von krebskranken Kindern arbeiten, Verbände sowie Hospize, auf mich zugekommen, nachdem sie den Film gesehen oder davon gelesen haben. Ihnen liegt viel daran, das Thema einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Dein Film handelt vom Tod des jungen lebensfrohen Tanzlehrers Heiko und seiner Familie, die ihn bis zum Schluss begleitet. Wie war es, einem fremden Menschen, der den Tod erwartet und einer Familie, die trauert, in dieser Zeit so nahe zu sein?
Ich bin prinzipiell ein angstfreier Mensch. Und ich mag es, mich mit dem Tod auseinanderzusetzen und Menschen gegenüberzutreten, die von sich wissen, dass sie bald sterben werden. Ich denke, dass mitunter einer der Gründe, warum wir Menschen immer wieder gegen die Wand laufen, damit zu tun hat, dass wir uns nicht mit dem Sterben auseinandersetzen. Wir sind uns nicht bewusst, was unser kurzes Leben auf dieser Welt überhaupt bedeutet, wie es einzuordnen ist und wie man diese kurze Zeit mit Sinn füllen kann. Mit meinem Film hoffe ich, hier vielleicht einen kleinen Anstoß geben zu können um sich bewusster mit den Schattenseiten des Lebens auseinanderzusetzen. Schließlich sind auch sie Teil unserer Existenz. Ich habe gelernt, dass gerade diese dunklen Momente des Lebens besonders wertvoll sind.

Welche Themen interessieren dich als Filmemacherin?
Es gibt Themen, die meines Erachtens untererzählt sind. Der Tod oder das Sterben gehören sicherlich dazu. Es hört sich vielleicht etwas komisch an, aber ich fühle mich in diesem Thema wohl. Ich funktioniere so, dass ich mir stets Themen suche, mit denen ich mich bereits auskenne und die mir vertraut sind. So war sicherlich die persönliche Erfahrung, als meine Mutter an Krebs starb, einer der Hauptbeweggründe einen Film über das Sterben zu machen. 

Wenn du zurückblickst, an welchen Moment während des Drehs erinnerst du dich besonders?
Für mich war es natürlich sehr aufregend, inmitten der Familie zu sein, die ich eigentlich gar nicht kannte und die dennoch sehr offenherzig intime Situationen in meiner Gegenwart besprach. Manchmal aber saßen wir einfach nur zusammen, weinten und trauerten. Denn, dass sie mir erlaubte in diesen schweren Stunden dabei zu sein, mit einer Kamera und dem Einverständnis, dass ich all das verwenden und zeigen darf, war ein sehr großer Vertrauensbeweis. Selbstverständlich hat mich der Todestag von Heiko sehr bewegt; Immerhin habe ich viel Zeit mit ihm verbracht und wir haben uns angefreundet. Alle zusammen wussten wir zwar, dass es irgendwann passieren wird, aber man kann sich auch nicht wirklich darauf vorbereiten.

Hat man als Filmemacherin nicht auch Zweifel, wenn man so nahe in einen intimen Bereich eindringt, dass man vielleicht zu weit gehen könnte und dem Voyeurismus erliegt?
Ja, absolut. Man möchte natürlich nicht die Grenze überschreiten, Fragen stellen, in Wunden bohren und die Gefühle vielleicht noch verstärken. Ich war sehr beeindruckt von Heikos Familie. Während, aber auch nachdem der Film zu Ende gedreht und fertiggestellt war, waren die Familienmitglieder ständig präsent und bei jeder Filmvorstellung dabei. Sie haben sich den Fragen des Publikums gestellt, obwohl sie gerade erst ihren Sohn/Bruder verloren und das immer wieder auf der Leinwand mit angesehen hatten. Hinterher ließen sie mich wissen, dass ihnen der Film in dieser schweren Zeit sehr geholfen hat und sie heute sehr dankbar sind, dass es ihn gibt. Das hat mich darin bestätigt, nicht zu weit gegangen zu sein.

Der Film zeichnet sich durch eine unglaubliche Feinfühligkeit und Nähe aus, die nur sehr wenigen Filmemachern gelingt. Wie ist es dir gelungen, so in den Hintergrund zu treten, also teilzunehmen, aber unsichtbar zu werden?
Der größte Vorteil war, dass ich ja fast immer alleine vor Ort war und alles selbst gemacht habe, Kamera und Regie. Dadurch ergab sich eine ganz andere Situation am Set, die in ihrer Natürlichkeit kaum gestört wurde. Da ich allein war, hatte ich auch das Gefühl, der Familie gegenüber ehrlicher zu sein. Denn am Ende geht es darum, Vertrauen aufzubauen, um diese Unsichtbarkeit und Nähe herzustellen. Für den Film brauchte ich diese Momente, die wehtaten. All das ist sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass ich beim Filmen so viele Freiheiten hatte, die jedoch aus einer Notsituation heraus entstanden: Es gab kein Budget und somit keinen kommerziellen Druck.

Wie kam der Kontakt zur Familie überhaupt zustande?
Das war Glück. Ich hatte jahrelang Geld angespart, um endlich einen eigenen Film zu drehen. Ich fing dann an, in Palliativstationen in Berlin zu recherchieren, lernte zahllose Chefärzte kennen und besuchte mehrere Hospize, sprach mit Krankenschwestern, ständig auf der Suche nach einer Familie, die mich in ihr Leben lässt. Eines Tages begegnete ich einer ambulanten Palliativärztin aus Pankow, die zu diesem Zeitpunkt ca. 30 Personen in den Tod begleitete, u. a. auch Heiko. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und sie meinte, dass sie vielleicht jemanden für mich hätte, der am Projekt mitarbeiten möchte. Als ich Heiko dann traf, war er genau so, wie sie ihn beschrieben hatte: charmant, lebensfroh und sehr aufgeschlossen, besonders Frauen gegenüber. (lacht)

Wie war diese erste Begegnung?
Wir fanden heraus, dass wir beide Schulabbrecher waren, was uns sofort verband. Der Dreh begann dann schon einige Tage später. Heiko lag sehr viel daran, an diesem Film mitzuarbeiten. Die Familie hat mich auch deshalb sehr schnell aufgenommen und akzeptiert.

Hast du heute noch Kontakt zur Familie?
Auf jeden Fall. Wir sind ständig in Kontakt, immerhin sind wir uns während der Dreharbeiten sehr nahe gekommen. Vor allem mit Heikos Vater telefoniere ich noch regelmäßig. Sein bester Freund lebt außerdem in meiner Nachbarschaft und wir sehen uns manchmal. Auch die Mutter und Schwester sind mir sehr ans Herz gewachsen. Ich halte sie immer auf dem Laufenden, was mit dem Film passiert.

Du hattest Fördergeld lediglich in Höhe von 7.500 Euro bekommen. Den Rest hast du mit deinem Ersparten bezahlt.
Ich muss heute darüber lachen. Die 7.500 Euro kamen von der Südtiroler Landesregierung, bei der ich mich an dieser Stelle nochmals bedanken möchte. Bei allen anderen Förderinstitutionen wurde mein Projekt abgelehnt. Mit diesem Geld konnte ich genau vier Drehtage und den Trailer bezahlen. Immerhin, denn ich wollte Heiko unbedingt etwas vom Film zeigen, bevor er stirbt. Er sollte sehen, wie ich vorgehe, ohne Effekthascherei, die Reaktion seiner Eltern und Freunde und dass sie um ihn trauern. Wenn du einmal angefangen hast zu drehen, dann willst und kannst du nicht mehr aufhören. Ich habe dann einfach beschlossen, den Rest von meinem Ersparten zu zahlen. Mit dem Geld hätte ich mir ein Auto kaufen können.

Wann wird der Film im Kino laufen?
Wir arbeiten darauf hin, den Film zum Welt-Hospiz-Tag am 13. Oktober zu zeigen. Hierfür planen wir ein größeres Kino-Release in ganz Deutschland.
Ich habe mehrere Verbände kennengelernt, die im Bereich Sterbebegleitung arbeiten, besonders der Bundesverband Trauerbegleitung e.V., der mich bei diesem Vorhaben unterstützt. Wenn wir es schaffen könnten, insgesamt 30 Kinos zu überzeugen, wäre das super. Es ist kein Kino-Start im klassischen Sinne, sondern er wird von Menschen selbst organisiert, die meinen Film unterstützen und sich dafür begeistern.

Und gibt es bereits Pläne, den Film in Südtirol zu zeigen?
In Südtirol werde ich den Film zunächst im Hotel Amazonas am Ritten zeigen, das meine Schwester, die Künstlerin Margareth Kaserer, betreibt. Außerdem stehe ich in engem Kontakt mit dem Filmclub Bozen. Auch die stellvertretende Chefärztin der Palliativstation des Bozner Krankenhauses hat ihre Unterstützung zugesagt, um den Film in Bozen zu zeigen. Ich finde es bewundernswert, wie sie mit Sterbenden umgeht und über ihre Arbeit hinaus Bewusstsein für das Thema schafft, und es für die Allgemeinheit zugänglich macht. Diese Kooperationen werden sicherlich sehr hilfreich sein, Menschen für das Thema in Südtirol zu gewinnen. Denn ich weiß nicht, wie aufgeschlossen man für einen Film dieser Art ist.

Stimmt es, dass mehr Frauen Dokumentarfilme drehen, während Männer Spielfilme produzieren? Welche Erfahrung hast du gemacht?
Das kann ich so nicht bestätigen. Ich kann nur sagen, dass noch immer Männer die großen Filme produzieren, was wiederum bedeutet, dass sie diejenigen sind, die das Geld bekommen.
Ich muss sagen, dass ich bisher immer sehr viel Glück hatte. Wenn man kommerziell arbeitet, beispielsweise fürs Fernsehen, dann stimmen die Löhne meistens. Das ist mitunter der Grund, warum ich mir Geld für meinen Film ansparen konnte. Ich habe aber auch keine Angst, einen angemessenen Lohn für meine Arbeit zu verhandeln. Ich wünsche mir, dass sich mehr Frauen an diesen für mich so erfüllenden Beruf wagen, dass sie keine Angst davor haben müssen, auch mal zu scheitern. Sie sollen genauso fokussiert ihre Themen auf ihre subjektive Art umsetzen können. Ich denke, dass es ein strukturelles Problem gibt. Es liegt in der Natur des Patriarchats, dass Männer Männern helfen, während Frauen andere Frauen nicht unbedingt unterstützen, um weiterzukommen.

ÜBERALL WO WIR SIND / Regie, Buch: Veronika Kaserer, Kamera: Veronika Kaserer, Jan Zabeil, Jakob Stark, Schnitt: Kathrin Dietzel, Musik: Uwe Bossenz, Tom Werner, Sound Design: Tobias Festag, Ton: Uwe Bossenz, Tobias Festag, Produzenten: Veronika Kaserer, Jan Zabeil

Denkst du, Frauen werden in der patriarchalen Filmbranche unterschätzt?
Ich denke, dass das häufig das Problem ist. Vor allem bei Filmemacherinnen sehe ich oft, dass sie den Wert ihrer Arbeit nicht hoch genug einschätzen und dadurch schneller Gefahr laufen, sich ausbeuten zu lassen. Ich würde mir wünschen, dass sie mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten und Talente finden und entsprechend entlohnt werden. Frauen brauchen in der Filmbranche einen viel längeren Atem. Viele halten auch nicht durch und geben auf.

Wer sind deine Vorbilder und warum? 
Für mich ist jede Frau ein Vorbild, die sich nicht von ihrem Weg abbringen lässt; die kräftig am Verlauf der Welt mitmischt und für ihre Werte zu kämpfen vermag; eine Frau, die unabhängig ist und sich nicht zu sehr mit den „vielen kleinen Problemen“ aufhält, die meiner Meinung nach etwas typisch Weibliches sind. Männern fällt es leicht, „groß“ zu denken, da es ihnen seit Jahrhunderten schon von unterschiedlichsten historischen Figuren in der Wissenschaft, Kultur, Politik usw. vorgelebt wurde. Frauen hingegen kommen erst seit einigen Jahrzehnten so richtig zum Zug, daher rührt auch ein gewisser Mangel an weiblichen Vorbildern. Es gibt einige herausragende Dokumentarfilmerinnen, wie etwa die Britin Kim Longinotto, die US-Amerikanerin Laura Poitras oder die Finnin Pirjo Honkasalo.

Im Juni liefen gleich sechs Dokumentarfilme in den deutschen Kinos – unter anderem von Andreas Pichler sowie von Christian Beetz „The Cleaners“, an dem auch du mitgearbeitet hast. Würdest du sagen, es gibt einen Trend weg vom Fiction-Film hin zum Dokumentarfilm?
Visuell und finanziell aufwändige Dokumentarfilme werden in Zukunft sicherlich zunehmen; ein bestimmtes Publikum interessiert sich für hochwertige, thematisch relevante Dokus. Diese Filme sind leider zumeist sehr uniform, da es für den Regisseur wenig künstlerischen Spielraum gibt.
Bei mir ist es grundsätzlich so: Je mehr ich gefordert werde, desto befriedigender ist für mich das Ergebnis, das gilt auch für Filme. Ich arbeite stetig an dem Ziel, inhaltlich sowie künstlerisch eigene Projekte umzusetzen, die zudem einer breiten Massen zugänglich sind.

Salto in Zusammenarbeit mit NUJ - Zeitschrift für Junge Kultur in Südtirol