Ambiente | Teil 2

Zum Wohl (aller)!

In Kastelruth bleibt das Trinkwasser knapp. Wie sieht die Lage im restlichen Land aus? Und was wissen wir überhaupt über das Wasser in unseren Leitungen? (Teil 2)
Wasser
Foto: Pixabay

Lesen Sie in Teil 1: Was Trinkwasser überhaupt ist, wo und wie es in Südtirol genutzt wird – und warum der Tourismus eine maßgebliche Rolle spielt.

 


 

Dass das flüssige “weiße Gold”, an dem Südtirol reich ist, eine Vielzahl an Begehrlichkeiten weckt, liegt auf der Hand. Dieselben Gewässer – Flüsse und Bäche –, die den Trinkwasservorrat mit sichern, werden auch zur Stromproduktion genutzt. Um die unterschiedlichen Interessen am Wasser zusammenzubringen, legt der Wassernutzungsplan eine genaue Prioritätenliste fest. “Ganz oben steht das Trinkwasser”, verweist Thomas Senoner auf Art. 13 des normativen Teils. Konkret heißt es dort: “Die Nutzung für die öffentliche Trinkwasserversorgung muss immer gewährleistet sein. Die anderen Nutzungen sind nur zulässig, wenn die Wasserverfügbarkeit für diese prioritäre Nutzung ausreichend ist und die Trinkwasserqualität dadurch nicht beeinträchtigt wird.” Sprich, erst wenn die Trinkwasserversorgung gesichert ist, darf Wasser für andere Zwecke aus Quellen, Brunnen und Oberflächengewässern abgeleitet werden: zunächst für landwirtschaftliche Zwecke, dann zur technischen Beschneiung, dann für industrielle Zwecke und erst an fünfter Stelle für die Stromproduktion. Somit sollen erst gar keine Dilemmas oder Konflikte aufkommen. Die Konzessionen zur Ableitung von öffentlichen Gewässern erteilt das Amt für nachhaltigen Gewässerschutz. Amtsdirektor Senoner schildert einen konkreten Fall: “Der Eisack ist im Bereich unterhalb von Kardaun unter Schutz – dabei könnte die hydroelekrtische Ableitung im Bozner Talkessel durchaus interessant sein. Dürfte das Wasser aus dem Eisack jedoch in diesem Abschnitt zur Stromerzeugung genutzt werden, wäre die gute Qualität des Bozner Trinkwassers nicht gewährleistet, denn der Eisack ist für den reichlichen Wassereintrag in die tiefen Schichten des natürlichen Grundwasserreservoirs verantwortlich. Eine Ableitung des Gewässers für hydroelektrische Zwecke könnte also die Qualität und die Quantität des Bozner Trinkwassers beeinträchtigen.”

 

Eine doppelte Verantwortung bei der Wassernutzung hat Südtirol nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Ein Großteil des Trinkwassers, das hierzulande als “verbraucht” angeführt wird, ist es im eigentlichen Sinne nicht. “Denn Wasser wird gereinigt, unterhalb der Kläranlagen den öffentlichen Gewässern zurückgegeben und kann weiter südlich wieder genutzt werden”, zeigt Senoner auf. Auch als Trinkwasser. “Im Veneto wird auch ein Teil unseres zurückgegebenen Trinkwassers aus der Etsch gepumpt und wiederum als Trinkwasser von über 300.000 Menschen genutzt.” Deshalb muss Südtirol bei der Klärung des Wassers darauf achten, dieses “in bestmöglicher Qualität” zurück- bzw. weiterzugeben. Genauso wie darauf, dass die Etsch stets genug Wasser führt. Immer wieder passiert es, dass das Land in trockenen Sommermonaten von der überregionalen Wasser-Beobachtungsstelle, dem Osservatorio delle Risorse Idriche angewiesen wird, Wasserressourcen aus den Staubecken für südlichere Regionen entlang der Etsch freizugeben.

 

Knapp vorbei?

 

Südtirol selbst sieht Amtsdirektor Senoner nicht akut von Trinkwassermangel bedroht. “Unsere Trinkwasserquellen sind sehr gut geschützt und die natürliche Ressource sehr gut gesichert.” Panik, auch aufgrund des fortschreitenden Klimawandels, hält er für nicht angebracht. Gletscher, die heute unaufhaltsam schmelzen, tragen paradoxerweise zum Südtiroler Wasserreichtum bei. “Momentan noch”, wie Senoner betont. Geht das ewige Eis zu Neige und versiegt diese Wasserquelle, würden das in Zukunft vor allem Landwirtschaft und Stromwirtschaft zu spüren bekommen, vermutet Senoner. Trinkwasser hingegen “werden wir immer genug finden”. Dennoch müsse die Frage nach einer möglichen Trinkwasserknappheit “immer im Raum stehen”. 

Meteorologische Ereignisse oder technische bzw. bauliche Gebrechen können die Trinkwasserversorgung von heute auf morgen lahm legen – siehe Kastelruth. In heißen Sommern, in denen Niederschläge lange ausbleiben, kann das Wasser knapp werden, vor allem wegen den dort stark ansteigenden Bedarfs – man denke an das Duschen bei Hitze oder die Beregnung trockener Privatgärten. Für solche Fälle müssen die Gemeinden einen Notfallplan haben und der Bürgermeister kann über Verbote und Beschränkungen zum Wassersparen verpflichten. Demografische Entwicklungen können in Gebieten mit wenig Trinkwasser für Spannungen sorgen. Senoner nennt das Beispiel Ritten: “Dort gibt es viel Zuzug und wenn weiter viel ausgebaut wird, wird eine Trinkwasserknappheit entstehen, mit der man sich auseinandersetzen muss.” Nicht umsonst sei Ritten eine der wenigen Gemeinden, in der für neue Gebäude eine Regenwasserbewirtschaftung vorgeschrieben ist. Außerdem tendieren die lokalen Verwaltungen immer mehr dazu, Trinkwassernetze zusammenzuschließen, “um im Notfall aushilfsweise Quellen oder Tiefbrunnen zur Verfügung zu haben”, berichtet Senoner.

 

Schrauben am Preis 

 

Eine weitere Stellschraube, an der gedreht werden kann, um Trinkwasserverknappung entgegenzuwirken, ist die Tarifgestaltung. Die rechtliche Basis dafür legt das Land. Mit dem Dekret des Landeshauptmannes Nr. 29 – “Verordnung zur Regelung des Trinkwassertarifs” – wurde 2017 das Prinzip der Kostendeckung geregelt. Früher sei der Wasserpreis oftmals ein politischer Preis gewesen, bei dem Kosten auf andere Posten abgewälzt worden und nicht den Verbrauchern angerechnet worden seien. Jetzt muss “der Preis, den wir für die Zurverfügungstellung von Wasser in unserem Zuhause zahlen, die Kosten dafür decken”, fasst Senoner zusammen.

Dass Wasser gespart wird, wenn es mehr kostet, zeigt sich in Gemeinden, wo es aufgrund natürlicher Gegebenheiten knapper ist als anderswo. Dazu hält der Wassernutzungsplan fest: “In den Gebieten mit einer geringeren Wasserverfügbarkeit und einem dementsprechenden hohen Wasserpreis, wie auf den Hochebenen am Ritten oder bei Jenesien, ergibt sich auch ein geringerer Verbrauch.” Die Gemeinden legen die Trinkwassergebühren jährlich fest (hier der aktuelle Preisvergleich auf der Seite des Landesstatistikamts ASTAT). Dabei folgen sie dem vorgeschriebenen Verursacherprinzip: Wer mehr verbraucht, zahlt mehr. Das kann über verbrauchsabhänigige Einheitstarife geregelt werden – oder gestaffelte Tarife: Wer als Einzelperson weniger als 35 Kubikmeter bzw. 84 Kubikmeter je Wohneinheit im Jahr verbraucht, erhält einen “begünstigten Haushaltstarif”. Bei einem Verbrauch von mehr als 35 bzw. 84 Kubikmeter jährlich wird ein “Haushaltsgrundtarif” berechnet, der mindestens 150 Prozent des “begünstigten Haushaltstarifs” beträgt. Die Gemeinde Ritten etwa wendet diesen gestaffelten Tarif an. Trotzdem werden vorerst alle mehr zahlen.

 

Alle zahlen für alle

 

Wenige Tage alt ist die Nachricht, dass neben Energie und Benzin in fast allen Südtiroler Gemeinden heuer auch Trinkwasser mehr kosten wird. Um bis zu 50 Prozent. In Bozen und Leifers liegt der Grund vor allem darin, dass dort Trinkwasser aus Tiefbrunnen gepumpt werden muss. Für Bozen werden an 14 Brunnen jährlich rund 17 Millionen Kubikmeter Wasser entnommen – ungefähr zehn Mal so viel wie der Große Montiggler See fasst. Im Gegenteil zum restlichen Land, “wo es einen beträchtlichen Höhenunterschied gibt, dank dem Wasser aus höheren Lagen mit Eigendruck in unsere Trinkwasserleitungen gelangt”, wie Amtsdirektor Senoner erklärt, braucht es in Bozen und Leifers wegen der Pumpen zusätzliche Energiequellen, um das Wasser aus dem Grund in die Haushalte zu bringen. Und die sind teurer geworden. “Diese Mehrkosten müssen gedeckt werden”, sagt SEAB-Präsident Kilian Bedin.

 

Was aber hat sich für die anderen Gemeinden geändert, die Wasser nicht aus dem Boden pumpen müssen? Mit dem Nachtragshaushalt wurde vergangenen August ein zusätzlicher Artikel in das Landesgesetz Nr. 8/2002 zu den Bestimmungen über die Gewässer eingeführt. Art. 54/bis sieht die Einrichtung eines Solidaritätsfonds für “Anlagen der öffentlichen Trinkwasserversorgung in erschwerten Situationen” vor. Zehn Cent pro Kubikmeter müssen alle Gemeinden in diesen Landesfonds abgeben, mit dem trinkwasserarmen Kommunen Beiträge von bis zu 80 Prozent für den Bau von Infrastrukturen zur Trinkwasserversorgung gewährt werden. Amtsdirektor Senoner sieht in der Einrichtung des Solidaritätsfonds “einen wichtigen Schritt”, um die Trinkwasserversorgung zusätzlich abzusichern.

Die Lage in Kastelruth und auf der Seiser Alm bleibt indes weiter angespannt. Der Obmann der Seiser Trinkwassergenossenschaft Neptunia, Christian Kerschbaumer, vermutet, dass die erneute Trinkwasserlieferung aus dem Nachbarort Seis nicht die letzte Lieferung bleiben wird. Denn das große Problem, das neben den fehlenden Niederschlägen zur Trinkwasserknappheit geführt hat – die Schäden an zwei Trinkwasserquellen –, wird erst in einigen Monaten behoben sein. Die am Donnerstag gelieferten rund 150 Kubikmeter Wasser werden für die nächsten zehn bis 14 Tage reichen.