Politics | Staatsbürgerschaft

Tempo für den Doppelpass

Für Werner Neubauer (FPÖ) könnte die doppelte Staatsbürgerschaft bereits Ende 2018 kommen. Für wen, das ist noch nicht geklärt. Doch es soll schnell gehen.
Ja zum Doppelpass
Foto: Salto.bz

“Ich wünsche Ihnen alle frohe Weihnachten und hoffe, dass wir uns nächstes Jahr als österreichische Staatsbürger wiedersehen.” Sven Knoll scherzt nicht. Soeben ist die Pressekonferenz, zu der Knolls Partei, die Süd-Tiroler Freiheit (STF), Freiheitliche, der Südtiroler Heimatbund und die SVP-Altmandatare geladen haben, zu Ende gegangen. Geblieben ist das Versprechen, dass die wohlgesinnten politischen Kräfte in Österreich alles daran setzen werden, die doppelte Staatsbürgerschaft für Südtiroler noch “in dieser Amtszeit” umzusetzen. Bereits Ende 2018 könnte es soweit sein.

“Ich will die Menschen nicht vier Jahre lang mit der Diskussion belasten. Ende 2018 wäre ein vorstellbarer Termin.”
(Werner Neubauer)

 

Neuer Wind in Wien

 

Die Amtszeit der neuen österreichischen Regierung hat am Montag um 11 Uhr begonnen. In der Wiener Hofburg gelobt Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen den neuen Bundeskanzler Sebastian Kurz an. Und mit ihm seine 14-köpfige Regierungsmannschaft. Acht Minister stellt Kurz’ Neue Volkspartei (ÖVP). Sechs kommen von der FPÖ, darunter Innenminister Herbert Kickl und Außenministerin Karin Kneissl. Kneissl ist zwar parteilos, wurde aber von der FPÖ für das Außenministerium vorgeschlagen.
Um 11.15 Uhr, rund 600 Kilometer südwestlich von Wien, schließen sich die Türen im Josefsaal im Kolpinghaus in Bozen. Gleich vier Tische sind nötig, damit alle Gastgeber einen Platz finden. In der Mitte hat Werner Neubauer Platz genommen. Für viele im Raum ist der Südtirol-Sprecher der FPÖ im Nationalrat der Held der Stunde. “Nur der FPÖ” sei es zu verdanken, dass nun dieser “Paradigmenwechsel” herbeigeführt worden sei, sagt auch Franz Pahl. Seine Partei, die SVP, hatte um 10 Uhr selbst Stellung beziehen wollen, in Sachen schwarz-blaue Regierung und Doppelstaatsbürgerschaft. Doch “aufgrund kurzfristiger Terminschwierigkeiten” hat man die Pressekonferenz kurzerhand wieder abgesagt. “Das hat keinen politischen Hintergrund”, beteuert Sven Knoll.

“Sagen Sie mir einen Grund, warum ich nicht glücklich sein sollte?”
(Eva Klotz)

Zumal die patriotischen Kräfte kein Monopol auf die Forderung nach der österreichischen Staatsbürgerschaft für Südtiroler beanspruchen. Die Umsetzung könne “nur parteiübergreifend” gelingen, auch, weil es ein Anliegen sei, das “für die gesamte Bevölkerung in Südtirol von Bedeutung” ist, meint Knoll. Tatsächlich aber betrifft die Angelegenheit nicht alle Südtiroler. Begründet ist die Absichtserklärung im schwarz-blauen Regierungsprogramm, mit der der Startschuss für den Doppelpass gefallen ist, in der Schutzmachtfunktion Österreichs für die deutsche und ladinische Sprachgruppe im Land. Eine “ethnische Schutzfunktion”, unterstreicht Werner Neubauer, aufgrund der eben auch nur die “Angehörigen der Volksgruppen deutscher und ladinischer Muttersprache” Anrecht auf die österreichische Staatsbürgerschaft haben sollen. So steht es im Koalitionspapier von ÖVP und FPÖ.

 

Sie soll kommen, aber für wen?

 

Dass die Doppelstaatsbürgerschaft kommen wird, daran hegt weder Neubauer noch sonst jemand am Tisch Zweifel. “Über 90 Prozent” der Fragen, die in den vergangenen Jahren als Begründung gegen den Doppelpass ins Feld geführt wurden, seien “geklärt”. Und es gibt auch schon einen Gesetzentwurf für die doppelte Staatsbürgerschaft, verrät Neubauer. Dieser liege in einer Innsbrucker Anwaltskanzlei parat. Bevor man das Papier jedoch auf den Tisch legen will, will man “alle überzeugen, dass die doppelte Staatsbürgerschaft für das gemeinsame Leben in Südtirol nur positiv” sei.
Bedenken ausräumen und Bewusstsein bilden lautet Neubauers Divise, in Südtirol, Tirol und Österreich. Geht es nach dem FPÖ-Politiker, sollen “in absehbarer Zeit” Arbeitsgruppen unter der Koordination des österreichischen Innenministers gebildet werden. Eine davon auch in Südtirol, “um die Bevölkerung von der Machbarkeit der Doppelstaatsbürgerschaft zu überzeugen”. Kein Geringerer als Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder soll, so die Vorstellung Neubauers, den Vorsitz dieser Arbeitsgruppe übernehmen. “Es gibt keinen Würdigeren als ihn”, schwärmt Neubauer.

 

À propos würdig: Den Trentinern knallt Neubauer die Tür vor der Nase zu. Obwohl in der Nachbarprovinz bereits Unterschriften für eine Petition gesammelt werden, die die österreichische Staatsbürgerschaft auch für Trentiner fordert, winkt Neubauer ab. Auf die Trentiner treffe die Schutzmachtfunktion Österreichs “nicht zu”. Doch was ist mit den Italienern in Südtirol, genauer gesagt mit jenen, die sich unabhängig von ihrer Muttersprache der deutschen Sprachgruppe zugehörig erklären? Denn als Grundlage für das Anrecht auf die österreichische Staatsbürgerschaft soll schließlich die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung dienen, lässt man am Montag durchklingen.
“Wir können nicht alle Fragen heute auf einer Pressekonferenz klären”, wimmelt Neubauer die Journalisten ab. Man wolle den Gesprächen, die mit Jahresbeginn 2018 aufgenommen werden sollen, nicht vorgreifen. Auch zu den Rechten und Pflichten, die Südtiroler als (auch) österreichische Staatsbürger haben würden, erfährt man nichts genaueres. So sei etwa die Wehrdienstpflicht “noch abzuklären”. Doch für einige im Raum steht bereits fes: mit der Staatsbürgerschaft geht auch eine Bringschuld einher.

Mit Rom bzw. der italienischen Regierung will man ab Frühjahr 2018 sprechen. Doch Außenminister Angelino Alfano habe im Rahmen einer OSZE-Konferenz Anfang Dezember bereits gemeint, er sehe die Sache gelassen, berichtet Neubauer. Am Montag wird Alfano in Peking auf den Doppelpass für Südtiroler angesprochen. Man müsse die Diskussion mit großer Feinfühligkeit angehen, sagt Alfano: “Il governo si è appena insediato e ne parleremo nei termini che sono assolutamente più coerenti con la nostra storia e con la tutela di quelle nostre popolazioni e di quei nostri concittadini che hanno sempre avuto una posizione molto chiara in merito.”

 

Rechnung nicht ohne FPÖ

 

Hehr sind die Visionen, die indes in Bozen gezeichnet werden: 98 Prozent der Südtiroler, die Anrecht auf die Doppelstaatsbürgerschaft haben würden, werden darum ansuchen. Auch dank tatkräftiger Hilfe der SVP, vermutet Neubauer. Dass sich zuletzt auch Parteiobmann Philipp Achammer positiv zum Doppelpass geäußert habe, sei “positiv”. Doch dieser kann sich nun nicht mehr nur auf seinen Freund, den neuen Bundeskanzler Sebastian Kurz, verlassen. Er muss die Rechnung mit der FPÖ machen. “Die neuen Ansprechpartner in der Sache sitzen im Innen- und Außenministerium”, erinnert Neubauer – und damit in den Reihen der FPÖ. Und der ist es ernst mit der doppelten Staatsbürgerschaft.
“Das Gedenkjahr 1918-2018 wäre ein würdiger Anlass” um die Angelegenheit unter Dach und Fach zu bringen, wiederholt Werner Neubauer. Im Saal scheint man es kaum erwarten zu können. Auf die Frage, ob man selbst um die österreichische Staatsbürgerschaft ansuchen werde, gibt es eifriges Nicken am Tisch. Die Frage, die sich stellt, sei vielmehr: “Wer von uns wird der erste sein?”