Politics | Gemeindewahlen 2025

Sterzinger Einheitsbrei

Jeder will sich für Sterzing einsetzen und Dinge voranbringen, Unterschiede in den politischen Ausrichtungen gibt es kaum – ausgenommen am rechten Rand.
Rathaus Sterzing
Foto: Seehauserfoto
  • Was vor zehn Jahren noch einen Riesenaufschrei innerhalb der SVP auslöste und auf der Titelseite der Tageszeitung landete, juckt heute kaum noch jemanden: SVPler wechseln zur Bürgerliste und umgekehrt, und ist man mit dem Vorhandenen nicht zufrieden, gründet man halt eine neue Liste. Politische Einstellungen sind beliebig und austauschbar geworden, die SVP hat die Vorherrschaft längst verloren – auch im Wipptal, wo die Edelweiß-Partei, außer in der Hochburg Ratschings, seit der Schließung der Geburtenstation im Krankenhaus Sterzing einen besonders schweren Stand hat. Die politische Entscheidung zur Schließung dieser Station, die im Wipptal stets als Vorzeige-Einrichtung wahrgenommen worden war, war der Auslöser für die Abspaltung bzw. der Gründung der Bürgerliste „Für Sterzing – Wipptal“, die bei den Gemeinderatswahlen im Jahr 2015 auf Anhieb 1.510 Vorzugsstimmen erringen konnte und die ehemalige Mutterpartei auf die Oppositionsbank (992 Vorzugsstimmen) zwang. Die folgenden fünf Jahre waren von Streitigkeiten und harten Auseinandersetzungen, teilweise über nichtige Kleinigkeiten, geprägt. 2020 tauchte dann mit Peter Volgger ein neuer Name auf. Volgger, langjähriger Mitarbeiter in der Raiffeisenkasse Wipptal, ging für die Bürgerliste ins Rennen, sein Widersacher von der SVP hieß Walter Gögl. Während die Bürgerliste den Führungsanspruch unangefochten verteidigen konnte, obwohl sie ein Mandat einbüßen musste, gestaltete sich der Kampf um das Bürgermeisteramt zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Am Ende haben lediglich drei Stimmen den Ausschlag über Sieg und Niederlage gegeben, und mit 1.416 Stimmen behielt Volgger knapp die Nase vorne. 

  • Massimo Bessone: Ex-Landesrat und Bürgermeisterkandidat in Sterzing Foto: news.provincia.bz.it

    Neuer und alter Partner in der Koalitionsregierung blieb die interethnische Liste „Insieme per Vipiteno – Zusammen für Sterzing“ mit ihrem Sprecher und Vize-Bürgermeister Fabio Cola. Hört man sich in Sterzing um, scheint der Ausgang bereits entschieden zu sein bzw. heißt es: eine „gemähte Wiese“ für Volgger, auch wenn am 4. Mai sechs Parteien zu den Wahlen antreten – eine mehr als bei den letzten Wahlen. Für die regierende Bürgerliste „Für Sterzing – Wipptal“ treten mit Bürgermeisterkandidat Peter Volgger 22 Personen an, auf der Liste der SVP stehen neben Bürgermeisterkandidat Daniel Seidner 14 weitere Namen. Erstmals stellt sich mit der Süd-Tiroler Freiheit, die mit Jonas Gasser einen eigenen Bürgermeisterkandidaten aufbietet und mit insgesamt vier Kandidaten antritt, eine weitere deutsche Liste, der Wahl in Sterzing. Weiters treten neben der interethnischen Liste „Insieme per Vipiteno – Zusammen für Sterzing“, die 18 Kandidaten aufbietet, die Partei „Fratelli d’Italia – Giorgia Meloni“ des früheren Gemeinderates Davide Orfino (vier Kandidaten) sowie die neue Partei „SiAmo Vipiteno“ des ehemaligen Landesrates Massimo Bessone an. Wie berichtet, ist die neue Bessone-Liste das Resultat eines internen Streits innerhalb der FdI. Der ehemalige Vermögenslandesrat tritt dabei prominent als Bürgermeisterkandidat mit elf weiteren Kandidaten an. Derzeit halten die italienischen Listen vier Sitze, vor dem Hintergrund der Volksgruppenverteilung und der Tatsache, dass sich gleich drei Parteien um Stimmen aus der italienischen Bevölkerung bemühen, liegt ein fünftes Mandat durchaus im Bereich des Möglichen.

  • Vorwahl-Geplänkel

    Für einige Aufregung sorgte vor rund einem Monat der Wechsel des ehemaligen SVP-Bürgermeisterkandidaten Walter Gögl in die Reihen der Bürgerliste. Wie es hinter vorgehaltener Hand heißt – auf Wunsch der Wirtschaftstreibenden in der Fuggerstadt, die den „Unbequemen“ Markus Larch im Amt des Wirtschaftsstadtrates gerne ersetzt haben möchten. Doch Partei-Austritte oder -Übertritte sind längst an der Tagesordnung. Inhaltlich waren und sind Bürgerliste und SVP bei vielen Themen auf einer Linie, einzig bei der Geburtenstation schieden sich bisher die Geister. Nun, da die Protestwelle von vor zehn Jahren fast vergessen und der Widerstand gegen die Entscheidungen aus Bozen abgeebbt ist, scheint man sich auch auf institutioneller Ebene wieder zusammenfinden zu wollen. Dazu passt, dass sich beispielsweise Bürgermeister Volgger nicht als Politiker sieht, sondern als guter Verwalter der Stadt Sterzing. 

  • Bürgermeister Peter Volgger: „Ich bin kein Politiker.“ Foto: Privat

    An der Reparatur einer Wasserleitung sei schließlich nichts politisch und eigentlich seien die „Parteien vollkommen überflüssig“. Ginge es nach ihm, sollte eine Einheitsliste aufgestellt werden, in der jeder kandidieren soll, der Interesse hat. Wie berichtet, gab es tatsächlich Gespräche über eine Einheitsliste zwischen der SVP und der Bürgerliste, aus verschiedenen Gründen – als unabhängige Kandidaten unter dem Listenzeichen der SVP wollten die Bürgerlistler nicht antreten und als sich bei der SVP ein Entgegenkommen abzeichnete, war es bereits zu spät bzw. die Kandidatenliste von „Für Sterzing – Wipptal“ bereits vollständig – hat sich diese Idee allerdings wieder zerschlagen. Laut Volgger seien Einheitslisten jedoch zukunftsweisend. Auch freut sich der Sterzinger Bürgermeister, dass mit der Süd-Tiroler Freiheit eine weitere Partei zu den Wahlen antritt, dies sei ein Zeichen für die demokratische Vielfalt in der Stadt. Dass ihm dies ein Mandat oder vielleicht sogar noch mehr kosten könnte, damit müsse man leben und bei der Regierungsbildung dann eben die vorhandenen Möglichkeiten ausloten. Was die Themen in der Fuggerstadt betrifft, so ist es um das „zentrale Thema“, nämlich das Krankenhaus Sterzing, sehr ruhig geworden, gleichwohl alle Parteien erklären, sich für die patientennahe Gesundheitsversorgung starkmachen zu wollen. „Ich bin nicht mit allem glücklich, was das Thema Krankenhaus betrifft“, so Bürgermeister Volgger. Eine Aussprache mit Gesundheitslandesrat Hubert Messner und dem Krankenhauspersonal bzw. Ärzteschaft, zu der Volgger eingeladen war, habe ihm gezeigt, dass man das Problem in Bozen verstanden habe. Sorge bereitete allerdings die Personalnot im Pflegebereich – durch die besseren Bedingungen im Nachbarland Österreich, das nur einen Katzensprung entfernt ist, sei das Wipptal in keiner glücklichen Ausgangssituation. Zu den Projekten, die man voranbringen wolle, gehören die Fertigstellung der Kita, die Fertigstellung des italienischen Kindergartens sowie der Mittelschule, der Bau der Feuerwehrhalle Thuins und des Parkhauses bei der Seilbahn auf dem Rosskopf und die Umgestaltung des Stadtplatzes sowie des Untertorplatzes. 

     

     

  • Rathaus Sterzing: Wer zieht in die Sterzinger Gemeindestube ein? Foto: Seehauserfoto
  • Gemeinsam oder Personenwahl?

    Der Herausforderer aus den Reihen der SVP, Daniel Seidner, ist eigentlich kein Neuling. Bereits von 2010 bis 2015 saß der heute 38-jährige Sterzinger für die SVP im Gemeinderat. „Politik darf nicht im Alleingang gemacht werden. Es braucht zukunftsfähige Konzepte, Stabilität und überlegte Entscheidungen. Sterzing braucht Vertreter, die zuerst zuhören, um die Anliegen aller zu verstehen. Ein Team, das ehrlich ist, um Vertrauen zu schaffen und gemeinsam handelt, um nachhaltige Lösungen umzusetzen“, heißt es in der Aussendung der SVP Sterzing, die ein Team von 15 Kandidaten aufgestellt hat. 

  • SVP-Bürgermeisterkandidat Daniel Seidner: „Unser Ansatz war immer, das Bestmögliche für Sterzing herauszuholen.“ Foto: privat

    Diese, so Seidner, decken sämtliche Bereiche ab, vom Angestellten, über Landwirt und Sportler bis hin zu den Wirtschaftstreibenden. Der SVP-Bürgermeisterkandidat hat sich zum Ziel gesetzt, eine „Kurskorrektur“ einzuleiten, wofür es einen neuen „politischen Stil“ und eine „bessere Zusammenarbeit im Rathaus“ braucht. Darauf angesprochen, erklärt Seidner, dass er keine Polemik betreiben wolle, derzeit allerdings „zu viel auf einer Person“ laste – gemeint ist damit Volgger. Ein Eindruck, den übrigens auch Partei-Kollegen des Sterzinger Bürgermeisters teilen. Somit müsste das Motto „gemeinsam“, das sich die Bürgerliste ursprünglich auf ihre Fahnen geheftet hatte, wieder in den Vordergrund rücken. „Unser Ansatz war immer, das Bestmögliche für Sterzing herauszuholen“, betont Seidner. In diesem Sinne sei man auch stolz auf die verschiedenen Parteistrukturen, in die sich jeder einbringen und so an der politischen Gestaltung teilhaben könne. „Das ist gelebte Demokratie, wie wir sie verstehen“, sagt der SVP-Bürgermeisterkandidat. Sieht er Chancen auf eine „Wiedervereinigung“ mit den Bürgerlistlern in absehbarer Zeit? Die Antwort auf diese Frage bleibt unbeantwortet, die Einheitsliste habe laut Seidner jedoch durchaus im Bereich des Möglichen gelegen und in all den Jahren habe sich die SVP auch nicht verändert, sondern an ihren Werten festgehalten. Was das Programm betrifft, so sei man derzeit auf einem guten Weg und werde es zu gegebener Zeit vorstellen. 

     

  • Im Aufbau

    „Wir kandidieren heuer zum ersten Mal in mehreren Wipptaler Gemeinden und waren der Meinung, dass gerade eine Kandidatur in Sterzing in dieser Aufbauphase wichtig ist“, sagt Jonas Gasser, Bürgermeisterkandidat der Süd-Tiroler Freiheit. Gasser führt gemeinsam mit seiner Familie eine Kfz-Werkstatt mit 14 Angestellten in Unterackern bei Sterzing. Das Interesse für die Süd-Tiroler Freiheit ist bereits während seiner Jugendzeit erwacht, als er Mitglied bei den Mareiter Schützen war. Seit damals identifizierte er sich mit der politischen Ausrichtung der Partei. Während der Coronazeit, als das Interesse der Menschen für Politik an einem Tiefpunkt angekommen war, reifte in Gasser die Überzeugung, dass er etwas tun müsse, weshalb er sich als Kandidat für die letzten Landtagswahlen aufstellen ließ. Zwar schaffte er den Einzug nicht, erzielte im Vergleich mit dem Kandidaten der SVP mit 1.191 Stimmen jedoch ein beachtliches Ergebnis (im Vergleich: Christian Egartner, Kandidat der SVP, kam auf 2.629 Stimmen). Mit 18,8 Prozent wurde die Süd-Tiroler Freiheit hinter der SVP (36,8 %) zur zweitstärksten Kraft im Wipptal. Ein Signal für die Gemeinderatswahl? 

  • Jonas Gasser, Bürgermeisterkandidat der Süd-Tiroler Freiheit: „Ich erwarte mir jetzt nicht, dass ich auf Anhieb Bürgermeister werde, aber ich bin überzeugt, dass wir mit der Zeit etwas bewegen werden.“ Foto: privat

    Nach seiner Einschätzung gefragt, meint Gasser, dass er mit einem Mandat rechne. Schenkt man den Aussagen der Sterzinger Glauben, könnte aber durchaus noch mehr drinnen sein. „Ich erwarte mir jetzt nicht, dass ich auf Anhieb Bürgermeister werde, aber ich bin überzeugt, dass wir mit der Zeit etwas bewegen werden“, so Gasser. Die Entscheidung, mit einem eigenen Bürgermeisterkandidaten anzutreten, könnte der STF sogar noch etwas mehr Rückenwind verschaffen. Die Schwerpunkte der politischen Tätigkeit liegen im Kampf gegen die Überfremdung bzw. Stopp der Zuwanderungeinfache Kampfbegriffe, mit denen man viele Stimmen einfangen kann. Wie Gasser erklärt, sei das Problem jedoch komplexer. Er habe nichts gegen Ausländer, ganz im Gegenteil, arbeiten in seinem Familienbetrieb vier Personen migrantischer Herkunft. Jedoch müsse die Politik die Verantwortung für diese Menschen übernehmen und einerseits Maßnahmen ergreifen, um sie besser zu integrieren, und andererseits um sie abschieben zu können, sollten sie schwere Straftaten begehen. Aus Berichten seiner Mitarbeiter habe er erfahren, mit welchen Versprechungen Migranten nach Europa gelockt würden – einmal angekommen, stehen sie jedoch auf der Straße, werden sich selbst überlassen und selbst so einfache Dinge wie die Eröffnung eines Bankkontos oder die Beschaffung von Dokumenten, die man für die Arbeitsintegration braucht, werden zu einer Herausforderung. Einen weiteren Schwerpunkt in seiner politischen Tätigkeit sieht Gasser im Gesundheitssystem. Die Abspaltung der Bürgerliste von der SVP aus Protest gegen die Schließung der Geburtenstation sei ein richtiges und wichtiges Zeichen gewesen. An der endgültigen Entscheidung zur Schließung habe das zwar nicht viel ändern können, aber nach wie vor müsse man sich gegen den Abbau und die ausufernden Wartezeiten stemmen, damit vom Krankenhaus Sterzing am Ende nicht nur eine „Erste-Hilfe-Station“ übrig bleibe. Zu den weiteren Themen zählen soziale Anliegen wie die Kita oder der Bau einer Mensa.