Das Schweigen brechen

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Die Facebook-Gruppe "Mia Moglie" und das Forum Phica.eu sorgen derzeit für Schlagzeilen: In geschlossenen Chats tauschen Männer frauenfeindliche Inhalte, intime Fotos und sexualisierte Gewaltfantasien aus. Es wird deutlich, dass sexualisierte Gewalt auch im digitalen Raum stattfindet.
Das Kollektiv „basta.suedtirol(o)“ thematisiert sexuelle Übergriffe in Südtirol und veröffentlicht Erfahrungsberichte von betroffenen Frauen. Dahinter stehen fünf Frauen aus allen Ecken Südtirols: Franziska Niederkofler, Pia Tscholl, Sonia Zanat, Hannah Zanon und Franziska von Zieglauer. Sie veröffentlichen auf sozialen Medien die Berichte von Frauen, die in Südtirol Gewalt erfahren. Die Geschichten handeln von psychischer, physischer sowie ökonomischer Gewalt und einem System, in dem solche Vorfälle verschwiegen werden.
SALTO: bastasuedtirol(o), wie ist die Idee für euer Kollektiv entstanden?
Pia: Die Idee kam von Julia-Luna Cappelletto in der Facebook-Gruppe der Südtirol Sisters (SUSI). Sie wollte das Thema sexuelle Übergriffe in Südtirol enttabuisieren und hat ein Google-Forms-Dokument erstellt, in dem Frauen anonym ihre Geschichten erzählen können. Da der Aufwand aber ziemlich groß war, hat sie in der Gruppe einen Aufruf gestartet. Daraufhin meldeten sich mehrere Personen, am Ende blieben wir fünf übrig.
Hannah: Wir haben dann zusammen nach einer kostengünstigen Möglichkeit für die Verbreitung der Geschichten gesucht. Wir haben uns für die sozialen Medien entschieden. Seit Dezember 2024 posten wir also regelmäßig auf Facebook und Instagram.
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Warum wollt ihr Frauen diese Plattform geben?
Franziska N.: Für mich war ein Ereignis im letzten Jahr ausschlaggebend. In Bozen war es an einer Bushaltestelle zu einem sexuellen Übergriff gekommen. In einigen Medien wurde aus diesem Übergriff eine Vergewaltigung und oft wurde das Ereignis rassistisch geframed. Es kam zu einem Aufschrei in der Bevölkerung und nach Richtigstellung des Geschehens – es war keine Vergewaltigung – auch zu victim blaming. Letzten Endes musste sich der Staatsanwalt einschalten.
Mich hat es damals wütend gemacht, wie mit den Betroffenen umgegangen wird, und ebenso, wie das Thema medial ausgeschlachtet, populistisch instrumentalisiert und in ein rassistisches Narrativ eingebettet wurde. Daran wollte ich etwas ändern.Hannah: Zu Beginn des Projekts war auch der Fall von Gisèle Pélicot im Gespräch. Dass so etwas Grausames passiert, konnten sich viele nicht vorstellen. Auch in Südtirol herrscht oft das Bild vor, dass es sexuelle Übergriffe bei uns nicht gibt. Die Wahrheit ist aber: Jede dritte Frau ist betroffen, wobei die Dunkelziffer wahrscheinlich deutlich höher liegt. Zudem wird selten den Richtigen die Schuld gegeben, oft sind „die bösen Ausländer“ oder die Frauen selbst schuld, selten wird das Problem in patriarchalen Strukturen gesehen.
Franziska Z.: Sexualisierte Gewalt passiert oft im nahen Umfeld der Betroffenen, im innerfamiliären Raum und unter Partnern. Das wird aber seltener thematisiert und vor allem weniger skandalisiert. Durch unsere Plattform können wir neben der Sichtbarmachung konkreter Gewalterfahrungen auch Daten sammeln und das vorherrschende Narrativ verändern.
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Was ist victim blaming?
Der englische Begriff victim blaming beschreibt eine Täter-Opfer-Umkehr, die vor allem im Kontext sexualisierter Gewalt vorkommt. Dabei wird nicht das Verhalten der Täter und Täterinnen, sondern das Verhalten von Betroffenen infrage gestellt und kritisiert.
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Pia: In meinem Freundes- und Verwandtenkreis sind viele Frauen, die von schweren sexuellen Übergriffen erzählt haben, die Medien greifen diese Narrative aber selten in ihrer Häufigkeit und Intensität auf. Viel passiert auch im öffentlichen Raum, wird aber kaum thematisiert. Oft hört man „Den Frauen bei uns geht es eh gut, schau mal in andere Länder“. Mit einer Karte auf unserem Account wollen wir zeigen, dass sexuelle Übergriffe überall in Südtirol passieren.
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„Bei einem Dorffest oder beim Aprés-Ski stehen blöde Sprüche und Grapschereien an der Tagesordnung.“
Wie ist die Lage der Frau in Südtirol?
Franziska N.: Schlimm. Die Geschichten, die wir veröffentlichen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Viele Südtirolerinnen wissen, dass auch bei einem Dorffest oder beim Aprés-Ski blöde Sprüche und Grapschereien an der Tagesordnung stehen. Es gibt also viel Handlungsbedarf. Wir möchten als Kollektiv nicht nur ankreiden, sondern auch etwas an der Situation ändern. Wir schaffen Bewusstsein, wollen aber auch Zivilcourage fördern. Geschichten wie diese dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden.
Hannah: In Südtirol ist Gewalt an Frauen normalisiert, auch bei uns Frauen selbst. Dabei lassen sich Unterschiede zwischen den Generationen erkennen: Ältere Menschen sind in einer Zeit aufgewachsen, in der geschlechtsspezifische Gewalt tabuisiert und verharmlost wurde. Die jüngere Generation ist tendenziell stärker sensibilisiert. Gleichzeitig muss auch gesagt werden, dass es oft einfacher ist, Erfahrungen herunterzuspielen und wegzusehen, statt laut aufzuschreien. Viele von uns müssen außerdem erst realisieren, dass wir Frauen Grenzen setzen dürfen. Positiv ist, dass immer mehr Frauen das patriarchale System hinterfragen und versuchen, es zu durchbrechen.
Pia: Wir merken, dass die betroffenen Frauen selten Hilfe von Institutionen suchen. Manchmal wird auch vom Umfeld geraten, keinen großen Wirbel zu machen. In den Dörfern wird schnell ein Skandal daraus, der nur allzu gerne vermieden wird.
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Anlaufstellen: Ein Post des Kollektivs macht auf Telefonnummern und Anlaufstellen für Frauen, die Gewalt erfahren, aufmerksam. Foto: bastasouedtirol(o)
An wen können sich die betroffenen Frauen wenden?
Franziska N.: Wir verweisen auf unserem Instagramaccount auf verschiedene Hilfsangebote und Telefonnummmern. Die Geschichten erreichen uns aber über das komplett anonyme Google-Formular, wir stehen also nicht direkt in Kontakt mit den Frauen. Die Anonymität hat bei uns oberste Priorität.
Vor Kurzem wurde bekannt, dass in der Facebook-Gruppe „Mia Moglie“ seit Jahren Bilder von Ehefrauen ohne deren Zustimmung verbreitet wurden. Welche Rolle spielen soziale Medien beim Thema sexualisierte Gewalt?
Hannah: Soziale Medien ermöglichen neue Methoden, intime Bilder ohne die Zustimmung der Frauen zu verbreiten. Außerdem schaffen sie Raum für Netzwerke, in denen sich Täter über alles Mögliche austauschen können. Hier fehlt eindeutig die Kontrolle. Wie ist es möglich, dass eine Gruppe wie „Mia Moglie“ seit 2019 existiert und die Plattform dahinter nicht dagegen vorgeht?
Pia: Andererseits schaffen soziale Medien auch Raum für Widerstand und Kritik. Sexistische Sprüche, die oft auch in Werbung von Südtiroler Unternehmen vorkommen, sind schon lange nicht mehr angebracht und werden in den sozialen Medien auch oft kritisiert.
Franziska N.: Betroffene können sich über soziale Medien auch mit dem Geschehenen auseinandersetzen und mit anderen Frauen niederschwellig vernetzen. Man ist nicht mehr an eine gewisse räumliche Nähe gebunden, sondern kann sich jederzeit und weltweit austauschen. Anders als früher, als man in Südtirol vieles erst verzögert oder gar nicht mitbekam, ist man heute unmittelbar in aktuelle Diskurse eingebunden. Seit es soziale Medien gibt, tut sich viel bei der Enttabuisierung.
Wie geht es weiter mit bastasuedtirol(o)?
Hannah: Wir hatten bis dato nicht die finanziellen Mittel, um uns aus dem virtuellen Raum hinauszubewegen. Wir möchten aber einen Verein gründen und Förderungen beantragen. So hätten wir die Möglichkeit, Projekte langfristig zu planen und Informationsmaterialien wie beispielsweise Flyer zu drucken.
Pia: Unser Ziele sind nach wie vor: sensibilisieren und die Erfahrungen sichtbar machen. Außerdem wünschen wir uns mehr Bildung dahingehend, wie man sich richtig verhält, wie man Grenzen setzt und wie man diese Grenzen respektiert.
Sensibilisiert ihr auch Männer?
Hannah: Rund 85 Prozent unserer Follower und Followerinnen sind Frauen, der Rest Männer. Die Männer die uns folgen, erkennen das Problem wahrscheinlich schon und sind dementsprechend sensibilisiert. Aktuell erreichen wir deshalb wahrscheinlich vor allem Frauen und zeigen ihnen, dass sie nicht alleine sind.
Pia: Im virtuellen Raum können Menschen diesen – oft unangenehmen – Erfahrungsberichten leichter ausweichen. Mit Workshops in Schulen, anderweitigen Veranstaltungen, sowie Plakaten oder Aktionen im öffentlichen Raum könnten wir unsere Zielgruppe ausweiten und mehr Menschen erreichen.
Franzi Z.: Unsere Hoffnung ist, dass es in Zukunft gelingt, mehr Männer einzubeziehen, dass ein größeres Verständnis und eine stärkere Sensibilisierung seitens der Gesellschaft als Ganzes erreicht werden und dass unsere Arbeit am Ende überflüssig wird.
Hinweis: Das Kollektiv bastasuedtirol(o) bezieht sich mit dem Begriff „Frauen“ auf alle weiblich gelesenen Personen.
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Für sexualisierte Gewalt…
Für sexualisierte Gewalt gibt es keine Rechtfertigung, nein heisst klar und deutlich NEIN, egal wie geil oder daneben einer sein kann.
Solche Elemente sind eine Schande für jene, die versuchen die uns eingeprägten Machismen loszuwerden.
Die Degradierung der Frau zum benutzbaren Gegenstand für die eigenen Gelüste wird hartnäckig andauernd und quasi überall weiterverbreitet.
Die digitalen Netzwerke (don't call them social!) sind leider auch wieder androzentrisch ausgelegt, und da sie auf Klicks u. Views ausgelegt sind, wird Vorbeugung und Bestrafung von Sexismus und Gewalt viel zu lasch nachgegangen, auf X und manchen anderen sogar nichts dagegen unternommen, im Gegenteil.
Gut, dass Frauen kreativ und sozial gegen diese verkalkten Kotzbrocken aufstehen, kick 'em in the groins! figuratively of course...
Mahlzeit ;)
Wichtigst was ihr da macht…
Wichtigst was ihr da macht basta.suedtirol(o)!!
Kein Baby wird geboren und plant, jemanden zu vergewaltigen. Kein Baby kommt auf die Welt und hasst Frauen, nicht binäre, trans und queere Menschen. Kein Junge hat bei seiner Geburt das Vorhaben, andere zu beherrschen, zu unterdrücken zu zwingen, notfalls mit Gewalt.
Da sind die Eltern, PädagogInnen und LehrerInnen, die nach patriarchalen Mustern erziehen, da ist der gesamte Content, von dem Jungs und Mädchen geprägt werden. Wir sehen wie wir als patriarchale Gemeinschaft mit Jungs umgehen, wie wir sie zu den Männern machen, die sie am Ende sind: aggressiv, dominant, überheblich, gewaltätig und gefährlich. Und dass Burschen die nicht den erwarteten Männlichkeitsbild entsprechen, mit gesellschaftlichen Sanktionen zu rechnen haben. Beide Geschlechter werden in Rollen gedrängt, die ihnen zu wenig bewußt sind, die sie zu wenig hinterfragen und aus denen sie selten ausbrechen.....
Lesetipp dazu: Mareike Fallwickl, "Liebe Jorinde...."
In reply to Wichtigst was ihr da macht… by Herta Abram
Ein männlicher Mann hat es…
Ein männlicher Mann hat es nicht nötig, überheblich, gewalttätig oder übermäßig aggressiv zu sein.
Wahre Männlichkeit liegt darin, sich der eigenen Stärke, Macht und Gefährlichkeit bewusst zu sein, diese aber bewusst nicht einzusetzen. Es liegt nichts Moralisches darin, ein harmloser, schwacher Tropf zu sein, der nicht mal wenn er wollte Schaden anrichten könnte.
Daher ist es falsch, positive als männlich eingeordnete Eigenschaften wie Stärke als negativ und toxisch zu framen. Es ist definitiv besser für einen Mann "stark" zu sein als "schwach" zu sein. Allerdings reicht es nicht aus "stark" zu sein, um auch männlich zu sein. Männlichkeit kombiniert Stärke und Kontrolle. Ein Mann hat es nicht nötig, seine Stärke ständig zu demonstrieren.
Die Heilung für die oben beschriebenen Missstände wäre also nicht weniger Männlichkeit sondern mehr Männlichkeit. Ein männlicher Mann hat es nicht nötig, irgendwelche Voyerfotos im Netz zu teilen und sich dafür von irgendwelchen Losern abfeiern zu lassen.
In reply to Ein männlicher Mann hat es… by Oliver Hopfgartner
Wie gesagt: Beratung!
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In reply to Wie gesagt: Beratung! by Herta Abram
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