Economia | Upcycling

„Ein zweites Leben geschenkt“

Aus alt mach neu: Wiederverwertete Materialien bekommen bei WiaNui in Brixen ein zweites Leben eingehaucht. Wie der Schaffungsprozess dabei aussieht und was hinter der Geschichte von WiaNui steckt, beleuchtet Doris Raffeiner.
Avvertenza: Questo contributo rispecchia l’opinione personale del partner e non necessariamente quella della redazione di SALTO.
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Foto: SALTO
  • SALTO: Frau Raffeiner, der zehnte Geburtstag von WiaNui steht an, worum genau handelt es sich bei WiaNui überhaupt?

    Doris Raffeiner: Wir sind eine Sozialgenossenschaft und führen einen Concept Store in der Adlerbrückengasse in Brixen. Upcycling ist bei uns das zentrale Thema: Es werden Materialien wiederverwertet, es wird ihnen ein zweites Leben geschenkt. Ob Sonnenbrillen, ob Bekleidung, ob Taschen, es gibt verschiedenste Materialien, aus denen man noch einmal etwas nähen, etwas herstellen kann. Im Concept Store können wir unsere eigenen Produkte neben anderen Upcycling-Firmen und Sozialgenossenschaften anbieten.

  • Diesen Samstag: WiaNui feiert bereits seinen zehnten Geburtstag. Foto: WiaNui

    Was sind zentrale Philosophien oder Leitfäden von WiaNui?

    Jedes Produkt in unserem Concept Store folgt dieser Upcycling-Strategie und/oder ist unter fairen Konditionen und nachhaltig hergestellt. Außerdem verfolgen wir mit unserer eigenen Werkstatt eine 0-Kilometer-Philosophie, da wir unsere WiaNui-Produkte direkt in Brixen umsetzen können. Auch die Umweltbildung ist uns als Sozialgenossenschaft wichtig, wir haben vor allem in den ersten Jahren viele Workshops für etwa Schulklassen abgehalten, wo wir mit Abfallmaterial gebastelt haben.

     

    Gehen wir zurück an den Anfang: Wie kam es damals zur Idee, zur Ausarbeitung von WiaNui?

    Das ist nochmals länger her, schon um die zwölf Jahre, da habe ich von einer Ausstellung in München gehört, bei der es um Upcycling, recycelte Materialien und recyceltes Design aus der ganzen Welt ging. Das hat mich fasziniert, daraufhin habe ich Kontakt mit der Kuratorin dieser Ausstellung aufgenommen. Daraus ist die Idee entstanden, eine Ausstellung in Südtirol zu diesem Thema zu machen, um Südtiroler Künstlern, Designer und Initiativen in diesem Bereich eine Plattform zu geben. Die Ausstellung „re.use – Design aus recycelten Materialien“ hat für drei Wochen in Brixen stattgefunden und nachhaltiges Design aus der ganzen Welt, von Südafrika bis Spanien und Südtirol vorgestellt.

  • WiaNui-Gründerin Doris Raffeiner: „Es war für uns schnell klar, dass wir eine Sozialgenossenschaft gründen möchten, weil wir alle eine soziale Gesinnung haben.“ Foto: SALTO
  • Und dann?

    Ich hatte das Gefühl, nach diesen drei Wochen, schade, dass wir jetzt wieder alles wegräumen müssen. Das hat mir leidgetan, viele Besucher hatten sich die Ausstellung angesehen und es gab so eine positive Stimmung vor Ort. Das Thema interessiert die Leute sehr. Ein Jahr lang bin ich einer anderen Tätigkeit nachgegangen, aber die Idee hat mich nicht mehr losgelassen. So kam es dazu, dass ich 2014 mit zwei Bekannten, die Sozialgenossenschaft gegründet habe mit festen Sitz in der Stadelgasse, wo wir für neun Jahre gearbeitet haben.

     

    Also ist der Store schon mal umgezogen?

    Früher hatten wir unseren Sitz in der Stadelgasse. Seit dem ersten Juli letzten Jahres sind wir in der Adlerbrückengasse 10. Es ist ein bisschen kleiner, aber dafür sind wir im Zentrum und sichtbarer. Wir waren aber immer auf der Suche nach einem Werkstattraum, weil hier alles viel zu klein ist.

    Ab dem 1. Juli werden wir im Haus Guggenberg, das zu einem Mehrgenerationenhaus umgebaut wird, einen Raum für unsere Werkstatt mieten.

     

    Warum eine Sozialgenossenschaft?

    Es war für uns schnell klar, dass wir eine Sozialgenossenschaft gründen möchten, weil wir alle eine soziale Gesinnung haben. Wir wollten mit dem sozialen Unternehmertum eine Alternative zum normalen Unternehmertum darstellen, um zu zeigen, dass es auch eine andere Herangehensweise in der Wirtschaft geben kann. Über die Jahre haben die anderen beiden Begründerinnen von WiaNui andere Wege eingeschlagen, es kamen Leute dazu und Leute gingen wieder weg, wie es sich nun mal entwickelt im Zeitraum von zehn Jahren. Nach wie vor, auch mit den neuen Mitgliedern, sind wir davon überzeugt, dass das der richtige Weg ist und dass wir in diese Richtung weiterarbeiten müssen. Die soziale Komponente ist wichtig, sodass wir weiterhin mit dem Amt für berufliche Weiterbildung Praktikanten aufnehmen können, die bei uns nähen lernen, die die Gelegenheit bekommen, so in die Arbeitswelt hineinzuschnuppern.

     

    Was für Praktikanten?

    Es gibt viele Personen, Frauen mit Migrationshintergrund oder vom Frauenhaus, alleinerziehend oder Menschen mit Invalidität. Es geht darum, ihnen eine Übergangslösung anzubieten. Als Sozialgenossenschaft sind wir Ansatzpunkt für Menschen, die Schwierigkeiten haben anderweitig eine Arbeitsstelle zu kriegen oder orientierungslos sind und nicht wissen, in welche Richtung sie gehen möchten. Man spricht auch auf der persönlichen Ebene mit ihnen, lernt sich kennen, lässt ihre Fähigkeiten und Ideen mit ins Projekt einfließen und baut sie von der menschlichen Seite her auf.

     

    Gibt es welche, die langfristig oder fix bleiben?

    Es gibt immer wieder die Möglichkeit zur Verlängerung eines Praktikums. Da entstehen auch viele persönliche Kontakte und man versucht die Praktikantinnen und Praktikanten ständig irgendwo zu unterstützen oder sie freundschaftlich zu begleiten.

     

    „Als Sozialgenossenschaft sind wir Ansatzpunkt für Menschen, die Schwierigkeiten haben anderweitig eine Arbeitsstelle zu kriegen oder orientierungslos sind.“

     

    Wenn wir jetzt zum Schaffungsprozess eines Produktes in der Werkstatt kommen, wie kann man sich den vorstellen?

    Uns bringen meistens Firmen Materialien, die sie ansonsten entsorgen müssten. Beispielsweise bekommen wir Werbeplanen vom Stadtmarketing.

    Dann überlegen wir uns, was können wir mit dem Material am besten machen? Viel liegt im Sammeln, denn oft kommt dir nicht direkt die Idee, sondern man muss die Stoffe oft ein bisschen liegen lassen. Genauso erhalten wir aber auch von Unternehmen und Vereinen Aufträge für personalisierte Upcycling-Geschenke für MitarbeiterInnen und KundInnen.

  • In der Brixner Adlerbrückengasse: Hier ist der Store seit dem Sommer letzten Jahres. Foto: Brixmedia
  • Kommen Grundstoffe auch von Privatpersonen?

    Ja, wir haben beispielsweise einen Karton voll Seidenkrawatten, alte Stoffe wie Jeans, Knöpfe oder Leinen von verschiedenen Privatpersonen.

    Viel stammt etwa aus Nachlässen, wo es schade wäre, wenn solche wertvolle Stoffe entsorgt werden würden.

     

    Was kann damit dann geschehen?

    Oft bringen Kunden alte Ledermäntel oder Stoffmäntel und wir kreieren eine neue Tasche daraus. Manchmal ist es schwierig sich von besonderen Stücken zu– etwa bei liebgewonnen Erbstücken - und wenn man dann noch etwas daraus machen kann, ist es etwas Besonderes. Das ist eine Variante, wo wir mit den Kunden gemeinsam etwas entwickeln, wo sie ihre persönlichen Wünsche einbringen können, so, wie sie das gern hätten.

     

    Was sind weitere Beispiele für Produkte?

    Wir haben etwa Rucksäcke, die ehemals Werbebanner von einem deutschen Sporthersteller waren, die saisonbedingt in den Geschäften hingen und nach der Saison im Müll gelandet wären. Ein tolles Projekt haben wir mit der Künstlerin Elisabeth Frei realisiert, wo wir aus Werbebannern für ihre Buchvorstellung eigens nummerierte und signierte Taschen genäht haben uns diese in einer Vernissage präsentiert haben.

  • Die Grundstoffe: Aus Materialien wie Glas, Kletterseilen oder Lederabfälle wird neues „Leben“ kreiert. Foto: WiaNui
  • Welche Art von Kunden kann man im WiaNui finden?

    Es ist richtig buntgemischt, alle Altersklassen. Sowohl Touristen als auch Einheimische schätzen unsere Idee.

     

    Was waren die großen Veränderungen, die sich über die letzten zehn Jahre ergeben haben?

    Wir haben gesehen, dass der Ansatz einer sozialen Werkstatt eine gute Investition ist, weil es für die Gesellschaft solche Projekte braucht. Daher haben wir mittlerweile unser Augenmerk besonders auf die eigene Werkstatt gelegt, wo wir unter der Marke WiaNui upcyceln.

     

    Mit Blick auf die 10-Jahre-Feier, was sind Sachen, die Sie gerne anstreben würden?

    Einmal, dass wir die soziale Werkstatt richtig etablieren können, indem wir vermehrt Zusammenarbeit mit Unternehmen und Vereinen anstreben.

    Ein anderer Traum wäre es, in anderen Südtiroler Städten präsent sein zu können und damit WiaNui und den anderen Upcycling-Firmen eine größere Plattform bieten zu können.