Die Brennnessel – Die ewige Streithenne

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Man muss ihr gar nichts antun, um ihr brennendes und juckendes Gift abzukriegen. Schon im Vorbeigehen schießt sie erbarmungslos mit ihren kaum wahrnehmbaren Pfeilen um sich. Dabei bin ich mir ganz sicher, dass sie einem manchmal ihre boshaften Substanzen injiziert, ohne auch nur im Geringsten berührt worden zu sein. Einfach so. Weil sie es kann. Es ist daher also auch kein Wunder, dass sie nicht bei allen beliebt ist.
Was viele nicht wissen: Nicht alle Haare der Pflanze brennen. Sie verfügt nämlich auch über ganz „normale" Pflanzenhaare. Beide Arten von Behaarung dienen dem Schutz vor Fressfeinden. Die „richtigen“ Brennhaare sind allerdings länger, damit sie schneller zum Einsatz kommen und so unschuldige Spaziergänger triezen können.
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Eine Pflanze mit Ehevertrag?
Die Brennnessel ist eine zweihäusige Pflanze. Das bedeutet, dass weibliche und männliche Blüten auf zwei verschiedenen Pflanzen wohnen. Es gibt, wenn man so will, eine Frau Brennnessel und einen Herrn Brennnessel. Vielleicht sind sie sogar verheiratet. Die weibliche Brennnessel erkennt man am besten, wenn sie den Fruchtstand gebildet hat. Diese Nüsschen, so werden ihre Früchte genannt, wiegen mehr als die männlichen Blüten und hängen deshalb hinab. Mich erinnert das sehr an den ausladenden Reifrock eines Barockkleides. Beim Herrn Brennnessel, der in seinen Blüten die leichteren Pollen trägt, steht der Blütenstand eher waagerecht.
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Zur Autorin
Tamara Seyr ist FNL Kräuterexpertin und Heilpraktikerin. Sie beschäftigt sich oft und auch lange (und oft auch ganz, ganz lange) mit den Kräutern und allem was dazu gehört. Das sind nicht nur die botanischen Namen, die Familienzugehörigkeit und die Inhaltsstoffe, sondern auch die Signaturenlehre.
Ihr aktuelles Buch "Klugscheißerwissen Kräuter" ist hier erhältlich.
Foto: Tamara Seyr -
Klugscheisserwissen: Warum die Brennnessel brennt
Die meisten Brennhaare sitzen an der Blattoberfläche. Sie sind vergleichbar mit kleinen Röhren, die mit der Brennflüssigkeit befüllt sind. Man kann sich das wie eine Art Spritze vorstellen. Streift man die Pflanze, so brechen die Härchen an der vorgesehenen Sollbruchstelle ab, dringen in die Haut ein und injizieren die Flüssigkeit. Diese enthält unter anderem Ameisensäure, Histamin und Acetylcholin.
Vereinfacht gesagt: Die Ameisensäure reizt die Haut, Histamin dient der Gefäßerweiterung, und der Neurotransmitter Acetylcholin ist hauptsächlich für das Jucken und den Schmerz verantwortlich. Dieses Gemisch wirkt innerhalb Sekunden. Etwas Linderung verschafft ein Spitzwegerichblatt. Es wird zerrieben, bis der Saft austritt, und diesen tupft man dann auf die betroffene Stelle. Bei einer großflächigen Quaddelbildung hilft mildes, lauwarmes Seifenwasser
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Gratis Viagra für alle
Doch die Brennnessel ist nicht nur böse, sondern hat ganz im Gegenteil einige sehr gute Eigenschaften. Brennnesselsamen bzw. die sogenannten Nüsschen werden unter anderem als natürliches Viagra bezeichnet. Sie wirken kräftigend und stärkend. Auch nach längerer Krankheit oder einer Grippe wirken sie aufbauend und helfen, schneller wieder auf die Beine zu kommen.
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Frühlingserwachen mit der Brennnessel
Kaum zeigt sich das erste zarte Grün, ist die Brennnessel schon da – bereit, sich ins Rampenlicht der Frühjahrskuren zu drängen. Und diesmal ganz ohne Attacke! Ihre jungen Blätter sind wahre Nährstoffbomben und stecken voller Vitamine, Mineralstoffe und sekundärer Pflanzenstoffe, die den Körper nach dem Winter wieder in Schwung bringen. Besonders beliebt ist die Brennnessel als Entgiftungspflanze. Ihre harntreibenden Inhaltsstoffe unterstützen die Nieren dabei, überschüssige Stoffwechselprodukte auszuschwemmen – ganz ohne Chemiekeule.
Gleichzeitig fördert sie die Blutbildung und den Eisenhaushalt, weshalb sie oft bei Frühjahrsmüdigkeit zum Einsatz kommt. Ihr Geheimnis? Neben Eisen liefert sie jede Menge Chlorophyll, das unserem roten Blutfarbstoff Hämoglobin erstaunlich ähnlich ist. Zusammen mit Vitamin C, das die Eisenaufnahme verbessert, sorgt die Brennnessel für frische Energie und hilft, den winterlichen Schlendrian abzuschütteln.
Ob als Tee, Suppe, Pesto oder im Hummus – die Brennnessel ist der perfekte Begleiter für einen kraftvollen Start in den Frühling. Und das Beste: Man muss sie nicht einmal selbst anbauen, denn sie wächst ja ohnehin ungefragt überall.
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Brennnessel-Hummus-Aufstrich
Zutaten:
1 Dose Kichererbsen
1 EL Sesampaste (Tahini)
Salz, Pfeffer, Knoblauch
frischer Zitronensaft
ganz junge, frische Brennnesseltriebe
Zubereitung:
- Du gibst die Kichererbsen samt der Flüssigkeit und der Sesampaste, Salz, Pfeffer, Knoblauch und Zitronensaft in den Mixer und mixt das Ganze, bis eine glatte und cremige Masse entstanden ist.
- Der fast fertige Hummus kommt in eine Schale, und als letzten Schritt mischst du die ganz klein geschnittenen Brennnesseltriebe unter.
- Wer mag, kann den Hummus noch mit einem kleinen Schwenker Olivenöl verfeinern.
Der Aufstrich passt aufs Brot, zu Gemüse oder in Wraps
Ich für meinen Teil lasse mich nicht mehr von dem streitlustigen Brennnessel-Ehepaar schikanieren. Sollten sie meine gut gemeinte Warnung ignorieren und mich trotzdem nochmals so hinterlistig anfallen, dann werden sie zu feiner Brennnesseljauche für den Blumengarten verarbeitet.