Zwischen Förderung und Forderung

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Am Sitz des Raiffeisen-Verbandes in Bozen fand gestern (5. April) eine hochkarätige Tagung zum Thema „Zukunft der Landwirtschaft“ statt – organisiert von der Südtiroler Landesregierung, dem Bauernbund, Raiffeisenverband und in Kooperation mit der EU-Kommission. Im Zentrum der Debatte stand die Frage: Wie sichern wir die Landwirtschaft und Ernährung in Europa nachhaltig und generationenfähig ab?
Ehrengast war Wolfgang Burtscher, Generaldirektor für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung bei der Europäischen Kommission, begleitet von Expertinnen aus Brüssel. In einem ausführlichen Vortrag stellte Burtscher die „Vision für die Landwirtschaft 2040“ vor – ein strategisches Leitbild, das derzeit in ganz Europa diskutiert wird.
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„Wir brauchen eine Landwirtschaft, die Zukunft hat“Tagung über die „Zukunft der Landwirtschaft“: Alles, was in der Südtiroler Landwirtschaft Rang, Namen und Macht hat, war bei der gestrigen Tagung anwesend. Foto: LPA/Maja Clara
Ein Fokus lag auf der Generationenfrage. Das Durchschnittsalter europäischer Landwirte liegt bei 57 Jahren. Nur rund zehn Prozent sind unter 40. „Wenn wir unsere Ernährungssicherheit langfristig sichern wollen, müssen wir die Landwirtschaft für junge Menschen wieder attraktiv machen“, so Burtscher. Das gelinge nur, wenn Einkommen, Lebensqualität und Planungssicherheit stimmen. Gerade die vergangenen Jahre – mit Pandemie, Ukrainekrieg und steigenden Energiepreisen – hätten gezeigt, wie verletzlich globale Versorgungsketten sind. Die EU sei zwar bei vielen Grundnahrungsmitteln weitgehend autark, aber bei Produktionsmitteln wie Dünger oder Energie stark abhängig. „Unsere Landwirtschaft ist ein strategischer Sektor – sie muss resilient bleiben“, betonte Burtscher.
„Unsere Landwirtschaft ist ein strategischer Sektor – sie muss resilient bleiben.“
Ein zentrales Thema der Tagung war die Vielfalt landwirtschaftlicher Strukturen in Europa. Südtirol mit seiner kleinstrukturierten Berglandwirtschaft wurde mehrfach als Beispiel genannt. Burtscher unterstrich, dass nicht nur große, industrielle Betriebe eine Berechtigung hätten, sondern gerade kleinstrukturierte Höfe eine wichtige Rolle spielen – für regionale Versorgung, Biodiversität, Kulturlandschaft und Tourismus.
Fördergelder: Zielgerichteter, aber fairDerzeit werden intensive Diskussion über die EU-Direktzahlungen geführt, berichtete der Generaldirektor für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. Der Vorschlag der Kommission lautet dabei: Fördermittel sollen stärker jenen Betrieben zugutekommen, die sie wirklich benötigen – etwa aufgrund ihrer Lage, Betriebsstruktur oder Einkommenssituation. Das bedeutet auch, dass Großbetriebe mit guten Markterlösen künftig weniger Mittel erhalten, während kleinere Betriebe, beispielsweise in benachteiligten Lagen oder mit besonderen Umweltleistungen, gezielter unterstützt werden. Burtscher betonte, dass es dabei nicht um Strafen gehe, sondern um eine sinnvollere Mittelverteilung – angesichts knapper EU-Budgets und wachsender Herausforderungen.
Einkommen sichernLaut des Generaldirektors für Landwirtschaft sind künftig drei Säulen notwendig, um das Einkommen der landwirtschaftlichen Betriebe auf sichere Füße zu stellen:
1. Markterlös – Dieser bleibt entscheidend, doch die Realität zeigt: Viele Betriebe erzielen am Markt keine kostendeckenden Preise.
2. Öffentliche Unterstützung – Unverzichtbar für bestimmte Regionen, Betriebsformen und Produktionszweige.
3. Neue Einkommensquellen – zum Beispiel durch Photovoltaik, Agrotourismus oder Umweltleistungen (z. B. CO₂-Speicherung, Biodiversitätsförderung).
Burtscher warnte dabei vor zu hohen Erwartungen an die sogenannten neuen Einkommensfelder: „Nicht jede Innovation passt für jeden Betrieb. Wir dürfen klassische Förderinstrumente nicht durch Wunschdenken ersetzen.“
Zu viel BürokratieKlar angesprochen wurde die ausufernde Bürokratie, die viele Betriebe zunehmend belastet. „Wenn ein 67-jähriger Bergbauer keinen Antrag mehr stellen kann, weil ihm das System zu kompliziert ist, dann läuft etwas schief“, so Burtscher. Der Ruf nach Vereinfachung sei berechtigt. Allerdings wies er auch auf Zielkonflikte hin: Je präziser Förderungen bestimmte Umweltziele erfüllen sollen, desto detaillierter müssen Nachweise und Kontrollen sein. Wie der Generaldirektor für Landwirtschaft berichtete, arbeite die EU-Kommission an einer Überarbeitung des GAP-Regelwerks, insbesondere bei Öko-Regelungen und Antragssystemen. Ein neues Vereinfachungspaket soll im Mai vorgestellt werden.
Auch der Klimaschutz wurde diskutiert. Rund elf Prozent der EU-Treibhausgase stammen aus der Landwirtschaft – vor allem Methan und Lachgas. Während Burtscher die Notwendigkeit von Reduktionen bekräftigte, forderte er gleichzeitig auch eine differenzierte Betrachtung: „Ob ein Rind auf der Alm oder im Intensivstall steht, macht einen Unterschied – auch klimatisch.“
„Ob ein Rind auf der Alm oder im Intensivstall steht, macht einen Unterschied – auch klimatisch.“
Einheitliche Zielvorgaben, wie beispielsweise die pauschale Reduktion von Pestiziden um 50 Prozent, kritisierte er als undifferenziert. Vielmehr müsse man regional angepasste Lösungen finden, die Produktionssicherheit mit Umweltzielen verbinden – zumal viele Regionen, etwa Südtirol, bereits heute mit einem sehr geringen Pestizideinsatz wirtschaften.
Faire Handelsbedingungen – gleiche Regeln für alleEin weiterer Dauerbrenner sind die Wettbewerbsverzerrungen durch Importe. Die Position der EU-Kommission lautet dabei, dass es inakzeptabel sei, wenn europäische Bauern strengen Auflagen unterliegen, während importierte Produkte unter Bedingungen erzeugt wurden, die den europäischen Standards nicht genügen. Als Beispiel nannte Burtscher Pflanzenschutzmittel, die zwar in Europa produziert, hier aber nicht verwendet werden dürfen – im Ausland hingegen schon. Die Lebensmittel aus diesen Ländern zu importieren, stellte bis dato jedoch kein Problem dar. Burtscher kündigte an, dass künftig strengere Umwelt- und Tierschutzstandards auch bei Importen berücksichtigt werden sollen. „Wer auf den EU-Markt will, muss unsere Regeln einhalten.“
„Wer auf den EU-Markt will, muss unsere Regeln einhalten.“Im Rahmen des Vortrags wurde deutlich, dass die Herausforderungen für die europäische Landwirtschaft gewaltig sind – von Klimawandel über Generationenwechsel bis hin zu Preis- und Bürokratiedruck. Doch ebenso klar wurde, dass es Bereitschaft für Dialog gebe. Die Zukunft liege nicht in einer Einheitslösung, sondern im Anerkennen und Stärken regionaler Vielfalt. Burtscher erklärte, dass die EU-Kommission mit ihrer Vision 2040 auf langfristige Strategien setze – doch ob diese in der Praxis ankommen, werde wesentlich davon abhängen, wie offen und praxisorientiert die Umsetzung erfolge. „Landwirtschaft ist nicht nur Ernährung – sie ist Lebensraum, Wirtschaftsmotor, Kulturgut und Zukunftsträger“, so Burtscher abschließend.
Was den Südtirolern unter den Nägeln brenntIn einer intensiven Diskussionsrunde mit EU-Generaldirektor wurden anschließend zentrale Herausforderungen für die Südtiroler Landwirtschaft direkt angesprochen. Vertreterinnen und Vertreter aus Genossenschaften, Verwaltung, Beratung, Bildung und Praxis nutzten die Gelegenheit, um zentrale Anliegen vorzubringen. Ein zentraler Punkt war die Benachteiligung kleinstrukturierter Betriebe in der Berglandwirtschaft im aktuellen Fördersystem. So schlug Martin Pazeller, Direktor der Landesabteilung Landwirtschaft, vor, alternative Parameter wie Arbeitsaufwand oder pauschale Fixbeträge zur besseren Unterstützung. Burtscher zeigte Verständnis, verwies aber auch auf die Komplexität administrativer Umsetzung und die Verantwortung der Mitgliedstaaten, regionale Anpassungen vorzunehmen. Pazeller wies auch auf Sorge vor einer Renationalisierung der Agrar- und Strukturpolitik hin. So würden direkte Ansprechpartner bei der EU durch nationale Zwischenschritte ersetzt, was die Prozesse verkompliziere. Seiner Meinung nach, sei die regionale Umsetzung effektiver und zielgerichteter.
Ein weiteres zentrales Thema war die Investitionsfähigkeit kleiner Betriebe – insbesondere beim Umbau hin zu klima- und umweltfreundlicherer Landwirtschaft. Hier wurden gezielte Investitionshilfen für benachteiligte Regionen gefordert, da strukturreiche Gebiete wie Südtirol ohne zusätzliche Unterstützung abgehängt würden. Auch die Zukunft von Pflanzenschutz und Obstbau wurde kritisch hinterfragt. Gefordert wurden realistische Strategien, die die Produktion nicht gefährden. Burtscher versprach, in künftigen Maßnahmen stärker auf Wirksamkeit, Alternativen und Verhältnismäßigkeit zu achten. Als gravierendes Wettbewerbsproblem wurde die zunehmende Zertifizierungsflut durch privatwirtschaftlich gesteuerte Systeme benannt. Es brauche dringend europäische Standards und Regeln, um Wildwuchs und Diskriminierung kleiner Betriebe zu verhindern.
Abschließend betonte Raffael Peer von der Bauernjugend die Notwendigkeit von Perspektiven und Planungssicherheit. Die Zukunft der Landwirtschaft hänge davon ab, ob junge Menschen Vertrauen in ihre Rolle und die politischen Rahmenbedingungen haben. Burtscher unterstrich, dass genau dieses Ziel im Zentrum der neuen EU-Vision stehe – nun gelte es, konkret zu liefern.
Bei den "Förderungen mit…
Bei den "Förderungen mit denen die Politiker die Wirtschaft steuern wollen, ist größte Vorsicht geboten!"
Viel zu oft wird die bessere Lösung ... ... (versäumt)