Cronaca | Tourismus

Bozen sprengt alle Rekorde

Die Debatte um Overtourism – die Überlastung von Reisezielen durch zu viele Besucher – ist in den letzten Jahren intensiver geworden.
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(c) pexels
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  • Steigende Lebenshaltungskosten, überfüllte Innenstädte und explodierende Immobilienpreise werden häufig dem Massentourismus zugeschrieben.  Eine aktuelle Analyse des „Osservatorio sui Conti Pubblici Italiani“ zeigt jedoch, dass Italien auf nationaler Ebene nur leicht über dem EU-Durchschnitt liegt.

    Dabei wurden die offiziellen Daten von Eurostat herangezogen. Demnach belegt Italien mit 7.905 Übernachtungen pro 1.000 Einwohner im Jahr 2024 lediglich den zwölften Platz unter 35 europäischen Staaten.

    Zum Vergleich: Griechenland verzeichnet fast doppelt so viele Übernachtungen (14.705), Spanien kommt auf 10.390, Spitzenreiter ist Island (25.548), gefolgt von Kroatien (24.248) sowie den Inselstaaten Malta und Zypern.

    Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Italien beträgt 3,3 Nächte und liegt damit ähnlich wie in Spanien und deutlich über dem EU-Schnitt von 2,9 Nächten. Die nationalen Zahlen verschleiern jedoch ein wesentliches Problem: Der Tourismus verteilt sich höchst ungleichmäßig.

    Während manche Regionen kaum Besucher verzeichnen, stehen andere unter enormem Druck.

    Bei der Betrachtung der sogenannten „Hotspots“ – Provinzen mit mehr als 16.500 Übernachtungen pro 1.000 Einwohner – liegt Italien mit 13 Prozent seiner Provinzen auf dem siebten Platz in Europa. Besonders bemerkenswert ist diesbezüglich die Situation in der Provinz Bozen. Mit 67.460 Übernachtungen pro 1.000 Einwohner verzeichnet sie die mit Abstand höchste Tourismusintensität in Italien – fast neunmal so hoch wie der nationale Durchschnitt.

    Die Ursachen sind vielfältig. Besonders ins Gewicht fällt die saisonale Doppelbelastung. Südtirol ist sowohl im Sommer als auch im Winter ein beliebtes Reiseziel. Wandertourismus, Skifahren und Wellness sorgen für eine fast ganzjährige Auslastung. Dies ist zwar wirtschaftlich vorteilhaft, erhöht aber die Belastung für Einheimische und die Infrastruktur.

    Die 535.000 Einwohner der Provinz Bozen verteilen sich auf viele kleine Gemeinden. Daher führen selbst moderate absolute Besucherzahlen oftmals zu hohen Pro-Kopf-Werten. In einigen Orten, wie dem Grödnertal oder am Pragser Wildsee, ist das Verhältnis zwischen Touristen und Einheimischen während der Saison allerdings extrem.

    Der starke Touristenstrom bewirkt zudem Verkehrsprobleme, steigende Immobilienpreise und einen angespannten Wohnungsmarkt für Einheimische. Junge Südtiroler können sich vielerorts kaum noch Eigentum leisten.

    Die Wirtschaft Südtirols ist stark vom Tourismus abhängig. Ein Zurückfahren ist daher kaum möglich, ohne dass es zu Einkommensverlusten kommt. Mittelfristig steht Südtirol vor der Herausforderung, qualitatives statt quantitatives Wachstum zu fördern.

    Daher ist die Diskussion rund um den Bettenstopp nicht immer nachvollziehbar. Hinzu kommt, dass der Alpentourismus generell unter Druck steht, was auf ein grenzüberschreitendes Phänomen hindeutet, das auch grenzüberschreitende Lösungen erfordert. 

    Bezeichnend ist, dass Venedig mit 45.238 Übernachtungen pro 1.000 Einwohner weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz in Italien liegt. Es folgen Rimini mit 43.618, Trient mit 35.306 sowie Aosta und die toskanischen Küstenprovinzen Livorno und Grosseto. Rom hat die höchsten Besucherzahlen Italiens, liegt aufgrund seiner großen Einwohnerzahl aber nur knapp über dem nationalen Durchschnitt.
     

    Global gesehen ist Italien kein außergewöhnlich überlaufenes Tourismusland.

    Die Herausforderung liegt in der starken Konzentration auf wenige Regionen. Südtirol spiegelt das Dilemma vieler alpiner und küstennaher Touristenziele wider. Somit stellt sich automatisch die Frage, wie sich wirtschaftlicher Wohlstand durch Tourismus mit Lebensqualität für Einheimische sowie dem Schutz von Natur und Kultur vereinbaren lässt.

    Ob pauschale Beschränkungen der richtige Weg sind, lässt sich nicht einfach beantworten. Zwänge sind in den allermeisten Fällen eher kontraproduktiv. Unter bestimmten Umständen sind sie allerdings der einzige Weg, um das Problem in den Griff zu bekommen.

    Zunächst sollte man jedoch eine Lösung in einer klugen Steuerung suchen. Dazu gehören eine zeitliche Entzerrung der Besucherströme, die Förderung weniger bekannter Gegenden, nachhaltige Mobilitätskonzepte und eine entsprechende Preisgestaltung.

    In Südtirol keimt langsam das Bewusstsein auf, dass in einigen Gegenden die rote Linie bereits überschritten wurde. Hier beginnt man bereits, mit verschiedenen Ansätzen gegenzusteuern. Ob dies gelingt, wird die Zukunft zeigen.

    Alfred Ebner