Verdammtes Happyland

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Wenn es um Musik geht, hat Evi Romen immer ein gutes Händchen für ihre Filme. Für ihren ersten Spielfilm als Regisseurin, Hochwald, erhielt Florian Horwath den Österreichischen Filmpreis 2021 in der Kategorie „Beste Musik im Film“. Vor wenigen Tagen wurde Romens neuer Film Happyland bei der Diagonale in Graz mit dem Preis für die „Beste Filmmusik“ ausgezeichnet – für die Komponistin Dorit Chrysler.
Es gehört mittlerweile also zum guten Ton, dass in Evi Romens Filmen die Musik passt. In Happyland passt sie nicht nur – der Film dreht sich außerdem und vor allem um Musikerinnen und Musiker. Und darum: wie sie einst auf die Welt, auf Leben und Tod blickten und wie sie es gegenwärtig tun. -
Evi Romen ist happy über die goldene Nuss: Diagonale-Preis für Dorit Chrysler und „Happyland“ Foto: Happyland - Der Film
Gedreht wurde Happyland in Klosterneuburg, unweit von Wien, an der Donau – in einem tatsächlichen Happyland. Doch so happy, wie der Titel verspricht, ist Romens Happyland gar nicht. Vielmehr begegnet man einem Haufen unglücklicher Gestalten, die über die Vergangenheit sprechen, auch wenn sie das nicht gerne tun. Dabei war früher alles so toll gewesen – die alternativen Rocker der Kleinstadt hatten jede Menge Spaß, provozierten auf der Bühne, bis es zum Bruch kam. Die Leadsängerin – Helen oder Helene – kehrte ihren Mannen den Rücken. Sie wollte international erfolgreich sein, sich nicht nur im Kaff bekiffen oder betrinken. Lieber würde sie dies in London tun. und dahin war sie. Als sie ins Happyland, ihre Heimat, Jahrzehnte später zurückkehrt, ist sie immer noch stark dem Alkohol verbunden.
Doch das Finale ist famos – wie eine Zugabe, der lang ersehnte Hit bei einem Live-Gig.
Helen(e) war eine Stilikone gewesen – wie schon ihre Mutter (Michaela Rosen), die Chefin des wirklichen „Happyland“, eines Sportzentrums mit Hallenbad, Kletterwand, Kajaks, Sauna und Palmen auf der Fototapete. Daneben gelangt man mit der Fähre über den breiten Fluss, wo manchmal sogar mehrstöckige Kreuzfahrtschiffe ziehen vorbei. Die Hauptprotagonistin (Andrea Wenzl) – die in ihrem Schauspiel an Birgit Minichmayr erinnert (Happy Birthday zum heutigen 3. April!) – zieht viel und meistens vollkommen entgeistert durch die Straßen und entlang der Ufer. Sie begegnet alten Freunden: dem Schlagzeuger, der nun Bademeister ist, aber im Herzen Rocker geblieben ist, oder einer ehemaligen Kollegin (oder Widersacherin?). Diese gibt nun Jodelkurse, lacht darüber, auch wenn es eigentlich zum Weinen ist. Und immer wieder: alle kennen Helen(e), schließlich war sie hier der Star. Sie aber meidet lieber das Gespräch, erinnert sich nicht, nicht einmal an relevante Dinge und reden geht gar nicht. Aber vielleicht will sie sich doch irgendwie dem Vergangenen stellen? Man wird einfach nicht schlau, aus ihr und den anderen.Der Trailer zum Film. Kinostart ist Mitte Juni. Zu sehen auch die beiden Südtiroler Lissy Perntahler und Hannes Perkmann.(c) AMOUR FOUWie geht es ihr, wenn sie etwa Tom (Michael Pink), ihre Jugendliebe und Ex-Bandkollegen, zum ersten Mal wieder sieht? Blicke und Schweigen. Wie in einer langen traurigen Ballade strickt sich das melancholische Kleinstadt-Konstrukt aus frühem Ruhm und gescheiterten Existenzen zu einem erdrückenden Ballast – der noch schwerer wird, als die neuen Bandkollegen aus London auftauchen. Helen(e) steht zwischen den Fronten. Besser gesagt, sie steht (vollkommen) daneben. Was gibt es für die Hauptprotagonistin Andrea in ihrer alten Heimat noch zu holen? Wirklich nichts?
Wären da nicht immer wieder weiße Pferde und der mysteriöse Pferdenarr und Kletterlehrer Joe (Simon Frühwirth). Sie tauchen auf und unter – wie Traumsequenzen. Evi Romen setzt diese Szenen in ihrem 90-minütigen Spielfilm mit geheimnisvoll-fantastischer Wirkung ein, ihre Figuren reiten gleitend durch die Landschaft, als gehörten sie zu einer anderen Welt.
Für Musikkenner und Musikkennerinnen gibt es jedenfalls reichlich musikalische Gustostückerln und Gastauftritte: The Leftovers, Alicia Edelweiss, Wolfgang Schlögl a.k.a. I-Wolf oder etwa Oliver Welter von Naked Lunch. Welter unternahm vor zwei Jahren eine ganz persönliche Reise zu Schuberts Winterreise auf der Bühne der Vereinigten Bühnen Bozen. Wer 2023 dabei war, wird’s nicht vergessen haben.
Apropos Vergessen. Das mit dem Vergessen und Verdrängen, dem Nicht-Aus-und-Ansprechen zieht sich (und zieht sich?!) wie ein roter Faden durch Happyland. Doch das Finale ist dann wirklich famos – wie eine Zugabe, der lang ersehnte Hit bei einem Live-Gig. Es lohnt sich.Happyland von Evi Romen feiert am 10. April beim BFFB seine internationale Premiere. Morgen findet die Eröffnung statt. Heute bereits das Prefestival.
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